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"Tit for Tat" - oder auch mehr …



Gut, wir können nicht unbedingt davon ausgehen, dass wir uns alle in Windeseile optimieren oder gar zu grundgütigen, selbstlosen Menschen mutieren, falls wir das überhaupt wollten, was unsere Kommunikationsfähigkeit betrifft.

Tatsache ist aber, dass die Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit alle Lebensbereiche betrifft und uns in jedem Fall Vorteile bringen - zumindest schwerwiegende Nachteile verhindern helfen - würde, die allein auf schlechte Kommunikation beruhen. Wie aber könnten wir eine Verbesserung erlangen, ohne unseren Charakter drastisch ändern zu müssen?

Natürlich durch Klugheit und die Fähigkeit abzuwägen, soweit vorhanden, durch Verzicht auf zu große Impulsivität und Spontaneität, durch die Bereitschaft, gelegentlichen Frust auszuhalten (bewusste Erhöhung der Frustrationstoleranz) und mittels Einsicht in die eigenen Fehler plus Bereitschaft, daran zu arbeiten, um sich künftig keine Blöße mehr zu geben (wenn man schon kein besserer Mensch werden möchte) und ohne Ansehensverlust handlungsfähig zu bleiben.

Taktik und Strategie sind kein Teufelswerk, sondern gehören als Werkzeuge einfach dazu, um im (Kommunikations-) Geschäft bleiben zu können, ohne zu große Blessuren bei sich selbst (und anderen, aber das nur am Rande angemerkt) oder gar völlig kontraproduktive und unnötige Kontaktabbrüche bis hin zu erbitterten Gegner-, gar Feindschaften zu riskieren.

Viele weisen es weit von sich, Strategien anwenden zu sollen, empören sich über das Ansinnen, sich "verbiegen" und ihre natürlichen Gefühle gar verraten zu sollen usw.

Wenn alle so denken würden, gäbe es allerdings keine Diplomatie und nirgendwo Frieden auf der Welt. Niemand muss sein Gesicht verlieren, nur weil er lernt, seine Impulse zu steuern und sich befähigt, wie ein Schachspieler die Auswirkungen seiner potenziellen Handlungen, Zug um Zug, immer weiter in die Zukunft hinein voraus zu berechnen, - bevor er handelt.

Der Schachspieler gewöhnt sich zunächst daran, die Spielregeln einzuhalten, weil er sonst als Spielverderber bekannt werden und keine Mitspieler mehr finden würde.

Nachdem er die Regeln verinnerlicht hat, beschränkt er sich als nächstes darauf, die Partien großer Vorbilder für sich nachzuspielen, um seinem Geist die Gelegenheit zu geben, den taktischen Aufbau hervorragender bis genialer Spielverläufe zu erkennen und ihre grundlegenden Bedingungen abrufbar abzuspeichern.

Spätesten nach etlichen, selbst ausgetragenen Partien, die er verloren hat, wird er seine Wunden lecken und Analyse darüber betreiben müssen, was ihn so leicht angreifbar und besiegbar gemacht hat.

Oft ist es der unrealistische Wunsch gewesen, mit dem Kopf durch die Wand zu gelangen und auf wundersame Weise dabei unverletzt zu bleiben und auch noch erfolgreich zu sein. Um diese Sichtweise nicht anzweifeln zu müssen, verurteilte er alles, was ihm am Gegner fälschlicherweise zunächst in Sicherheit wiegte, irritierte und schließlich überrumpelte, als teuflische Winkelzüge, Lug und Trug.

Im Grunde aber versteht er bloß das Spiel nicht und verdrängt seinen geheimen Wunsch, von allen geliebt, bewundert und von Sieg zu Sieg gefördert und befördert zu werden. Er hat sogar ein paar Anhänger, die ihm nach dem Munde reden und ihn damit mit falschen Bestätigungen in Sicherheit wiegen. (Deren Motive seien dahingestellt und könnten von der Schaulust eines Beobachters an Kämpfen anderer bis dahin reichen, unseren sich über die Schlechtigkeiten anderer empörenden Schachnaivling als Stellvertreter ihrer eigenen Interessen zu instrumentalisieren, ohne sich selbst die Finger schmutzig machen zu müssen.)

