Die jüdische „Schoah“ hat mit der „Stoa“ lediglich den Wortklang gemeinsam, steht jedoch geistesgeschichtlich nicht in einem Kausalzusammenhang damit – auch nicht, wenn die meisten der von christlichen Rassisten in Deutschland verfolgten Juden ihr Schicksal notgedrungen stoisch über sich ergehen ließen, sofern sie nicht rechtzeitig nach Amerika flüchten konnten.

Ebenso ist es mit dem Begriff des „Spiritismus“, der genauso wenig mit „Spiritualität“ zu tun hat, wie „Spirituosen“ - obwohl Alkaloide, wie sie in Drogen und Alkohol vorkommen, die freie Assoziation schon so sehr fördern können, dass man vermeint, genau das zu erleben, was man immer befürchtet oder erhofft hat.

Echte „Spiritualität“ wird damit jedoch lediglich bei Jemandem gefördert, der bereits spirituell (sozial) denkt und dementsprechend auch gemeinnützig entscheidet und handelt, während der Joviale ansonsten weiterhin seinem Impuls folgt, ausschließlich denjenigen Menschen, die er liebt, spontan seine Gunst zu schenken, während der Zyniker Denjenigen, die er hasst, seine Gunst ebenso spontan verweigert.

Die blasierte Überheblichkeit des religiösen Mystikers hingegen ist nicht dazu geeignet, seinen Schülern die Augen für das Offensichtliche zu öffnen, wenn er behauptet, sie "seien noch nicht soweit, die höheren Weihen zu empfangen" – nur, um nicht zugeben zu müssen, dass ihm leider nicht nur die passenden Worte, sondern auch die Argumente dazu fehlen.

Grundsätzlich kann man jedoch sagen, dass es wesentlich mehr zwischen Himmel und Erde gibt, was man mit eindeutigen Begriffen beschreiben kann, als sich der Mystiker (wozu auch der christliche Gnostiker zählt) in seiner Verblendung während seiner überwältigenden Erleuchtungs-Erfahrung vorstellt.

Erst dann, wenn er es geschafft hat, aus diesem Zustand wieder zurück auf den Boden der Tatsachen zu gelangen, ohne dauerhaft überzuschnappen, ist er in der Lage – wie Gautama Buddha und viele Andere, die aus eigener Erfahrung wussten, wovon sie redeten, sodass sich das (gläubige) Nachplappern von überlieferten Weisheiten erübrigte – , selber zum Lebenslehrer (Guru), für seine Mitmenschen zu werden.

Was nun das Inspirieren (und nicht das Missionieren) betrifft, so sehe ich das ebenfalls als den Sinn meiner Tätigkeit hier an und freue mich, wenn man sich mit den filosofischen Themen auseinandersetzt, anstatt mit anwesenden lebenden oder abwesenden toten Personen, denn dafür ist es unerheblich, woher sie stammen und wer sie sind.

P.S. Buddha soll ja sogar den anwesenden Göttern das "Dharma" erklärt haben, welches der Lehre von der "Pflicht aus der Notwendigkeit heraus" entspricht, und keiner "Pflicht aufgrund von Willkür".
Laura_Maelle hat geschrieben:

Es war tatsächlich so, dass meine spirituellen Erfahrungen bereits vor meinem frühen Bibellesen begann, denn ich sah vieles voraus, was sich bewahrheitete, auch Wahrträume. Ich nahm Gott wahr, ohne dass ich einen Namen dazu wusste. Nur konnte ich mir nicht vorstellen, dass nur ich allein diese liebende Präsenz überall wahrnehmen konnte. Deshalb beschrieb ich meiner Mutter meine Eindrücke, Visionen und Wahrträume und sie sprach von Gott und gab mir die Bibel. Deshalb lernte ich schon im Vorschulalter das Lesen, denn ich suchte nach Antworten auf meine Wahrnehmungen. Das fand ich auch wirklich in der Bibel, die ja voller solcher Erlebnisse steckt.

