Verführung ist meines Erachtens ein ganz originäres Thema der Kunst. Man findet es in den Foren aber wesentlich häufiger unter "Philosophie" - schade.

Eine der schönsten Filmszenen zu dem Thema stelle ich einmal ein, bei mir verursacht sie stets eine Gänsehaut.
Susan Sarandon sollte in ihrer Filmfigur erst betrunken gemacht werden vor der Verführung durch Deneuve. Dagegen wehrte si sich: Man muss nicht betrunken sein, um mit Catherine Deneuve schlafen zu wollen – egal, welche sexuelle Orientierung man vorher hatte.

https://www.youtube.com/watch?v=L_2D3Wxoprc
Die Glanzzeit der Pinup-Photographie ist heute lang vorüber und wir erleben ein kleines Revival (wie beim Vinyl !). Der Beginn wird in der Regel in die ersten Jahre des 20. Jahrhundert datiert. Pinup Girls waren teilweise sehr bekannt und viele Posen durchaus auch "formalisiert". Beispielhaft einmal der Schulterblick mit Dita von Teese. Überraschenderweise findet man diese "Pose" schon bei Vermeers "Mädchen mit dem Perlenohrgehänge" und die Wirkung des Gemäldes auch viel intensiver. Der direkte Blick auf den Betrachter, der leicht geöffnete Mund mit den befeuchteten Lippen, die exotische, turbanartige Kopfbedeckung, das reflektierte Licht im Schmuck - alle diese Elemente wurden später !! eingesetzt, um einen "Verführungseffekt" zu erzielen.
So ist denn auch die heutige Wahrnehmung dementsprechend: Im gleichnamigen Film wird das Bild von Vermeers Ehefrau als "schamlos" bezeichnet und der Mäzen wird es in seinem Privatgemach verschließen.


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Verführung kann auch bedeuten, zu einem „falschen“, fremdbestimmten Leben verführt zu werden. Habe ich mich um meine Lebenszeit betrügen lassen, vertrösten lassen auf ein „Später“, das niemals kommen wird? Das Gedicht von Brecht ist eine Ermutigung zum Widerstand gegen diese Verführung.
Interessanterweise ist der Titel fast ein Zitat: Lasset euch nicht verführen – so spricht Jesus in der Bibel (Lukas 21). „Ihr sterbt mit allen Tieren“ entspricht der Bibelzeile „Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt er auch“. (Vertont wurde dies von Brahms)

Gegen Verführung
von Bertold Brecht

Laßt Euch nicht verführen!
Es gibt keine Wiederkehr.
Der Tag steht in den Türen,
ihr könnt schon Nachtwind spüren:
Es kommt kein Morgen mehr.

Laßt Euch nicht betrügen!
Das Leben wenig ist.
Schlürft es in vollen Zügen!
Es wird Euch nicht genügen,
wenn Ihr es lassen müßt!

Laßt Euch nicht vertrösten!
Ihr habt nicht zu viel Zeit!
Laßt Moder den Erlösten!
Das Leben ist am größten:
Es steht nicht mehr bereit.

Laßt Euch nicht verführen
Zu Fron und Ausgezehr!
Was kann Euch Angst noch rühren?
Ihr sterbt mit allen Tieren

https://www.youtube.com/watch?v=YcYOtEBJxNg
Ein reizvolles Verführungsspiel entsteht in der Konstellation „junger Mann – reife Frau“, insbesondere wenn die Frau das Spiel beginnt. Die Wege und Irrwege, auf die der junge Mann geschickt wird, sind stets unterhaltsam. Auch wenn es viele schöne Beispiele gibt, hat sich doch ein Film als genretypisch etabliert. Im amerikanischen Sprachraum hat sich für die Rolle der Frau inzwischen schon der Name „Mrs. Robinson“ aus dem Film „The Graduate / Die Reifeprüfung“ eingebürgert: „... participle Mrs. Robinsoned of a woman: to seduce (a younger man)”.

