Weshalb trinken Frauen und rutschen in die Sucht?

„Die Sozialisation von Frauen und das, so habe ich zu sein als Frau‘ birgt spezifi sche Risiken hinsichtlich der Entwicklung einer Sucht. Viele Frauen kümmern sich auch heute noch zuerst um andere und wollen um jeden Preisfunktionieren und ihren Alltag bewältigen. Anders als Männer richten Frauen sich meist an den Anforderungen von außen aus. An dem, was andere von ihnen wollen. Nicht daran, was sie selber wünschen. Frauen wollen heute beides, einen Beruf, der sie erfüllt und den sie gut ausfüllen, aber gleichzeitig auch gut die Familie versorgen. Diese Doppelbelastung kann zu Überforderungssituationen führen. Denn noch immer erhalten Frauen traditionell zu wenig Unterstützung von der Familie, vom Partner. Solche Situationen der hohen Belastung versuchen Frauen – im Gegensatz zu Männern – mit sich selbst zu klären. Und trinken Alkohol, weil sie sich zum Beispiel entlasten und entspannen wollen.“

Wie trinken Frauen – und weshalb?

„Generell trinken sie weniger als Männer, und eher Mixgetränke, Wein und Sekt als Spirituosen. Was das riskante Trinken angeht, liegen Frauen mit einem Anteil von 12,8 % im Vergleich zu Männern mit 15,6 % ähnlich hoch. Eine Abhängigkeitserkrankung weisen dagegen etwa 9,5 % der Männer und 3,5 % der Frauen in Deutschland auf (vgl. ESA 2012). Auch die Situation des Trinkens an sich ist anders: Frauen trinken eher im Verborgenen, eher zuhause. So, dass die Öffentlichkeit das nicht mitbekommt. Denn Frau und Alkohol ist gesellschaftlich stigmatisiert. Der Mann dagegen erfährt sogar eher soziale Anerkennung. Sein Trinken wird gesellschaftlich bewertet als männlich und stark. Gleichzeitig allerdings versuchen inzwischen einige Frauen, dieses alte Stigma aufzubrechen und trinken jetzt auch öffentlich.“

Werden Frauen schneller süchtig?

„Ja. Wenn Frauen das Gleiche trinken wie Männer, hat es stärkere Auswirkungen. Das liegt zum Beispiel am geringeren Körpergewicht, der Alkohol verteilt sich auf kleinerem Raum. Dazu ist die relative Fettmasse größer als beim Mann, diese ist aber kaum durchblutet. Der Alkoholspiegel im Blut ist dementsprechend höher, wirkt intensiver und begünstigt raschere Organschäden. Außerdem haben Männer einen höheren Anteil bestimmter Enzyme, die für den Abbau des Alkohols zuständig sind, im Körper. Bei Frauen wird also Alkohol schlechter abgebaut.“

Was könnten oder müssten Frauen anders tun, um nicht zum Alkohol zu greifen?

„Frauen sollten eine Menge mehr für sich selber tun. Nach eigenen Bedürfnissen schauen, denen mehr Gewichtgeben. Sie müssten lernen, ihre Belastungen zu reduzieren, indem sie sie auf mehrere Schultern verteilen, sich Unterstützung zu suchen. Und: Entspannung lernen. Aber das Wichtigste ist wirklich, dass Frauen ihre Denken verändern: Nämlich dahin, sich vielmehr als bisher um sich selbst zu kümmern.“