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Nachtrag / Korrektur… (21:26 h zu 15.55 h /“Sommerbild“)

Wie unaufmerksam von mir … Nein nicht einmal ein Windhauch, der die Luft bewegte war‘s, nur der kaum spürbare Flügelschlag eines Schmetterlings. So zerbrechlich war sie am Schluss, dies nicht mehr zu überstehen…, nicht mal mehr Schatten ihrer selbst, und alles war nun zu viel…
Nur glühen konnte sie noch, blutend rot gegen das Vergehen – vergebens.

Ein wunderschönes, überaus zartes und doch lebendiges Bild. - Dieser eine kurze, stille Moment, vor Einsetzen des ersten rauen Herbstwindes eingefangen, brennt sich - wenn auch nur im Vorübergehen - in das Gedächtnis ein.


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Der Wunsch

Du holder Gott der süß'sten Lust auf Erden,
Der schönsten Göttin schönster Sohn!
Komm, lehre mich die Kunst, geliebt zu werden;
Die leichte Kunst, zu lieben, weiß ich schon.

Komm ebenfalls und bilde Phillis' Lachen,
Cythere, gib ihr Unterricht!
Denn Phillis weiß die Kunst, verliebt zu machen,
Die leichte Kunst, zu lieben, weiß sie nicht.

Friedrich von Hagedorn (1708 - 1754)
rheinnixe,
ich glaube die "kunst , geliebt zu werden" ist eine schöne illusion, der viele nachhängen, um sich dabei vielleicht sogar lächerlich zu machen; ich halte es da mit goethe:

"Doch, welch glück, geliebt zu werden,
zu lieben, götter, welch ein glück."

goethe, willkommen und Abschied

zu lieben und geliebt zu werden ist für mich ein gnade oder gabe, die nicht unserer willkür unterliegt, ansonsten ist man einfach nur nützlich, ja, man kann sich nützlich machen und, so traurig das auch ist, dabei bleibt es, mehr geht nicht.
aber wer möchte schon gern ein nützlicher idiot sein?
manche können auch gar nicht richtig lieben, das muss man erkennen, dieser wahrheit ins gesicht schauen, auch wenn sie schmerzlich ist.
liebe twente, die letzten zeilen deines hebbelgedichts:

"Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt."

bringen mich zum nachdenken über den "Fall".
hier wird das "WERDEN" zum thema mit den stationen: IST - ÜBERGANG UND LANGSAMER WECHSEL - SCHNELLER WECHSEL ODER UMSCHLAG - UMSCHLAGPUNKT.
was war, ist nicht mehr, ist es dann NICHTS? und das NEUE? ist es nur das NEUE? aber was ist dann das ALTE?
für mich ist das NICHTS nur eine illusion.
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Lieber Wulliwo,
was angelegt war, ist geworden und ist nun zur Vermehrung – zum weitern Werden - in den Samen, die die Früchte tragen, bereit. Deshalb der Appell: „O stört sie nicht, die Feier der Natur! Dies ist die Lese, die sie selber hält“… Die unberührte Natur sorgt für ihr eigenes unablässiges Werden und Vergehen. Das Alte trägt den Keim des Neuen in sich, bevor es vergeht. So geht nichts Wesentliches verloren, nur die alten Hüllen verrotten. – Nirgendwo ist „nichts“.

Es ist DAS Wunder des Lebens, was in einem Keimling an Potential alles enthalten ist – hier der Sämling – dort der prächtig herangewachsene Baum. Dazwischen das Werden –und nirgendwo „nichts“.

Was mich aber besonders interessiert, was in diesen Naturbetrachtungen ja immer auch mitschwingt, ist die Frage: Können wir das Bild auf den Menschen übertragen? - Ich denke, schon! Es ist nur heikel für das Individuum, dem als Mensch Bewusstsein und somit ein Ego mitgegeben wurde. Sein Selbst hat er zur Seele auserkoren und stellt nun alles mögliche an, um sie zu retten, zu bewahren, über den eigenen Tod hinaus. Mythen und Religionen sind aus daraus entstanden.

Warum können wir es nicht so belassen, wie die Natur es vorgesehen hat: Werden – Schenken (Weiterleben in unseren Kindern – oder der Kinder, es müssen nicht immer die eigenen sein) und Vergehen… Die Menschheit existiert doch weiter – genügt dass nicht?

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wulliwo hat geschrieben: rheinnixe,
ich glaube die "kunst , geliebt zu werden" ist eine schöne illusion, der viele nachhängen, um sich dabei vielleicht sogar lächerlich zu machen; .

