Wie kommunizieren wir am besten im Internet?

(Die Frage nach einer besseren Kommunikationskultur im Netz-Alltag)
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Die Kommunikationsmöglichkeiten in den Foren des Internets, die auf rein schriftlicher Basis im sofortigen Austausch funktionieren, bilden ein großes Thema für sich. Wir, die diese Möglichkeiten täglich nutzen, müssen ja immer wieder erleben, wie unsere Worte „in den falschen Hals geraten“. – Oder tun sie das gar nicht; haben wir uns nur nicht richtig ausgedrückt? Ich frage mich das sehr häufig.

Die Formulierungen, die Worte und Wendungen, die wir wählen, die Syntax und der Rhythmus unserer Sprache, die Verwendung von verbindlichem Beiwerk (Einräumungen wie „Ich meine…“, „Aus meiner Sicht…“ und Emoticons) oder der Verzicht darauf usw. erfolgen meistens ohne große Überlegung oder gar einem Plan, weil wir eher auf den zu vermittelnden Inhalt fokussiert sind. Denn vieles im täglichen Leben läuft unbewusst, d. h. eingeübt, routiniert, „automatisch“ ab – so wie das Autofahren oder Schilaufen eben auch das Sprechen bzw. hier das „Einhauen“ unserer Gedanken in die Tastatur des Computers oder Smartphones. Schnell noch den fertigen Text überfliegen, um Tippfehler auszumerzen und ab geht’s mit „Enter“ hinaus in die Welt. Wir sind jedes Mal überzeugt davon, was wir geschrieben haben und kommen nicht auf die Idee, dass es anderen vor den Kopf stoßen könnte. Wir sind doch im Recht und lassen uns nicht verbiegen!

Aber dann steht es dort geschrieben, ohne mimisch bzw. gestisch verbindliche Relativierung unserer Worte. Außerdem haben wir es bei unseren virtuellen „Gegenübern“ meist nicht mit vertrauten oder zumindest persönlich bekannten Menschen zu tun, die – gerade, weil sie uns kennen und uns als Persönlichkeiten schon akzeptiert oder gar zu schätzen gelernt haben – auch schon mal „Fünfe gerade sein lassen“ können.

Nein, in diesem Medium hier wird jeder durch Unachtsamkeit verursachte – und sei es auch nur atmosphärische – „Übermittlungsfehler“ sofort zu einem in Stein gemeißelten unverzeihlichen Statement, auf dass wir jederzeit festgenagelt werden können. Leider auch rückblickend, weil geschriebene Worte sich nicht verflüchtigen, wie gesprochene, sondern jederzeit abrufbar bleiben und ihre beabsichtigte wie unbeabsichtigte Wirkung für die, die sich durch sie verletzt fühlen, immer wieder neu entfalten.

Am Ende fühlen wir uns unendlich missverstanden und zutiefst desavouiert von unseren ehemaligen „Gesprächspartnern“, die nun manchmal leider zu „Gegnern“ oder gar „Feinden“ werden, weil sie uns inzwischen zu ihrem Feindbild erklärt haben bzw. mutieren ließen, um ihres eigenen Frustes Herr zu werden. Eine unendlich sich wiederholende Geschichte!

Worin nun liegen die Ursachen, wer trägt gar die „Schuld“ daran? Was müsste sich ändern in unserem Verhalten bei der Benutzung der digitalen Kommunikationskanäle und der Bedienung ihrer Instrumente? Wer sich diesen Fragen nicht stellt und letztlich nicht zu Veränderungen des eigenen Verhaltens bereit ist, also weiterhin (oft lautstark) diese nur vom anderen einfordert bzw. gar nichts mehr fordert sondern nur noch verurteilt, der bleibt leider auf dieser unvollkommenen Entwicklungsstufe der Übertragung und Projektion seiner Probleme auf andere stehen.

... Manche allerdings überraschen sich selbst und ihre virtuellen „Gegenüber“ immer mal wieder durch ihre „Entwicklungssprünge“. Sie verwirren uns, weil sie sich nicht so verhalten, wie wir sie schon eingeordnet haben. Sie verhalten sich immer mal wieder anders, als erwartet. Sie lassen sich nicht in Schubladen stecken, überraschen sich selbst und andere, indem sie aus ihren eigenen Fehlern lernen und neues Verhalten einüben, auch mal schweigen oder gar verzeihen. Ich bin ganz gerührt, wenn ich so jemanden begegne, der nicht nachtragend ist, obwohl ich ihn einst gekränkt habe, sondern selbst nach Wegen der Vermittlung sucht und mir schließlich die Hand zur Versöhnung reicht. Und wenn ich dann über meine Rührung nachdenke, fällt mir ein, dass ich es ja auch selbst mal versuchen könnte…

