Ein schönes Gedicht zum meditieren, vor allem auch so alt ist aber nicht veraltet, eher brennend aktuell angesichts eines Riesenangebots an Möglichkeiten in vorher noch nie dagewesener Weise

Entsagung

Eins ist, was ältergraue Zeiten lehren,
Und lehrt die Sonne, die erst heut getagt:
Des Menschen ewges Los, es heißt: entbehren
Und kein Besitz, als den du dir versagt... Grillparzer

Wer die Freiheit will, muss sich auch seine Unabhängigkeit bewahren, vor allem aber auch gegenüber Lob und Anerkennung, nach denen auch der Künstler giert

@ wulliwo

Grillparzer lebte im Biedermeier, fühlte sich der Tradition verpflichtet, obwohl er unter den Metternichschen Verhältnissen litt und den heraufziehenden Umbruch spürte. Er wurde von der Obrigkeit eingeengt und blieb ihr trotzdem zeitlebens treu ergeben. War Hofbeamter und gefeierter Dramatiker zugleich. Er feierte Erfolge und zog sich beim ersten Misserfolg zurück. Er litt unter Depressionen und empfand sich als beziehungsunfähig, was ihn letztlich nicht hinderte, mit seiner Dauerverlobten zu leben...

Und das von Dir zitierte Gedicht (hier in voller Länge) spiegelte im Grunde nur sein Abgeschlossensein, seine Verpanzerung gegen das Lebendigsein im Fluss der Zeit: gegen den „Anarchismus“ einer an der wilden Natur partizipierenden grundlegenden Freiheit, seine Beharrung auf das vor allen ungeordneten Impulsen bewahrte und vor ihnen bewahrende Ich:


Entsagung (1836)

Eins ist, was altergraue Zeiten lehren,
Und lehrt die Sonne, die erst heut getagt:
Des Menschen ew'ges Los, es heißt: Entbehren,
Und kein Besitz, als den du dir versagt.

Die Speise, so erquicklich deinem Munde,
Beim frohen Fest genippter Götterwein,
Des Teuren Kuß auf deinem heißen Munde,
Dein wär's? Sieh zu! ob du vielmehr nicht sein.

Denn der Natur alther nothwend'ge Mächte,
Sie hassen, was sich freie Bahnen zieht,
Als vorenthalten ihrem ew'gen Rechte,
Und reißens lauernd in ihr Machtgebiet.

All was du hältst, davon bist du gehalten,
Und wo du herrschest, bist du auch der Knecht.
Es sieht Genuß sich vom Bedarf gespalten,
Und eine Pflicht knüpft sich an jedes Recht.

Nur was du abweist, kann dir wieder kommen,
Was du verschmähst, naht ewig schmeichelnd sich,
Und in dem Abschied, vom Besitz genommen,
Erhältst du dir das einzig deine: Dich!


Franz Grillparzer (1791 - 1872),
Österreichischer Schriftsteller, Dramatiker und Nationaldichter



▬▬▬__________


Wenn ich über einen Text meditieren wollte, würde ich mir stattdessen einen mit „Öffnungsklausel“ suchen, der mich nicht in seine Burgfeste zu ziehen versucht, um mich einzumauern, sondern mir nur eine Anstoß gibt, damit ich mit ihm einen Blick in seine Richtung wage..., wie zum Beispiel diesen hier:


Wenn ich aufmerksam schaue,
Seh‘ ich die Nazuna
An der Hecke blühen!

Basho (1644 – 1694),
Japanischer Dichter


▬▬▬__________



Der entscheidende Punkt ist, dass nur der Verzicht auf eine Erklärung des Lebens im üblichen Sinne uns die Möglichkeit schafft, den charakteristischen Merkmalen des Lebens Rechnung zu tragen.

Niels Bohr (1885-1962)
Dänische Atomphysiker (Nobelpreisträger)



▬▬▬__________



Okay, das war jetzt kein Gedicht. Ich mache daher noch folgenden Vorschlag möglicher Lieblingslyrik mit einschlägiger Thematik:


Du mußt das Leben nicht verstehen

Du mußt das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und laß dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken läßt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.


Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)
Österreichischer Erzähler und Lyriker


Natürlich sind wir keine Kinder mehr und wollen auch nicht in den Kinderschuhen der Menschheit stecken bleiben – aber dennoch sind und bleiben wir sterbliche Kreaturen, die sich über diese Tatsache nicht aufreiben sollten, finde ich. Es ist wie es ist, wir nehmen es wie es kommt – entsagen nicht großartig sondern mäßigen uns einfach nur in allem etwas, weil wir instinktiv wissen, dass uns das besser gut tut, als uns in Extremen zu üben, wie Maßlosigkeit oder Entsagung.






PS

Schön, dass Du wieder zurück bist und mitmachst! :D

Nachtrag 24.02.:
Schade, das war wohl doch nur ein einmaliger Ausflug zurück in die Forenwelt. :(



Ich hatte letztens diesen (nicht in allen, aber wesentlichen Teilen) wunderbaren Spielfilm „The Shape of Water“ (USA, 2017) gesehen und mich gefragt, woher diese poetischen Schlussworte wohl stammen mögen:



>>Unable to perceive the shape of you,
I find you all around me.
Your presence fills my eyes with your love.
It humbles my heart, for you are everywhere.<<


>>Unfähig, deine Gestalt zu erfassen,
sehe ich dich überall um mich.
Deine Anwesenheit füllt meine Augen mit deiner Liebe.
Sie schmeichelt meinem Herzen, denn du bist überall.<<



Wie ich inzwischen herausgefunden habe, stammen die Worte ursprünglich von dem persischen Dichter, islamischen Mystiker und Begründer des Mevlevi-Derwisch-Ordens…
Dschalāl ad-Dīn Muhammad ar-Rūmī – „Rumi“ genannt – (1207 - 1273)

Den tatsächlichen Bezugspunkt und Bedeutungsspielraum im Original konnte ich leider (noch) nicht herausfinden, deshalb erscheinen mir die oben zitierten Worte im Zusammenhang mit der Botschaft des Films zwar als sehr poetisch, darüber hinaus, auf sich gestellt, klingen sie allerdings ein wenig nach Allgemeinplatz ... oder?

Ich möchte sie trotzdem hier mal festhalten. Vielleicht fällt jemandem noch etwas dazu ein?


Bild


Heute vor 214 Jahren gestorben:

Friedrich Schiller
(10.11.1759 - 09.05.1805)


„Mich hält kein Band, mich fesselt keine Schranke,
frei schwing ich mich durch alle Räume fort.
Mein unermesslich Reich ist der Gedanke,
und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort.“

Aus: „Die Huldigung der Künste. Ein lyrisches Spiel.“


Es ist zwar kein eigenständiges Gedicht, sondern ein Zitat aus einem Stück, aber immerhin gereimt... :wink:
...Und jedenfalls eines meiner „Lieblingsgedichte.“

Bild


Friedrich Schiller, porträtiert von Ludovike Simanowiz im Jahr 1794







Manche freilich . . .
Manche freilich müssen drunten sterben,
Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
Andre wohnen bei dem Steuer droben,
Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Manche liegen immer mit schweren Gliedern
Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
Andern sind die Stühle gerichtet
Bei den Sibyllen, den Königinnen,
Und da sitzen sie wie zu Hause,
Leichten Hauptes und leichter Hände.

Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
In die anderen Leben hinüber,
Und die leichten sind an die schweren
Wie an Luft und Erde gebunden:

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
Noch weghalten von der erschrockenen Seele
Stummes Niederfallen ferner Sterne.

Viele Geschicke weben neben dem meinen,
Durcheinander spielt sie alle das Dasein,
Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
Schlanke Flamme oder schmale Leier.

Hugo von Hofmannsthal

https://www.youtube.com/watch?v=zyA1k8zkExA