"Der Fall Collini" von Ferdinand von Schirach

Das Buch beginnt wie ein Kriminalroman.
Ein bisher vollkommen unbescholtener Mensch begeht einen grausamen Mord an einem alten Mann.
Nach der Tat stellt er sich selbst der Polizei.
Er will keinen Anwalt, bekommt aber einen Pflichtverteidiger.

Der Ermordete ist ein berühmter Mann - der Fall ist höchst interessant für die Presse und die Öffentlichkeit - vor allem deshalb, weil der Täter nicht über sein Motiv sprechen will.
Auch sein Verteidiger weiß nicht, warum ein so sinnlos erscheinender Mord begangen wurde.

Ich will hier nicht zuviel verraten.
Der Leser erfährt das Motiv und ist erschüttert.
Die Justiz ist nicht immer gerecht.

Wie immer beschreibt von Schirach in knappen, präzisen Worten eine Geschichte.
Die Kargheit der Sprache führt dazu, dass der Leser keine Stellung bezieht - es wird kühl und klar erzählt, ohne moralische Bewertung.

Das ist ein Buch, das man kaum aus den Händen lassen kann - ja, bis man es dann weiß.
Und dann ist man erschüttert.
Ich habe mich gerade durch den Thread gelesen und Eure Vorschläge aufgenommen. Dann habe ich gesehen, dass Du Barbera "Den Fall Collini" schon gelesen hast. Ich habe das Buch heute, nachdem ich "Schuld" ausgelesen hatte, gekauft. Meistens versuche ich weitere Bücher der Autoren, die mir gefallen , zu lesen.

Kennt jemand von Euch schon "Olga" von Bernhard Schlink? Sein "Der Vorleser" hat mich fasziniert. Hier geht es auch um Schuld, um den Umgang mit der eigenen Schuld und den Umgang der Menschen mit der Schuld ihnen nahe-stehender Menschen. Ferdinand von Schirach ist Anwalt und Bernhard Schlink Richter. Ich glaube, beide müssen schreiben, um einen Umgang mit dem zu finden, was sie täglich erfahren müssen.

Es gefällt mir, Eure Tipps zu lesen!
Es scheint so, dass Juristen mache ihrer Fälle literarisch darstellen müssen, um persönlich mit dem inneren Konflikt von Recht und Gerechtigkeit zurechtzukommen!

Juli Zeh ist auch so eine - ich liebe ihre Bücher!

Wenn du die Bücher von Bernhard Schlink magst, kann ich ein bereits etwas älteres empfehlen.
Er hat es gemeinsam mit einem Kollegen geschrieben:

Schlink/Popp : Selbs Justiz.

Das ist eigentlich ein Krimi, der aber wieder, wie fast immer bei Schlink, die Aufarbeitung der Vergangenheit zum Thema hat.

"Olga" kenne ich noch nicht - es steht aber ab JETZT auf meiner Liste!
Thomas Melle: Die Welt im Rücken

Thomas Melle leidet seit Jahren an einer bipolaren Störung - auch manisch-depressive Erkrankung genannt.

Dieses Buch ist die Autobiografie seines zerrissenen Lebens.

Von den Phasen getriebener Euphorie - Kaufrausch, Alkohol, Mitteilungszwang und Größenwahn - hinunter in die Tiefen der Depression.
Die ist wiederum begleitet von Scham, Selbstzweifeln und Selbsttötungsgedanken.

Ein radikal ehrliches Buch, das viel zum Verständnis psychischer Erkrankungen beitragen kann.

Thomas Melle schreibt Theaterstücke und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

"Seine Sprache hat es in sich.
Wie sie mit furioser Energie und doch zärtlich die menschliche Existenz erfasst, das packt den Leser und lässt ihn nicht mehr los".
Klappentext von Marcel Beyer
Bernhard Schlink - Olga

Olga ist eine Waise - ein armes intelligentes Mädchen, das sich in den Sohn eines reichen Gutsherrn verliebt und ihm über seinen Tod hinaus treu bleibt.

Herbert ist rastlos - es treibt ihn auf abenteuerlichen Reisen nach Amerika, Rußland und nach Afrika - dort kämpft er im ruhmlosen Krieg gegen die Hereros.
Olga wird Lehrerin - eine Heirat mit Herbert ist unmöglich - der Untersvchied der sozialen Klassen lässt sich nicht überwinden.

Dann bricht Herbert auf zu einer Expedition an den Nordpol, von der er nicht zurückkehren wird.
Er ist verschollen.

Olga zieht den gemeinsamen Sohn groß, erzählt ihm viel von Heldentaten und menschlicher Größe und erzieht ihn damit zum perfekten Nationalsozialisten.