Ich bin erstaunt, im Philosophieforum eine solche Antwort zu lesen. :roll:

Wenn ich's allerdings genau bedenke, wirft das Hagedorn-Gedicht dann auch eher psychologische Fragen auf.
liebe twente,

eine frau kann sich wohl viel besser in das wunder des WERDENS hineindenken und fühlen, deshalb ein herbstgedicht von einer frau

Auf die frucht- bringende herbst- zeit

freud`-erfüller
früchte-bringer
vielbeglückter jahres-koch
grünungs-blüh und zeitungs-ziel
werkbeseeltes lustverlangen! lange hoffnung
ist in dir in die tat-erweisung gangen.
ohne dich
wird nur beschauet
aber nichts genossen noch
du vollkommenheit der zeiten! mache bald vollkommen doch
was von blüh- und wachstumskraft halbes leben schon enpfangen
deine wirkung kann allein mit der werkvollziehung prangen
wehrter zeiten-schatz! ach bringe jenes blühen auch so hoch
schütt aus deinem reichen horn hochverhoffte freuden-früchte.
lieblich süßer mund-ergötzer! lab auch unseren geist zugleich : so erhebt
mit jenen er deiner früchte ruhm-gerüchte.
zeitig die verlangten zeiten
in den oberherrschungs-reich
lass die anlas-kerne schwarz
schickungsäpfel safftig werden:
dass man GOttes gnaden-frucht froh genießt und isst auf erden.

catharina regina von greiffenberg, auf die frucht-bringende herbst-zeit

die sprachgewaltigste hymne auf den herbst, die ich kenne
"ohne dich
wird nur beschauet(geredet?)
aber nichts genossen noch"
rheinnixe,

das bedürfnis zu philosophieren ist sicher psychologisch zu sehen, ich sehe da keinen widerspruch zwischen psychologie und philosophie, vor allem dann, wenn der philosoph bemüht ist, auch nach seinen erkenntnissen zu leben: lebensführung und lebenserkenntnis auf einen nenner zu bringen.
Was nutzt es den Philosophen, wenn er kognitiv die Dinge erfasst, seine Psyche aber die Sperrmauer nicht einreißen kann.
Dass du in dem Gedicht nicht das siehst, was es mir sagt, ist völlig okay.
Ich bin aber jetzt raus aus dem Thema. :)
wulliwo hat geschrieben: liebe twente,

eine frau kann sich wohl viel besser in das wunder des WERDENS hineindenken und fühlen, deshalb ein herbstgedicht von einer frau

Auf die frucht- bringende herbst- zeit

freud`-erfüller
früchte-bringer
vielbeglückter jahres-koch
grünungs-blüh und zeitungs-ziel
werkbeseeltes lustverlangen! lange hoffnung
ist in dir in die tat-erweisung gangen.
ohne dich
wird nur beschauet
aber nichts genossen noch
du vollkommenheit der zeiten! mache bald vollkommen doch
was von blüh- und wachstumskraft halbes leben schon enpfangen
deine wirkung kann allein mit der werkvollziehung prangen
wehrter zeiten-schatz! ach bringe jenes blühen auch so hoch
schütt aus deinem reichen horn hochverhoffte freuden-früchte.
lieblich süßer mund-ergötzer! lab auch unseren geist zugleich : so erhebt
mit jenen er deiner früchte ruhm-gerüchte.
zeitig die verlangten zeiten
in den oberherrschungs-reich
lass die anlas-kerne schwarz
schickungsäpfel safftig werden:
dass man GOttes gnaden-frucht froh genießt und isst auf erden.

catharina regina von greiffenberg, auf die frucht-bringende herbst-zeit

die sprachgewaltigste hymne auf den herbst, die ich kenne
"ohne dich
wird nur beschauet(geredet?)
aber nichts genossen noch"




Lieber Wulliwo,

Du hast Recht, diese wiederum weibliche Herangehensweise an das Thema Herbst gefällt mir gut. Aber da ist noch mehr, als nur die innere Verbundenheit zum Empfangen, WERDEN und Wachsen.
Ich habe mich ein bisschen schlau gemacht über Catharina Regina von Greiffenberg (1633-1694), die heute als die bedeutendste Dichterin des 17. Jahrhunderts gilt. Eher ungewöhnlich für eine, wenn auch adelige, Frau ihrer Zeit, wurde sie früh von Haus aus intellektuell gefördert. Ihr Sprachtalent wurde dazu von männlichen Freunden entdeckt und protegiert, die dann auch für Redigierung und Publikation ihrer Texte sorgten. Vielleicht hat sie über die intensive Korrespondenz mit ihnen, ihren „Seelenverwandten“, gelernt, den geistigen Schaffensprozess dem natürlichen Werden gleichrangig an die Seite zu stellen?

