Solist3 hat geschrieben:
Was soll ich jetzt tun, da ich doch so oder so sterben muss?"




Man vergisst inmitten der Geschäftigkeit der Welt immer, dass man ja nur eine "beschränkte Aufenthaltsgenehmigung" hat. Und wird durch das Sterben von nahe stehenden Menschen oder auch Fremden oder auch nur durch den Gang über einen Friedhof daran erinnert. - Und muss sich der Frage stellen "Was soll ich jetzt tun?".

Als ich 35 Jahre alt war, musste ich mich kurzfristig (eine mögliche schwere Erkrankung) auf meinen eigenen Tod vorbereiten. Zeitlicher Horizont: max. ein halbes Jahr. Ich war nicht darauf vorbereitet und fragte den Arzt zutiefst entsetzt "was soll ich denn jetzt tun?". Er sagte: Regeln Sie Ihre Angelegenheiten. Ja, danke….

Warum ich das erzähle: Ich hatte Zeit, darüber nachzudenken. Und schließlich denken wir hier ja auch darüber nach.

Stufe 1: Ich war sauer. Schließlich war ich erst 35. Ein bisschen wenig.
Stufe 2: Ich regelte, was es zu regeln gab. Und sah, wie andere Menschen mit dem Tod umgingen.
Stufe 3: Meine 35 Jahre Leben erschienen mir als abgeschlossen. Und ich sah, was an Ungelebtem übrig blieb: Meine unerfüllten Träume und Hoffnungen und Wünsche. Ich hatte immer mal nach Machu Picchu gewollt…
Stufe 4: Ich begann, auch andere Menschen als Reisende mit einer begrenzten Reisedauer zu sehen - nur sie sahen es offenbar überhaupt nicht.
Stufe 5: Zum Glück war ich als Christin erzogen worden. Und dieses Notfall-Netz begann zu wirken. Mir fielen Textstellen aus der Bibel ein, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie wusste.
Stufe 6: Ich gab meinem bisherigen Leben die Note "befriedigend". Zwar hatte ich niemandem je größeren Schaden zugefügt, aber ich hatte ein paar Themen immer elegant ausgelassen.
Stufe 7: Ich machte Gott (oder wer auch immer darüber letztlich entschied) einen Vorschlag: Für den Fall, dass ich alt werden dürfte, würde ich ohne die leiseste Klage alt werden. Und ich würde alles dran setzten, die feige Note "befriedigend" zu verbessern.
Stufe 8: Ich gab auch das auf. Und legte mein Schicksal in die Hände dessen, der darüber entscheidet. Das war das Beglückendste.

Ich blieb am Leben und startete neu. Mit neuen Wünschen, Ängsten, Hoffnungen, Erfahrungen. Und tauchte wieder unter in der Geschäftigkeit der Welt. Ich begann zu vergessen.

Vielen Dank für die Erinnerung.

 
 
Liebe DaphneTamara, dein Beitrag hat mich gerade sehr beeindruckt. Ich habe mich gefragt, welche Note ich mir selber derzeit für mein Leben geben würde, und dabei kam die Überlegung auf, welche Kriterien denn dabei anzulegen wären. Mit Sicherheit würde in meinem "Lebenszeugnis" stehen: "Die Schülerin hat sich bemüht.....". Aber das Bemühen allein reicht ja noch nicht, um akzeptable Noten zu erzielen. Und vermutlich können sowieso nur die Anderen einen benoten, und da würde es wohl eine große Bandbreite der Bewertung geben.

Es gibt einen Spruch von Christian Fürchtegott Gellert (er hat im 18. Jhd. gelebt), der meiner Meinung nach etwas sehr Wichtiges kurz und prägnant zusammenfasst: "Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben". Ja, so sollte es sein, aber...... (siehe die Unterstreichung im Zitat von dir unten)
DaphneTamara hat geschrieben: Ich blieb am Leben und startete neu. Mit neuen Wünschen, Ängsten, Hoffnungen, Erfahrungen. Und tauchte wieder unter in der Geschäftigkeit der Welt. Ich begann zu vergessen.