Olga bricht mit ihrem Sohn
Sie verliert im Alter ihr Gehör und lebt weiter in ihrer eigenen stillen Welt.

Der dritte Teil des Buches besteht aus Briefen, die sie an die Postatation geschickt hatte und die erst jahrzehnte später von ihr selbst abgeholt werden.


Ich muss gestehen - das Buch hat mich nicht sehr beeindruckt.
Die Geschichte ist überladen mit Klischees und Sentimentalitäten.
Die Sprache ist trocken , manchmal gewürzt mit Binsenweisheiten....

Manchmal scheint es, als würden die Verlage ihre erfolgreichen Autoren unter Produktionsdruck zu setzen.
Jedes Jahr ein neues Buch....


Margriet de Moor: "Sturmflut", Roman

(Niederlande, 2005, ins Deutsche übersetzt von Helga van Beuningen,
Carl-Hanser-Verlag 2006, dtv 2008)


Dieses Buch habe ich gerade gelesen; hier sind meine Gedanken dazu:

Der Roman war aus mindestens zwei unterschiedlichen Gründen für mich höchst interessant, die ich erst einmal nicht in einem Zusammenhang sehen wollte, um mich auf jeden Aspekt der Geschichte gesondert einzulassen. Eine altbewährte Methode, um mich zunächst auf den Stoff selbst zu konzentrieren, ohne bereits gedanklich meilenweit darüber zu kreisen.

Der eine Grund für mein Interesse ist der bestürzende Detailreichtum der Schilderung einer verheerenden Jahrhundertflut mit fast 2.000 Opfern in den südwestlichen Niederlanden (Zeeland) im Jahr 1953 – zum einen aus der sachlichen Perspektive eines allwissenden Berichterstatters, zum anderen aus der konkreten aber begrenzten Sicht und hautnahen Betroffenheit einer um ihr Überleben kämpfenden jungen Frau.

Ein Roman, der sich an wahre äußere Fakten hält (die Autorin hatte zuvor monatelang recherchiert), vermag einem das Grauen von Katastrophen über die szenische Schilderung von Einzelschicksalen wirksam näher zu bringen, als jeder trockene Bericht über Fakten. In diesem Buch gelingt eine Mischung aus beidem, so dass Faktizität und fiktives Beispielschicksal untrennbar authentisch erscheinen.

Der andere Grund betrifft den zweiten Strang der Erzählung, die Geschichte der Schwester, die sich nicht nur für den Tod der anderen verantwortlich fühlt, sondern danach in jeder Hinsicht deren Stelle einzunehmen versucht – insbesondere bei ihrem Schwager und ihrer zweijährigen Nichte, und dabei offenbar versucht, das Leben in der Rolle der Toten weiter zu führen.

Die Art und Weise, wie sich die beiden Stränge miteinander verweben und zunehmend zeitlich verschieben, folgt der besonderen Kunstfertigkeit der Autorin, worin für mich ein weiterer Grund dafür liegt, dieses Buch mit Spannung zu lesen, sorgt es doch auf diese Weise immer wieder auch für Überraschungen.

Wenn ich das alles aber dann doch übereinander lege und zusammenbringe, um drängende Fragen zu klären, scheinen plötzlich jenseits von persönlichen Befindlichkeiten die Grundfragen des Lebens auf, für mich insbesondere diese: Welchen Wert haben Vergangenheit und Zukunft für eine Person, die authentisch in der Gegenwart lebt – und für die, der es nicht gelingt, dies zu tun? Wenn erstere früh stirbt, wird sie zur Legende, insbesondere für letztere, die viele Jahrzehnte Überlebende, die sich am Ende ihres Lebens noch immer mit der anderen in Einklang zu bringen versucht. Das ist tragisch, im Grunde genommen viel mehr, als das Ertrinken in der Flut. So scheint es mir am Schluss.

Eines der Nebenthemen dieses Buches brachte mich noch auf einen ganz anderen Gedanken: Als geschildert wird, wie der Vater der Schwestern, Jahrzehnte nach der Flutkatastrophe und dem Tod einer der beiden Töchter, erkrankt und sich zunächst liebevoll von seiner Familie verabschiedet, um dann nicht gleich zu sterben, sondern noch ein weiteres Jahr am Leben zu bleiben und sich in dieser verbleibenden Zeit in seinem Wesen so verändert, dass ihm alle Nahestehenden plötzlich fremd werden, während er bei sich selbst endlich anzukommen scheint, ...