Das ist aber gar nicht so einfach. Manche ehemaligen „Gegner“ sind so misstrauisch, dass sie mich gar nicht mehr an sich heranlassen, was ich ihnen aber nicht verdenken kann. Dann muss ich halt in Begegnungen mit noch Unbekannten versuchen, es von vornherein besser zu machen. Die Chance nutzen, die neugewonnen Selbsterkenntnisse anzuwenden.
Wenn das am anderen scheitert, sollte ich mir eine Strategie der Zurückhaltung auferlegen, deren Kunst darin besteht, nicht bloß zu schweigen, aber auch keine überflüssigen Bemerkungen mehr zu machen.

Werde ich unmittelbar angesprochen von jemanden, der mich direkt oder indirekt herausfordern, anstacheln oder gar angreifen will, nicht, um sich mit mir auseinanderzusetzen, sondern, um mich einem Publikum in seinem Sinne vorzuführen, wird es noch schwieriger, damit umzugehen. Rückzug war für mich früher mal eine Option, die ich aber bereut habe, weil ich Konflikte austragen, nicht vor ihnen fliehen will. Also muss ich heute Wege finden, meine Meinung zu äußern mit normalen, nicht beleidigenden Worten und Formulierungen. Und notfalls für meine Rechte einzustehen und für sie zu kämpfen. Ich sollte aber immer wissen, worauf ich damit hinaus will und was ich damit erreichen kann. Ein endloser Austausch zementierter Positionen bringt nun mal gar nichts.

Ich sollte also, auch wenn es mir schwer fällt, die Worte des anderen aufgreifen und sie mit eigenen Assoziationen und Inhalten zu füllen versuchen, die Dinge also aus einer anderen Perspektive darstellen und dabei, - ganz wichtig! - den Ton neutral, wenn möglich, sogar verbindlich oder gar freundlich halten. Eine schwere Übung! Die nur gelingen kann, wenn ich ein gutes Selbstwertgefühl habe und dabei vollkommen aufrichtig und authentisch bin und bleiben kann. – Ich darf auch ironisch werden, wenn es sich anbietet, der andere mir die Vorlage dafür gibt. Die Kunst besteht dann allerdings darin, dabei nicht selbst desavouierend oder gar verletzend zu werden.

Wenn die Wut hochkriecht, unbedingt einen Tag Pause einlegen, das funktioniert immer. Ich halte mich nur leider nicht immer daran… und, pardauz, ist unversehens leider wieder viel Porzellan zerschlagen.

Die wichtigste Erkenntnis für mich ist: Nie sind nur die anderen schuld.

Wenn ich in den sauren Apfel beiße und bei mir anfange, etwas zu verändern, habe ich die Chance, auch Veränderungen bei anderen zu bewirken. Umgekehrt – nur Forderungen an andere zu stellen, ohne einzuräumen, dass ich meinen Teil zu den Konflikten beigetragen habe – funktioniert es nie!

Das sind meine Überlegungen und Strategien für mich selbst im Umgang mit virtuellen Kommunikationspartnern im Netz.

Ich interessiere mich sehr dafür, wie Ihr das seht und wie Ihr mit potenziellen Konflikten umgeht, ob auch Ihr für Euch selbst funktionierende Verhaltensregeln gefunden habt und ob Ihr sie tatsächlich meist einhaltet. Aber mich interessiert auch, ob Ihr Euch verändert habt in all den Jahren, in denen Ihr im Netz schon unterwegs seid, ob es Euch heute besser oder schlechter gelingt, Euch ohne viel unnötigen Stress im Netz zu bewegen und ob es Euch inzwischen dennoch wert ist, Euch für eine gelingende Kommunikation mit einem anderen User auch mal selbstkritisch zu bemühen, ja, manchmal sogar anzustrengen?



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Weshalb ich diesen Thread im Philosophieforum eröffne:

Zum einen habe ich mich in meinem Thread „Die Wirklichkeit, das Mögliche und das Nichts“ im Zusammenhang mit der „Philosophie der Freiheit“ der französischen Existenzialisten Jean-Paul Sartre und Albert Camus bereits mit dem Thema einer erforderlichen neuen Kommunikationskultur beschäftigt („ICH und der ANDERE“) …

https://www.50plus-treff.de/forum/die-w ... l#p4675181

https://www.50plus-treff.de/forum/die-w ... l#p4675628


…. Zum anderen hat mich der gestern hier im Philosophieforum eröffnete Thread „Ich empöre mich…“ erneut auf die Idee gebracht, einen eigenen Thread zum Thema zu eröffnen, der nicht etwas Negatives wie „Empörung“, sondern etwas Positives, wie die Frage nach einer besseren Kommunikationskultur („Wie kommunizieren wir am besten im Internet?“) als Ausgangspunkt einer möglichen Diskussion haben sollte.

