Neue Sehgewohnheiten: Streamen statt Kinogehen

Ich gehe so gut wie gar nicht mehr ins Kino, sondern streame Spielfilme, Serien und Dokus meist nur noch vom Sofa aus - seitdem ich einen schönen, großen Fernseher mit Internetanschluss habe.

Der private Streamingdienst kostet mich nur ein Kinoticket im Monat und für die (wirklich guten) Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender zahle ich, abgesehen von den ohnehin fälligen GEZ-Gebühren, nichts weiter.

I love it! - Ich bin ziemlich klein und muss mich jetzt endlich nicht mehr strecken und verbiegen wie früher, als ich noch oft ins Kino ging, damit ich um den Sitzriesen herum, der sich partout immer (!) vor meine Nase setzen musste, überhaupt etwas sehen konnte auf der Leinwand... :?

Die schönen großen Kinosäle von früher (in denen es übrigens immer axxxkalt war und zog wie Hechtsuppe) sind ja ohnehin Geschichte. Und so einen großen Unterschied zwischen den parzellierten Kinoräumen von heute und meinem Wohnzimmer sehe ich nun nicht unbedingt - abgesehen von den jetzigen Wege- und Kostenersparnissen.

Sorry, das sehen sicher nicht alle so, aber ich genieße es, dass die Errungenschaften der medialen Technik meiner altersbedingten Bequemlichkeit so wunderbar entgegenkommen. :wink:

Ins Kino gehe ich trotzdem gelegentlich noch - aber dann mit guten Freunden in besonders gute neue oder kultige alte Filme (z.B. von Andrei Tarkowski oder Aki Kaurismäki). Dann steht allerdings eindeutig das Gemeinschaftserleben im Vordergrund.


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Ein sehr guter Spielfilm, den ich mir kürzlich im Heimkino erstmals angesehen habe:

„Sully“, USA 2016, von Clint Eastwood, mit Tom Hanks in der Hauptrolle.

Der Film handelt von der Not-„Landung“ (eher „Wasserung“) eines großen Passagierflugzeugs auf dem Hudson River, mitten in New York, und der anschließenden Aufklärung der Zusammenhänge. Dem Piloten wird zunächst unterstellt, falsch gehandelt zu haben, obwohl alle Passagiere gerettet wurden. Die Geschichte beruht auf ein wahres Ereignis aus dem Jahr 2009, an das ich mich noch gut erinnern konnte. Spannend umgesetzt mit einem wie immer brillanten Tom Hanks, hier in seiner Rolle als verantwortlicher Pilot.



Loro - Die Verführten

Loro ist ein Film über Silvio Berlusconi.

Ich zitiere aus Welt - Kultur:

„Loro“ heißt auf Italienisch „Sie“, dritte Person Plural. Sie, das sind alle, die nicht Berlusconi sind – die aber wie eine Religionsgemeinschaft um ihn kreisen, weil sie sich versprechen, dass etwas von seinem Zauber, das heißt: von seiner Macht und seinem Geld durch Berührung auf sie übergehen möge. Es ist ein Hofstaat aus blutjungen Models, uralten Männern mit salamifarbener Gesichtshaut, operierten Ladys mit Visagen, die an die Katzenmenschen in „Avatar“ erinnern, und Ehrgeizlingen wie Sergio, einem eleganten Strizzi, den Riccardo Scamarcio mit der Rastlosigkeit des jungen Mastroianni spielt. Sein Provinzimperium aus Drogen und Mädchen genügt ihm nicht, er schielt – eine der bösen Pointen – auf einen Posten als Europaabgeordneter und hofft auf Berlusconis Protektion.


Der Film dauert zweieinhalb Stunden.

Berlusconi wird als eine Art philosophischer Clown dargestellt, manchmal fast rührend in seiner kindlich anmutenden naiven Gier nach allem, was ein Mensch begehren kann.
Als seine Frau sich von ihm trennen will, beginnt er sie zu umwerben.
Nicht, weil er sie liebt - er will nichts von dem, was er besitzt, loslassen.

Oft wirkt der Film wie eine Parodie - alles ist zu gell, zu primitiv, zu simpel, jedoch beim Nachdenken darüber kann man nicht ausschließen, dass es genauso gewesen sein könnte.
Man fragt sich, wie dekadent eine Gesellschaft bereits ist, die so einen Mann viermal zum Ministerpräsidenten wählt.

Man geht etwas ratlos aus dem Kino.
Erschlagen von zuviel Bunga Bunga und halb- bis ganznackten Frauen bleibt eine gewisse Leere und der Verdacht, dass der Regisseur gerne selbst im nächsten Leben Silvio Berlusconi sein möchte.
Ein ungewöhnlich schöner Film - unbedingt im Kino ansehen, wenn die Möglichkeit besteht.

Roma, der beste und ungewöhnlichste Film des Jahres

kommt ins Kino, aber nur für kurze Zeit

"Roma" - das ist der beste Film des Jahres. Darin sind sich viele Kritiker seit der Weltpremiere in Venedig einig. Das Werk von Alfonso Cuarón bekam am Lido den Goldenen Löwen. Zum ersten Mal ging der Preis an eine Netflix-Produktion, die nun für wenige Tage ins Kino kommt, und das wohl auch nur, damit der Film ins Rennen um den Oscar gehen kann. Wir haben Regisseur Alfonso Cuarón getroffen und stellen den in vieler Hinsicht außergewöhnlichen Film vor.

von Anna Wollner, MDR KULTUR

Ein Besen auf Steinplatten, Putzwasser, Schrubb-Geräusche. Wir sehen eine Frau, die eine Einfahrt wischt. Die Kamera beobachtet sie minutenlang, in einer Pfütze spiegelt sich ein vorbeifliegendes Flugzeug ...