... wurde mir spätestens klar, wo sich die Schnittstelle der beiden Stränge befindet: Die Tochter, die Jahrzehnte vorher um ihr Überleben rang, dachte gar nicht so sehr an den Tod, sondern war damit beschäftigt, sich und anderen zu helfen, so gut sie konnte. Sie bemerkte erstaunt, wie ihre bisherige Vergangenheit im tosenden Orkan und angesichts der bedrohlicher werdenden Wassermassen mehr und mehr aus ihren Erinnerungen entschwand, während das gegenwärtige Geschehen sie vollkommen absorbierte und zugleich herausforderte. Sie spürte ihr LEBEN, so intensiv wie nie zuvor.

Dem Vater geht es später ähnlich, nur aus anderen Gründen und innerhalb eines anderen, längeren Zeitraums. Aber auch er wusste, dass er bald sterben würde. Alles Bisherige wurde unwichtig und er besann sich darauf, sich zu spüren und genau das zu tun, was dieses Gefühl verstärkte. Die anderen erkannten ihn nicht wieder, aber darum ging es ihm nicht mehr. Jeder Mensch hat nur ein einziges Leben.

Die überlebende Tochter hat das nie schaffen können, bis zum Schluss blieb ihr die eigene Identität verborgen.

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Wer das Buch noch nicht kennt, kann sich zunächst bei Dieter Wunderlich informieren:
http://www.dieterwunderlich.de/deMoor_sturmflut.htm





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Connie Palmen: "I.M. - Ischa Meijer - In Margine - In Memoriam" (1998, D 1999 Diogenes-Verlag. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers)


Stell dir vor, du lernst als 35jährige Frau die Liebe deines Lebens kennen ... Du bist also alt genug, um schon einige Erfahrungen gemacht zu haben und beurteilen zu können, was da gerade mit dir und deinem Leben passiert. Und jung genug, um noch ein ganzes Leben vor dir zu haben - mit IHM! Du erlebst eine äußerst intensive Beziehung, die alles von dir fordert, was dich ausmacht - und du gibst alles mit freudigem Herzen und vollem Verstand. Ihr seid Euch ebenbürtig und genießt jeden Augenblick miteinander. Einfach ist es aber nicht. Ihr seid zwei sehr starke Persönlichkeiten, die sich einander nicht unterordnen. Aber alle Schwierigkeiten werden angegangen und gemeistert, denn mit eurer Liebe schafft ihr es, dem anderen Raum zu geben, bei aller Unzertrennlichkeit...

Nach genau vier gemeinsamen Jahren stirbt er plötzlich und du bist wieder allein - aber anders, als du es je zuvor warst.

Du wunderst dich, dass du körperlich einfach so weiter lebst - ohne ihn. Denn du bist innerlich mit ihm gestorben.


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Connie Palmen hat es dann doch geschafft, auch innerlich wieder zu leben - dank ihrer Arbeit an diesem Buch, das sich mit der gemeinsamen Zeit mit ihrem Lebensgefährten, dem in den Niederlanden damals sehr bekannten Talkmaster, Entertainer und Journalisten Ischa Meijer, auseinandersetzt.
Er starb an seinem 52. Geburtstag; sie hatten nur wenige Jahre miteinander.

Und wir Leser dürfen an dieser amour fou teilhaben, ohne allerdings mit irgendwelchen zu intimen (sexuellen) Einzelheiten konfrontiert zu werden. Ich habe zwar grundsätzlich nichts gegen erotische Beschreibungen in guter Literatur einzuwenden, aber in diesem Fall der ohnehin schon sehr intimen Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelten zweier Liebender, wäre das vielleicht zu viel gewesen. Aber man kann sich gut vorstellen, dass auch dieser Bereich sehr intensiv gelebt wurde.

Neben dem sehr interessanten und lebendig geschriebenen Bericht über ihr Zusammensein, ihre Gespräche (inkl. Streitigkeiten und Versöhnungen) und die gemeinsamen Erlebnisse insbesondere auf ihren Reisen, die immer wieder viel Stoff für Dialoge abgeben, kommen auch verschiedene Themen auf, die mich ohnehin sehr interessieren, zum Beispiel:

Der Einfluss der Fiktion auf die Wirklichkeit. Eine entsprechende Stelle in dem Buch hat mich zu einem weiteren Beitrag in meinem Thread "Die Wirklichkeit, das Mögliche und das Nichts" inspiriert; wer sich dafür interessiert, klicke bitte auf diesen Link:

https://www.50plus-treff.de/forum/die-w ... l#p4747718

Zur literarischen Qualität des Buches hab ich mir natürlich auch Gedanken gemacht. Man könnte ja meinen, es sei "nur" ein Erlebnisbericht - aber weit gefehlt! Abgesehen davon, dass es von jeglichen persönlichen Einfärbungen wirklich freie Berichte vermutlich nur in Form von Niederschriften in amtlichen oder betrieblichen Zusammenhängen gibt (Gerichtsprotokolle, Geschäftsberichte) können autobiografische Berichte die unterschiedlichsten literarischen Ausprägungen aufweisen.