Wer also mag, kann das Thema durchaus philosophisch angehen. Aber auch, wenn wir im Bereich der Kommunikationspsychologie bleiben, ist es doch ein wichtiges Thema unserer Alltagskultur, das auch unausgesprochen immer philosophische Bezüge und Bedeutung aufweist.






Liebe Verdandi,
wie immer von dir, ein umfassendes Statement und eine ausführliche Diskussionsgrundlage.

Ich fühle mich zum Philosophieren nicht bemüßigt, mir fehlen das Interesse und die Voraussetzungen.

Ich vermute, daß etwas Scheu entsteht, sich über deinen Beitrag sozusagen als "Normalo" zu äußern und möchte deshalb jetzt nur einen klitzekleinen Stein aus dem großen Haufen aufgreifen und ein bißchen hin- und herdrehen. Mehr dazu lässt sich immer noch schreiben.


Eine Gefahr ist die der Interpretation. Man nimmt manchmal etwas als gegeben hin, und der andere meinte etwas anderes.
Hier wimmelt es von Menschen, die sogenannte Seelenverwandte suchen und zwischen den Zeilen lesen wollen. Da ist die Gefahr besonders groß. Die Versuchung ist die, daß man meint, verstanden worden zu sein, mit dem was man geschrieben hat. Das mag möglich sein, aber öfter entstehen so Missverständnisse.

Darum halte ich bei manchen States ein Nachfragen für unerlässlich. Das unterbricht zuweilen den Kommunikationsfluß, aber was nützt mir eine Kommunikation, die nicht stimmig ist ?

Schnell wird etwas schön- oder schlechtgeschrieben und verselbständigt sich.

Hängt natürlich auch vom Inhalt ab, wenn man nur übers gestrige Wetter schreibt, ist es meistens egal, ob Missverständnisse entstehen :-)


Ich habe SEHR FEINE Antennen für meine Gegenüber, egal ob real oder virtuell.
Trotzdem weigere ich mich meistens, eben genau das, was zwischen den Zeilen steht, hinzunehmen. Ich greife es gerne nochmal auf.




Zum Verzeihenkönnen
Noch einen zweiten Stein hebe ich nur mal kurz auf und dreh ihn ein bißchen:

Ich stelle mir die Fragen, wer bin ich, wo bin ich, was will ich, wo will ich hin
Aber
(das beinhaltet auch das Alter, die Lebenssituation, eine reale Bestandsaufnahme, was liegt noch vor mir, was hätte ich noch gerne, was nicht mehr, was halte ich aus, was gar nicht)

Und handle dann je nach Ergebnis. Das Ergebnis fällt dann bei mir meistens so aus, daß ich sehr gut Verzeihen kann. (Was nicht heißt, dass dann mit der betreffenden Person immer eitel Sonnenschein herrscht und wohlige Zufriedenheit sich einstellt :-)))) )
Aber eine Kommunikation mit gegenseitiger Wertschätzung ist dann zumindest wieder möglich.

Liebe Melissa,

ich bin sehr froh über Dein „vermittelndes“ erstes State! :D

Du hast meine Absicht, grundsätzlich erst einmal von positiven Möglichkeiten auszugehen, aufgenommen und Deine Gedanken zu den zwei sehr wichtigen Unterthemen „Interpretation“ und „Verzeihenkönnen“ dargelegt, die von einer sehr konstruktiven Herangehensweise und zugleich einem großen Schatz von Erfahrungen und Alltagsweisheit zeugen.

Vielen Dank!





Gut, zumindest wurde dieser Thread mit meinem Eröffnungsbeitrag und dem ersten Folgebeitrag von @Melissa schon oft angeklickt und wohl auch gelesen. Ich hoffe, es werden sich nach und nach auch andere hier noch beteiligen.

Ich verstehe andererseits aber auch gut, dass im Moment die heißen Diskussionen im „Empörungs-Thread“ dringlicher erscheinen. Ich werde also zunächst erstmal hier selbst weiter machen und mir nach dem guten Beispiel von @Melissa nach und nach Teilaspekte herausgreifen, um diese jeweils etwas genauer zu beleuchten.

Heute ist es das wichtige Unterthema „Die eigene Schuld“ oder, konstruktiv betrachtet:

„Ändern kann man nur sich selbst!“

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Zitat aus meinem Eröffnungsbeitrag:


>> Die wichtigste Erkenntnis für mich ist: Nie sind nur die anderen schuld.