Ein kleiner Ausschnitt, wie der arme Benjamin an der Nase herumgeführt wird:
https://www.youtube.com/watch?v=LOG_iVqX8tU
Lieber Dick - Verführung ist ein reizvolles Thema!

Wer ließe sich nicht gerne dazu verführen, Dinge zu tun, die man immer schon tun wollte, sich aber nie getraut hat, sie zu tun!
Was kann einem Jungmann Besseres passieren als von einer schönen reifen Frau verführt zu werden?

Beim Wort Verführung denkt man fast immer gleich an die Erotik, an die Verheißung verbotener Sünden. Ein charismatischer Verführer beginnt mit einem luftigen Flirt und versteht es , die Fäden immer enger zu ziehen - ein prickelndes Spiel.
Die Spinne und ihr Netz.....

Ich denke da an noch etwas:
Im Bücherschrank meines Vaters stand das Buch "Die geheimen Verführer" von Vance Packard.
Es ist aus dem Jahr 1956 und beschreibt die kollektive Verführung der Konsumenten durch die Werbeindustrie.
Er unterscheidet Überredung und Manipulation.

Verführung ist ein umfangreiches Thema.
Die politische Verführung ist ein ganz aktuelles.
In der Tat hat die Verführung sehr viele unterschiedliche Aspekte und die größte Gefahr entsteht durch sie im wirtschaftlichen und politischen Kontext. Das Instrumentarium im Marketing (inkl. Politik) ist inzwischen fast schon auf das Individuum zugeschnitten. Mit dem sogenannten „microtargeting“ werden kleinste Bevölkerungsgruppen zielgenau angesprochen. Die Botschaften werden exakt auf die Zielgruppen abgestimmt. Best Practice (also Anlass für die schlimmsten Befürchtungen) sind die US-Wahlkämpfe. In 2008 gewann Obama damit die Swing States und in Trumps Wahlkampf wurde die Methode vervollständigt. Wenn man weiß, dass Trump tatsächlich in der Summe weniger Stimmen bekam und in einigen Staaten nur mit wenigen tausend Stimmen gewann, wird man die Bedeutung des Themas ermessen können. Aber um etwas konkreter zu werden, ein kleines Beispiel aus Deutschland, das einer gewissen Komik nicht entbehrt: Die CSU geht auf einem russischsprachigen Radiosender mit Werbespots in Russisch auf Wählerjagd unter den Russlanddeutschen!
Nun bietet aber das Forum gerade für komplexe Themen nur einen begrenzten Raum der verständlichen Darstellung, so dass die einzelnen Aspekte des Themas Verführung nur angerissen werden können.
Mich verführen Brücken immer zum Hinunterspucken. Kindisch, ich weiss.
Aber die schelmische Freude hinterher ist kindlich, nicht kindisch. :D

Auch die erotische Verführung macht inzwischen vielmehr Freude. Niemand fordert ein, was im Spiel geboten. Es ist Genuss ohne Pflicht.
Verführung zum Leben?
Verführung nimmt ihren Weg durch das Herz – die Anleitung über den Verstand. In der Fragestellung beantwortet die Anleitung das „Wie“ und die Verführung das „Warum“.
Beim „Wie“, der sogenannten ars vivendi, geht es zumeist recht philosophisch-tiefgründig zu. Pythagoras, Sokrates und alle großen Philosophen wussten, wie es geht - aber stets unterschiedlich vom Hedonismus bis Stoizismus.
Beim „Warum“ muss die Philosophie versagen, weil man das Herz nicht überreden kann. Aber vielleicht zum Leben verführen. Ich meine, eine treffende Darstellung einer solchen „Verführung zum Leben“ ist mit „Harold and Maude“ gelungen:
https://www.youtube.com/watch?v=OoCXJDtOSik