Für mich als Leserin ist es unwichtig, ob Ischa Meijer das alles genau so gesehen und beschrieben hätte wie Connie Palmen - was sehr unwahrscheinlich ist! Obwohl sie oft ähnlich dachten, wiesen beide äußerst unterschiedliche Vorgeschichten auf, die jedem eine andere Sicht auf die Dinge aufnötigte. Gemeinsam lernten sie nun, auch mit den Augen des anderen die Welt auf überraschend neue Weise zu betrachten und die jeweils andere Sichtweise zu schätzen.

Sicher hätte er die gemeinsame Zeit aus einer anderen Perspektive beschrieben, einerseits wohl aus einer eher männlichen, aber andererseits auch verletzlicheren Sicht aufgrund der seelischen Zurückweisung durch seine Eltern, die er als Kind und Jugendlicher erfahren hatte.* Beide aber waren starke, schillernde Persönlichkeiten, mit viel literarischem Esprit und Können ausgestattet.

Für mich zählt nur, was die Autorin hier hervorgebracht hat an Literatur, die sehr persönlich herüber kommt und damit auch sehr berührt, aber auch literarisch und intellektuell anspruchsvoll ist. Zudem spricht Connie Palmen (Jahrgang 1955) die Sprache meiner Generation, ihre zeitgeschichtlichen Erfahrungen als Europäerin sind die meinen; auch das schafft Nähe.

Ich habe zunächst ihr Erstlingswerk "Die Gesetze" von 1991 gelesen, infolgedessen sie als Schriftstellerin in ihrem Land bekannt wurde und ein Ischa Meijer sie in seine Talkshow einlud, wo sie sich dann persönlich kennen lernten.

Es sind natürlich ganz verschiedene Bücher aufgrund der verschiedenen Schreibintentionen geworden. Aber beide und auch die nachfolgenden, die ich noch lesen möchte, haben etwas gemeinsam, was mir sehr lieb ist: Eine schnörkellose Sprache, die jeweils schnell auf das Wesentliche kommt - und so manches "zwischen den Zeilen" belässt.

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* Ischa Meijer hatte als zweijähriges Kind jüdischer Eltern mit ihnen zusammen das KZ Bergen-Belsen überlebt, aber sie redeten später nie darüber und es gab auch sonst keine Berührungspunkte. Als er 18 wurde, brachen die Eltern den Kontakt zu ihm vollständig ab, was er bis zu seinem Tod nicht verwunden hatte.






Ich habe unlängst von [b]David Schalko "Schwere Knochen"[/b] gelesen - für mich persönlich das Buch des Jahres!

Es gibt ja diese schöne Weisheit: "Das, was Deutsche und Österreicher am meisten trennt, ist die gemeinsame Sprache."

Dieser Satz trifft auf das Buch von Schalko absolut zu. Es ist ein sprachliches Meisterwerk. Da bekommt Sprache einen Klang, einen Sound - und wenn er sich nicht des Kniffs bedient hätte, sehr viel in indirekter Rede zu schreiben, wäre das Buch wohl noch dicker geworden als die 569 Seiten, die es jetzt hat. Da ist jede Seite lesenswert, es stehen irre viele kluge Sätze drin - wenn ich die alle notiert hätte, dann hätte ich jetzt wohl eine gut 180 Seiten starke Kladde voll.
Ich zitiere aus meiner Erinnerung: "Der Tiger versteht den Tiger, der Löwe den Löwen, nur beim Menschen scheitert es an der Sprache."

Die Grundthese des Buches lautet im Grunde, dass das heutige Österreich aus den KZ's der Nazis hervorgegangen ist, was gewagt ist, aber nachvollziehbar. Schalko dürfte sich mit dem Buch in seiner Heimat wenig Freunde gemacht haben.
Zeitlich beginnt es kurz vor dem März 1938 mit dem Anschluß Österreichs ans damalige Deutsche Reich und endet in den späten 60er, frühen 70er Jahren.

Ein echter Parforceritt, es begegnet einem das skurrilste Personal, das mir je in einem Roman begegnet ist, es geht mitunter sehr brutal zur Sache, aber auch sehr warmherzig - mithin: dieses Buch deckt eigentlich alle Facetten des menschlichen Wesens ab. Wer davor erschrickt oder sich gruselt, der erschreckt eigentlich nur vor sich selber, denn hier wird gezeigt, wozu Menschen fähig sind.
Es gibt Situationen, die dermaßen komisch sind - was wirklich gut ist, denn anders könnte man das alles wohl nicht aushalten.

Absolute Leseempfehlung!


