Moderne / Zeitgenössische Kunst – und wie ich dazu stehe

- Teil 1 -


• Kunst ist Kunst.

• Kunst ist originär.

• Der Künstler „muss“ Kunst schaffen.


Die originäre Kunst entzieht sich jeglicher Bewertung von außen.
Und damit auch einer externen Vorgabe, ob Kunst handwerkliches Können voraussetze oder nicht, und wenn nicht, was dann sonst…

Dies für sich und sein Werk zu erkennen, liegt allein im Künstler selbst. Das macht es ja so schwierig, seinen Weg zu finden.

Daneben gibt es eine Vielzahl von Schnittstellen mit anderen eigenen Interessen des Künstlers und den Interessen anderer. Manche dieser Interessen haben unmittelbar mit der Kunst an sich zu tun – es ist zum Beispiel die Möglichkeit des Künstlers, seine Werke auszustellen, um sie einem breiten Publikum zugänglich zu machen – einfach, um sie mit ihm zu teilen, um Anerkennung zu finden oder um sie zu verkaufen, um davon auch zu leben.

Auf der anderen Seite stehen die Interessen der Kunstliebhaber, Kunstinteressenten und all derjenigen die den Umgang mit Kunst zu ihrem Beruf oder ihrem Geschäft gemacht haben, um sie zu vermitteln oder zu vermarkten. Die möglichen Mischungsverhältnisse zwischen dem originärem Interesse an der Kunst selbst, dem Wunsch nach Anerkennung der Werke und des eigenen Status - und der wirtschaftlichen Gründe, sich mit Kunst zu befassen, sind vielfältig.

Jeder muss für sich selbst entscheiden, welchen Stellenwert die Kunst für ihn hat – als Künstler oder Rezipient.

Ich habe mich dafür entschieden, mein originäres Interesse an Kunst nicht mit diesen vielen anderen Themen zu vermischen, die letztlich nur ablenken von den eigentlichen Ideen und Entstehungsprozessen, die bei aller Schwierigkeit und Komplexität aufregend sein können, wie Entdeckungsreisen in unbekannte Länder.

Denn das, was manche so gern betreiben: Den Wert und die Bedeutung von Kunst an sich anzuzweifeln, weil eben diese vielen andere Interessen sich damit vermischen lassen, blendet oft aus, dass dies auf alle möglichen Dinge übertragen werden kann, zum Beispiel auf die Fußballbundesliga-Spiele, die von „Millionären“ bestritten werden usw. Jedes Musikfestival, mögen die Interpreten und Bands noch so gute Musik hervorbringen, zieht einen Tross von Sponsoren und wirtschaftlich Interessierten an, die die Verbreitung erst ermöglichen.

Mit der Kunst ist es ähnlich. Ohne Mäzenatentum und Galerien, Museen und Messen, würde die breite Öffentlichkeit gar nicht erst damit in Berührung kommen können. Dass es im Kunstbereich wie in den meisten anderen auch zu vielen Auswüchsen kommt, ist unbestritten.

Ich finde es sehr aufregend, mich mit Kunst zu beschäftigen. Und nutze dafür gern die Anschauungs- und Wissensvermittlungsangebote von Museen und Medien. Ich lasse mich darauf ein, möglichst ohne Schere im Kopf. Ich muss nicht gleich alles bewerten. Was mich selbst stark anspricht oder abstößt oder gleichgültig lässt, hat jeweils viel mit meiner persönlichen Wesensart und Entwicklung zu tun.

Die eigentlich spannende Frage hierbei ist doch, wohin es mich führen kann, wenn ich mich wirklich darauf einlasse.


Viele fühlen sich von moderner Kunst nicht wirklich angesprochen, wenn sie nicht zugleich dekorativ, oder farbenfroh-heiter daherkommt. Das ist kein Vorwurf. Ich habe zum Beispiel kein großes Interesse an Technik. Das mögen andere wieder schade finden und es mag häufig dazu führen, dass ich bestenfalls milde belächelt werde wegen meiner diesbezüglichen Begriffsstutzigkeit. Ist mir schon oft passiert. Ich habe halt keinen Draht dazu. Aber muss ich die Technik und ihre Erschaffer verächtlich machen, damit ich mich nicht unterlegen fühlen muss? Ich glaube, was technische Fragen betrifft, gibt es nicht so viele Berührungsängste und vor allem die Angst, fehlendes Verständnis verteidigen zu müssen, als gehe es um den eigenen IQ.