Es sind die ersten Szenen des Films "Roma" von Alfonso Cuarón, eine Liebeserklärung des Regisseurs an sein ehemaliges Kindermädchen. "Für Libo" steht im Abspann, im Film heißt sie Cleo und ist das Herz einer mexikanischen Familie der Oberschicht im Jahr 1971. Dazu gehören vier Kinder und ein paar Hunde, die Mutter und der Vater, der sich von der Familie entfremdet, der immer wieder und immer länger wegbleibt. Mittendrin: Cleo, deren Leben eng mit der Familie verbunden ist. Vor allem als die indigene Frau schwanger und von ihrem Freund verlassen wird. Für Cuarón war es dieser persönliche Ansatz, der ihn getrieben hat, den Film zu machen, Cleos Geschichte zu erzählen.

Sie ist gleich mehrfach ausgeschlossen: Weil sie arm ist, weil sie Ureinwohnerin ist und weiblich. Man hinterfragt nicht die Menschen, die man liebt. Gerade als Kind sieht man sie nicht als Individuen mit ihren eigenen Bedürfnissen.
Alfonso Cuarón, Regisseur

Außergewöhnlich ist vor allem auch die audiovisuelle Umsetzung dieser intimen Geschichte. "Roma" ist in Schwarz-Weiß gehalten, neben aufwendigen Kamerapositionen und -Fahrten arbeitet Cuarón mit Dolby Atmos. Schon über den Ton und die Geräuschkulisse wird man als Zuschauer Teil der Familie. Der Film sollte nicht aussehen wie aus den 1970-ern , sondern zeitgenössisch, deswegen sehen wir keine grobkörnigen, sondern klare Bilder: "Ich wollte, dass es sich subjektiver anfühlt. Um diese Weichheit der Bilder herstellen zu können, mussten wir unser eigenes System entwickeln. " Cuarón selbst hat die Kamera geführt, auf eine sehr zurückhaltende Art und Weise. Er überstilisiert nicht, findet aber trotzdem epische Bilder. "Roma" ist sein erster Film nach dem Oscar-prämierten Weltraumdrama "Gravity" und der aufwendigste seiner Karriere.

Es war ein Tanz zwischen meinen technischen und kreativen Ansprüchen. Allein die Szene am Meer am Ende. Ich wollte mit der Kamera bis ans Wasser, aber keine verwackelten Bilder. Der Zuschauer soll vielmehr vergessen, dass er überhaupt durch eine Kamera sieht.
Alfonso Cuarón, Regisseur

Neben dem visuellen Ansatz ist es die Beiläufigkeit, mit der Cuarón Handlung und mexikanische Geschichte verknüpft, und die "Roma" zu einem Meisterwerk werden lässt. Nie wird über Politik geredet, aber über das, was im Hintergrund geschieht, das Fronleichnam-Massaker von 1970 zum Beispiel. So spiegelt sich im Drama von Cuaróns Figuren das Drama des Landes. Für Cuarón war "Roma" eine Rückkehr zu seinen Wurzeln:

Ich wollte den Film unbedingt machen, um meine eigenen Erinnerungen zu entdecken. Aber eben auch um zu erinnern.
Alfonso Cuarón, Regisseur

Schließlich musste er in der Vorbereitung zurück in seine eigene Vergangenheit, in die Vergangenheit seiner Geschwister, auch in die der echten Cleo. Und: "In den eigenen Erinnerungen zu wühlen, tut immer weh. Denn in der Gegenwart ist die Vergangenheit immer anders."

MDR Kultur
25 km/h

ist ein deutscher Spielfilm aus dem Jahr 2018. Lars Eidinger und Bjarne Mädel spielen in dem Roadmovie ein Brüderpaar mittleren Alters, das sich den Jugendtraum einer Reise auf Mofas quer durch Deutschland erfüllt.

Auf der Beerdigung ihres Vaters sehen sich die beiden Brüder Christian und Georg zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder. Während Georg als Tischler im Schwarzwälder Heimatort Löchingen blieb und den krebskranken Vater bis zuletzt pflegte, ist Christian ein erfolgreicher und weitgereister Geschäftsmann. Die beiden sind sich zunächst fremd, vor allem Georg lehnt seinen so lange abwesenden Bruder ab.

Der Film ist sehr lustig mit viel Situationskomik.
Dabei aber tiefgründig und berührt das Herz.
Die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarstellern ist excellent.
Gestern habe ich mir gleich zwei Filme hintereinander angeschaut, in Stuttgart in einem sehr gemütlichen kleinen Programmkino.
Zuerst WOMIT HABEN WIR DAS VERDIENT ? Ein wirklich sehr lustiger Film, das ganze Kino hat gejohlt.
Und gleich danach etwas weniger Lustiges: FAHRENHEIT 9/11 von Michael Moore, der die Frage stellt “wie konnte es passieren, dass Trump Präsident wurde”, er beantwortet sie auch und es werden einige erbärmliche Machenschaften im heutigen Amerika aufgezeigt. Erschütternd.

25km/h und DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT habe ich auch in letzter Zeit gesehen, beides sehr gute tiefgründige aber auch lustige Filme.