Mehr Infos vom Verlag gibt es hier:
https://www.kiwi-verlag.de/buch/schwere-knochen/978-3-462-31756-5/
Stefan Slupetzky - der letzte Große Trost

Stefan Slupetzky kenne ich persönlich als Musiker.
Bekannt ist er allerdings als Krimiautor...

Er hat mir erzählt, dass ihm das Krimischreiben keine Freude mehr bereitet.
Er hat auch ein ganz anderes Buch geschrieben, das zu seinem Leidwesen nicht das auflagenstärkste ist.
Dieses Buch möchte ich hier vorstellen.

Daniel räumt den Keller des Hauses, in dem er aufgewachsen ist.
Er stößt dabei auf die Aufzeichnungen seines Vaters, der im Alter von 47 Jahren plötzlich gestorben ist.

Dieser Vater war der geliebte Lebensmensch seines Sohnes, der nicht wahrhaben will, dass dieser kluge und sanfte Seelenfreund nicht mehr bei ihm ist.

Im Tagebuch erfährt er, dass sein Großvater ein Kriegsverbrecher war, der ohne Skrupel Zyklon B hergestellt hat.
Und sein Sphn heiratete eine Jüdin....
Daniel hat die Last der Opfer wie auch die der Täter zu tragen.

Diesen Konflikt kann er kaum lösen - er entwickelt die fixe Idee, sein Vater wäre noch am Leben und könnte ihne erlösen.

In seinen wahnhaften Phantasien beschließt er, sein ganzes bisheriges Leben aufzugeben und durch einen fingierten Unfall auf See einfach zu verschwinden.

Stefan Slupetzky verarbeitet in diesem Buch seine eigene Familiengeschichte.
Ein ungemein berührendes Buch, das zeigt, wie sehr die Nachkommen unter weit zurückliegenden Geschehnissen leiden.

Und - er verschwindet nicht, weil er mit einer Frau verheiratet ist , die ihn liebt.....


Karen Duve, „Fräulein Nettes kurzer Sommer“


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http://www.galiani.de/buecher/specials/karen-duves-neuer-roman.html

Karen Duve hat sich nur wenig dichterische Freiheiten erlaubt, um den spannenden historischen Stoff zu einem Roman zu verdichten. Was bedeutet, dass sie zunächst ein wahnsinnig großes Pensum an Recherchematerial zu beackern hatte: Briefe, Tagbücher, historische Aufzeichnungen von und über alle direkt oder indirekt involvierten Personen, die ihren Teil beigetragen hatten zu den Ereignissen - und insbesondere auch zu den Nachwirkungen - des Sommers 1820 mit Annette von Droste-Hülshoff in der Hauptrolle. Die Autorin hat alle Quellen, über 200 Titel, auf 13 Seiten im Anhang ihres Buches aufgeführt. Und so las ich dieses Buch von Karen Duve „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ nicht nur als unterhaltenden Roman, sondern insbesondere mit großer Neugierde auf weitere historisch verbürgte Details aus dem Leben der später weltberühmt gewordenen Dichterin aus meiner westfälischen Heimat.

Ich habe in meinem Blog im Text „Stell Dir mal vor…“ über Annette von Droste-Hülshoff bereits die große Einsamkeit der Dichterin erwähnt und in einem meiner Kommentare auch von jenem Sommer berichtet, der im Leben der damals 24jährigen einen wichtigen, wenn auch zunächst sehr traurigen Wendepunkt markierte:

>>Der Weg in die Einsamkeit hatte für Annette im Grunde schon 1820 begonnen, sechs Jahre, bevor Annette in das Rüschhaus zog [mit Mutter und Schwester, weil der Bruder geheiratet und das Erbe des verstorbenen Vaters als Schlossherr übernommen hatte]. In jenem Sommer traf sie bei der Bökendorfer Verwandtschaft (derer von Haxthausen, bei denen unter anderen die Gebrüder Grimm und Clemens Brentano verkehrten) auf zwei junge Männer, von denen sie auf verschiedene Weise angetan war: Heinrich Straube, ein Seelenverwandter, der äußerlich ziemlich hässlich war, den sie jedoch wegen seines Geistes zu lieben lernte und dessen Freund August von Arnswald, der eine ihr unerklärliche körperliche Anziehungskraft auf sie ausübte – so dass also mit ihm die Erotik mit ihm ins Spiel kam.

Sie konnte sich nicht entscheiden und hielt beide hin, bis Arnswald sich rächte und Straube und ihre Verwandtschaft über ihr angeblich falsches Spiel „aufklärte“. So, dass sie alles verlor, was ihr zu jener Zeit wirklich am Herzen lag: Den Kontakt zu Straube für immer und für viele Jahre auch den zu ihrer Bökendorfer Verwandtschaft – und damit zugleich die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und den intellektuellen Austausch mit den für sie bisher so interessanten Gästen dort.