Weshalb aber können es so viele nicht ertragen, von Kunst nichts zu verstehen? Ich habe oft erlebt, sogar bei guten Freunden, dass dieses fehlende Verständnis oft hergenommen wird als Maßstab dafür, ob etwas tatsächlich Kunst sei oder nicht. Beuys Fettecke ist ein Extrembeispiel dafür, was den meisten ein Dorn im Auge ist: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Darüber lächeln sie verständnisinnig... Na gut. Ich lächle auch - darüber. :wink:






- Teil 2 -


„Kunst“, die ich hier meine, ist die Kunst der Avantgarde, der Moderne, der Postmoderne bis hin zur aktuellen zeitgenössischen Kunst (Anfang 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart).

Als ich kürzlich in Wien war, habe ich mir die alten Meister, insbesondere die niederländischen und italienischen, noch einmal im Original angeschaut. Wahnsinn! Ich konnte mich nicht sattsehen an all den wirklich wunderbaren Meisterwerken!

Aber zeitgenössische Kunst ist etwas ganz anderes.

Ich liebe beides.

Zeitgenössische Kunst hat nix mit Können zu tun. Kunst ist Kunst. Punkt. Sie ist originär, aufregend innovativ, depressiv, halluzinativ, visionär, nüchtern, minimal, üppig, bunt, monochrom, gegenständlich, abstrakt, naiv, konzeptionell, planlos, strukturiert, gewaltig, winzig, alles oder fast ein Nichts…

Es existieren für sie keine Normen, keine Vorgaben, keine Grenzen. Sie dient sich nicht an, sie will nicht „gefallen“, im Gegenteil, wenn es so sein soll, soll sie sogar stinken – so wie Stinke-Käse richtig stinken muss, um genau richtig zu sein. Sie ist in ihrer ureigentlichen Bedeutung losgelöst vom kommerziellen Denken – wenn sie ist was sie ist: nämlich Kunst. – Und dennoch ist sie nicht beliebig! Das zu unterscheiden, ist die Kunst am Kunstverständnis.

Ich habe aber auch ein immer waches Interesse daran, mich mit anderen darüber auszutauschen, die entweder ähnlicher oder aber auch ganz anderer Meinung sind, als ich - solange dieser Austausch bei allen möglichen kontroversen Standpunkten an sich konstruktiv und tolerant gegenüber Andersdenkenden bleibt.



... und hast du noch etwas am Lager? :lol: :lol: :lol:


Wieso, suchst Du ein Ersatzteil? 8)


Ich suche nichts und auch nicht bei dein Schreiben über "Kunst". :lol:
Schade dass ich es jetzt erst lese. Ich gehe zu (fast)100 % mit deinen einlassungen konform. 
Das schwierige dabei ist nur , dass kunst "verabredet " wird.
:(  


Hallo, @ Reisender!
Schön, dass sich überhaupt noch jemand hier einfindet, der sich für das Thema interessiert.
Also sei Willkomen in diesem Thread! :D

Nun zu Deinem Einwand, meinst Du dieses:

>>…Es gilt: Was als Kunstwerk anerkannt wird, wird als Kunstwerk anerkannt. Das klingt vielleicht pleonastisch, aber es ist so! Fachleute übernehmen die Meinungsführerschaft und entscheiden, was denn nun eigentlich Kunst ist. Kunst ist heute also mehr oder weniger ein Verabredungsbegriff, auf den man sich geeinigt hat. Zwischen Fachleuten und dem allgemeinen Publikum kommt es aber immer wieder zu Streitigkeiten, was die einen und die anderen nun für Kunst halten…<<

http://www.litlog.de/was-kunst-ist-wird-verabredet/

Ja, so kann man das sehen und muss es vielleicht sogar sehen, wenn man entweder beruflich mit diesem Thema zu tun hat oder sich aus anderen Gründen in den Kunstbetrieb einordnen und einfinden muss, um da mittun zu können – und auch als Künstler selbst, der von seiner Kunst leben will oder muss.

Man kann es aber auch puristisch sehen, so wie ich es in meinen Beiträgen oben dargelegt habe. Immerhin kann ich mir das erlauben, weil ich nur ein rein rezipierendes Interesse an der Kunst habe. – Und meine eigenen kleinen aktiven Versuche in diese Richtung weniger als Kunst, denn als Hobby, maximal als Versuche und Experimente einstufe, die mich allerdings dennoch sehr befriedigen können, wenn mir mal etwas so gelingen sollte, wie ich es mir vorgestellt habe. :wink:


Ja.... Kunst ist Kunst........
und jeder ist ein Künstler.