https://www.youtube.com/watch?v=ndlaF0M ... MpSqs#t=50
Kann Verführung durch Kleidung oder in Verkleidung erfolgreich sein? Durchaus, denn die Wirkung von Dessous ist ja bekannt. Wie steht es aber mit dem „Kleidertausch“, wirkt das noch verführerisch? Nun, das ist wie stets bei modischer Kleidung: man muss sie tragen können. Die erste Frau in der Filmgeschichte, die einen Anzug trug, war Marlene Dietrich in „Marokko“. Die nach ihr benannte Marlene-Hose liegt gerade wieder im Trend. Und welcher Mann könnte darin besser aussehen???
https://www.youtube.com/watch?v=cBa-jw8NH5I
Und bei Männern in Korsett und Strumpfhosen gilt ebenfalls: man muss sie tragen können. Anders als Quentin Crisp sagt, lacht bei Tim Curry sicherlich niemand, wenn er die Bühne betritt. Seine Arbeitskleidung lässt wohl bei niemandem den Gedanken an mangelnde Virilität aufkommen. Tim Curry und die Rocky-Horror-Show haben das Korsett für Männer gesellschaftsfähig gemacht
https://www.youtube.com/watch?v=KQRjhZyXJFg


Politische Verfühung

Ich habe gestern in der Sendung „Hart aber fair“ eine Psychologin über Donald Trumps Narzissmus sprechen hören. Es war unter anderem auch von Verführung die Rede:

Ein narzisstischer Charakter, wie der des derzeitigen Amerikanischen Präsidenten, sei zwar nicht sehr empathisch anderen gegenüber (dafür sei er viel zu sehr an sich selbst interessiert), weise aber oft ein erstaunlich genaues Gespür dafür aus, was diejenigen von ihm erwarten, die er für seine Zwecke ausbeuten will. Deshalb spricht er seinen arbeitslosen, weißen, männlichen Wählern aus dem Mittelwesten solange nach dem Mund, wie er auf sie angewiesen sein wird. – Auch das sei wohl ein Grund mit für seinen milliardenschweren Rüstungsdeal mit den Saudis gewesen.

Später, wenn es keine so große Rolle mehr spielen wird, was seine Anhänger noch von ihm denken, wird ihm das auch herzlich egal sein. Dann wird er alles nur noch für sich selbst und seine „Vettern“ (milliardenschweren Feunde und Familienmitglieder) tun, also noch einmal so richtig absahnen, bevor er beleidigt das Weite suchen und vorzeitig abdanken wird – bevor vielleicht ein Impeachmentverfahren ihm zu nahe auf die Pelle rücken kann.

Ich denke, die „Verführten“, die sich nur allzu gerne von den einfachen, vermeintlichen „Wahrheiten“ ihres Wunschpräsidenten haben einlullen lassen, werden sich noch schwer damit tun, davon wieder abzulassen. Sie müssten sich ihren folgenschweren Irrtum eingestehen, einem Verführer auf den Leim gegangen zu sein. Manche werden bis zum bitteren Ende beide Augen fest zudrücken. – Jeder vernünftige Mensch hofft und wartet darauf, dass die Vernunft bei der Mehrheit dieser Anhänger wieder Einzug halten und die amtschädigenden präsidialen Aktionen ihres Verführers das Amt an sich nicht auf Dauer beschädigen werden.

Aber es sind alles erwachsene Menschen. Die Demokratie macht da (zum Glück auch wieder) keine elitären Unterschiede. Da muss sie jetzt einfach mal durch.



