Ich konnte sie nirgendwo im Forum finden, deshalb mach ich hier ein neues Fenster auf
und fange gleich mal an mit einem, das sich nicht reimt, aber das stört nicht:
Ich finde es wunderschön:

Josef Beuys - Lass dich fallen

Lass dich fallen.
Lerne Schlangen zu beobachten,
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die "Ja" sagen
und verteile sie überall
in Deinem Haus.
Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue dich auf träume.
Weine bei Kinofilmen,
schaukle. so hoch Du kannst
mit Deiner Schaukel bei Mondlicht.
Pflege verschiedene Stimmungen,
verweigere "verantwortlich zu sein",
tu es aus Liebe.
Glaube an Zauberei, lache eine menge.
Bade im Mondschein.
Träume wilde, phantasievolle Träume.
Zeichne auf die Wände.
Lies jeden Tag.
Stell Dir vor, du wärst verzaubert.
Kichere mit Kindern. Höre alten Leuten zu.
Spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in Dir, du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken, werde nass, umarme Bäume,
schreibe Liebesbriefe.
Das kannte ich noch nicht - es ist wundervoll. Danke!
Mein Lieblingsgedicht stammt von Gottfried Benn:


Welle der Nacht

Welle der Nacht ~ Meerwidder und Delphine
mit Hyakinthos leichtbewegter Last,
die Lorbeerrosen und die Travertine
wehn um den leeren istrischen Palast,

Welle der Nacht ~ zwei Muscheln miterkoren,
die Fluten strömen sie, die Felsen her,
dann Diadem und Purpur mitverloren,
die weiße Perle rollt zurück ins Meer.


*
Vor dir schein ich aufgewacht

Vor dir schein ich aufgewacht,
und ich küsse dich am Halse,
und du, ohne Lid zu heben,

legst den Arm um mich, und sacht,
wie nach einer Chopin-Valse,
meinst du mit mir hinzuschweben ...

Christian Morgenstern
eines meiner liebsten Gedichte:

Aber du kamst nie mit dem Abend –
Ich saß im Sternenmantel
.... wenn es an mein Haus pochte,
war es mein eigenes Herz.
Das hängt an jedem Türpfosten –
Auch an deiner Tür,
zwischen Farnen verlöschende
Feuerrose im Bann der Guirlande.
Ich färbte den Himmel brombeer
Mit meinem Herzblut.
Aber du kamst nie mit dem Abend
(Ich stand in goldenen Schuhen).

Else Lasker-Schüler

lbGr
Sonst nichts

Ganz still in deinen Armen sein
sonst nichts
beglückt dich anseh'n, dich allein
sonst nichts
aus deinen dunklen Augen trinken
sonst nichts
in Seligkeit mit dir versinken
sonst nichts

Helen Konstantin
Ein kleines Lied

Ein kleines Lied! Wie geht's nur an,
Daß man so lieb es haben kann,
Was liegt darin? erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
Ein wenig Wohllaut und Gesang
Und eine ganze Seele.


Marie von Ebner-Eschenbach
Hier ein für mich wunderschönes Gedicht ,welches mir eine Frau überreichte, die ich bis zu ihrem Tode begleiten durfte:

Bitte

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut.

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe.
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.

Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

> Hilde Domin <
Dieses Gedicht von MANFRED KYBER bewegt mich zur Zeit am meisten:

Immer wieder und wieder
steigst du hernieder
in der Erde wechselnden Schoss,
bis du gelernt im Licht zu lesen,
dass Leben und Sterben eines gewesen
und alle Zeiten zeitlos.
Bis sich die mühsame Kette der Dinge
zum immer ruhenden Ringe
in dir sich reiht ---
in deinem Willen ist Weltenwille,
Stille ist in dir --- Stille ---
und Ewigkeit.
Bild
Sorry, Tango, das kann man nicht lesen, ich jedenfalls nicht. Wie Schade.
Jens Peter Jacobsen

Landschaften
Hörst du Geliebte, das Rinnen,
Wir sind in fremder Gewalt,
Es schläft ein Gesang hier drinnen
Im nächtlich schlummerndem Wald.

Ruhig sind Winde und Wellen,
Stumm ist der Singvögel Mund,
Schweigend verrinnen die Quellen
über den moosigen Grund.

Mondstrahlen spielen in Zweigen,
Spinnen vom Baum sich zu Baum.
Und wo die Wege sich zeigen,
Schlummert ein schimmernder Saum.

Selbst jene Wolke dort oben
ruhig auf Flügeln sie zieht,
Über die Gipfel erhoben
Lauschend hernieder sie sieht.

Hörst du das lautlose Rinnen?
Wir sind in fremder Gewalt.
Es schläft ein Gesang hier drinnen
im nächtlich schlummernden Wald.
Guten Morgen Regine.
Na sicherlich wirst Du meinen kleinen Beitrag lesen können.
Hierfür gehe doch einfach mit der 'Mouse' auf das Bild;
drücke dann mit der linken Taste auf das Bild.
Es wird sich dann öffnen.
Und schon kannst Du es lesen.
Ich wünschte mir, Du würdest mir dann Deine Meinung dazu sagen wollen.

Übrigens: Danke für die 'Bewertung' meiner BILDERGALERIE.
Dir einen angenehmen sonnigen Sonntag.
TOM
Wunderschöne Gedichte ...........sie berühren
auch von Hilde Domin

Unaufhaltsam

Das eigene Wort,
wer holt es zurück,
das lebendige
eben noch ungesprochene
Wort?

Wo das Wort vorbeifliegt
verdorren die Gräser,
werden die Blätter gelb,
fällt Schnee.
Ein Vogel käme dir wieder.
Nicht dein Wort,
das eben noch ungesagte,
in deinen Mund.
Du schickst andere Worte
hinterdrein,
Worte mit bunten, weichen Federn.
Das Wort ist schneller,
das schwarze Wort.
Es kommt immer an,
es hört nicht auf, an-
zukommen.

Besser ein Messer als ein Wort.
Ein Messer kann stumpf sein.
Ein Messer trifft oft
am Herzen vorbei.
Nicht das Wort.

Am Ende ist das Wort,
immer
am Ende
das Wort.
Ich bitte um Entschuldigung, TangoTango, dass ich alte Computerhexe das nicht gleich angeklickt habe. Da war ich wohl etwas müde. Also, jetzt hab ich es lesen können. Alles gut und schönes Gedicht.