Die Zukunftsaussichten der Altenpflege – Pflegekräfte oder technische Alternativen?

Die Zukunftsaussichten der Altenpflege – Pflegekräfte oder technische Alternativen?

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Die alternde Gesellschaft

 

Der demographische Wandel in Deutschland ist ein vielzitiertes Thema, besonders hinsichtlich der gegenläufigen Entwicklungen von Geburtenraten und Lebenserwartung: Weniger Kinder werden geboren, dafür leben die Leute immer länger. Die Lebenserwartung von deutschen Männern und Frauen liegt bei derzeit rund 80 Jahren – Tendenz in den nächsten Jahrzehnten voraussichtlich steigend.

 

Der ungleiche Anteil von älteren und jüngeren Menschen an der Gesamtbevölkerung (über 40 Jahre: 58 Prozent, zwischen 15 und 39 Jahren: ca. 30 Prozent) ist die Grundlage für Befürchtungen negativer Folgen, vor allem für den Arbeitsmarkt und das Rentensystem. Besonders treffen könnte diese Entwicklung eine Branche, die sich gleich in doppelter Hinsicht mit dem Alter der Menschen auseinandersetzen muss: der Pflege.

 

 

Anforderungen an die Pflege

 

Eine Studie der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. zu den Herausforderungen und notwendigen Handlungsfeldern im Pflegebereich prognostizierte schon 2012 einen Rückgang der Zahl der Pflegekräfte bis zum Jahr 2020, als Folge des demographischen Wandels. Umgekehrt wird für den gleichen Zeitraum ein deutlicher Anstieg der Pflegebedürftigen erwartet: Bis zum Jahr 2030 ständen dann 3,4 Millionen zu pflegende Menschen nur noch 555.000 Pflegekräfte gegenüber.

 

Auswirkungen auf den Pflegebereich haben auch die Veränderungen im Zusammenleben von Familien und Haushalten. Mehr-Generationen-Haushalte werden schon durch die Anforderungen des Arbeitsmarktes – Stichwort längere, geschlechterübergreifende Erwerbstätigkeit – immer seltener zu finden sein, wodurch sich die Zahl der informellen Pflegekräfte verringert. Daneben spielen die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung, die zukünftige Pflegefallhäufigkeit oder alternative Unterstützungsangebote eine Rolle bei der Ermittlung des Personalbedarfs.

 

Immerhin ist die Altenpflege dadurch perspektivisch betrachtet eine Wachstumsbranche: Das Bundesministerium für Gesundheit schätzt, dass sich die Zahl der Vollzeitkräfte im Pflegesektor in den kommenden Jahrzehnten unter Umständen mehr als verdoppeln müsste. Die Zahl der ungedeckten Stellen könnte zwar durch Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität der Altenpflege und zugewanderte Arbeitskräfte reduziert werden – bis 2025 wird trotzdem mit einer Anzahl fehlender Pflegekräfte im sechsstelligen Bereich gerechnet.

 

 

Alternativen gegen den Pflegefachkräftemangel

 

In Wirtschaft und Industrie gehören zu längst zur technischen Standardausrüstung, in den sozialen Berufen werden sie in Zukunft womöglich ebenfalls eine größere Rolle spielen: Roboter werden in den produzierenden Branchen hauptsächlich aus kostenrationalen Gründen eingesetzt, sie sparen Personalkosten und optimieren Produktionsprozesse im Sinne einer größeren Wirtschaftlichkeit.

 

Im Pflegesektor wiederum geht es in erster Linie um die Entlastung des vorhandenen Pflegepersonals. Assistenzsysteme für die Altenpflege können dabei, so die Einschätzung der ERGO Direkt Versicherungen, Aufgaben in ganz unterschiedlichen Bereichen übernehmen. Bei „Paro“ beispielsweise handelt es sich um einen in Japan entwickelten „Zuwendungsroboter“, der unter anderem Demenzpatienten begleiten soll.