Das Thema Trump würde ich gern in berufeneren Foren belassen und bei Teilnehmern, die ohnehin alles wissen und besser wissen, zumal es sich bei Herrn Trump auch nicht um eine Kunstfigur handelt soweit es mir bekannt ist. Narzissmus ist ebenfalls ein anders gelagertes Thema und eine Eigenschaft, die wohl fast allen Politikern gemein ist.
Allerdings lässt sich der Komplex Volksverführer kurz anreißen. Der Begriff ist schon alt. Er ist verbunden mit der Demokratie und so nennt man diese Menschen auch Demagogen. Eine m.E. nach gut passende Definition findet man bei Martin Morlock: „Demagogie betreibt, wer bei günstiger Gelegenheit öffentlich für ein politisches Ziel wirbt, indem er der Masse schmeichelt, an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile appelliert, ferner sich der Hetze und Lüge schuldig macht, Wahres übertrieben oder grob vereinfacht darstellt, die Sache, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten ausgibt, und die Art und Weise, wie er sie durchsetzt oder durchzusetzen vorschlägt, als die einzig mögliche hinstellt.“
Es gibt in der Geschichte eine Vielzahl von Demagogen und die herausragenden Exemplare wurden in der Kunst verewigt. Auf welche Politiker die obige Beschreibung zutrifft, kann sich jeder selbst überlegen. Den Phänotyp des Demagogen hat Paul Klee mit seinem „Angelus Novus“ gemalt.

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Hier geht es aber nicht um Trumps Politik, sondern um die negative Kultur der politischen Verführung am Beispiel Trumps. Also keineswegs um politische Inhalte, sondern um den Stil, die politischen Ziele zu verfolgen. So, dass ich dafür nichts "Berufeneres" sehe, als das Kulturforum. Auch in den Feuilletonbeilagen der Zeitungen spielt dieses Thema regelmäßig eine große Rolle.
Nebenbei bemerkt schränkt der Threadtitel "Verführung" das Thema keineswegs, etwa auf die Erotik bezogen, ein.

Dann bin ich einmal gespannt auf die originären und innovativen Methoden, die Donald J. Trump zum Bereich der "politischen Verführung" beigetragen hat insbesondere die künstlerischen Aspekte dazu.
In Deinem Beitrag konnte ich außer dem üblichen Trump-Bashing mit Nebenhieben auf die amerikanischen Wähler nichts finden; dass er seinen Wählern "nach dem Mund redet" ist nun wahrlich nichts bemerkenswertes. Was da aktuell in den Feuilletons erscheint ist
- langweilig, weil es sich mit schöner Regelmäßigkeit alle paar Jahre wiederholt und man nur die Namen tauschen muss
- arrogant, weil der Anschein eines Besserwissens erweckt wird (kennen wir von "Am deutschen Wesen mag die Welt genesen")
- unangemessen, weil vor allem die USA uns beigebracht haben, wie eine stabile Demokratie funktioniert.
Man muss also nicht wirklich wiederkäuen, was in den Feuilletons zur Zeit geschieht.
Macht man die politische Verführung an anderer Stelle fest, so wird es schon hochinteressant, auch kulturell gesehen.
Heinrich Mann zeigt in seinem Roman "Professor Unrat" einige Facetten der Verführung.

Er , der sittenstrenge Professor, wird von Lola verführt , findet Gefallen am Leben in Anarchie und verführt seinerseits seine Gemeinde und die braven Leute zu einem sittenlosen und liderlichen Lebenswandel.

In der berühmten Verfilmung des Romans mit Marlene Dietrich ist die Moral von der Geschichte eine ganz andere: der Professor muss büßen für seine Besessenheit. Er wird bestraft und die bürgerliche Spießermoral findet ihre Genugtuung.

Die Aussage der Romanvorlage und der Verfilmung sind grundsätzlich verschieden, aber beide wollen verführen - ideologisch.

Den Film kennt wahrscheinlich jeder - ich würde hier gerne dazu verführen, das Buch einmal genau zu lesen und es mit dem Film zu vergleichen.
barbera, diese Verführung nehme ich gerne an.
Auch werde ich gleiches mit 'Der Untertan' von Heinrich Mann,
verfilmt von Wolfgang Staudte tun, obwohl die Verführung dabei andere Auswirkungen hat.

https://www.youtube.com/watch?v=sgAJnDmcZXs
cron