Schade, dass sich so wenig Leute für solch ein Thema interessieren, aber vielleicht liegt es auch an der Fülle der jeweils in einem Beitrag zum Ausdruck gebrachten Aspekte dazu, die es schwierig macht, sich auf einige Wenige davon zu konzentrieren.

In dem recht gut strukturierten Video über die Entstehung des Lehre des Zenon ist von der bemalten Säulenhalle „Stoa Poikile“ die Rede, welche mich spontan an einen eigenen, früheren Spruch von mir in Sachen „Sinnstiftung“ erinnerte, nämlich: „Man muss eine Säule ins Chaos seines Lebens stellen, damit es für Einen selber einen Sinn bekommt, weil es sonst sinnlos wäre!“

Mittlerweile sehe ich das jedoch etwas anders, denn es spielt eigentlich keine Rolle, wodurch das eigene Leben für Einen selber oder für Andere einen Sinn bekommt, weil das sogar ohne das eigene Wollen geschieht - auch, wenn es vielleicht nicht der ist, den man seinem Leben vielleicht ursprünglich verleihen wollte - , sodass es lediglich drauf ankommt, richtig zu erkennen, für wen man welche Bedeutung hat, bzw. in welche Richtung man gerade geht, und warum das so ist.

Den „Logos“, als das „Prinzip von Ursache und Folge“, nennen Hindus und Buddhisten auch das „Karma“, welches jedoch keinen eigenen, (göttlichen) Willen hat, um die Gehorsamen zu belohnen und die Ungehorsamen zu bestrafen, sodass ihm die Ängstlichen folgen müssten und die Übermütigen ihm nicht zu folgen brauchten, um ihre Voraussetzung für das zukünftige Leben (Zukunft) zu verbessern oder zu verschlechtern, denn das geschieht erst durch das „Dharma“.

Das wiederum besteht im Praktizieren einer Vorgehensweise, welche sich folgerichtig aus dem Kausalzusammenhang zwischen dem ergibt, was man bewirken MUSS, um das zu erreichen, was man WILL, und nicht aus einer Anweisung, pflichtgemäß irgendwelche pauschal gültigen Regeln zu befolgen, um die Schicksalsgöttin gnädig zu stimmen, deren Willkür man auf Gedeih und Verderb hin ausgeliefert ist.

So ergibt sich für jeden Menschen ein ganz individuelles Schicksal (oder auf Chinesisch: „Tao“), dem er auch völlig willensunabhängig folgen muss, weil er nun mal der ist, der er geworden ist, und daher auch niemand Anderer sein kann.

Die immer gleichlautende Empfehlung nach jedem Wurf der Schachtelhalme beim Schafgabenorakel des I Ging: „Bleiben Sie auf Ihrem Weg!“ mutet sehr stoizistisch an, weil sie vor Allem dazu dient, das Gemüt zu beruhigen, wenn es darum geht, den Orakelspruch als eine Anregung hinzunehmen, über seine Probleme in Ruhe nachzudenken, anstatt als die Ankündigung eines unabwendbaren Schicksals.

Eine echte Alternative jedoch, seinen eigenen Lebensweg verlassen zu können, wenn er Einem nicht mehr gefällt, kann es gar nicht geben, weil Niemand aus seiner Haut heraus und auch nicht über sich selber hinauswachsen kann.

Daher gibt es auch insgesamt nur so viele Wege zur Glückseligkeit, wie es Menschen gibt, wobei jeder Einzelne seinen eigenen „Weg“ geht, den die Chinesen „Tao“, die Japaner „Do“ und die Inder „Yoga“ nennen, und der sowohl dessen „Werdegang“, als auch sein „Vergehen“ miteinschließt.
So fatalistisch oder determiniert sahen das aber die Stoiker nicht, die durchaus von einer Wahlfreiheit ausgingen. Das Schicksal bezieht sich bei den Stoikern auf den Kausalitätsbegriff von Ursache und Wirkung, unterteilt in vorstellungsauslösende und dadurch den Anstoß zur Handlung gebende externe Ursachen oder Wirkung hervorbringende interne Ursachen, basierend auf der Wahlfreiheit des Menschen, wie er auf die Vorstellung reagiert, ob er den Anstoß zur Handlung umsetzt oder zurückweist.