Ich muss sagen, dass ich sehr liberal christliche aufwuchs. Meine ersten Religionslehrerinnen in Kindertagen waren zwei Frauen als Team, eine Jüdin und eine betagte Christin, zwei Frauen mit viel spirituellem Charisma. Ich lernte zwar später auch fundamentalistische dogmatische christliche Gemeinschaften kennen, wollte mich dort aber nicht langfristig einbinden lassen. War mir einfach zu dogmatisch und zu beengend. Außerdem bemerkte ich fehlerhafte Bibelauslegungen, gerade weil ich die Bibel gut kannte. Also wandte ich mich den jüdischen Wurzeln des Christentums zu, bis ich beim Stoizismus landete. Dort fühle mich jetzt angekommen, denn ich bevorzuge eine offene Religiosität ohne allzu viele Vorgaben durch Glaubensvorstellungen und Dogmen, aber das gilt für alle Religionen.

Ich könnte aber nie Atheistin sein, weil ich einfach zu viel selbst wahrgenommen habe von der spirituellen Ebene, auch in der Begleitung von Sterbenden.

Weiterhin schöne Adventstage! Derzeit ist gerade Chanukkah.
Laura Maelle


Sehr danke ich Dir, liebe Laura_Maelle, für Deinen sehr persönlichen Beitrag, und auch Dir, Filofaxi, danke ich, dass Du über Deine Sichtweise geschrieben hast!
Ich muss gestehen, dass ich den Eindruck habe, da kann ich nicht mithalten mit Euch beiden in jeder Hinsicht Hochbegabten, also begabt auch bezüglich der Tiefe der Spiritualität...
Ich bin einfacher strukturiert, glaube weder an Gott noch an ein Weiterleben nach dem Tode, also auch nicht an Karma und Reinkarnation, bin auch keine Agnostikerin, sondern überzeugt davon, dass es leider kein Weiterleben gibt...
Ich glaube auch nicht an die Möglichkeit vollkommener Erleuchtung, auch Gautama Buddha erlangte diese nicht, und trotzdem nehme ich jeden Morgen und Abend Zuflucht zu ihm vor meinen Buddha-Altar, und das Lesen im Visuddhi Magga beim Frühstücken ist eine meiner Glücksquellen...
Der Buddhismus hilft mir sehr, durch Meditation mich täglich innerlich zu reinigen, und mir des göttlichen Geschenks des heutigen Tages dankbar bewusst, zu werden, er stärkt meine Motivation, mich täglich darum zu bemühen, voranzuschreiten auf dem WEG der Weisheit und des Mitgefühls...

Ich denke, in Zukunft werde ich keine Beiträge mehr schreiben, mich aber als stille und dankbare Mitleserin inspirieren lassen durch das Lesen in diesem Thread!!

Werde nun "Chanukkha" googeln, hab halt viel weniger Wissen als Ihr, aber macht nichts, im Gegenteil, denn so kann ich dazulernen, das ist doch das Allerwichtigste für mich, wenn ich hier reinschaue. :D
Dankbarkeit zeigt sich nicht darin, dass man einfach nur „Danke“ murmelt, sondern darin, dass man seinem Gönner auch wirklich einen Dank für sein Geschenk erweist, was im Falle einer gemeinsamen Diskussion mit ihm die eigene Beteiligung daran bedeutet.

Die Flucht vor seiner Pflicht, welche man seinen Mitmenschen dafür schuldet, dass man Rechte bei ihnen genießen darf, hin zu einem selbstgeschnitzten Götzen, den man stattdessen um Hilfe bittet, die er Einem auch unentgeltlich gewährt, hat genauso wenig mit Spiritualität zu tun, wie wenn man sich für dessen angebliche Gunst, die ihm aber tatsächlich von einem echten Menschen erwiesen worden ist, mit einem billigen Opfer bedankt, während man seinem tatsächlichen Gönner den Dank schuldig bleibt.