Ihre elterliche Familie gehörte nämlich nicht zu den Intellektuellen. Ihr Vater war zwar feingeistig, aber auch schwach. Ihre Mutter, eine sehr pragmatische Frau, hatte das Sagen. – Bei den Verwandten, denen von Haxthausen in Bökendorf, wo sie sehr wohl auf Ebenbürtige treffen konnte, hatte sie im Sommer 1820 ihre Chancen vertan. - Aber letztlich nicht wirklich:

Denn Straube, den sie aufrichtig liebte, war bürgerlich – eine Ehe mit ihm somit gar nicht möglich. Von Arnswald war adelig, wäre also in Frage gekommen – aber abgesehen davon, dass er ein geheimes Verhältnis zur verheiratenden Anna von Haxthausen hatte (zur gleichen Zeit der Werbung um Annette!), hätte er sie schließlich nur als Ehefrau in der traditionellen Rolle geduldet. Das wusste sie, bei aller erotischen Anziehungskraft zwischen ihnen, sehr wohl. Davor musste sie sich hüten – ihr Talent hätte aufgegeben werden müssen. Das wäre das allerschlimmste für sie gewesen, schrieb sie in einem Brief in jener Zeit.

Andere Gelegenheiten ergaben sich nach dem Bruch mit den Haxthausens nicht mehr. Später besuchte sie auf dem Weg nach Meersburg Verwandtschaft und Freundinnen in Bonn. Aber auch dort ergab sich dann keine Gelegenheit mehr. Sie galt dann auch schon als „ältlich“.

Einer der Grimm-Brüder, mit dem sie sich angefreundet hatte, war ihr letztlich intellektuell doch unterlegen. Verärgert schrieb er einem Zeitgenossen, dass ihr „nicht beizukommen" sei… Vieles gäbe es dazu noch zu berichten, wie es schließlich zu ihren besonderen Lebensumständen gekommen war.

Der Weg in die Einsamkeit führte aber letztlich dazu, dass sie ihr Werk ohne private, häusliche und familiäre Verpflichtungen so vollbringen konnte, wie sie es schließlich hinterlassen hat und mit dem sie bis heute noch jedem, zumindest in meiner Heimat Westfalen, als ein wichtiger Bestandteil unserer literarischen Kultur ein Begriff geblieben ist.<<


Was mir neu war: Arnswald war nicht unbedingt verliebt in Annette, sondern eher eifersüchtig und neidisch auf seinen Freund Straube – er wollte das Paar auseinanderbringen und zettelte eine „Liebes-Intrige“ an, bis Annette schwach wurde und er ihr angeblich falsches Spiel sofort öffentlich machte – ihren Verwandten und insbesondere Straube gegenüber, der sich tief verletzt zurückzog, aber letztlich als einziger nicht wirklich nachtragend war und sich später gern mit Annette versöhnt hätte. – Allein, das wussten Arnswald und die Haxthausens auf Dauer zu verhindern.

Karen Duve weiß in diesem Buch nicht nur vieles über Annette selbst und ihrer weitverzweigten Verwandtschaft, sondern auch einiges über die Kreise der jungen Männer, Haxthausen, Arnswald und Straube, über deren Freunde, Studienkollegen und Lehrer, Konkurrenten und Widersacher, ihr bewegtes Studentenleben und ihre Kontakte zu später berühmt gewordenen Persönlichkeiten und sogar aus deren Leben so einiges zu erzählen, u.a. auch von Heinrich Heine und seinem Lebensweg (der irgendwann in seinen frühen Jahren die Wege der anderen kreuzte), was mich besonders fasziniert hat. Das alles vor dem Hintergrund einer ohnehin bewegten Zeit des Umbruchs von der Romantik und dem Biedermeier zum Vormärz und Realismus.

Schließlich ließ Karen Duve es sich nicht nehmen, ein wenig lakonisch über das spätere Schicksal und „Lebenswerk“ der Männer zu berichten, die Annette von Droste-Hülshoff in ihre Schranken verwiesen hatten, von denen aber heute so gut wie niemand mehr etwas weiß – es sei denn, im Zusammenhang mit ihrem, Annettes, großen Namen. :wink:

Dieses wunderbare Buch liest sich wie ein lebensnah erzähltes Geschichtsbuch mit vielen zum Teil (zumindest mir noch) unbekannten Details. Ich kann es jedem ans Herz legen, der sich für die Dichterin und ihre Zeit interessiert und es liebt, sich nüchterne Fakten spannend und anschaulich erzählen zu lassen.




Vor Weihnachten verbringe ich meistens viele Stunden bei meiner Lieblingsbuchhändlerin - in diesem kleinen Laden mit einer ruhigen Ecke mit einem Lehnsessel.