Sich davon frei zu machen, sich selbst und andere weitgehend zu durchschauen, Einsichten aus den eigenen Fehlern zu gewinnen und darauf aufzubauen, um wahre Stärken zu entwickeln, wird nicht daran vorbeiführen, zu lernen, die eigenen Impulse zu kontrollieren und Strategien dafür zu (er-) finden, vernünftig mit seinen eigenen Ressourcen umzugehen, also Spielzüge mit Potenzial zu entwickeln, mit deren Hilfe die Wahrscheinlichkeit erhöht werden kann, das Ziel zu erreichen.

Ich modifiziere an dieser Stelle die Spielemetapher bezüglich des üblichen Verständnisses von Wettbewerb und Sieg:

Übertragen auf die Kommunikation bedeutet Wettbewerb nicht, den eigenen Sieg gegen andere, also deren Knockout anzustreben, sondern besser und besser darin zu werden, die Angriffe gegen sich so zu parieren, dass sie einen nicht verletzen und man ihre Kraft sogar noch dafür nutzen kann, sie in konstruktive Bahnen umzulenken.

Ein freundschaftlicher Wettstreit wiederum geht immer davon aus, dass es ein Spiel und kein blutiger Ernst ist und dass Siegen und Verlieren jeweils nur als das Ergebnis eines Spiels gesehen werden können, das beim nächsten Mal wieder anders ausgehen kann - wenn alle Spieler es nur als Übung betrachten und nicht bloß auf Goldmedaillen scharf sind, die sie sich an die Wand hängen können. Der Ruhm, alle ausgestochen zu haben und der Größte zu sein, macht bloß einsam und hindert einen daran, die eigene Spielfreude zu erhalten.

Auf der anderen Seite kann auch der scheinbar ewige Verlierer alles falsch machen, wenn er sich bloß zurückzieht in seinem Groll oder sich nur noch in gelegentlichen Rundumschlägen ergeht, bereits in voller Erwartung, wieder nur geprügelt zu werden. Trotzig und dauergekränkt beharrt er darauf, so zu sein und bleiben zu wollen, wie er "nun mal" sei, ohne sich auch nur einen Millimeter von seiner angestammten Position zu entfernen.

Was also könnten wir tun, um unsere "Spielerqualitäten" zu verbessern, bezogen auf die Kommunikation im Internet - speziell in den Foren dieser Plattform -, damit wir es besser schaffen, mit allen möglichen Widrigkeiten umzugehen, ohne unsere Energien zu vergeuden, in persönlichen Sackgassen zu enden oder gar aus dem Spiel zu fliegen?

Wir setzen uns Regeln! Nein für andere geht das nicht (alle sind an Recht und Gesetz und an die Netiquette gebunden, aber es steht nicht in unserer persönlichen Macht, das zu erzwingen), sondern nur für sich selbst.

Wir können unsere eigenen Regeln dafür aufstellen, wie wir z.B. mit Unnettigkeiten anderer umgehen wollen. Zwischen den restriktiveren (alttestamentarischen) Reaktionsmodellen wie "Auge um Auge, Zahn um Zahn" bis hin zu den zur eigenen Ausbeutung auffordernden "Ich halte auch noch die andere Wange hin" besteht ein großer Handlungsspielraum mit unzähligen Möglichkeiten abgestufter Reaktionsmuster - mit den unterschiedlichsten möglichen Ergebnissen. Man muss sie nur erst einmal für sich entdecken und erproben, um das Richtige, weil zielführende herauszufinden.

Zuvor wäre es sinnvoll, zu versuchen, die Motivationen des jeweiligen Gegenspielers zu erfassen, wobei die eigentlichen Beweggründe oft im Dunkel der persönlichen Geschichte und Prägung verborgen und uns somit verschlossen bleiben. Wir können aber zumindest die Verhaltensmuster erkennen, diese künftig einkalkulieren, um uns mit den eigenen Reaktionen darauf einzustellen

Mit den Regeln kann man ganz einfach beginnen und dann versuchen, sie nach Bedarf zu modifizieren.