Wenn ich in den sauren Apfel beiße und bei mir anfange, etwas zu verändern, habe ich die Chance, auch Veränderungen bei anderen zu bewirken. Umgekehrt – nur Forderungen an andere zu stellen, ohne einzuräumen, dass ich meinen Teil zu den Konflikten beigetragen habe – funktioniert es nie! <<


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Das ist keine Wahrheit, die man sich selbst leicht eingestehen kann. Der eine oder andere hat vielleicht auch schon die Erfahrung gemacht, sich überwunden und eigene Fehler eingeräumt zu haben – um dann erleben zu müssen, wie sein Gesprächspartner sofort in die Wunde stößt, ohne selbst irgendetwas einzugestehen. Das empfinden wir meist als Niederlage und die Furcht davor lässt uns künftig misstrauisch sein und ohne Not nicht mehr zu schnell nachgeben.

Es ist aber ohnehin viel schwieriger, eine Kuh vom Eis zu holen, als von vornherein darauf zu achten, dass sie gar nicht erst aufs Eis stolpert. :wink:

Nun gibt es wohl nur wenige wesentliche Strategien, die für alle Situationen gelten, aber sehr viele mögliche spezielle Strategien für die vielen verschiedenen möglichen und besonderen Einzelfälle.

Als eine grundlegende Haltung kann ich mir z.B. vorstellen, in potenziellen Konfliktfällen nicht mehr spontan sondern sehr überlegt zu posten. Und, falls ich es dann noch für notwendig halte, nach folgenden Kriterien vorzugehen:

Was will und kann ich wie erreichen?

1. Worauf will ich hinaus:

Abrechnung oder Klärung? Den anderen bloßstellen oder ihm nur ein paar Wahrheiten aus meiner Sicht nahebringen? Ihn vorführen oder ihm eine Chance geben, sein Gesicht zu wahren und einzulenken? Muss ich den jeweils erstgenannten Antwortmöglichkeiten zustimmen, unbedingt aufs Posten verzichten!

Kann ich den jeweils zweitgenannte Antwortmöglichkeiten zustimmen, geht es nun um das Wie:

2. Mit welchen Worten, in welchem Ton, mit welchem Grad von Offenheit, Direktheit und Konsequenz sollte ich vorgehen?

Dabei muss ich die richtige Balance zwischen der eigenen Wahrhaftigkeit und der notwendigen Rücksichtnahme auf den anderen zu finden versuchen – was das allerschwerste Unterfangen dein dürfte, weil davon alles in meiner Macht stehende abhängen wird, wie sich die Situation weiter entwickeln wird.

Nur wenn ich mein Bestmöglichstes getan habe, kann ich ruhigen Gewissens mein Augenmerk darauf richten, was der andere nun damit anfangen wird. Fängt er nichts damit an, sondern schlägt bloß blind um sich, kann ich es eben nicht ändern, so dass es nun nur noch darum gehen kann, einander möglichst aus dem Weg zu gehen. Greift der andere weiter an, wehre ich mich mittels spezieller Strategien dagegen, aber immer nur in einem wirklich notwendigen Maße, ohne mich selbst in Ton und Worten zu vergreifen. (Wie schon gesagt: Bei aufkeimender Wut lieber einen Tag abwarten.)

Hat aber meine Strategie Erfolg und der andere ist zum Dialog bereit, müssen nun ggf. spezielle Strategien herangezogen werden, die sich nach der Persönlichkeit und dem Verhalten des anderen auszurichten haben.

Zeigt sich der andere grundsätzlich eher distanziert, werde ich ihm nicht zu nahe auf die Pelle rücken dürfen und mit meinen Ansprachen verhalten bleiben müssen, damit er sich nicht bedrängt fühlt.

Ist der andere eher von der vereinnahmenden Sorte, werde ich überlegen müssen, wie ich ihm Grenzen setzen kann, ohne ihn zu kränken.

Schwimmt er eher auf meiner Wellenlänge, können anfängliche Missverständnisse auch durch einen Verzicht auf Strategien, allein durch ruhige und sachliche Argumentation beseitigt werden und die Interaktion könnte vielleicht sogar zu einem künftig guten Einverständnis führen.

Und so ist eigentlich jeder Fall eines möglichen Konfliktes anders gelagert, abhängig von der Persönlichkeit, dem Verhalten und den vermuteten Motivationen des anderen, die ich zunächst einmal versuchen sollte, für mein besseres Verständnis zu klären, was natürlich nur begrenzt möglich ist, aber deshalb auch nie als abgeschlossen gelten darf. Wir müssen jederzeit auf Überraschungen gefasst sein und sollten bereit sein, unser Schubladendenken aufzugeben.