Immer auf der uche nach Buchgeschenken für meine Freunde komme ich dann nach Hause mit unzähliggen Buchgeschenken an mich selbst.

Eines habe ich gefunden, das so unglaublich schön ist - voller Sehnsucht nach dem Unberührten und Einfachen, voller Zuneigung und Verständnis für Menschen, in einer Sprache, die einfach zu sein scheint, aber jeden einzelnen Satz kostbar macht.

Acht Berge
von Paolo Cognetti


"Dieser Roman umfasst ein ganzes Leben und erzählt die Ent­wick­lungs­geschich­te einer auf­richti­gen, unver­brüchli­chen Freund­schaft. Er ist ein Plädoyer für alt­herge­brachte zwischen­mensch­liche Grund­werte und Verhaltens­weisen – Zuver­lässig­keit, Stand­haftig­keit, Wert­schät­zung, Vertrauen bilden, sich treu bleiben, Maß halten, einfache Dinge achten. Am Ende geht es um die ewigen Fragen, wie und wo sich der Mensch selbst findet, was ihn glücklich macht.

Paolo Cognettis Buch »Le otto montagne« Paolo Cognetti: »Le otto montagne« bei Amazon (von Christiane Burkhardt übersetzt) trifft etliche Bedürf­nisse unserer Zeit – nach Ent­schleuni­gung, nach be­ruhigen­den Gewiss­heiten, nach Bewah­rung, nach mensch­licher Wärme und nach Befreiung vom Sog der Digitali­sierung, die das Indivi­duum von sich und der Realität entfremdet. Es ist bezeich­nend, dass dieser sehr persönliche Roman mit seinem sanften, klaren Stil 2017 mit dem bedeu­tenden Premio Strega ausge­zeich­net wurde."

Wer die Berge, die Stille und alte Häuser liebt, sollte dieses Buch unbedingt lesen.
Und auch die, die versuchen, ihren Vater verstehen zu wollen....
Die Geschgichte ist einfach schön - mich rührt sie bis in die tiefste Seele


Hier die gesamte Rezension :
https://www.buecherrezensionen.org/buec ... -berge.htm
Die Geschichte der Bienen

Die Geschichte der Bienen ist ein Roman der norwegischen Schriftstellerin Maja Lunde aus dem Jahr 2015, der im Jahr 2017 in deutscher Sprache bei der Verlagsgruppe Random House erschien. Nach Angaben des Buchhandelsbranchenmagazins Börsenblatt war es das meistverkaufte Buch in Deutschland im Kalenderjahr 2017.

Obwohl es das meistverkaufte Buch in D war, hatte ich noch nie davon gelesen/gehört bis ich es geschenkt bekam. Einmal angefangen zu lesen, hat es mich bis zum Schluss gefesselt. Absolut lesenswert!

Joy und Günther Weisenborn
„Liebe in Zeiten des Hochverrats“ – Tagebücher und Briefe aus dem Gefängnis 1942 – 1945

Hrsg. Christian Weisenborn, Sebasian Weisenborn und Hans Woller,
Institut für Zeitgeschichte im Verlag C.H. Beck, München, 2017

>> Jeder Atemzug bringt uns näher! Wie kann die Sehnsucht schmerzen!<<

Hier geht es um zwei Mitglieder der Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus, die von ihren Feinden „Rote Kapelle“ genannt wurde, weil sie angeblich von der Sowjetunion gesteuert waren, – was bis in 70er-Jahre hinein von namhaften deutschen Zeitungen kolportiert wurde. Inzwischen wurde das aber aufgearbeitet und korrigiert.

Diese Widerstandsgruppe war recht groß, aber sehr lose und wenig konspirativ organisiert. Ihre Mitglieder kümmerten sich um Menschen, die von den Nazis bedroht waren; sie versteckten Juden oder verhalfen ihnen finanziell zur Flucht ins sichere Ausland. Manche von ihnen hatten höhere Verwaltungsposten unter den Nazis inne, von denen aus sie einiges beeinflussen und unterwandern konnten.

Ich sah letztens eine sehr spannende TV-Doku darüber – unter anderem ging es um den Schriftsteller Günther Weisenborn und seine Frau Joy, die wie etliche ihrer Mitstreiter*innen gefasst und interniert wurden. Viele Freunde kamen um, aber sie hatten Glück und überlebten. In der Haft schrieben sie Tagebücher und einander Briefe – aus denen in der Sendung zitiert wurde. Vor allem Günther Weisenborns Sprache gefiel mir ausnehmend gut – so direkt, auf den Punkt gebracht und zugleich poetisch.

Ich habe mir nun das Buch besorgt und begonnen, es zu lesen. – Vielleicht berichte ich nach der vollständigen Lektüre noch einmal von meinem Gesamteindruck.