Für den Anfang könnte man sich z.B. die einfachen Regeln der "Tit for Tat" ("Zug um Zug")-Strategie aus der Spieletheorie (wiederholtes Gefangenendilemma) entleihen:

1. Immer freundlich beginnen (kooperieren)

2. Negative Aktionen des Gegenspielers nicht hinnehmen, sondern adäquat beantworten (bestrafen)

3. Nicht nachtragend sein, sondern bereit sein, danach wieder neutral bis freundlich weiter zu machen (nachsichtig sein, erneut kooperieren)

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>>...Nach Axelrod erfüllt Tit for Tat vier Eigenschaften, die jede Strategie im wiederholten Gefangenendilemma besitzen muss, die wirkungsvoll sein soll:

- Klarheit
- Nachsichtigkeit
- Nettigkeit
- Provozierbarkeit

Tit for Tat ist klar und einfach, da sie aus nur zwei sehr einfachen Regeln besteht. Die Strategie ist „nett“, insofern jede Interaktion freundlich beginnt. Sie ist provozierbar, das heißt, sie lässt unfreundliches Verhalten eines Gegenspielers nicht unbestraft. Und sie ist nachsichtig, denn sie reagiert nicht nachtragend und ist bereit, die Kooperation wieder aufzunehmen....<<
(Wikipedia)

Detaillierte Erläuterungen dazu, was "Tit for Tat" eigentlich ist und woher es kommt, und welche Ableitungen es davon gibt, würden den Rahmen dieses ohnehin sehr langen Beitrages sprengen, können aber bei Bedarf im Wikipedia-Artikel nachgelesen werden:

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Tit_for_Tat

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Es existieren etliche mögliche Ableitungen und Varianten dieser Grundstrategie, z.B. "Tit for two Tats", um den freundlichen Aktionen Vorschub zu leisten bzw. dem anderen nach einer unfreundlichen Aktionen Gelegenheit zu geben, sein Verhalten im nächsten Zug zu relativieren bzw. zur Neutralität oder Freundlichkeit zurückzukehren.

Ja, natürlich kann eingewendet werden, dass diese Strategie bloß auf der Mathematik beruhe, die vorrangig nach den Gesetzen der Logik ausgerichtet sei und nicht auf der Psychologie, mithelfe derer die menschliche Seele in der Interaktion mit einer anderen zu ergründen wäre.

Aber diese vermeintliche Schwäche könnte, wie ich meine, zunächst einmal genau dort eine Stärke sein, wo unseren hehren Vorsätze für ein verständnisvolles menschliches Miteinander meist scheitern: Im Spannungsfeld zwischen Bedürftigkeit und Anspruch des eigenen Egos und denen des Anderen, dort wo mannigfach mögliche Diversitäten des Denkens und Handelns (Argumentierens) aufeinandertreffen und schnell Vorurteile erwachsen lassen, die gerade im Internet meist auf schiere Fremdheit bzw. zuriefst missverstandene, also falsche Vertrautheit beruhen.

Dort wo Empfindungen vermeintlich oder tatsächlich zu rasch verletzt werden und uns blindlings falsch reagieren lassen, könnte ein streng logisches Regelwerk uns einen kühlen Kopf abfordern und mit ihm somit schnell wieder die Vernunft ins Spiel bringen, uns also disziplinieren und zur Sachlichkeit zwingen.

Man müsste und würde sicher nicht bei "Tit for Tat" stehen bleiben, sondern, auf den ersten Erfahrungen aufbauend, diese Strategie stets modifizieren und sie zu einem immer komplexer werdenden System eigener Handlungsspielräume erweitern, die aber stets auf Effizienz ausgerichtet bleiben sollten: Das Spiel der Kommunikation im Internet ohne unnötige Schäden und Verluste für sich selbst (und nebenbei auch für den jeweils anderen) zu beherrschen, um den möglichen Gewinn nicht aus den Augen zu verlieren: Die Chance, dem anderen tatsächlich letztlich ohne Schranken begegnen zu können.





@Verdandi

Danke für Deine zum Nachdenken sehr anregenden Überlegungen und den Auszug dieser Spieltheorie.
Ich erinnere mich, als ich zum 1. Mal davon las, lehnte ich diese Kommunikationstheorie total ab, denn für mich war Kommunikation noch nie nur ein Spiel!
Aber nun hab ich durch Deinen Beitrag erneut die Chance, mich damit auseinanderzusetzen. Und es ist natürlich interessant, zu erfahren, dass wissenschaftlich belegt wurde, wie positiv sich Freundlichkeit und Nachsicht z.Bsp. in der Kommunikation auswirken.
Es stimmt, angemessene Kommunikation ist sehr wichtig für erfolgreiche Diplomatie.
Aber ist es denn nicht auch eine Gefahr, daß man heute immer besser weiß, wie man andere manipulieren kann, z.Bsp. dadurch, auf glaubwürdige Weise Verständnis für jem. und das Streben nach humanem Handeln zu heucheln ?
Auch bezweifle ich, dass man dem anderen wirklich ohne Schranken begegnen kann, wenn man sich solche Spielregeln aneignet, um die Kommunikation im Internet besser zu beherrschen, um nicht mehr verletzt werden zu können.
Denn könnte sich dieses Streben nach Kontrolle und Beherrschung, um sich besser schützen zu können, nicht so auswirken, daß man innerlich verhärtet, ohne es zu wollen? Wäre das nicht eine fatale "Nebenwirkung" dieses Mittels zum Selbstschutz??
Ich halte garnichts davon, dass man durch ständige Freundlichkeit versucht, andere zu manipulieren. Das ist Betrug!
Mir ist jemand, der klar und offen seine Meinung sagt, wesentlich lieber.
Auch wenn ich diese Meinung nicht teile.
Er ist auf jeden Fall authentisch und kein Heuchler!