Einen speziellen Fall möchte ich noch erwähnen: Wie gehe ich mit UserInnen um, die nur deshalb „nerven“, weil sie anscheinend stets im Mittelpunkt stehen „müssen“ und allein für diesen Zweck immer wieder zweck- und sinnlos eine „Gruppendynamik“ provozieren?

Meine Haltung: Diese Person ist eher zu bedauern als zu bekämpfen. Die Situation ist eher harmlos.
Meine Handlung: Nichts tun! Wenn alle die Interaktion unterließen, erledigte sich das „Problem“ von selbst. Zumindest kann mir dieses Verhalten niemand zum Vorwurf machen und ich kann nicht „schuldig“ werden. Diese Haltung sollte allerdings nicht verwechselt werden mit einem (eher unaufrichtigen) „Ignorieren“ als Strategie im Umgang mit Gegnern. Wenn also die betreffende Person mich irgendwann ansprechen wird, kann ich freundlich antworten, weil ich durch meine Zurückhaltung keine Abneigung gegen sie aufgebaut haben werde.



Also ich bin ja eher die Nicht-Philosophin. Eher die, die so denkt wie sie schreibt und vor allen Dingen so schreibt, wie sie denkt. Direkt, aber immer versucht, nicht verletzend oder bloßstellend zu sein.

Da ich aber davon ausgehe, dass ich das, aufgrund eigener Unvollkommenheit, niemals ganz schaffen werde, bleibt nur der stetige Versuch, sich zu verbessern und selber zu hinterfragen.

Also soweit bin ich total bei dir.

Du schreibts u.A. : Wenn alle die Interaktion unterließen, erledigte sich das "Problem" von selbst.

Genau das wird in einem so großen Kreis eben nicht passieren.

Es mag zwar durchaus manchmal weise und vernünftig sein, nichts zu tun....
Aber wenn die Menschen um mich herum (oder auch hier im Forum), das, was sie an mir nicht so dolle finden nicht mal erwähnt hätten, würde ich mich immerzu in der trügerischen Sicherheit wiegen, alles ist prima, so wie ich es sehe und tue. Damit würden sie mir, aus meiner Sicht, definitiv keinen Gefallen tun.

Was ich für mich hier gelernt habe ist, dass ich oftmals aus meiner Sicht heraus die Fähigkeiten und Möglichkeiten meines Gegenübers nicht richtig eingeschätzt habe.

Mir ist an manchen Stellen einfach bewusst geworden, dass die Gabe, sich auch schriftlich gut und vertändlich auszudrücken, nicht für jeden eine Selbstverständlichkeit ist.
Das merke ich für mich auch dann, wenn ich auf Menschen treffe, die mir einfach überlegen sind und ich an meine Grenzen stoße.
@sonnenkind

Wir Menschen sind so komplex, in einem Bereich bist Du vielleicht "unterlegen" (Verdandi mit ihrer beeindruckenden verbalen Kompetenz erlebe auch ich öfter als mir überlegen!), in anderen Bereichen bist Du vielleicht "ebenbürtig", oder sogar "überlegen" ...
Am besten wäre es aus meiner Sicht, wenn wir uns in unserem Alter von diesem Streben nach Überlegenheit ganz lösen könnten. Oder wie siehst Du das?? Wir haben es ja meistens nicht mehr nötig, unsere berufliche Position zu sichern, falls wir noch arbeiten, und ich als glückliche Rentnerin bin diesen ganze Ballast endlich los...


@Verdandi

Sehr schöner Thread, den Du eröffnet hast, mit Deiner sehr persönlichen, motivierenden und klugen Einleitung!

Für mich ist es immer sehr wichtig, zum Ausdruck bringen zu können, wenn ich mich irgendwie abgewertet fühle. Denn wenn das nicht möglich ist, ziehe ich mich zurück, um mich zu schützen. Das ist schade, denn auf diese Weise bricht die Kommunikation ab...
Deshalb denke ich, eine Bedingung für gelingende Kommunikation ist Offenheit für kritische Rückmeldung auf den eigen Beitrag.
Und ebenso das Bemühen, die richtigen Worte zu finden für kritische Rückmeldungen, z.Bsp. immer zunächst nachzufragen, ob es ok wäre, wenn ich eine solche Rückmeldung jetzt gebe.
In dieser Hinsicht muß ich noch an mir arbeiten...