Ebenso wenig spirituell orientiert ist der Misanthrop, der sich lieber einen Hund zulegt, mit dem er besser klar kommt, als mit seinen Mitmenschen, denen er nicht einfach die Nahrung verweigern kann, wenn sie ihm mal nicht gehorchen wollen.

Was nun die von Psychoanalytikern, wie Freud, als „Gotteswahn“ bezeichnete „Fixierung seiner eigenen narzisstischen Wünsche nach Allmacht“ auf ein allmächtiges „(Hirn-) Gespenst“ betrifft, so wird diese „Krankheit des Geistes“ von den zur theoretischen Abstraktion veranlagten Filosofen dadurch geheilt, indem sie argumentativ auf den Geist ihres Patienten einwirken, um ihm seinen Irrtum begreiflich zu machen, während die praxisorientierten Schamanen das eher im Sinne einer Verhaltenstherapie mittels von erlebbaren Ritualen bewerkstelligen.

So antwortete der toltekische Schamane Don Juan seinem Schüler Carlos Castaneda, der auf der „Suche nach der Liebe“ war, auf seine weltanschauliche Frage, wo denn „Gott“ sei, dass dieser sich im menschlichen Bewusstsein, welches wie ein dreidimensionales, leuchtendes Ei den physischen Körper umschließe, oben in der Mitte rechts befinde.

Wer dorthin seine Aufmerksamkeit richtet, den erfasst eine unendliche Ergriffenheit und er erlebt sich selber mit Allem, was existiert, so vereint, wie das bei jedem Mystiker bereits unwillkürlich geschieht - auch, ohne dass er dafür erst eine ehrfurchtgebietende Kathedrale zu besuchen braucht.

Dem Magier hingegen ist die Stille dort für die willentliche Konzentration auf das Objekt seiner Begierde natürlich nicht nur sehr förderlich, sondern auch unbedingt erforderlich, um nicht dabei gestört zu werden.

Ohne das esoterische Wissen jedoch, welches zu dem Bewusstsein führt, dass jegliche Erkenntnis auf der Einbildung beruht, welche dazu nötig ist, um sich ein möglichst abbildungsgleiches Bild von der Realität zu machen, merkt weder der Mystiker noch der Magier, wenn sein Bild falsch ist.

Damit geht der unkritische Mystiker intuitiv selber genauso in die Irre, wie jeder Verzweifelte, der in einer Lebenskrise sein Heil in einer fanatischen, machtgierigen Sekte sucht, und dort von falschen Propheten in die Irre geführt wird.

Das selbe gilt für jeden Hobbymagier, der versucht, seine Feinde lediglich damit zu besiegen, dass er Stricknadeln in ihr Konterfei sticht, ohne überhaupt einen echten, politischen Einfluss auf sie zu haben, weil er mit der unbeirrbaren Beabsichtigung eines Vorhabens alleine bei dem Betreffenden noch Garnichts bewirkt.
Überzeugungen sind keine Beweise.

Was weiß der winzige Mensch schon im Kontext des Kosmos. Ist er denn im Vergleich dazu nicht nur ein Einzeller? Was weiß schon die Ameise auf meinem Bein von mir als Mensch? Wie soll sie mich erkennen?

Es wundert mich immer wieder, wie selbstsicher sich Menschen geben in Sachverhalten, die ihnen nicht wirklich zugänglich sind. Was soll ich sagen, wenn jemand überzeugt ist: "Hinter dieser verschlossenen Tür gibt es NICHTS." Wie kann er das wissen, wenn er noch nicht durch diese Tür getreten ist?

Die ersten Atheisten waren überzeugt, dass NICHTS über der Wolkendecke existiere. Agnostizismus kann ich gut nachvollziehen, aber der Atheismus gibt sich selbst eine begrenzte Antwort, ohne nachzuschauen, und verwechselt vorübergehende, revidierbare und äußerst begrenzte Interpretationen der Realität mit der Realität selbst.