@ Migranda

Du hattest ja schon im "Wirklichkeits"-Thread angemerkt, dass Du erst nächste Woche wieder zum Lesen kommst; ich antworte Dir also etwas später - und womöglich etwas ausführlicher. :)




@ Milafranzi

Das sehe ich genauso: Heuchelnde, manipulieren wollende Freundlichkeit ist mir auch ein Gräuel. Ich meinte selbstverständlich etwas völlig anderes: Man kann sich darauf besinnen, seine eigenen negativen Gefühle zu analysieren und aufzuarbeiten, so dass wieder Platz für echte, authentische Freundlichkeit entsteht.

Seine Wut impulsiv und ohne jede Selbstreflektion herauszubrüllen oder in Form von Häme über alles zu ergießen, halte ich allerdings für eine schwere, insbesondere selbstschädigende Dummheit, und sei sie noch so "authentisch".



Ich sag mal so....

Die Menschen, die Willens und in der Lage sind, solche Texte zu verstehen und für sich umzusetzen, werden eher selten ihre Wut impulsiv und ohne jede Selbstreflektion herauszubrüllen oder in Form von Häme über alles ergießen und wenn doch......dann werde ich mir tunlichst verkneifen, meine negativen Gefühle zu analysieren und aufzuarbeiten, sondern umgehend das Weite suchen und auch finden.

Echte authentische Freundlichkeit hebe ich mir dann doch lieber für Menschen auf, die auch bei unterschiedlichen Meinungen nicht persönlich und respektlos werden.


@ Sonnenkind,
so sehe ich es und so verhalte ich mich nach Möglichkeit auch.

Meine Replik war an @ Milafranzi gerichtet, die plötzlich mit „Manipulation, Betrug und Heuchelei“ um die Ecke kam. Und soweit es mir sinnvoll erscheint, antworte ich adäquat auf alle Kommentare zu meinen Beiträgen.




@ Migranda (» 28.08.2018, 13:26h)


>>Danke für Deine zum Nachdenken sehr anregenden Überlegungen und den Auszug dieser Spieltheorie.
Ich erinnere mich, als ich zum 1. Mal davon las, lehnte ich diese Kommunikationstheorie total ab, denn für mich war Kommunikation noch nie nur ein Spiel!
Aber nun hab ich durch Deinen Beitrag erneut die Chance, mich damit auseinanderzusetzen. Und es ist natürlich interessant, zu erfahren, dass wissenschaftlich belegt wurde, wie positiv sich Freundlichkeit und Nachsicht z.Bsp. in der Kommunikation auswirken.<<


Die Kommunikation ist kein Spiel und soll es auch nicht sein. Es könnte aber versucht werden, einen spielerischen Zugang zu den eigenen Ressourcen zu finden, die eine bessere Kommunikation erleichtern würden.

Man könnte genauso gut sagen: Die Kommunikation sollte nicht dafür missbraucht werden, den eigenen negativen Gefühlen ein Ventil zu sein, denn das wäre ungerecht dem jeweiligen Kommunikationspartner gegenüber. Aber wenn wir uns dazu anhalten, die Gefühle außen vor zu lassen und „sachlich“ zu bleiben, gelingt das meistens nicht, weil der Druck der Gefühle zu stark auf alles wirkt, was wir sagen und tun, solange wir keine andere Verarbeitungsmöglichkeit dafür gefunden haben.