@Sonnenkind

Ich freue mich über Deinen konstruktiven Beitrag! Ich kann alles auch aus meiner Sicht nur bestätigen, was Du schreibst - auch Deine Ausführungen dazu, besser nicht auf Kritik zu verzichten, wo sie angebracht wäre, um den Betreffenden ein für ihn selbst nützliches Feedback zu geben. So nutze ich jetzt gleich die Gelegenheit, ein Missverständnis aufzuklären:

Wenn jemand über ein Thema schreibt, das mich interessiert, in einer Art und Weise, die mich dazu einlädt, mich mit eigenen Beiträgen daran zu beteiligen, tue ich das sehr gerne!

Wenn mich dann im Verlauf der Diskussion ein bestimmtes Verhalten, z.B. eine unnötige Härte oder Empfindlichkeit im Ton des anderen zu stören begänne, würde ich ihn vorsichtig darauf hinweisen, da mir ja an weiteren Interaktionen mit ihm gelegen wäre.

Fehlten aber diese Voraussetzungen und die Themenwahl des anderen wäre nur sehr vordergründig auf eine Sache gerichtet, und offenbar eher damit motiviert, Beachtung zu finden, wüsste ich gar nicht, was ich dieser Person sagen könnte, außer ihr Gebaren insgesamt in Frage zu stellen. Und wenn ich dann sähe, wie viele andere genau das bereits tun, müsste ich es selbst nicht auch noch tun.

Hinzu käme evtl. die Erfahrung, dass diese Person sich bisher resistent gegen Kritik gezeigt und sich regelmäßig darauf verlegt hätte, ihre Probleme zu externalisieren. Da sähe ich einfach keine Erfolgsaussicht für eine zusätzliche Intervention meinerseits.

Also, ich verspreche Dir: Wenn mich einmal irgendetwas an Deinem Verhalten stören sollte, werde ich es Dir sagen!

Im Übrigens muss man seine Beteiligung hier als „Nicht-Philosoph/in“ keineswegs rechtfertigen, da die meisten Threads in diesem Forum ohnehin mit Philosophie nichts zu tun haben (Beispiel: der zu rein erotischen Inhalten mutierte Thread „Rot“) oder nur einen der unzähligen Nur-Zitate-Threads ohne jegliche eigene Äußerungen der Zitierenden darstellen.

Andererseits bin ich ja der Ansicht, dass die meisten Menschen bereits philosophieren, sobald sie über sich und die Welt nachdenken. Das Etikett „Philosophie“ ist dafür nicht nötig und eher irrelevant.





@Migranda

Vielen Dank für Deine anerkennenden Worte!

Ja, Du hast natürlich Recht mit der Notwendigkeit einer Offenheit für kritische Rückmeldung zu den eigenen Beiträgen. Ich habe es in der Vergangenheit daran wohl auch nicht selten mangeln lassen.
Die Angst vor Abwertung durch andere spielt auch bei mir immer noch eine gewisse Rolle, da kann ich so alt und selbsterfahren werden, wie ich will, das hört wohl nie ganz auf. Ist vielleicht aber auch hilfreich dafür, nicht schmerzunempfindlich zu werden und achtsam bleiben zu können. Natürlich gilt das haargenau auch für mich, was Du zum Schluss noch anmerkst. :wink:

Das mit der Unter-/Überlegenheit - in Bezug auf Dein State @Sonnenkind - sehe ich genauso entspannt wie Du. Auch wenn ich mich meist einigermaßen gut auszudrücken weiß, kenne ich doch insbesondere auch meine Schwächen in anderen Bereichen. Ich fände es nur unangemessen, wenn ich mich mit der Forderung konfrontiert sähe, mein Licht unter den Scheffel verfrachten zu sollen, nur um anderen ein besseres Gefühl zu vermitteln. Negatives sollte ich zu vermeiden lernen, das ist klar! Aber Positives durchaus ausleben dürfen.



Migranda, mit dem von mir erwähnten "Unterlegensein" wollte ich im Grunde genommen eher ausdrücken, dass ich mich denen, die die Gabe sich schriftlich oder mündlich ohne Mühe auszudrücken nicht haben, nicht überlegen fühlen möchte.
Durch den Hinweis, dass es auch genug gibt, die mir auf diesem Gebiet deutlich überlegen sind.

Meines Erachtens muss sich für ein Gespräch, auf der oft zitierten Augenhöhe, keiner kleiner oder größer machen oder fühlen. Die Grundlage für gelungene Kommunikation liegt zum größten Teil im Umgangston.

Und auch im Selbstbewusstsein. Lange Zeit in meinem Leben, habe ich Kritik persönlich genommen.
Bis mir irgendwann klar wurde, dass jemand der mich kritisiert, mich nicht zwangsläufig als Mensch infrage stellt.

Das beobachte ich aber hier häufig. Kritik wird geäußert und der "Empfänger" liest nicht mehr das eigentliche Anliegen, sondern nur "Ich finde dich doof".