Greiffenberg tritt, wie es im Barock üblich war, in ihren Gedichten in einen direkten Dialog – hier also mit dem Herbst. Dies allein trägt schon dazu bei, den Text sehr lebendig erscheinen zu lassen.
Sie schrieb sogenannte „Figurengedichte“ (mit der heutigen „Konkreten Poesie“ vergleichbar). Ob auch dieses Gedicht dieser Absicht folgte, weiß ich nicht – aber die Form ähnelt doch tatsächlich einem Baum, oder?

Zum Inhalt. Die Verwendung einiger Begriffe erschließen sich uns oder zumindest mir nicht unmittelbar, da müsste ich erst in Abhandlungen über die Verwendung sprachlicher Bilder zu Zeiten des Barock forschen – was hier zu weit führte. Daher darf wohl auch der Gesamteindruck fürs Erste genügen:
Hier werden tatsächlich all die positiven Seiten herausgestellt und mit enthusiastischen Begriffen auf den Punkt gebracht: Freude, Früchte, Glück, Lust, Genuss, Ergötzen, Wachstum, Kraft, Vollkommenheit! Da bleibt kein Wunsch mehr offen – das MUSS ja die schönste, üppigste Zeit des Jahres sein. Auch im übertragenen Sinne, über die reine Naturanschauung und -verkostung weit hinausgehend. Nein, da werden auch die daraus erwachsenden Anregungen und Früchte geistiger Art gewonnen, bearbeitet und zum Besten eigenen Nutzen verwendet.

Der Text klingt melodisch, trotz der ungewöhnlichen Wortkombinationen. Aber die Dichterin scheint diese grundsätzlich gern dafür zu nutzen, innige Verbindungen zwischen den Bedeutungsebenen Natur-Mensch-Gott zu schaffen. So erscheint mir dann ihre (wie Du es schon sagst..) Hymne an die Natur zugleich als Lobgesang auf all das, was seinerzeit der Mensch aus ihr zu gewinnen und zu schaffen, aber auch durchaus auf Gottes Gnaden zurückzuführen wusste.


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Und hier ist ein anderes Lieblingsgedicht von mir, ultrakurz, aber reich an Metaphern – ein Gedicht über das Dichten selbst:



Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.


Joseph von Eichendorff
(1835)


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liebe twente,

ja, das ist ganz , wie ich es mir wünsche, einer schiebt, der andere übernimmt und schiebt weiter -und wie du schiebst!
Du schreibst:
"Sie schrieb sogenannte „Figurengedichte“ (mit der heutigen „Konkreten Poesie“ vergleichbar). Ob auch dieses Gedicht dieser Absicht folgte, weiß ich nicht – aber die Form ähnelt doch tatsächlich einem Baum, oder?

ich habe das gedicht mit fortlaufenden text gefunden, schöne beobachtung von dir.

zu eichendorff, sein gedicht ist einfach super und beschreibt meines erachtens das phänomen, dass wir oft darüberweglesen (müssen) weil wir die tiefe der sprache nicht bemerken im tagesgeschehen. so habe ich auch lange gerätselt z. b. über die worte in rilkes gedicht DU DUNKELHEIT,AUS DER ICH STAMME:

"du dunkelheit, aus der ich stamme,
ich liebe dich mehr als die flamme,
...
rilke , 1899, du dunkelheit aus der ich stamme

was meint er denn, was meint er denn?. bis mir die worte schließlich aufgingen,ja, ich habe sie dann erlebt; im wahrsten sinne des wortes ein BILDUNGSERLEBNIS; jetzt sind sie für mich zauberworte.
ich liebe meines Wesens Dunkelstunden

 Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.
Aus ihnen kommt mir Wissen,
dass ich Raum zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe den Traum erfüllt,
den der vergangene Knabe (um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
 verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

Rilke

gewachsen... 
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Ich bin nicht gläubig im Sinne des Monotheismus.
Aber in Rilkes Gedichten können die Worte, die sich an Gott richten auch eine andere Interpretation erfahren, in Bezug auf die eigene Natur oder das eigene Sein in der Welt…
was ich sehr anregend finde…
wie in diesem hier:



Es lärmt das Licht im Wipfel deines Baumes
und macht dir alle Dinge bunt und eitel,
sie finden dich erst wenn der Tag verglomm.
Die Dämmerung, die Zärtlichkeit des Raumes,
legt tausend Hände über tausend Scheitel,
und unter ihnen wird das Fremde fromm.