Da wir einerseits die Forderung einsehen, andererseits unter Druck stehen, wählen wir in dieser Situation oft einen fatalen Weg: Wir rationalisieren unsere negativen Gefühle dem anderen gegenüber, indem wir sie scheinbar „sachlich“ begründen: Alle Schuld liegt beim anderen und ich kann das haarklein „belegen“. Und so darf alles abgelassen werden, der Druck verschwindet – aber das Porzellan ist zerdeppert. Am schlimmsten dabei ist, dass wir noch glauben, im Recht zu sein. Da der andere es oft genauso macht, wird der dann folgende „Kampf“ um die scheinbare Wahrheit im Grunde nur ein Ringen um Selbstbehauptung. (Manchmal kann das sehr legitim sein, aus einer Situation der Unterdrückung heraus, aber das steht auf einem anderen Blatt.)

Zurück zum Spiel: Die Kommunikation ist gewiss kein Spiel, aber das Spiel könnte helfen, uns auf einfache Weise davon abzuhalten, in die Selbstgerechtigkeitsfalle (wie gerade beschrieben) zu tappen und zu verhindern, alle Möglichkeiten einer guten Kommunikation bereits selbst zerstören.

Ich habe auch noch einmal über @Milafranzis Worte nachgedacht. Es stimmt natürlich, dass die Forderung nach Einhaltung der Regel „freundlich zu sein“ ohne weitere Erklärungen dazu führen kann, anzunehmen, hier solle geheuchelt werden. Mein Fehler war es wohl, dies noch nicht genauer erläutert zu haben. Es wäre jedoch ein bisschen viel auf einmal gewesen, gleich mit den Details zu kommen. @Milafranzi hätte mich auch fragen können, anstatt mir etwas zu unterstellen. Ich hätte dann folgendes geantwortet, was sich nun an Dich richtet, weil Du zwar gezweifelt, aber auch gefragt und nichts Negatives unterstellt hast:

Die Wissenschaft hat schon vor geraumer Zeit festgestellt, dass die Körperhaltung eine Wirkung auf das Gehirn hat: Wenn ich lächle, auch wenn ich mich zuerst nicht so fühle, werde ich mich bald besser fühlen, weil die Muskelbewegungen, die ein Lächeln erzeugen, das Signal dafür senden, mich auf Positives zu fokussieren: mich z.B. an frohe Momente zu erinnern oder meine Aufmerksamkeit auch dafür zu öffnen, was positiv ist an diesem Tag war. (Umgekehrt, z.B. über ein Stirnrunzeln, funktioniert es leider auch.)

Wenn ich nun ein Lächeln zunächst „aufsetze“, um meine negative Stimmung zu neutralisieren, ist es durchaus legitim – und wirksam. Wenn ich es nur tue, das Lächeln also bewusst instrumentalisiere, um jemanden zu täuschen, wirkt es nicht positiv auf mich selbst zurück, denn ich würde mich ja nicht diesem Lächeln innerlich überlassen.

So ähnlich sehe ich das mit dem Versuch, freundlich zu sein, auch wenn dieses Gefühl zunächst von einem negativen, z.B. Wut, überlagert wird und nicht zugänglich scheint. Es kommt nun ganz darauf an, ob ich die spielerische Vorgabe nutze, um mein Gefühl zu neutralisieren, so dass ich Gelegenheit erhalte, meine Wut zu hinterfragen und aufzuarbeiten – oder ob ich sie bewusst für ein Täuschungsmanöver missbrauche, um den anderen zu manipulieren und zu betrügen.

Dass ich letzteres nicht gemeint habe mit meinen Beiträgen hier im Thread „Wie kommunizieren wir am besten im Internet?“, dürfte klar geworden sein, hoffe ich.

Die Spielregel „freundlich zu sein“ verschafft mir also im Konfliktfall eine Denk- und Handlungspause. Die freundliche Handlung selbst bewirkt bereits eine Veränderung in meiner eigenen Einstellung. Plötzlich sehe ich alles nicht mehr so eng, der Tunnelblick der Wut löst sich auf und ich bin wieder in der Lage, eine andere Perspektive einzunehmen, mich selbst kritisch zu hinterfragen und dem anderen evtl. sogar zuzugestehen, ebenfalls Fehler zu machen usw.

