Schuldgefühle und ihre Funktion im Suchtgeschehen

Die Schuldgefühle des Abhängigkeitskranken sind krankheitsbedingt; sie sind also Folgen oder Symptome der Krankheit. Ähnlich etwa dem Fieber bei Infektionskrankheiten sind die Schuldgefühle Phänomene, die eine bereits in Gang gekommene Abhängigkeit von einem Suchtmittel kennzeichnen. Immer erlebt der Abhängige nicht die Abhängigkeit selbst im Vordergrund, sondern z. B. den Alkoholmissbrauch, dem er seine ganze Kraft und Willensanstrengung entgegenstellt. In den Schuldgefühlen spürt er deren Auswirkungen und deutet jedes Versagen im nicht mehr kontrollierbaren Umgang mit Alkohol als persönliches Scheitern, als selbstverschuldete Tragödie und Katastrophe.

Alkoholismus jedoch – und das ist gerade die Katastrophe oder Tragödie – verhindert ein Zustandekommen von objektiv anklagbarer echter Schuld. Und obschon das so ist, wird der alkoholkranke Mensch von zermürbenden Schuldgefühlen geplagt, die auf seine Trinkart sowie auf allen Geschehnissen und Folgen basieren, die damit direkt oder indirekt zusammenhängen: alkoholbedingte psychische und physische Defekte und Defizite, Störungen des Familienlebens, Berufsprobleme, soziale Schwierigkeiten aller Art, selbst Unwertgefühle sowie Verfallserscheinungen des eigenen Normen- und Wertegebäudes. Dennoch weisen diese symptomatischen Schuldgefühle als Phänomene einer bereits bestehenden Alkoholabhängigkeit paradoxerweise darauf hin, dass gerade keine Schuld vorliegt, sondern Abhängigkeit.

Die Frage, die sich stellt, ist die nach der Berechtigung und Funktion solcher Schuldgefühle im Krankheitsverlauf. Warum fühlt der alkoholkranke Mensch sich schuldig? Müsste die Erkenntnis, auf Grund seiner Krankheit objektiv ja nicht frei und verantwortlich, schuldhaft handeln zu können und sich entscheiden zu können, ihn nicht ungemein beruhigen und entlasten? Warum empfin- det der Alkoholiker eine solche Aufklärung über seine reale Situation meist als „billig“ und nicht als hilfreiche Geste? Warum setzt er sich dagegen häufig so massiv zur Wehr?

Es scheint zutreffend zu sein, dass dem Menschen die Akzeptanz einer noch so schweren tatsächlichen Schuld leichter zu fallen scheint, als sich als abhängig und damit eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr schuldfähig zu akzeptieren. Im Innersten spürt er, dass er in der Schuld – und sei sie noch so groß – immer noch der sich frei entscheidend Handelnde ist. Er kann für das, was er angerichtet hat, gerade stehen und hängt nicht an einem toten Ding, das ihn beherrscht.

Die Abhängigkeit von einem Suchtmittel zu erkennen, anzunehmen und schließlich die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen – z. B. eine Therapie zu beginnen oder eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen –, bedeutet den Verzicht auf jegliches maskenhafte Verhalten, die Aufgabe des Kampfes, der Stärkere sein zu wollen, die Kapitulation vor dem Suchtmittel, das sich in völliger Umkehrung der natürlichen Ordnung als stärker erwiesen hat. Geradezu unbewusst, instinkthaft und intuitiv wehrt der Mensch sich gegen die Vorstellung, suchtmittelabhängig – geworden – zu sein.