aura

ein sehr schönes gedicht zum thema zeitarbeit in uns von theodor fontane:

JA, DAS MÖCHT´ ICH NOCH ERLEBEN

eigentlich ist mir alles gleich,
der eine wird arm, der andere wird reich,
aber mit bismarck - was wird das noch geben?
das mit bismarck, das möcht`ich noch erleben.

eigentlich ist alles soso,
heute traurig, morgen froh,
frühling, sommer, herbst und winter,
ach, es ist nicht viel dahinter.
aber mein enkel, so viel ist richtig,
wird mit nächstem vorschulpflichtig, und in etwa vierzehn tagen
wird er eine mappe tragen,
löschblätter will ich ins heft ihm kleben -
ja, das möcht`ich noch erleben.

eigentlich ist alles nichts,
heute hält`s, und morgen bricht`s,
hin stirbt alles, ganz geringe
wird der wert der irdschen dinge;
doch wie tief herabgestimmt
auch das wünschen abschied nimmt,
immer klingt es noch daneben:
Ja, das möcht`ich noch erleben.

fontanes sprachliche meisterschaft kommt in einer formulierung, wie
" doch wie tief herabgestimmt
auch das wünschen abschied nimmt"
wunderbar zum ausdruck, das finde ich einfach köstlich.
@wulliwo

mir scheint wir haben sehr unterschiedliche Ansichten zu verschiedenen Themen, hier Gelassenheit ;-)
liebe Grüße

.

In der Leidenschaft gibt es keine Gelassenheit…


LIEBE: DUNKLER ERDTEIL

Ingeborg Bachmann

Der schwarze König zeigt die Raubtiernägel, zehn blasse Monde jagt er in die Bahn, und er befiehlt den großen Tropenregen. Die Welt sieht dich vom andren Ende an!

Es zieht dich übers Meer an jene Küsten aus Gold und Elfenbein, an seinen Mund. Dort aber liegst du immer auf den Knien, und er verwirft und wählt dich ohne Grund.

Und er befiehlt die große Mittagswende. Die Luft zerbricht, das grün und blaue Glas, die Sonne kocht den Fisch im seichten Wasser, und um die Büffelherde brennt das Gras.

Ins Jenseits ziehn geblendet Karawanen, und er peitscht Dünen durch das Wüstenland, er will dich sehn mit Feuer an den Füßen. Aus deinen Striemen fließt der rote Sand.

Er, fellig, farbig, ist an deiner Seite er greift dich auf, wirft über dich sein Garn. Um deine Hüften knüpfen sich Lianen, um deinen Hals kraust sich der fette Farn,

Aus allen Dschungelnischen: Seufzer, Schreie. Er hebt den Fetisch. Dir entfällt das Wort. Die süßen Hölzer rühren dunkle Trommeln. Du blickst gebannt auf deinen Todesort.

Sieh, die Gazellen schweben in den Lüften, auf halbem Wege hält der Dattelschwarm! Tabu ist alles: Erden, Früchte, Ströme... Die Schlange hängt verchromt an deinem Arm.

Er gibt Insignien aus seinen Händen. Trag die Korallen, geh im hellen Wahn! Du kannst das Reich um seinen König bringen, du, selbst geheim, blick sein Geheimnis an.

Um den Äquator sinken alle Schranken. Der Panther steht allein im Liebesraum. Er setzt herüber aus dem Tal des Todes, und seine Pranke schleift den Himmelssaum.



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..zur leidenschaft mein lieblingsgedicht..vielleicht steht es schon irgendwo, wenn ja..es ist jede wiederholung wert..