Du willst die Welt nicht anders an dich halten
als so, mit dieser sanftesten Gebärde.
Aus ihren Himmeln greifst du dir die Erde
und fühlst sie unter deines Mantels Falten.

Du hast so eine leise Art zu sein.
Und jene, die dir laute Namen weihn,
sind schon vergessen deiner Nachbarschaft.

Von deinen Händen, die sich bergig heben,
steigt, unsern Sinnen das Gesetz zu geben,
mit dunkler Stirne deine stumme Kraft.


Rilke / Stundenbuch / I. Das Buch vom mönchischen Leben, 1899



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die tiefsten und schönsten gedanken kommen zu mir mir in der nacht. sie drängen sich mir auf, früher wehrte ich sie ab

DU DUNKELHEIT, AUS DER ICH STAMME

du dunkelheit, aus der ich stamme
ich liebe dich mehr als die flamme,
welche die welt begrenzt,
indem sie glänzt
für irgend einen kreis,
aus dem heraus kein wesen von ihr weiß.

aber die dunkelheit hält alles an sich:
gestalten und flammen, tiere und mich,
wie sie`s errafft,
menschen und mächte -

und es kann sein: eine große kraft
rührt sich in meiner nachbarschaft.

ich glaube an Nächte.

Rilke, Berlin-Schmargendorf, 22.september 1899

die nacht ist die zeit der dichter.
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Der durchwachten Nächte Arten mit ihren phantastischen Gestalten gibt es wohl unzählige.
Die hier beschriebene stammt aus der Feder (ich sah sie jüngst, die Feder, im Rüschhaus) von Annette von Droste-Hülshoff, einer berühmten Dichterin aus meiner Westfälischen Heimat:



Durchwachte Nacht

Und drunten das Gewölke rollt und klimmt;
Gleich einer Lampe aus dem Hünenmale
Hervor des Mondes Silbergondel schwimmt,
Verzitternd auf der Gasse blauem Stahle;
An jedem Fliederblatt ein Fünkchen glimmt,
Und hell gezeichnet von dem blassen Strahle
Legt auf mein Lager sich des Fensters Bild,
Vom schwanken Laubgewimmel überhüllt.

Jetzt möcht' ich schlafen, schlafen gleich,
Entschlafen unterm Mondeshauch,
Umspielt vom flüsternden Gezweig,
Im Blute Funken, Funk' im Strauch
Und mir im Ohre Melodei; -
Die Uhr schlägt Zwei.

Und immer heller wird der süße Klang,
Das liebe Lachen; es beginnt zu ziehen
Gleich Bildern von Daguerre die Deck' entlang,
Die aufwärts steigen mit des Pfeiles Fliehen;
Mir ist, als seh ich lichter Locken Hang,
Gleich Feuerwürmern seh' ich Augen glühen,
Dann werden feucht sie, werden blau und lind,
Und mir zu Füßen sitzt ein schönes Kind.

Es sieht empor, so fromm gespannt,
Die Seele strömend aus dem Blick;
Nun hebt es gaukelnd seine Hand,
Nun zieht es lachend sie zurück;
Und - horch! des Hahnes erster Schrei! -
Die Uhr schlägt Drei.

Wie bin ich aufgeschreckt, - o süßes Bild,
Du bist dahin, zerflossen mit dem Dunkel!
Die unerfreulich graue Dämmrung quillt,
Verloschen ist des Flieders Taugefunkel,
Verrostet steht des Mondes Silberschild,
Im Walde gleitet ängstliches Gemunkel,
Und meine Schwalbe an des Frieses Saum
Zirpt leise, leise auf im schweren Traum.

Der Tauben Schwärme kreisen scheu,
Wie trunken in des Hofes Rund,
Und wieder gellt des Hahnes Schrei,
Auf seiner Streue rückt der Hund,
Und langsam knarrt des Stalles Tür -
Die Uhr schlägt Vier.

Da flammt's im Osten auf, - o Morgenglut!
Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strahle
Strömt Wald und Heide vor Gesangesflut,
Das Leben quillt aus schäumendem Pokale,
Es klirrt die Sense, flattert Falkenbrut,
Im nahen Forste schmettern Jagdsignale,
Und wie ein Gletscher sinkt der Träume Land
Zerrinnend in des Horizontes Brand.



Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848)


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