Auch die heutige Naturwissenschaft sieht den Menschen nicht gleich so stark determiniert, dass er nicht einmal einen Weg finden kann, über den eigenen Schatten hinauszuwachsen. Sonst gäbe es wohl keine Motivations- und Kognitionspsychologie, wenn dem so wäre. Auch die Gehirnforschung weiß, wie flexibel sich das Gehirn bis ins Alter organisiert und umbaut und auch die Biologie sieht eine ausreichend große genetische Vielfalt, damit man nicht zwingend davon ausgehen muss, ein Klon der Eltern zu werden. Das meiste wird ja eh erworben und nicht geerbt.
Das Prinzip des Logos der zeitlich bedingten Ursache und Folge rangiert leider vor dem der menschlichen Absicht und der vom Menschen beabsichtigten Wirkung seiner Taten.

Das bedeutet, dass der Größenwahnsinnige, der sich so mächtig wähnt, um alleine über sein Leben bestimmen zu können, deswegen noch lange nicht so mächtig IST, sondern sich lediglich im Irrtum darüber befindet, denn wenn dem tatsächlich so wäre, würde nichts Anderes geschehen, als das, was er will, was ganz offensichtlich ja nicht der Fall ist.

Selbst das Vorhaben, sich nicht von Schicksalschlägen, die man nicht vermeiden kann, erschüttern zu lassen, indem man sich mit irgendeiner dümmlichen Ideologie betäubt, wie die der Existenz eines Gottes, der Einen davor bewahrt, wenn man ihm nur genügend huldigt, ist zum Scheitern verurteilt, wenn man dafür ein Magengeschwür aus lauter stoisch unterdrücktem Ärger über seine eigene Machtlosigkeit in Kauf nehmen muss.
Das Wort "stoisch" verwechseln viele mit alexithymer Gefühllosigkeit, aber der Stoizismus hat wirklich nur mit Achtsamkeit und Gemütsruhe sowie Herzenswärme und Freundlichkeit zu tun. Ziel ist ja die Weisheit und Tugend.

Das wird alles in den Links beschrieben, die ich mitgegeben habe. Ich merke immer wieder, dass sich nur wenige richtig da hineinversetzen können. Das fäll mir leichter, weil ich schon immer viel gelesen habe und auch viele Bezüge kenne, z. B. las ich auch schon von Kind an die Bibel und nahm mir später viele andere Fachbereiche vor, auch die Psychologie.

Das Hauptproblem des fehlenden Verstehens liegt an den eigenen Vorurteilen. Aber wie der Stoizismus immer wieder betont: Das sind nur die Meinungen der Vielen. Es einfach mal aufgeben, ständig das Eigene da hineinzuprojizieren, könnte helfen, zu verstehen, worum es im Stoizismus wirklich geht.
Sich nicht um kritische Stimmen zu scheren, ist auch heute noch ein politisch sehr bewährtes Mittel, um nicht von seinen eigenen Vorstellungen abrücken zu müssen, sondern diese stur und unbeirrbar auch gegen den Willen Anderer in die Tat umzusetzen zu können.

Da eine Lehre jedoch immer auf einem Missstand beruht, den es damit zu beheben gilt, hat sie auch eine bestimmte Zielrichtung und kann demnach keine Sache der Beliebigkeit sein, wie ein Epikuräertum, was angeblich gar nicht hedonistisch ist, oder ein Stoizismus, welcher gar nicht mehr auf dem Asketentum beruht, und damit wie eine Leerformel für jegliche populistischen Zwecke missbraucht werden kann.

Als Speerspitze gegen den "allgemeinen Verfall der guten Sitten" muss ein Aufruf zur freiwilligen Askese bei den Wohlhabenden allerdings wirkungslos bleiben, sodass sie bestenfalls als scheinheilige Stillhalte-Ideologie für Diejenigen taugt, die sich eine ausschweifende Lebensweise gar nicht leisten können.