Allan Sandage, berühmter Astronom und zynischer Atheist, rückte letztlich auch von dieser Haltung ab angesichts der Ordnung des Kosmos. Seine eigenen authentischen Beobachtungen zum Kosmos waren ausschlaggebend und keine beliebigen Impulse, austauschbaren Theorien und "Meinungen der Vielen". Er kam zum gleichen Schluss wie Marc Aurel, der sich in seinen Selbstbetrachtungen wie folgt ausdrückt in VI.10:

"Entweder es ist alles ein Ergebnis des Zufalls, Verflechtung und Zerstreuung,
oder es gibt eine Einheit, eine Ordnung, eine Vorsehung.

Nehme ich das erstere an, wie kann ich wünschen,
in diesem planlosen Gemisch, in dieser allgemeinen Verwirrung zu bleiben?
Was könnte mir dann lieber sein, als so bald wie möglich Erde zu werden?
Denn die Auflösung wartete meiner, was ich auch anfinge.

Ist aber das andere, so bin ich mit Ehrfurcht erfüllt und heiteren Sinnes
und vertraue dem Herrscher des Alls."


Quelle: Gutenberg-Projekt.org

Schöne Weihnachtszeit!
Ich sage immer: Egal ob du an Gott glaubst, Gott glaubt an dich! :)
Lieben Gruß, Laura Maelle
:) :) :)
Überzeugungen gelten vor Gericht lediglich als Beweis dafür, dass ein glaubwürdiger Zeuge Etwas erlebt hat, was zur Aufklärung des Falles wichtig sein könnte, stellt jedoch noch keinen Beweis dafür da, dass es tatsächlich so stattgefunden hat.

Somit führt erst eine plausible Begründung des Tatherganges beim Richter zum richtigen Verständnis von Ursache und Folge, bzw. beim Schüler zum richtig verstandenen Prüfungswissen und später zum erfolgreich anwendbaren Wissen in der Praxis.

Dabei ist der Erfolg der Beweis dafür, dass das Wissen kein falsches, sondern ein richtiges ist, weil es mit der Realität übereinstimmt. Kennt er hingegen den Zusammenhang von Ursache und Folge nicht, bleibt sein Praktizieren ein reines Glücksspiel.

Was nun die Ameise auf einem menschlichen Bein denkt, kann man als Inhaber des Beines nur vermuten, solange man die Ameisensprache noch nicht versteht, und umgekehrt ist das natürlich genauso der Fall.

Der falschen Behauptung allerdings, dass sie überhaupt nicht dazu in der Lage sei, Etwas zu denken, kann man jedoch die jederzeit wiederholbare Beobachtung entgegensetzen, dass Ameisen ganz bewusst miteinander interagieren, um ihre Volk nicht nur vor Angreifern zu schützen, sondern sogar Angriffskriege mit anderen Ameisenvölkern führen, was ohne das dafür notwendige Wissen gar nicht möglich wäre.

Daraus lässt sich folgerichtig schließen, dass sie über ein hochkompliziertes Sozialsystem verfügen und somit viel mehr Ähnlichkeit mit Menschen haben, als es sich besonders die überheblichen Ignoranten unter ihnen vorzustellen bereit sind, indem sie meinen, sie seien die einzigen Wesen einer göttlichen Schöpfung mit einem sozialen Bewusstsein auf der Welt – so, wie es ihnen von ihren priesterlichen Gottessöhnen ex Cathedra verkündet wurde.

Atheisten hingegen sind keine Nihilisten, die meinen, Alles bestünde nur in ihrer Einbildung und sei dadurch bereits veränderbar, indem man es sich einfach so denkt, wie man es haben möchte, sondern sie setzen das Wohl des Menschen vor das Wohl irgendwelcher Götter, deren gegenwärtige, personale Existenz physisch gar nicht nachweisbar ist, sodass es sich dabei nur menschengemachte, geistige Entitäten (bzw. Hirngespinste von Menschen) handeln kann.