Ich mag dieses Wort nicht - Hobby -

Das kleine Kind , sowohl du und ich
setzen sich künstlerisch
mit den gegeben Materialien auseinander.

Wir / Ich befinde mich auf dem Weg.


Deine Betrachtungen finde ich interessant,
dennoch ich gehe auf jede Kunst ohne jede Theorie
drauf zu.


Bald kommt wieder die Documenta,
da werde ich vielleicht ratlos sein,
weil ich die Kunst nicht verstehe..


Früher würden die Im - und Expressionisten
auch nicht verstanden.
Die Künstler konnten kaum davon leben.

Heute ist es ähnlich.
Nur einige wenige haben sich mit Hilfe anderer durchsetzt.
Heute ist viel PR - Arbeit dabei

h.


Danke für Deine Beteiligung, @ artwork :D

Lass mich Deine Worte aufgreifen…

Die Aussage des Künstlers Joseph Beuys (1921-1986): „Jeder Mensch ist ein Künstler“ entstammte seiner Vorstellung von einem „erweiterten Kunstbegriff“ entsprechend seiner Theorie von einer „Sozialen Plastik“, die im Rahmen der 68er-Bewegung sein Beitrag dazu war, die verstärkte Teilhabe des Bürgers an allen gesellschaftlichen Bereichen zu propagieren. Diese Theorie hatte damit den engeren Bereich der künstlerischen Kreativität, aus dem sie entstanden war, bereits weit überstiegen. Die Aussage „Jeder Mensch ist ein Künstler“ war somit nicht etwa eine neue Definition der Kunst im engeren eigentlichen Sinne, sondern erweiterte den Begriff der Kunst auf alle Lebensbereiche, um auf das kreative Potenzial des Menschen schlechthin im Wirken für sein Leben in seinem Umfeld und insbesondere als Bürger in seinem Staat zu verweisen. – Eine eindeutig politische Zielsetzung aus der Sicht eines Künstlers, die in die damalige Zeit passte.

https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Plastik

Meine* Aussage „Kunst ist Kunst“ bezieht sich dagegen nur auf die Kunst.

*Natürlich ist das eine sehr simple Begrifflichkeit, die schon lange auch von bestimmten Künstlern verwendet wird.

Zum Beispiel von Ad Reinhardt (1913-1967), einem US-amerikanischen Künstler und Kunsttheoretiker:


>>Das eine, was sich über Kunst sagen lässt, ist, dass sie eines ist. Kunst ist Kunst-als-Kunst, und alles andere ist alles andere. Kunst-als-Kunst ist nichts als Kunst. Kunst ist nicht, was nicht Kunst ist. Der eine Gegenstand von fünfzig Jahren abstrakter Kunst, ist Kunst-als-Kunst vorzustellen, und als nichts anderes, aus ihr nur das eine zu machen, das sie ist, indem man sie mehr und mehr absondert und definiert, sie reiner und leerer macht, absoluter und ausschließlicher – nicht-gegenständlich, nicht-darstellend, nicht-figurativ, nicht-imagistisch, nicht-expressionistisch, nicht-subjektiv. Der einzige und eine Weg, zu sagen, was abstrakte Kunst ist, liegt darin zu sagen, was sie nicht ist.<<

– Ad Reinhardt: zitiert nach Ulrich Reißer/Norbert Wolf: Kunstepochen. Band 12: 20. Jahrhundert II. Reclam, Stuttgart 2003; S. 75f. (Quelle: Wikipedia)

Ad Reinhardt ist damit also äußerst puristisch und lässt nichts tradiertes mehr gelten, sondern nur noch die reine Abstraktion. Er ist dermaßen radikal, dass sich meiner Meinung nach daraus sogar die Abschaffung der Kunst als Ausdruck, als Ausführung einer Idee ableiten ließe, so dass nur noch die nicht mehr zum Ausdruck zu bringende Idee im Kopf des Künstlers übrig bliebe. :wink:

Aber das ist selbst für puristische Maßstäbe bloß noch eine sich letztlich sogar selbst noch eliminieren müssende Vorstellung von der Perfektion des reinen, originären Gedankens.

Meine Vorstellung von „Kunst ist Kunst“ entstand in einer Assoziation aus:

„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“
(Gertrude Stein „Sacred Emily“. Auf Englisch ist dieses Zitat „Rose is a rose is a rose is a rose is a rose“ ein Wortspiel, das mit dem Gleichklang des Namens „Rose“ mit Eros und „a rose“ spielt.)