 

Die äußere Gestalt von „Paro“ erinnert allerdings überhaupt nicht an die klassischen Vorstellungen von Robotern. Sie erinnert vielmehr an ein Kuscheltier, denn „Paro sieht aus wie eine Robbe. Anders als Stofftiere reagiert er aber auf seine Umgebung, registriert Helligkeit, Geräusche und Berührungen. Ein Ersatz für menschliches Pflegepersonal ist ein solcher Zuwendungsroboter sicher nicht, aber eine mögliche Ergänzung: Rationalisierte Zeitpläne und Personalschlüssel lassen immer weniger Zeit für zwischenmenschliche Interaktion und emotionale Zuwendung.

 

Ersatz sind Spielroboter wie die „Paro“ daher eher für Haustiere, deren korrekte Versorgung für Demenzkranke schwierig werden könnte. Zuwendungsroboter bieten dennoch die Möglichkeit, sich um ein Tier zu kümmern, mit allen emotionalen Vorzügen, die auch ein lebendiges Haustier mit sich bringt.

 

 

Ambient Assisted Living

 

Der Einsatz von Technik beschränkt sich im Pflegebereich nicht nur auf die Robotik: Assistenzsysteme mit einer umfassenden Sensorik können beispielsweise die Betreuung von Patienten in Krankenhäusern und Altenheimen erleichtern. Gleichzeitig ermöglichen vernetzte Systeme ein längeres eigenständiges Leben in den eigenen vier Wänden, denn – das zeigt Peter Georgieff in seiner Untersuchung der Marktpotenziale IT-unterstützter Pflege  – sie sind vielseitig einsetzbar.

 

Die Zielsetzungen ambienter Systeme können dabei in einem weiten Umfang definiert werden, insgesamt können dabei grob vier verschiedene Schwerpunkte festgelegt werden.

 

Gesundheit und (ambulante) Pflege: Die Anwendungsmöglichkeiten reichen hier von der Gesundheitsvorsorge und – fürsorge über die Behandlung chronischer Erkrankungen bis hin zu spezifischen Alterserkrankungen. Durch Telemonitoring werden Vital- und Bewegungsdaten überwacht, Notfallsituationen umgehend gemeldet. Hinzu kommt die Möglichkeit präventiver Anwendungen aus dem Rehabilitationsbereich, z.B. Bewegungsprogramme oder das Training geistiger Fähigkeiten.

 

Haushalt und Versorgung: Hierunter fallen technische Lösungen aus dem „Smart Home“-Bereich: Elektronische Steuerung, Sensorik und Automation erleichtern alltägliche Aufgaben,Erinnerungsfunktionen für zu lange geöffnete Türen und Fenster sorgen für mehr Sicherheit.

Wichtig ist die Anpassung der Technik an die Nutzer, vor allem hinsichtlich des technischen Kenntnisstandes und der körperlichen Voraussetzungen (mögliche Einschränkungen des Sehens oder der Motorik). Kosten und technische Komplexität stellen trotz allem ein mögliches Hindernis dar.

 

Sicherheit und Privatsphäre: Der Sicherheitsaspekt ist insgesamt sehr umfassend, die Möglichkeiten reichen von Schutzsystemen mit entsprechender Überwachungs- und Kontrolltechnik (Kameras, Gesichts- oder Fingerabdruckerkennung), über Gefahrenerkennung im Haushalt und Notrufsysteme bis zur Fernwartung vernetzter Einrichtungen.

 

Kommunikation und soziales Umfeld: Ein längeres, technisch unterstütztes selbständiges Leben in der gewohnten Umgebung muss aber auch das soziale Umfeld mit einbeziehen können. Ambiente Systeme sollten daher die Kommunikation mit Familie, Freunden und Nachbarn erleichtern und womöglich nutzerorientierte Anregungen zur Freizeitgestaltung liefern.

 

 

Pflegekräfte UND Technik

 

Allen derzeitigen Vorbehalten zum Trotz wird die Technisierung der Pflegeberufe wohl auch in Zukunft weitergehen. Geplante Regierungsmaßnahmen zur Verbesserung der Aus- und Weiterbildung von Pflegekräften können die Sorge um einen komplizierteren Arbeitsalltag oder Gefahren durch ausfallende Technik sicher minimieren. Ein Wegfall von Arbeitsplätzen durch vermehrten Technikeinsatz ist jedenfalls nicht zu befürchten – ohne Menschen funktionieren die sozialen Berufe eben nicht.

 

Foto: (c) kzenon / fotolia.de

Redaktion, 29.02.2016

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