Das Vergessen(können) ist wohl gleichzeitig Fluch und Segen. Ein Segen deshalb, weil man vielleicht nicht mehr unbeschwert leben und zukunftsorientiert handeln könnte, wenn man zu jeder Minute sich der eigenen Sterblichkeit bewusst wäre. Ein Fluch aber auch, weil sich viele gute und auch sinnvolle Vorsätze in der Betriebsamkeit des Alltags auflösen.

Ich persönlich setze mich immer öfter mit meiner Endlichkeit auseinander, und ich merke, dass mir das hilft, die Prioritäten immer wieder "nachzujustieren". Aber es ist auch meine Erfahrung, dass mir dieses Bewusstsein im Alltag immer wieder verlorengeht.

Ein guter Impuls zu dieser Thematik ist meiner Meinung nach das Buch "Meine letzte Stunde" von Andreas Salcher.

Einen schönen Sonntag wünscht

Marcella.
Liebe Marcella,

das war ja das Unangenehme: >"Die Schülerin hat sich bemüht....."< klang für mich nach meinen damaligen eigenen Kriterien und in Anbetracht dessen, dass es ja keine Verbesserungsmöglichkeit mehr geben könnte - nicht gerade angenehm. Es war ein Schock. 

20 Jahre später bin ich sehr dankbar dafür, die Chance bekommen zu haben, es erneut zu versuchen. Und weil man ja nicht täglich in diesem Schockzustand leben kann, bin ich auch großzügiger geworden.

Sterben lernen heißt in erster Linie Leben lernen. - Stammt nicht von mir, aber das war es letztendlich.

Dir auch einen schönen Sonntag!



  
 
 
da haben wir einiges ähnlich erlebt, Daphne, nur, bei mir war es mit 45.
und meine damalige grösste angst war, was passiert mit meiner tochter, die eine schwere behinderung hatte ... hat.

und ich habe mich nur nach "oben" festhalten können, und an meinem eigenen weg gesucht, aus der lebensbedrohlichen erkrankung heraus, die parallel mit der herzop meiner tochter verlief.

wie ich diese ganze zeit überstanden habe, diagnose tochter und meine fast parallel, mit ein paar tagen unterschied, gerade selbständig gemacht und ich mitarbeit, dann erst meine op, direkt danach mit tochter zur op, mit heben, fütter (6 jahre) dann meine nächste erkrankung ......und dazwischen immer mein suchen, und doch wissen, ich - wir - sind in gottes hand ....

die 3. strophe aus dem lied - ein feste burg ist unser gott, - nehmen sie auch den leib, gut ehr kind und weib ..... hat mich auch immer sehr aufrecht gehalten .....ja, und dann die jahre danach, und dann immer weniger gedanken daran .....manchmal kommt es mir heute vor wie ein stück leben, gelebt in trance .....und dann immer mehr abstand, und auch, ja, teilweise vergessen, und das ist auch gut so .....aber trotzdem auch immer wieder erinnerungen daran ......

danke nach oben
DaphneTamara hat geschrieben:
Man vergisst inmitten der Geschäftigkeit der Welt immer, dass man ja nur eine "beschränkte Aufenthaltsgenehmigung" hat. (...)

Stufe 5: Zum Glück war ich als Christin erzogen worden. Und dieses Notfall-Netz begann zu wirken. Mir fielen Textstellen aus der Bibel ein, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie wusste. (...)

Stufe 8: Ich gab auch das auf. Und legte mein Schicksal in die Hände dessen, der darüber entscheidet. Das war das Beglückendste.  


Um der Geschäftigkeit der Welt wenigstens etwas zu entkommen, eignet sich z. B. der Sonntag
hervorragend. Abschalten, erholen, besinnen.

Zu 5. Der Glaube kann in schwierigen Zeiten schon ein Notfall-Netz sein, das sehe ich auch so.
Aber es kann uns sicher nichts Besseres passieren, als unser Schicksal in die Hände dessen zu legen, von dem wir kommen und uns geliebt wissen.

@Marcella schreibt:
Ich persönlich setze mich immer öfter mit meiner Endlichkeit auseinander, und ich merke, dass mir das hilft, die Prioritäten immer wieder "nachzujustieren".