Einfache „Spielregeln“ im Kommunikationsbereich haben oft nur diesen Zweck der psychischen Entlastung! Ich habe mich zum Beispiel in beruflichen Meetings mit mir gut bekannten Personen der eigenen Arbeitsgruppe anfangs genervt gefühlt durch die vom neuen Chef eingeführte „neumodische“ Kommunikationstechnik, am Anfang ein „Blitzlicht“ durchzuführen: Jeder Teilnehmer sollte kurz seine Befindlichkeit und die Gründe dafür offenlegen. – Erst später begriff ich, welch eine entlastende Wirkung das für das dann folgende Arbeitsgespräch hatte. Nun könnte man das auch als Manipulationstechnik begreifen. Tatsächlich aber fühlen sich damit alle Beteiligten besser! Als unser stellvertretender Chef mal darauf verzichten wollte, als der Chef im Urlaub war, forderten wir es sogar ein!


>>Es stimmt, angemessene Kommunikation ist sehr wichtig für erfolgreiche Diplomatie.
Aber ist es denn nicht auch eine Gefahr, daß man heute immer besser weiß, wie man andere manipulieren kann, z.Bsp. dadurch, auf glaubwürdige Weise Verständnis für jem. und das Streben nach humanem Handeln zu heucheln ?<<


Diese Gefahr besteht und bestand immer schon für alle Bereiche: Für die harten Wissenschaften (Kernphysik: Atommeiler oder Atombomben?) und für die weichen (Psychologie: Hilfs- oder Manipulationstechniken?). Wir können die Entwicklung des menschlichen Forschungsdranges und Erfindergeistes nicht stoppen. Und nicht (nur) die Forscher und Erfindern haben Schuld daran, wenn neue Erkenntnisse missbräuchliche Anwendungen finden, sondern insbesondere die Politik – aber auch diese wiederum nicht völlig losgelöst von der Gesellschaft als Ganzes, von jedem einzelnen Bürger.

>>Auch bezweifle ich, dass man dem anderen wirklich ohne Schranken begegnen kann, wenn man sich solche Spielregeln aneignet, um die Kommunikation im Internet besser zu beherrschen, um nicht mehr verletzt werden zu können.
Denn könnte sich dieses Streben nach Kontrolle und Beherrschung, um sich besser schützen zu können, nicht so auswirken, daß man innerlich verhärtet, ohne es zu wollen? Wäre das nicht eine fatale "Nebenwirkung" dieses Mittels zum Selbstschutz?? <<

Zunächst geht es mir vielleicht tatsächlich nur darum, selbst nicht mehr verletzt werden zu können. Das würde aber nicht ausreichen, um weiter machen zu können. Zum Weitermachen werden Erfolgserlebnisse benötigt. Würde ich dabei stehen bleiben, nur an mich selbst zu denken, geriete ich schnell auf die Manipulationsschiene. Sehr befriedigend wäre es zumindest für mich nicht, mich nur schützen zu wollen vor anderen. – Ich stand schon einmal an diesem Punkt, da drängte sich doch schnell eine leichtere Lösung auf: Mich zurückzuziehen und nur noch andere Dinge für mich zu tun, die mir wirklich Freude bereiten: Freunde treffen, in Familie machen, Bücher lesen, reisen usw. – Warum sollte ich mich auf einer Internetplattform den Angriffen völlig Fremder aussetzen? Ich wurde gezwungen, darüber nachzudenken, weshalb ich mich gerne in solchen Foren aufhalte, dort schreibe, diskutiere und (möglichst konstruktiv) „streite“: Weil mich das auf ganz neue Ideen bringt und damit auch drauf, mich denkend und schreibend weiter zu entwickeln. Ohne die Herausforderungen abseits der eigenen Wohlfühlzone gelingt das nicht so gut.

Okay, es kommt also auch auf den anderen an! Ich brauche ihn! Der nächste Gedanke: Kommt es mir nur darauf an, dass ich ihn „benutzen“ kann als Stichwortgeber und Herausforderer usw. – oder kommt evtl. noch etwas anderes hinzu: Der andere Mensch an sich, als fremdes, geheimnisvolles Wesen voller Eigenarten und eigener Widersprüchlichkeiten – also als Gegenstand meines neu erwachten Interesses am „Anderen“? Da ich ja so „rational“ bin :wink: , komme ich auf etwas sehr Naheliegendes erst ziemlich spät: Nein, es ist auch die potenziell in mir und anderen vorhandene Fähigkeit und Bereitschaft einer mitmenschlichen Wärme füreinander! Da besteht die immer wieder aufs Neue einzigartige Möglichkeit, sich mit jemand anderen bekannt zu machen und sogar anzufreunden. Das ist mir schon einige Male „passiert“ und ich möchte diese seltenen aber möglichen Chancen nicht verpassen in meinem Leben. :)

Nein, ich bin also nicht beim „Selbstschutz“ stehen geblieben und ich empfinde ehrliches Mitgefühl für jemanden, der davon (noch?) nicht loskommen konnte bisher.