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Marsianischer Zeitsturz: Roman von Philip K. Dick


Science - Fiction -Literatur ist nicht sehr hoch angesehen, und das oft zu Recht.
In diesem Buch ist höchste literarische Qualität verbunden mit grundsätzlichen Fragen der Philosphie.
Philp K.Dick hat die Science Fiction zur Literatur gemacht.
Gut - da gab es auch andere - Stanislaw Lem oder die Brüder Strugazki ...

Philipp Dick ist ein Autor, der in seinen Romanen Gewohntes in Frage stellt.
Zeit ist in dieser Geschichte nicht linear - Zeitreisen sind möglich, jedoch nicht fü jeden.
Ein autistischer Junge hat die Gabe, Zeitschleifen erleben zu können.
Ein Diktator möchte sich diese Gabe zunutze machen, um ein ewiges Leben erreichen zu können.


Philipp Dick selbst war hochbegabt, litt unter Schizophrenie und konsumierte sämtliche Drogen, die es gab.
Ab seinem 12. Lebensjahr schrieb er unzählige Bücher - einige wurden auch verfilmt und gehören zu den Filmklassikern.

"Blade Runner", "Total Recall" oder "Minority Report" sind sehenswert, aber keine leichte Kost.


Wer Lust hat, sich an kalten Winterabenden auf den Mars beamen zu lassen (sehr freundlich ist er allerdings nicht zu Menschen) und aus der Zeit zu schlüpfen, sollte dieses Buch lesen.

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Jonas Lüscher, Frühling der Barbaren, Originalausgabe: Verlag C. H. Beck, München 2013


Jonas Lüscher: „Frühling der Barbaren“

Über die Story:
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%BChling_der_Barbaren
https://www.dieterwunderlich.de/Luescher-fruehling-barbaren.htm


Mein Leseeindruck:

Die allseits hochgelobte Debütnovelle des 1976 geborenen Schweizer Autors hat mir trotz des eleganten auf den Punkt verdichteten Sprachstils erst gar nicht so recht gefallen wollen.

Einerseits mag ich keine fiktionalisierten wirtschaftspolitischen Themen (darüber lese ich lieber Essays), die andererseits in jedem Halbsatz dermaßen viele Informationen gepresst bereit halten - unterdessen sich manch ganzer Satz über eine halbe Buchseite ausbreitet - , so dass die Geschichte ihren Kosmos in atemberaubender Geschwindigkeit bereits nach nur 125 Seiten komplett durchschritten hat, um dann einer den Leser bereits zunehmend in Mitleidenschaft gezogenen totalen Erschöpfung zu erliegen.

Aber ... schon gegen Ende hin, vor allem im Rückblick, erzeugt sie dann doch noch eine Art ungläubiges Lächeln: So grotesk diese Story auch gewesen sein mag, so nonchalant wurde sie wie aus dem Nichts hervorgezaubert und wieder dorthin verfrachtet - nicht ohne ein tiefes Unbehagen aufflammen zu lassen - über all das, was plötzlich gar nicht mehr so abwegig erscheint, wenn man weiter darüber nachsinnt...

... und insbesondere jetzt, fast 6 Jahre nach ihrer Entstehung, erscheint sie im Lichte der hochaktuellen politischen Ereignisse in Großbritannien, kurz vor einem drohenden No-Deal-Brexit, nicht einmal mehr so furchtbar grotesk.

Eines noch zum Erzählstil:

Als besonders raffiniert empfand ich die Erzählperspektive. Ein aufmerksamer Leser ertappt den Autor bald bei einem schier unverzeihlichen Fehler: Der Icherzähler, der eigentlich nur vom Hörensagen berichten kann, weiß plötzlich so viel mehr zu erzählen, als ihm der Augenzeuge mitgeteilt haben konnte... Und - ha! - er kennt mit einem Mal sogar die halbgaren Gedanken, die angedachten Wünsche und die kaum sich selbst eingestandenen Befürchtungen der Protagonisten? Lächerlich!

... Aber dann fällt der Groschen und dem Leser bleibt nichts übrig, als beschämt die Brillanz des Autors einzuräumen: Es ist eine Geschichte in der Geschichte wie bei den Matrjoschkapuppen: Der Icherzähler hat sich die Freiheit genommen, die ganze Geschichte bis in die Details von Gedanken und Gefühlen zu Ende zu erzählen, so dass sie also auch in der Fiktion nur eine Fiktion sein kann. Weil der Icherzähler den allwissenden Erzähler für den Leser spielt und damit zugleich die Sicht des Autors selbst als subjektiv entlarvt. Ganz so wie der Autor es wohl gewollt hat... Nehme ich mal an. :wink:




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