Tja, und so entstehen dann gerne künstliche Feindschaften ;-)

Verdandi, was du in Bezug auf die Erfolgsaussichten bei beratungsresistenten Mitmenschen schreibst....ja, ist im Grunde vergeudete Zeit und Mühe :wink:
Auch ich schreibe und kommunizieren gerne mit meinen Mitmenschen.
In den Foren ist es besonders wichtig achtungsvoll mit anderen umzugehen, weil wie bereits erwähnt wurde, die sprachergänzende Körpersprache einfach fehlt.
Deshalb ist auch die Forumilierung so wichtig.
Die sollte eine richtungsweisende Denkweise einleiten.
Ist nicht immer leicht - so zu formulieren.
Auch, wenn einem etwas nicht gefällt, sollte man es erwähnen können und genau da ist eine bedachte Wortwahl besonders wichtig.
Mit Sachlichkeit - kann man viel, sehr viel ausdrücken - und dennoch sollte dabei nicht darauf vergessen werden, das so manches Wort bereits eine Bewertung von Personen sein kann - das man lieber vermeiden sollte.

Ich kann das alles aus meiner Sicht nur bestätigen. Natürlich fällt es leicht, sachlich zu bleiben und auf Strategien zu verzichten, wenn der andere einem zuvor schon sachlich und aufrichtig entgegengekommen ist.

Was aber tun wir, wenn das nicht der Fall ist?
Wie gehen wir mit offenen oder versteckten, indirekten Provokationen um, die wir spontan als unverschämt, intrigant oder gar als bösartig empfinden?

Ich selbst bin bei 50plus schon einer Userin begegnet, die sich nach außen fürs Publikum harmlos sachlich gibt, aber ihr Gift gegen mich zwischen den Zeilen verspritzt (ihre Motivation ist mir unergründlich, da scheint ein früherer, mir entfallener Vorfall mit einem äußerst nachtragenden Charakter zu korrelieren), in der Hoffnung, nur ich würde es bemerken, womit sie wohl auch richtig liegt.

Und wie gehe ich nun mit diesem Spezialfall um? Ohne Überlegung und Strategie geht da leider gar nichts, wie ich mir nach einigen Enttäuschungen aufgrund meiner anfänglichen Blauäugigkeit eingestehen musste.

Nun, heute nehme ich sie einfach beim Wort! Und zwar immer genau bei dem, das sie an der Oberfläche sachlich ausspricht als Vorlage für meine sachliche Replik. So nutze ich jede dieser Gelegenheiten, um ein weiteres Posting in eigener Sache abzusetzen, ohne mich auch nur im entferntesten um ihren versteckten Anwurf zu kümmern. Will sie das ändern, muss sie mich schon offen angreifen, aber das traut sie sich nicht, um dem Publikum gegenüber ihr souveränes Image nicht zu verlieren.

Das hört sich vielleicht für andere ungut an und ich empfinde das im Grunde auch so. Ich hasse Intriganz!

Aber wir können andere nicht verändern, sondern nur lernen mit den verschiedensten Herausforderungen angemessen umzugehen, ohne uns zwangsläufig zurückzuziehen.

Angemessen heißt für mich vor allem, vorrangig höflich und sachlich zu bleiben und mich nie im Ton und in den Worten zu vergreifen, egal was passiert. Es bedeutet aber nicht, wenn der andere unzugänglich bleibt, auf Selbstschutz und intelligentes Parieren zu verzichten.

Im Idealfall bleibt es ein versteckter „Wettbewerb“ („Kampf“ wäre zu viel gesagt) zwischen den Beteiligten, ohne die Öffentlichkeit damit zu behelligen.



Wenn man das Internet so wichtig nimmt, wie hier beschrieben, hat man eigentlich schon verloren. Distanz ist wichtig, für manch einen sogar überlebenswichtig. Im Netz wird man nie auf eine homogene Wahrnehmung treffen.

Möchte man sich mit allen möglichen Meinungen auseinandersetzen? Das käme dem Wahnsinn gleich.

Das Ganze ist ein Lernprozess, den jeder für sich anders erlebt, reflektiert und wertet.

Und wenn es ganz arg kommt: wir sitzen vor einem Gerät, das einen Ausschalter hat.
ich greife den Faden auf ...

hier in diesem Foren die Stellungnahmen aus Distanz zu betrachten, ist wichtig ...
Es gibt hier soviele tausend andere Meinungen, mit denen man sich auseinandersetzen wird müssen.

Die einem wohlgesonnen sind oder halt auch nicht. Irgendwann den Punkt erreicht zu haben, dass man selber nicht der Nabel des Forums ist, ist ein Lernprozess.

Also lernen wir doch ruhig hinzu...