  Ich bin ein Stern am Firmament,
 der die Welt betrachtet, die Welt verachtet,
 und in der eignen Glut verbrennt.
 Ich bin das Meer, das nächtens stürmt,
 das klagende Meer, das opfer schwer zu alten Sünden neue türmt.
 Ich bin von Eurer Welt verbannt
 vom Stolz erzogen, vom Stolz belogen,
 Ich bin der König ohne Land.
 Ich bin die stumme Leidenschaft,
 im Haus ohne Herd, im Krieg ohne Schwert,
 und krank an meiner eigen Kraft.
Hesse
liebe twente
dieses gedicht von ingeborg bachmann hat etwas raubtierhaftes. das auge dieses raubtiers fällt auf mich und sein blick lässt mich nicht mehr los. es raubt mir den schlaf.
ja, so müssen gedichte sein, sie müssen sich einverleiben wollen.

wovon ist die rede? von einem herrscher, einem könig, dem höchsten herrscher. alt und gebieterisch herrscht er am anderen ende der welt in archaischer, schwültropischer umgebung,
das lyrische ich ist ein du, was die allgemeingültigkeit unterstreicht, begibt sich unter seine herrschaftswillkür, liefert sich ihm aus.
diese unterwerfung macht es mächtig, es ist in der lage ihn zu stürzen.
der kreis schließt sich.

mich erinnert das gedicht an DIE FENSTERROSE von rilke:

da drin: das träge treten ihrer tatzen
macht eine stille, die dich fast verwirrt;
und wie dann plötzlich eine von den katzen
den blick an ihr, der hin und wieder irrt,

gewaltsam in ihr großes auge nimmt, -
den blick,der, wie von eines wirbels kreis
ergriffen, eine kleine weile schwimmt
und dann versinkt und nichts mehr von sich weiß,

wenn dieses auge, welches scheinbar ruht,
sich auftut und zusammenschlägt mit tosen
und ihn hineinreißt bis ins rote blut - :

so griffen einstmals aus dem dunkelsein
der kathedralen große fensterrossen
ein herz und rissen es in Gott hinein.

ich finde, rilke geht unendlich fokussiert das bannschlagen selber an: gibt eine antwort auf die frage, was passiert, was geht vor, wenn es dich packt - es?: die leidenschaft!
so griffen einstmals aus dem dunkelsein
der kathedralen große fensterrossen
ein herz und rissen es in Gott hinein.


vor diesen fensterrosen habe ich oft schon fasziniert gestanden, mit den zeilen ist ihre ausstrahlung für mich ein wenig erklärt wulliwo
leidenschaft halte ich für einen ungeheuer starken und antreibenden faktor im leben, nicht umsonst wird sie aber häufig als "dunkle" beschrieben, ja was ist sie denn nun tatsächlich?
gefühl, sinnesüberflutung, bedürfnis....
.

Lieber wulliwo,

Der „Dunkle Erdteil“ in Bachmanns lyrischem Text ist das unbekannte Land – die terra incognita – der Seele. „Der Schwarze König“ ist die Leidenschaft, mit der die Liebe durchtränkt und durchdrungen zur vitalsten aller Lebensäußerungen wird.

Gelassenheit sammelt sich – Leidenschaft entäußert sich, Löschen und Erkalten – Auflodern und Brennen… Alles zu seiner Zeit! Deshalb ist Gelassenheit als vorherrschender Gemütszustand nicht ein vorrangiges sondern maximal ein gleichwertiges Ziel für mich – das noch zum vorher aufgeworfenen Thema.

Deine Interpretation des Bachmann-Gedichtes verschafft mir einen neuen Aspekt zum Thema Leidenschaft. Und mit dem Rilke-Gedicht folgst Du der Fährte der konkreten Auskleidung des Fassbaren, Leibhaftigen, das nicht nach Ausgleich und Gleichgewicht trachtet, sondern ausschließlich der Erfüllung seines Impulses. „Fokus“ ist der genau richtige Begriff für diese Art der Anschauung und schauenden Aneignung.


Aber es geht noch (viel) archaischer…

»Doch, hetz! schon ruft sie: Tigris! hetz, Leäne!
Hetz, Sphynx! Melampus! Dirke! Hetz, Hyrkaon!
Und stürzt – stürzt mit der ganzen Meut', o Diana!
Sich über ihn, und reißt – reißt ihn beim Helmbusch,
Gleich einer Hündinn, Hunden beigesellt,
Der greift die Brust ihm, dieser greift den Nacken,
Daß von dem Fall der Boden bebt, ihn nieder!
Er, in dem Purpur seines Bluts sich wälzend,
Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft:
Penthesilea! meine Braut! was thust du?
Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?
Doch sie – die Löwinn hätte ihn gehört,
Die hungrige, die wild nach Raub umher,
Auf öden Schneegefilden heulend treibt;
Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend,
Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust,
Sie und die Hunde, die wetteifernden,
Oxus und Sphynx den Zahn in seine rechte,
In seine linke sie; als ich erschien,
Troff Blut von Mund und Händen ihr herab.