Was nun den Prozess der Betäubung betrifft, der bis zu dem Punkt hinreicht, wo Einen nichts mehr aus der Seelenruhe bringen kann, so kann man den auch ohne Askese erreichen, indem man sich mit all den kostspieligen Genüssen ins Nirwana katapultiert, die man sich als heutiger Wohlstandsbürger zu leisten vermag.

Das bereitet dem modernen Hedonisten zudem noch viel mehr Vergnügen, als eine künstlich initiierte, lebenslange Saure-Gurken-Zeit, wobei es vielleicht doch eine Sache des jeweiligen Temperamentes, ist, welche Betäubungsmethode wer dabei favorisiert.
Schon aus rein gefühlsökonomischen, selbstregulativen und damit gesundheitlichen Gründen macht die Achtsamkeit des Stoizismus Sinn, weil man dadurch intuitiv und rational bessere Entscheidungen trifft, die einem dienlich sind. Die Philosophie des Stoizismus ist auch in seiner intrinsischen Werkimmanenz eigenständig und plausibel und braucht keine extrinsischen Sittenwächter. Deshalb ist der Stoizismus heute wieder im Trend und wird gerade im Coaching-Bereich wie vordem in der Kognitionspsychologie selbstoptimierend eingesetzt.

Ich persönlich profitiere dabei auch im spirituellen Bereich, aber das wird ein reiner Materialist wohl kaum nachvollziehen können. Oder erst am Sterbebett, wenn man womöglich auch mal über die eigene Innenwelt nachdenkt. Mir persönlich hat das materialistische und atheistische Denken nie etwas gebracht.

Um den Stoizismus zu verstehen, braucht es die Bereitschaft, geistige Werte anzuerkennen und über rein materialistische Bedürfnisse zu stellen. Ich lebe schon länger minimalistisch und halte damit meinen ökologischen Fußabdruck klein. Es macht auch Spaß, nicht vom Besitz besessen zu sein sondern sein Glück davon unabhängig zu machen. Genau davon handelt der Stoizismus.
Laura_Maelle hat geschrieben: So fatalistisch oder determiniert sahen das aber die Stoiker nicht, die durchaus von einer Wahlfreiheit ausgingen. Das Schicksal bezieht sich bei den Stoikern auf den Kausalitätsbegriff von Ursache und Wirkung, unterteilt in vorstellungsauslösende und dadurch den Anstoß zur Handlung gebende externe Ursachen oder Wirkung hervorbringende interne Ursachen, basierend auf der Wahlfreiheit des Menschen, wie er auf die Vorstellung reagiert, ob er den Anstoß zur Handlung umsetzt oder zurückweist.

Auch die heutige Naturwissenschaft sieht den Menschen nicht gleich so stark determiniert, dass er nicht einmal einen Weg finden kann, über den eigenen Schatten hinauszuwachsen. Sonst gäbe es wohl keine Motivations- und Kognitionspsychologie, wenn dem so wäre. Auch die Gehirnforschung weiß, wie flexibel sich das Gehirn bis ins Alter organisiert und umbaut und auch die Biologie sieht eine ausreichend große genetische Vielfalt, damit man nicht zwingend davon ausgehen muss, ein Klon der Eltern zu werden. Das meiste wird ja eh erworben und nicht geerbt.


Ja, so sehe ich das auch, Laura-Maelle.
Im Buddhismus spielen Achtsamkeit, Gemütsruhe, sowie Herzenswärme und Freundlichkeit eine zentrale Rolle.
Wegen Altersbeschwerden neige ich leider zum Klagen, immer wieder ertappe ich mich dabei.
Arbeite täglich an mir selbst, um trotzdem das Heute als kostbares, göttliches Geschenk würdigen zu können, es trotz aller Beschwerden bewusst und dankbar zu genießen, und jede Begegnung mit anderen dafür zu nutzen, Freundlichkeit und Herzenswärme zu zeigen, auf diese Weise also das LEBEN zu fördern...
Ja, genau das empfehlen auch die Stoiker, liebe Migranda. :)
Der Philosophenkaiser Marc Aurel war ja auch chronisch krank, er konnte deswegen kaum etwas essen. Die Philosophie des Stoizismus hat ihn gestärkt, wie er in seinen Selbstbetrachtungen anschaulich erklärt. Er konnte dadurch über die täglichen Schmerzen hinausgewachsen, sonst hätte er die harten Anforderungen an der Front nicht überstanden.
Da wir nicht nur von den Lebensumständen abhängig sind, in denen wir uns gegenwärtig befinden, sondern auch von den Voraussetzungen, die wir selber aus der Vergangenheit mitbringen, gibt es keine Freiheit davon, sondern es kann höchstens eine Freiheit von Fremdherrschaft geben, die es sich auf stoische Weise zu erringen lohnt, und die damit auch jegliches Vormachtstreben als Lebensziel rechtfertigt, denn ein Feind ist nur dann zu besiegen, wenn man mehr Macht hat, als er.