Finde ich auch - es geht ja darum, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, der Weg ist das Ziel!

Danke für eure Beiträge und einen fröhlichen Sonntag!
Dieses Erinnern ist keineswegs eine traurige Angelegenheit.
Oder DonnaToscana? Ganz im Gegenteil. -

Nur ich würde einen alten Ford Mustang fahren :D  


 
daphne, ja, der ist auch nicht schlecht,
aber ich würde den firebird vorziehen, stand auch vor einiger zeit vor der entscheidung .....roter firebird cabrio, oder nicht .........und dann war oder nicht .....denn dieses tiefe teil, und dann schonmal in den bergen, und bei schnee .....war dann oder nicht ...., da habe ich dann meine roten-cabrio-firebird-träume sterben lassen, und die vernunft hat gesiegt .......aber hat mir schwer leid getan ....und manchmal, so manchmal, hmmmmm, würde ich gerne diesen traum wieder aufleben und nicht nur traum sein lassen.
wichtig ? nein !
schön ? JA
Schönen guten Abend,

Ich stelle hier gerne einen Buchtitel ein

"Das tibetische Buch über das Leben und Sterben von "Sogyal Rimpoche."

Dieses Buch begleitet mich seit längerer Zeit und ich bin fasziniert welche Kraft
ich aus diesen Worten schöpfen konnte.

Michael
sterben .... das letzte loslassen im leben .....das loslassen von sich selber .....
Der verstorbene Kardinal König (99), der international sehr angesehen war, sagte einmal (sinngemäß), er denke jeden Tag einmal an den Tod. Das mache das Leben richtig wertvoll . . .

Heute, wo der Tod möglichst verdrängt wird, klingt das für Viele
entweder lächerlich oder man interpretiert es als ängstlich.


Meiner Ansicht nach weit gefehlt.
Der Tod ist doch ständiger Begleiter spätestens ab der Geburt eines Menschen, genau genommen sogar ab Zeugung. Das ist eine unabänderliche Tatsache.
Shekinah hat geschrieben: Der Tod ist doch ständiger Begleiter spätestens ab der Geburt eines Menschen, genau genommen sogar ab Zeugung. Das ist eine unabänderliche Tatsache.



Das klingt so traurig und endgültig, ich sehe den Tod immer als Alternstive zum hiesigen Leben denn der Tod ist nur eine Tür in die Anderswelt.
Fumaria1 da gebe ich dir Recht!

Besuche gerne Friedhöfe in den Bergdörfern und entdeckte diese
Grabinschrift: Der Tod ist nicht das Ende,
Nicht die Vergänglichkeit.
Der Tod ist nur die Wende,
Beginn der Ewigkeit.

Mir stellt sich die Frage nicht,wie kann man Sterben lernen...
Denke auch nicht oft über den Tod nach,sondern geniesse mein Leben!

Habe den 4 stündigen Sterbeprozess meiner Mutter begleitet,wo sie friedlich eingeschlafen ist,wo ich gerade mal 5 Min.das Zimmer verlassen hatte.
Da konnte sie loslassen.
So wünschte ich es mir auch....aber da lenkt noch jemand mit...
Fumaria, Tatsachen haben es an sich, das sie manchmal traurig daherkommen. Aber wenn der Tod der Begleiter ist, muss er ja nicht gleich sein eisiges Händchen um jedes Hälschen legen. Ganz im Gegenteil, wer sich bewusst ist, dass da ein paar Schritte hinter ihm ein Kapuzenmann mit einer Sense mitmarschiert, der lebt meist freudiger und bunter, als wer die ständige Anwesenheit dieser Gestalt verdrängt oder gar leugnet.
Doch, ich denke, man kann das Sterben lernen.
Ich habe in meinem Berufsleben so viele Menschen im Tod begleitet, habe erlebt, wie der Tod kommen kann, sanft oder als Erlösung.
Angst habe ich vor dem Tod selbst nicht mehr, nur davor,
hilflos auf die Gnade anderer angewiesen zu sein.

Ein schönes Märchen dazu von Janosch:
Der Tod und der Gänsehirt
https://www.youtube.com/watch?v=SKaCvvMZnTc