Heinrich von Kleist: Penthesilea - Kapitel 25

Hier redet – oder schreit – Meroe von Penthesilea , die Achill mit Haut und Haaren verschlingen will – dabei aber selbst verschlungen wird von ihrer Leidenschaft.
Es erscheint mir wie der krasseste Gegensatz eines romantischen Liebesversleins – und Welten entfernt von „Gelassenheit“. Aber hier hat das Pendel längst in die mörderische Richtung ausgeschlagen inklusive Gier nach Einverleibung und einer tödlichen Eifersucht. – Ich meine, man sollte die ganze Bandbreite kennen – und alles, alles findet seinen Widerhall in der Lyrik.

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Lieber wulliwo – ich will Dir an dieser Stelle einmal für die zahlreichen Anregungen danken, die mich selbst wieder für das Thema Lyrik entflammt haben.
Liebe Grüße,
T.

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aura

die zeilen aus deinem lieblingsgedicht von hesse:

"der die Welt betrachtet, die Welt verachtet,
und in der eignen Glut verbrennt".

beziehen sich doch sicher? auf die situation des schriftstellers in der welt, der ohnmächtig, aber mit stolz und kritisch die welt betrachtet in seiner glut (Leidenschaft) verbrennend - sitting on the fence...biding my thime, drinking my wine (Otis redding)
liebe grüße
wulliwo
liebe twente,

schön,wie du den zusammenhang von leidenschaft und gelassenheit beschrieben hast, das habe ich so noch nicht gesehen, vielen dank. dein kompliment nehme ich gern an und gebe es aber auch an dich weiter.
liebe sonntagsgrüße von
wulliwo
"ICH bin nicht ich.

ICH bin jener,

der neben mit geht,

ohne dass ich ihn sehe,

den ich oft um Rat frage,

den ich oft auch vergesse.

ER, der schweigt, wenn ich spreche,

der sich still zurückzieht, wenn ich hasse,

der weilt, wo ich nicht bin,

der bleibt, wenn ich sterbe."


(Aus: "O Herz, stirb oder singe!", von Juan Ramon Jiménez, 1881-1958)
hallo seraphina,

auf den ersten blick denke ich an: zwei seelen in meiner brust...
auf den zweiten blick an die aufspaltung des Ichs bei freud
am ende des gedichts bleibe ich an der zeile hängen:

"jener ...der bleibt, wenn ich sterbe"..........?

war er gläubig? glaubte er an die unsterbliche seele?
SCHREIBEND

schreibend wollte ich
meine seele retten.
ich versuchte verse zu machen
es ging nicht.
ich versuchte geschichten zu erzählen
es ging nicht.
man kann nicht schreiben
um seine seele zu retten.
die aufgegebene treibt dahin und singt.

schreibend, Marie Luise Kaschnitz

ein beitrag zur SELBSTgelassenheit: lass es schreiben - willenlos.
O Herz, stirb oder singe.
Mein Herz ist nun so rein,
dass es gleichviel zählt,
ob es stirbt oder singt.
Es kann das Buch des Lebens füllen
oder das Buch des Todes.
Beide sind unbeschrieben für mein Herz,
das denkt und träumt.
Gleichviel Ewigkeit wird es in beiden finden.
O Herz, es zählt gleichviel, stirb oder singe.



Der Dichter Juan Ramon Jiménez wurde 1881 in Andalusien,Südspanien geboren. Er studierte an der Universität Sevillia die Rechte und kam später nach Madrid.
Er hat die Werke des indischen Nobelpreisträgers
Tagore ins Spanische übertragen. J.R.Jiménez wurde 1956 mit dem Nobelpreis für
Literatur ausgezeichnet. Die letzten Jahre verbrachte er in Puerte Rico.
Er starb 1958 in San Juan.