Das war auch das Anliegen von Gautama Buddha, den man vielleicht als ersten Stoiker betrachten könnte, der sich vor Allem erfolgreich von der geistigen Vorherrschaft der Hindupriester befreite, indem er seine eigene Religion gründete, und nicht – wie er behauptete – vom Rad des Karma, was geistig genauso wenig möglich ist, wie physikalisch über den eigenen Schatten zu springen.

Das spiritistische (geisterhafte) Anliegen, sich als Fakir oder als "christlich-islamischer Märtyrer für ein gute Sache" von seinem eigenen Körper zu befreien, um die geistige Macht über seinen eigenen Körper unter Beweis zu stellen - in der irrigen Meinung, man sei eh nur zu Besuch hier auf der Welt, um eine Strafe für Fehlverhalten abzusitzen, bis man als körperloses Gespenst nach dem Tode wieder ins himmlische (ideale) Paradies kommt, wo man eigentlich hingehört - , passt nur deshalb auch zum Stoizismus, weil der eine Leerformel in Hinsicht auf spirituelle (geistige) Dinge darstellt, die von Jedermann für die eigenen Zwecke mit Sinn gefüllt werden kann.

Ähnlich ist es auch im Buddhismus, bei dem es zwar explizit keine Götter gibt, sodass man ihn schon fast als humanistisch betrachten könnte, aber dennoch wimmelt es in der Praxis nur so von Hindugöttern, welche man als buddhistischer Spiritist täglich mit symbolischen Opfern dazu zu nötigen versucht, Einem gewogen zu sein.

Diese Rituale werden ebenso in den monotheistischen Kulturräumen praktiziert, wo die Priester bis heute noch die geistige Autorität für sich alleine beanspruchen, und sich als "advocati diaboli" für ihre angebliche Vermittlung zwischen den ungehorsamen Anhängern einer theistischen Ideologie und ihrem erzürnten Herrn, den es nur in ihrem selbsterfundenen, geistigen Himmel gibt, auf ganz materialistische Weise bezahlen lassen, um Letzteren wieder gnädig zu stimmen.

Da ist allerdings von karitativer Gnade und Barmherzigkeit, wie es heute jedem Menschen in einem modernen Sozialstaat gesetzlich zugesichert wird – auch ohne extra einem allmächtigen Herrn dafür huldigen zu müssen – nichts zu spüren, sodass es wohl erst einer gesonderten Gottheit bedarf, die als ein Symbol für die Tugend der „Güte“ herhält, und welcher sich nur Derjenige freiwillig zu dienen verpflichtet, dem das Gemeinwohl ebenso wichtig ist, wie das eigene – nämlich: ein echter Sozialist.

Nun wurden diese moralischen Werte - die es im Hinduismus sogar schon vor Buddha gab - bereits vor fast 2000 Jahren zu den Kardinaltugenden des Christentums erklärt, was besonders unter den von den Römern versklavten Völkern Verbreitung fand, sodass es so lange als politische Befreiungsideologie gehandelt wurde, bis man es geschickterweise in Rom zur Staatsreligion erklärte, wo der Papst als Stellvertreter des Christengottes auf Erden damit ein mindestens ebenso einflussreiches Amt bekleidete, wie der Kaiser selber.