@Fine_HVL
@saphira12

Hallo, schön, dass Ihr Euch hier beteiligt. :)

Zu Euren Beiträgen habe ich ein paar Fragen bzw. Anmerkungen aus meiner Sicht:

Warum sollte jemand, der gern in Internetforen schreibt, sich dort austauscht und diskutiert, das nicht wichtig nehmen? Es ist eine Freizeitbeschäftigung, wie jede andere. Zumindest ist das eine aktivere Beschäftigung, als beispielsweise fernzusehen.

Auch wenn die Kontakte zunächst nur virtuell sind, stehen doch Menschen mit ihren Persönlichkeiten dahinter, die einander anregen und Interesse entgegen bringen können. Vor allem alleinstehende ältere und vielleicht auch nicht mehr ganz gesunde Menschen können Begegnungen im Netz helfen, aus ihrer Isolation etwas heraus zu kommen.

Und diejenigen, die offline noch viele Möglichkeiten zu Kontakten und Erlebnissen haben, werden ohnehin nicht allzu viel Zeit im Netz verbringen wollen. Das regelt sich je nach Bedarf und Bedürfnislage von selbst und jeder wird das erforderliche Maß für sich selbst beurteilen und darüber entscheiden können. Weshalb sollte da also eine wie immer geartete „Verlorenheit“ drohen?

Und was sind „homogene Wahrnehmungen“?
Ist das nicht eine Unmöglichkeit? Wenn es die gäbe, wären wir ja alle gleichgeschaltet, eine gruselige Vorstellung. Worauf es ankommt, ist die frühzeitige Vermittlung und womöglich Verständigung untereinander, über das, was der Einzelne jeweils wahrgenommen hat. So können Missverständnisse am besten vermieden bzw. ausgeräumt werden.

Ja, die bloß schriftlichen Äußerungen in den Internetforen sollten immer mit ein wenig Distanz betrachtet werden, insofern, dass es oft einiger Überlegungen bedarf, Formulierungen möglichst zutreffend zu interpretieren, weil die bei persönlichen Begegnungen üblicherweise begleitende Gestik und Mimik hier fehlen und Sprache allein oft missverständlich ist für Menschen mit womöglich unterschiedlichem Zugang.

Ich befürchte für meinen Teil allerdings nicht, mich mit „vielen Tausend anderer Meinungen“ auseinandersetzen zu müssen. Denn ich tanze nicht auf allen Hochzeiten, sondern wähle mir für meine Aktivitäten einige wenige Themenbereiche aus, die mich am meisten interessierten. Ich schreibe hier auch nicht alle paar Tage einen neuen Text für meinen Blog, eher alle paar Wochen, weil mir die Qualität meiner Texte wichtiger ist, als irgendetwas zu schreiben, nur um beachtet zu werden.

Ja, ich halte es auch für sehr wichtig, stets bereit dafür zu sein, dazuzulernen; das Interesse daran sollte nie versiegen. Nur so werden wir immer wieder zu neuen Gedanken angeregt, mit denen wir uns selbst und andere überraschen und vielleicht sogar bereichern können.



Hallo Verdandi,

auch wenn Du Deine Fragestellung explizit an zwei andere Userinnen hier gerichtet hast:
Ich sehe das auch so. Eine gewisse eigene innere Distanz ist wichtig. Ich glaube nicht, dass sich das "von alleine reguliert". Gerade im Internet, in Chats entsteht leicht die Illusion, man würde die anderen User kennen. Aber man weiß und kennt nichts, gar nichts. Was man weiß und kennt sind evtl. Fotos und irgendwelche Selbstdarstellungen.
Gleichzeitig ist der Mensch ein soziales Wesen und von daher schon seit Generationen "programmiert", geliebt und angenommen werden zu wollen. In einem virtuellen Netz ist auch das reinste Illusion. Das Schlimme ist, dass insbesondere empfindsame und eher labile Menschen dazu neigen, irgendwann reale persönliche Kontakte gegen illusionäre Kontakte im Netz auszutauschen. Hier reguliert sich von selbst die Illusion, aber nicht mehr der klare Menschenverstand.
Deshalb ist wichtig, diesen gewissen inneren Abstand zu wahren.
Ich beobachte auch, dass manche Leute hier extrem oft und auch bei bestem Wetter zu allen Tages- und Nachtzeiten hier anzutreffen sind. Nachweislich durch die Kommentare. Mir gibt das zu denken.
Virtuelle Kontakte stellen letztlich eine Ersatzbefriedigung für reales persönliches soziales Leben dar. Nicht mehr und nicht weniger, Der Haken an der Geschichte ist: auch Ersatzbefriedigungen befriedigen!
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