L.R.J. war ein Mensch, der sich wirklich nach einem anderen Lebenszustand sehnte.
den er wie in weiter Ferne innerlich erblickte und vollzog in seinem Leben eine entgültige
"Umkehr". Diese Umkehr geht vom zentralen Herzen des Mikrokosmos aus, das das
menschliche Herz berührt. (Zwei Herzen in der Brust...)
Es gelang ihm schliesslich, seinem Leben eine "andere Richtung" zu geben.
Bei diesem Richtungswechsel zieht das Herz seine Energien, die es bisher an die Welt
gebunden hatte, zurück und verankert sie in der geistige Welt.(Goethes Faustgeschichte)
dieser Wechsel hat zur Folge, dass das Herz allmählich so rein wird, dass es gleichviel zählt,
ob es tirbt oder singt.
liebe seraphina,

vielen dank für deinen hinweis
deine formulierung:
"Bei diesem Richtungswechsel zieht das Herz seine Energien, die es bisher an die Welt
gebunden hatte, zurück und verankert sie in der geistige Welt.(Goethes Faustgeschichte)
dieser Wechsel hat zur Folge, dass das Herz allmählich so rein wird, dass es gleichviel zählt,
ob es tirbt oder singt"
wird mir in erinnerung bleiben.
Liebe grüße
wulliwo
wulliwo hat geschrieben: SCHREIBEND

schreibend wollte ich
meine seele retten.
ich versuchte verse zu machen
es ging nicht.
ich versuchte geschichten zu erzählen
es ging nicht.
man kann nicht schreiben
um seine seele zu retten.
die aufgegebene treibt dahin und singt.

schreibend, Marie Luise Kaschnitz

ein beitrag zur SELBSTgelassenheit: lass es schreiben - willenlos.



Die Art des Schreibens und der Kunst, die nach Rettung aus ist, folgt einem tiefen Bedürfnis, das nicht selten einhergeht mit Zerrissenheit und Schmerz – einem Weltschmerz, der im persönlichen ankert. Die Eckdaten: Leben & Sterben. Dazwischen spielt sich alles Handeln ab, was angesichts des Todes als sinnlos, absurd betrachtet werden kann. Dennoch entsteht der Lebensimpuls immerfort aufs Neue in genau diesem Spannungsverhältnis. Nur in diesem Widerspruch erleben wir unsere Existenzberechtigung. Es ist wie bei dem Sisyphos von Camus: Wir müssen unser Geworfensein zum selbstbestimmten Schicksal ausrufen, täglich auf’s Neue.


Siehe dazu auch René Char:

»Neben das Verhängnis stelle den Widerstand gegen das Verhängnis. Seltsame Höhen wirst du kennenlernen«
…heißt es in dem Gedicht DER BERICHT VON LE BAUX (aus dem Band „Zorn und Geheimnis“)


Aber Mut gehört wohl dazu, diese Lebensspannung immer auszuhalten und ihr mit einer angemessenen eigenen Haltung Rechnung zu tragen, in welchem Tun auch immer!

Ein gutes Stichwort, um auf Marie-Luise Kaschnitz zurück zu kommen:
Ich wüsste da nämlich noch ein Gedicht von ihr, das mich sehr beeindruckt hat:



ZIEMLICH VIEL MUT

Ich finde doch, dass ziemlich viel Mut in der Welt ist,
Wenn man die Tage bedenkt, an denen es gar nicht recht hell wird.
Und die Jahre ganz ohne Hoffnung. Wenn man bedenkt,
Dass es gar niemanden gibt, der nicht seine Sorgen hätte,
Zumindest diese: Kind, was wird dir geschehen?
Und wir wissen doch alle, wie sehr wir misstrauen
Dem Dach über unserem Kopf und der Erde zu unseren Füßen.
Und dass keiner von uns mehr sagen mag: Rose, Schwester
Und Bruder Tod und Heimat Ewigkeit.

Und doch hab ich heute sehen, wie einer die Buche
Pflanzte, den dürren Stecken, und sah zu ihr auf,
Als wölbe sich schon über seinem Haupte die Krone.
Den ganzen Tag hab ich Lastwagen fahren sehen
Voll Bretter und Schwellen, voll Balken und roter Ziegel.
Ich sah mein eigenes Gesicht im Spiegel
Als ich fortging, dir zu begegnen.
Wie war es voll Freude.


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