Als langer Rede kurzem Sinn will ich damit sagen, dass weder das Götzentum noch das kaiserliche Allmachtstreben im Widerspruch zum Stoizismus stehen, der eben keineswegs eine ethische Vorlage für moralisch gutes, und damit gemeinnütziges Handeln ist, wie in den vielen Beschreibungen dargestellt, sondern alleine dem eigenen Wohle dient, sofern man nur über die nötige Macht eines Kaiser Aurels verfügt, um sich auf stoische Weise notfalls auch mit Gewalt gegen seine Mitmenschen durchsetzen zu können, und sich dann auf deren Kosten ein schönes Leben zu machen, was Denen, die besonders an ihrer geringeren Machtfülle leiden, leider nicht vergönnt ist.
Es gibt auch stoische Vorläufer im Judentum, z. B. König Salomo Man müsste sich nur korrekt historisch informieren. Dann wären solche fantastischen Verquickungen mit linkssozialistischen Vorstellungen auch nicht nötig. :D
Stoiker Seneca war damals der reichste Mensch der damaligen bekannten Welt. Er benutze seine Position in den fünf Jahren als Vormund des späteren Kaisers Nero skrupellos, um diesen Reichtum zu erbeuten und weiter zu vermehren. Keine Schliche und keine Niedertracht waren ihm dabei fremd.
Doch, das muss ich sagen, er starb ordnungsgemäß als Stoiker: Selbstmord in der Badewanne unter Freunden. Nero hatte diesen Tod befohlen, er hatte genug von der Raffsucht Senecas.

Felix
Dafür dass Seneca Suizid begehen MUSSTE und ihm keine Wahl blieb, hat er jedenfalls einen guten stoischen Abgang hingelegt, was darauf hinweist, dass er den Stoizismus nicht nur rhetorisch tradierte (oder instrumentalisierte, wie manche ihm vorwarfen), sondern diesen auch selbst praktizierte, auch wenn er keinen strengen Stoizismus favorisierte sondern den Epikureern stark zugeneigt war. Die Quellenlage ist dürftig, es gibt auch sehr positive historische Quellenaussagen über ihn, er soll danach viel Gutes bewirkt haben für die Unterschicht und die Sklaven und Christen, gerade was das Recht anbelangt.

Die Lehre des Stoizismus lässt sich nicht an Einzelpersonen festmachen, es handelt sich um eine Lebensphilosophie, die über Jahrhunderte fortdauernde und in der breiten Bevölkerung ausgelebt wurde, vor allem im römischen Reich, dies mit Signalwirkung für die Moderne.
Seinen unvermeidlichen Untergang noch als heldenhaften Sieg darzustellen, indem man wenigstens erhobenen Hauptes untergeht - nur, um wenigsten noch den Anschein von Ehrwürde aufrechtzuerhalten - ist wohl eher der Gipfel der Eitelkeit und keineswegs das Produkt einer lobenswerten, freien Willensentscheidung zur vorbildlichen Lebensführung.

Ähnlich ist es mit den martialischen Durchhalteparolen für Jungens, die gerne den heldenhaften Indianer spielen, der angeblich keinen Schmerz kennt, sodass sie es sich mit aller Gewalt verkneifen, dem tatsächlich vorhandenen Schmerz beim Skalpiert-Werden durch Schmerzensschreie Ausdruck zu verleihen, was noch die einzige Möglichkeit wäre, sich vom Druck der damit verbundenen Affekte wirksam zu befreien.

Dieser unsinnige Heldenkodex führt ja soweit, dass sich auch die islamische Heldin lieber stillschweigend vergewaltigen lässt, ohne nach Hilfe zu rufen – nur, um dem zweifelhaften Ansehen der Familie in der Öffentlichkeit nicht zu schaden, womit gleichzeitig auch ihr eigenes Ansehen als Heldin innerhalb der Familie leiden würde.

In einer Gesellschaft, in der das schicksalhaft erlittene Leid jedoch als „selbstverursachte Strafe für den Ungehorsam gegen irgendwelche Herrscher“ betrachtet wird, gibt es weder ein Bemühen um Verständnis für fremdes Leiden, noch die Bereitschaft, an seiner Linderung mitzuwirken, sondern höchstens die zynische Verachtung des Schadenfrohen, welche es dem Leidenden nur noch schwerer macht, sein Schicksal stoisch zu ertragen, denn wer den Schaden hat, braucht bekanntlich für den Spott seiner vormaligen Neider nicht mehr zu sorgen.