Was nun ein soziales Bewusstsein betrifft, so können das Atheisten und Theisten gleichermaßen haben, nur reden Erstere nicht von einem persönlichen Gruppengeist namens „Gott“, wenn sie das Gemeinschaftsinteresse (bzw. den Gemeinschaftsgeist) meinen, sondern höchstens von einem Menschen, der als Fürsprecher (Prophet) einer sozialen Gemeinschaft in deren Geiste (bzw. in deren Sinne) handelt, wenn er ihre Interessen gegenüber denen anderer Interessengemeinschaften im Plenum vertritt.

Diesem Weltbild liegt die Einteilung der Welt in einen körperlich-materiellen, einen seelisch-sozialen und einen geistig-weltanschaulichen Bereich zugrunde, worin ein Lebewesen, wie der Mensch, dazu in der Lage ist, physikalische Objekte zu verorten und sie zu bearbeiten, oder auch soziale Beziehungen richtig zu erkennen und sein Verhalten danach auszurichten, sowie sich ein sinnvolles Abbild von der Welt zu machen, wie es seinem Bedürfnis nach Orientierung in Zeit und Raum entspricht.

Dazu ist jedoch ein lebloser, physikalischer Gegenstand, eine soziale Beziehung oder eine geistige Idee selber nicht fähig, sodass es unsinnig ist, Etwas, das nur in der eigenen Vorstellung existiert, so zu behandeln, wie ein echtes Lebewesen.

Sozial wesentlich erfolgreicher wäre man hingegen, wenn man sich um die Lebenden kümmerte, anstatt um die toten Ahnen oder um einen vorgestellten, geistigen Schöpfer der Welt, dessen Wille noch mehr von den Zielsetzungen der Interpreten abhängt, wie der vom Menschen vorgestellte Wille einer immerhin nachweislich lebendigen Ameise.
Die ersten Atheisten waren überzeugt, dass NICHTS über der Wolkendecke existiere. "Das geozentrische Weltbild basierte auf der Annahme, dass die Erde und damit auch der Mensch im Universum eine zentrale Position einnehmen, so dass alle Himmelskörper (Mond, Sonne, die anderen Planeten und die Fixsterne) die Erde umkreisen. Das geozentrische Weltbild entspricht dem unmittelbaren Augenschein." Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Geozentrisches_Weltbild

Die damaligen Atheisten hätten es aber allesamt besser wissen müssen, wenn sie davon ausgehen, genau zu wissen, was existiert und was nicht. Die "Gläubigen" hatten wenigstens noch so viel Phantasie, sich mehr vorstellen zu können und es wie die Agnostiker nicht gleich zu verneinen, dass da noch mehr ist außerhalb dessen, was das menschliche Auge sehen kann. Von daher war z. B. ein Künstler, der sich ganze Welten von Galaxien vorstellte, der Realität näher als der Atheist zu der damaligen Zeit, der sich an das damalige beschränkte Weltbild hielt und nur das für möglich hielt, was seine Augen sehen konnten. Dasselbe gilt auch für heute. Es gibt noch vieles zu entdecken. Die heutige Wissenschaft wird später genauso altbacken erscheinen.

Die meisten, ob nun gläubig, agnostisch oder atheistisch, können den heutigen naturwissenschaftlichen Stand in ihr Weltbild integrieren, da die Naturwissenschaft sowieso nicht untersuchen kann, was außerhalb des naturwissenschaftlich Messbaren liegt, d. h. die Naturwissenschaft prüft nur einen Teilbereich der Realität und muss einen methodischen Atheismus anwenden, weil Gott in dieser Gleichung von vornherein nicht vorkommen darf, da die naturwissenschaftlichen Kriterien dafür fehlen und dies deshalb ausgeklammert wird. Es gibt Wissenschaftler und Wissenschaftsgläubige, welche diesen naturwissenschaftlichen Teilaspekt und damit ein vereinfachtes, einseitiges Modell der Wirklichkeit mit der tatsächlichen Realität verwechseln und deshalb allgemein einen Atheismus entwickeln.