@Verdandi,
dass ich dir etwas unterstellen wollte, stimmt absolut nicht!
Du hast mich da offennsichtlich missverstanden.
Ich lehne eine Kommunikation, bei der versucht wird, durch übertriebene Freundlichkeit, ja Schmeicheleien, sich beliebt zu machen, um zu manipulieren
und eventuell eine Anhängerschaft formieren zu können, ab.
Mein Kommentar war keineswegs Kritik an deinen Ausführungen, sondern lediglich als Zusatz gedacht.
Wahrscheinlich hätte ich das deutlicher machen müssen.
Verdandi, unangenehm berührt es mich, wenn mit scheinbar höflicher Miene von oben herab, also herablassend andere, nicht genehme User abgekanzelt werden.
Sei es aus grundsätzlicher Antipathie heraus, sei es aus Sorge um das eigene Ansehen.
Dann frage ich mich, geht es hier um die Sache, oder geht es in erster Linie um die Selbstdarstellung.
Wenn ich zum Beispiel etwas kommentiere, achte ich auf den Inhalt des Geschriebenen. Nicht darauf, ob mir der Schreiber sympathisch ist.
Auch bin ich jederzeit bereit, meine bisherige Meinung zu revidieren. Mich selbst zu hinterfragen.
Auch sollten Theorie und Praxis übereinstimmen.

@ Milafranzi
@ Diana_Maria

Recht habt Ihr damit, aber wer ist schon für all das, was Ihr da an negativen Beweggründen beschreibt?
Ich bescheibe allerdings etwas ganz anderes. Falls es Euch interesseriert, könntet Ihr Euch auch dazu äußern.



Genau d a s meinte ich.


Ach, Du wolltest durch die Blume behaupten, dass ich so sei, wie Du oben beschrieben hast? Es sollte also ein persönlicher Angriff sein, ohne direkte Bezichtigung? Das muss einem ja erst einmal klar gemacht werden. Jetzt weiß ich es und – ich versuche nun als erstes, meine eigenen Vorgaben anzuwenden (ich lerne ja auch dazu, vor allem, wenn ich mich mit Kommunikation beschäftige) – und ja, natürlich sollten Theorie und Praxis übereinstimmen! Also dann mal los:

Ich bevorzuge sogar die Ableitung „Tit for two Tats“ (vielleicht sogar die Steigerung „Tit for three Tats“…?) und werde noch nicht negativ reagieren, sondern der Freundlichkeit in mir Vorschub leisten. Das Erstaunliche dabei ist, dass ich jetzt bereits nicht verärgert bin, obwohl Du mich direkt auf der persönlichen Ebene angegriffen und mich schlimmer Eigenschaften bezichtigt hast. Es genügt mir jedenfalls, diese Tatsache festzustellen, die ja niemand bestreiten kann, weil sie oben schwarz auf weiß zu lesen ist.

Oder ist das doch schon eine (eher subtile Art der) „Bestrafung“: Tatsachen zu konstatieren? Ich traue mir selbst da (noch nicht ganz) über den Weg – und lasse es vorerst mal dabei bewenden. Ich habe ja nicht behauptet, den von mir als richtig erkannten Weg selbst schon perfekt zu beherrschen. :wink:

Und was für Dich gilt, gilt natürlich auch für mich:


>>Auch bin ich jederzeit bereit, meine bisherige Meinung zu revidieren. Mich selbst zu hinterfragen.<<

... vielleicht lieber in umgekehrter Reihenfolge. :wink:



Verdandi, mir geht es nicht darum, mit Dir zu streiten.
Es war mir nur ein Bedürfniss, meine Ansicht zu äussern.
Das ist schon alles.
@ Verdandi,
das Thema heißt "Wie kommunizieren wir ! am besten..." und nicht :"Wie kommuniziere ich ! am besten...!"
Daher hatte mich mir meine eigenen Gedanken gemacht und Diana ebenfalls.
Ich wusste nicht, dass es ausdrücklich erwünscht ist, nur auf deine Ausführungen zu antworten.