Ansonsten bleibt ihm sowieso nichts Anderes übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen, wenn er es nicht verhindern kann, denn der heroische Märtyrertod, mit dem er am Ende noch beweisen will, dass er stärker ist, als der Tod persönlich, indem er ihm die Entscheidung über den Zeitpunkt unmöglich macht, verhindert ebenso die Freude über seinen Sieg, wie der natürliche Tod die Trauer über seine Niederlage verhindert, wenns ihn selber danach gar nicht mehr gibt.

Insofern ist es zur vernünftigen Lebensgestaltung gar nicht erforderlich, besonders asketisch oder lustbetont zu leben, sondern es reicht völlig, das zu tun und zu lassen, was Einem unter den jeweiligen Umständen sowieso nicht anders übrig bleibt, und - nachdem man das getan oder nicht getan hat - das offensichtlich Unmögliche unmöglich bleiben zu lassen.

Denn - wie schon der Filosofenkönig Kohelet im biblischen Buch der Prediger ganz zutreffend feststellte - aufgrund der zeitlichen Aufeinanderfolge von Ursache und Folge hat „ein Jegliches seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;
pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;
herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;
suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;
behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;
zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit;
schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;
lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;
Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit!“
Ich finde es für die Nachwelt durchaus sinnvoll, wenn Beispiele wie Seneca das Recht des Individuums auf ein selbstbestimmtes, würdiges Sterben hochhalten. Das hilft auch heute noch Sterbehilfe-Organisationen in der Schweiz, was ich sehr tröstlich finde. Ich bin zwar ein sehr lebensfreudiger Mensch und würde diesen Weg nur ungern gehen, aber ich finde schon, dass es diese Möglichkeit geben muss. Und Seneca hat dies durch seinen Einfluss bis in die Neuzeit begünstigt, weil der Stoizismus im Schoße des Christentums überlebte und deshalb diese vom Christentum abweichende Sichtweise auch erhalten blieb.

Überhaupt hat der Stoizismus die Grundlagen gelegt für das heutige naturwissenschaftliche Weltbild, Seneca hat sehr viel dazu beitragen, gerade im römischen Rechtswesen. Seneca hatte seine Rechte voll genutzt, wie wir das für uns ja auch beanspruchen. Ihm vorzuwerfen, zu der damaligen mörderischen Zeit taktisch überleben zu wollen zugunsten seines rechtsphilosophischen und stoischen Anliegens, zeigt das fehlende Wissen über die damaligen Verhältnisse und den Stoizismus, dem es durchaus um Veränderung der politischen Verhältnisse ging.

Warum wirfst Du eigentlich Jesus Christus nicht vor, derart selbstdarstellerisch und überhöht am Kreuz gestorben zu sein? :D

Was hast Du denn überhaupt für eine Ahnung, wie es vergewaltigten Frauen ergeht? Hast Du das irgendwie zu richten? :!:

Ein selbstbestimmter Mensch kann also angeblich nur niederträchtig sein, sogar in seinem Sterben. Denn was erlaubt er sich, stoisch sterben zu wollen, seinem Sterben einen Sinn geben zu wollen, auf eine Weise zu sterben, die Dir nicht genehm ist?

Zum Glück denke ich da ganz anders. Meine Mutter durfte in einer Bergklinik sterben, mit direktem Blick auf den Berggipfel. Wir haben sie als Familie alle besucht. Sie starb nicht allein. Wir haben ihr Sterben und Hinübergehen in die geistige Welt in Würde erlebt. Auch meine Mutter starb stoisch und in Würde, was nichts mit Gefühllosigkeit zu tun hat. Sie war jedoch sehr weise in ihrem Wesen und bereit für den Übergang. Wenn jemand die Wahl hat, die Art und Weise des Sterbens beeinflussen zu können, ist es doch nachvollziehbar, in Würde sterben zu wollen, denn warum sollte das Leben und Sterben würdelos geschehen.