An diesem Punkt, wo die Naturwissenschaft endet, tritt die persönliche, qualitative Erfahrung im Gegensatz zu quantitativ verwertbaren Modellen und Theorien über die Wirklichkeit. Sozial selbstverständliche und erwünschte qualitative innerseelische Erfahrungen wie z. B. Liebe, Empathie, Altruismus sind genauso wenig beweisbar wie spirituelle Grenzerfahrungen (Nahtoderlebnisse, paranormale Phänomene, Wahrnehmung einer transzendenten göttlichen Ebene). Trotzdem gehört dies alles zum menschlichen Wahrnehmungsrepertoire, dies in ähnlichen Mustern seit Menschengedenken, sodass die Frage erlaubt sein darf, ob es dazu vielleicht doch eine Urquelle gibt, wovon die Stoa spricht als LOGOS, womit sich die antiken Stoiker verbunden fühlten und worin sie sich meditativ vertieften.
Die Unbeirrbarkeit als das Kriterium, was das „Vermuten“ angeblich zum „Glauben“ macht, führt nicht zur gnostischen „Erkenntnis“ (gnoscere heißt „erkennen“ und nicht „glauben“), sondern lediglich zur fanatischen Anhängerschaft einer von einem Religionsgründer verkündeten Lehrmeinung.

Insofern ist die Gleichsetzung der Stoa mit der Gnosis genauso unpassend, wie mit dem spiritistischen Theismus – wenngleich das „stoische Ertragen der eigenen Ohnmacht durch Fatalismus“ durchaus mit der Vorstellung vereinbar ist, dass das eigene Schicksal von launischen, personalen Göttern bestimmt werde, gegen die zu kämpfen zwecklos ist, weil sie nun mal per definitionem stärker sind, als die Menschen.

Wenn man jedoch wissen will, was mit den Göttern geschehen ist, die früher mal den Sagen nach die Erde beherrscht und die ganze Menschheit versklavt haben, so bleiben nur zwei Möglichkeiten der Spekulation – nämlich, dass sie sich entweder gerade woanders aufhalten, sodass die Menschen sich selber überlassen sind, oder aber, dass die Götter sich mittlerweile nicht mehr als allmächtig darstellen können, weil ihnen de facto ihre bisherige Macht abhanden gekommen ist, und sie daher den Menschen gleichgestellt sind.

Wenn ihre Nachkommen jedoch weiterhin versuchen, sie mit einer Aura der Unerkennbarkeit zu versehen, indem sie ihre typischen Eigenschaften flugs zu einem einzigen Regionalgott verschmelzen, um dessen Wort als das angeblich einzig gültige verkünden zu können, müssen sie sich gefallen lassen, dass Diejenigen, die sich nicht davon täuschen lassen, sie nicht mehr ernst nehmen, und ihnen genauso die Gefolgschaft kündigen, wie unsere Vorfahren einst ihren alten Göttern auch.

Inwieweit nun der Mensch kraft seines Logos (Geistes) alleine über das Geschick seiner Mitmenschen bestimmt, oder ob es doch eher die Lebensumstände sind, durch die er jeweils zu Entscheidungen gezwungen wird, die er eigentlich gar nicht treffen will, und damit sogar am eigenen Schicksal wider Willen selber beteiligt ist, lässt sich im Einzelnen gar nicht immer genau sagen, aber da der Mensch ja nicht allein auf der Welt ist, muss beides bei der Ursachenforschung immer zusammen betrachtet werden.