Der Stoizismus wäre Dir eine Hilfe, wenn Du es schaffen könntest, Dein Gedankenkarussell zu stoppen und einfach mal achtsam in die eigene intuitive Mitte zu kommen. Ich sehe Deine bitteren Beiträge geradezu als verzweifelten Hilfeschrei eines Suchenden, der im Außen sucht statt im Inneren. Genau darüber klärt der Stoizismus auf und weist ins eigene Innere. Ich kann Dir nur raten, mal innezuhalten, um das Wesen des antiken Stoizismus zu verstehen. Es wäre gar nicht so schwierig, wenn Du es mit dem Herzen zu verstehen versuchst.
Eine ziemlich verquere Vorstellung von Würde, die da bei Christen grassiert, wenn man sich selber nicht umbringen darf, weil man sonst seiner Würde verlustig geht, und nach seinem Tod zur Strafe für seinen Ungehorsam in die Hölle des Teufels geschickt wird, anstatt zum Lohn für sein gehorsames Durchhalten ins Paradies des Christengottes zu gelangen

Was nun das Versagen des Weisheitslehrer Jesus von Nazareth betrifft, der vom Teufel in der Wüste versucht wurde und die dritte Prüfung nicht bestand - nämlich dem eitlen „Gieren nach Geltung auch noch über seinen Tod hinaus“ - , so wird dieser blamable Umstand gerne verschwiegen, wenn es darum geht, ihn als heldenhaften Märtyrer zu feiern, der angeblich freiwillig das Leiden am Kreuze auf sich nahm, was ihm die wütende jüdische Priesterschaft (und nicht sein himmlischer Vater) aus gekränkter Eitelkeit auferlegt hatte, weil er ihre Bigotterie zu kritisieren gewagt hatte, sodass er am Ende ja gar keine andere Wahl hatte, als in den sauren Apfel zu beißen.

Ansonsten kann man sagen, dass seine Rechnung schon aufging, nachdem man ihn nach vorzeitiger Bestattung in der Gruft eines wohlhabenden Gönners wiederbelebt hatte, sodass er auch den lebenden Beweis dafür antreten konnte, dass er von den Scheintoten wiederauferstanden war, um anschließend als Missionar nach Nordindien auszuwandern.

Dort verkündete er - genauso, wie sein kritischer (und nicht etwa "ungläubiger") Apostel Thomas -, seine christliche Lehre von „Gnade und Barmherzigkeit“, welche deshalb zum festen Bestandteil der hinduistischen Lehre wurde, weil man damit das schlechte Karma abtragen konnte, was man bei Anderen bewirkt hatte - und nicht etwa das eigene - , und starb schließlich hochbetagt eines ganz natürlichen Todes in der Nähe von Srinagar, wo man heute noch sein Grab besichtigen kann.

Was nun meine eigene Person betrifft, die hier nicht das Gesprächsthema ist, so werfe ich schon Niemandem irgend ein Versäumnis vor, wenn er sich mir gegenüber zu Garnichts verpflichtet hat, und es wäre auch anmaßend von mir, von Jemandem diese Pflicht gegenüber der Gemeinschaft zu fordern, wo ich gar nicht dazu berechtigt bin.

Ebensowenig richte ich auch deshalb über Niemanden, weil ich kein Richter bin, sondern diskutiere hier lediglich antithetisch über das Für und Wider unterschiedlicher Weltbilder, um diese von ihrem falschen Mythos zu befreien, mit dem sich vor allem ihre scheinheiligen Missionare selber eine Geltung zu verschaffen suchen, welche deren tatsächlichen Verdiensten gar nicht entspricht.

Zum Thema Menschenwürde und Menschenrechte gibt es hier jedoch noch einen anderen thread, wobei das Recht, sich selber umzubringen, um als Held zu sterben, leider nicht zu den allgemeinen Menschenrechten gehört, welche man auch in Anspruch nehmen darf, ohne sich dessen würdig erwiesen zu haben.

Mein sozialistisches Engagement für die Leidenden hingegen entspringt durchaus keiner Verbitterung, sondern eher einem Verständnis für deren Lage, und der ethischen Vorstellung von einer sozial ausgleichenden Gerechtigkeit, die mir persönlich kulturell von höherem Wert zu sein scheint, als eine gleichmäßig verteilende, bei der die Starken den Schwachen gegenüber begünstigt werden.