…und lässt sich am Ende mittels einer auch dem Zen-Buddhismus zuzuordnenden Anschauung einer Blume ergänzen:


>>Wenn ich aufmerksam schaue,
Seh‘ ich die Nazuna
An der Hecke blühen!<<

(Basho, Japanischer Dichter, 1644 – 1694)

Vielleicht hatte Basho das Glück, auf diese Weise selbst zur Blume zu werden, sie zu sein.
Teil des „Dings“ und nicht nur Beobachter oder gar Analyst. Ich meine damit: Die Dinge sind einerseits wie sie sind (was Mehrdeutigkeiten nicht ausschließt) und ein Mensch kann sich mit ihnen in der reinen Anschauung identifizieren, sie sich und sich ihnen in einem Prozess der Neuerschaffung aneignen.

Zur jeweiligen künstlerischen Intention, ihrer grundlegenden Idee, ihrem Sujet und zur Technik der Ausführung ist von außen nichts Einschränkendes zu bestimmen. Das ist allein Sache des Künstlers.

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Wenn ich von meinen eigenen Aktivitäten als „Hobby“ sprach, so geschah es allein aus Respekt vor wahrem künstlerischem Schaffen. Ich mag den Begriff eigentlich auch nicht. :)





Ich stelle meinen heutigen Beitrag „Die Kunst... und das Nichts als Möglichkeit der Wirklichkeit. Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“ aus dem Thread „Die Wirklichkeit, das Mögliche und das Nichts“ im Philosophieforum jetzt hier noch einmal ein, weil es mir dort vorrangig um den Begriff des Nichts im Kontext der Kunst geht, aber Diskussionen im Hinblick auf die Kunst an sich eher hier hergehören.

https://www.50plus-treff.de/forum/die-w ... l#p3979417


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Die Kunst und…
Das Nichts als Möglichkeit der Wirklichkeit
Schwarzes Quadrat auf weißem Grund



Als ich im Frühjahr die Ausstellung „Chagall bis Malewitsch - Die Russischen Avantgarden“ in der Albertina besuchte – was mir eine große Freude war, denn so viele Meisterwerke russischer Künstler aus dieser speziellen Epoche, für die ich mich schon so lange interessiere, sind nur sehr selten an einem Ort versammelt zu betrachten –, fiel mir unter anderem insbesondere eines der Bilder von Malewitsch auf: „Das Schwarzes Quadrat“ (1923).


Bild

Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch (1878–1935) „Das Schwarze Quadrat“, eine von mehreren Versionen,
hier die von 1915, Tretjakow-Galerie, Moskau



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Obwohl naturgemäß darauf nicht viel zu sehen war, hat es mich dennoch sehr fasziniert…

Es erinnerte mich an die Ausstellung „Weiß ist Farbe“ von Ulrich Erben im Westf. Landesmuseum Münster, die ich 1992 besuchte. – Damals hatte ich vor diesen Bildern das Gefühl, dass ihre weißen Flächen meine Aufmerksamkeit zerstreuen und meinen Blick permanent „verschlagen“, der, von ihnen nicht gehalten, durch sie hindurch ins Bodenlose fiel…

Und hier vor dem Gegenteil, einem monochrom schwarzen Bild, wurde mein Blick wie magisch angezogen und „verschluckt“ und paradoxerweise zugleich abgewiesen, so als wenn die Tür meinem Verstand vor der Nase zugeschlagen würde, unterdessen mein Blick bereits hinter der Tür verschwunden war… Schwer zu beschreiben.

Zu Hause schaute ich nach, was es mit diesem Bild auf sich hatte…

>>Als ich 1913 den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellte ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weißen Grundfeld ... Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.<<

Kasimir Malewitsch


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Eine der Quellen der Idee, ein schwarzes Quadrat als Symbol zu verwenden, geht auf den englischen Philosophen Robert Fludd (1574-1634) zurück, der verschiedene Werke verfasst hat, auf die sich später auch der Künstler Anselm Kiefer in einem seiner Werkzyklen bezog.


>>>>Der englische Arzt und Naturphilosoph Robert Fludd hat im ersten Band von Utriusque cosmi maioris scilicet et minoris Metaphysica, physica atque technica Historia (Metaphysik und Natur- und Kunstgeschichte beider Welten, nämlich des Makro- und des Mikrokosmos), einer Geschichte des Makrokosmos, eine Schöpfungsgeschichte visualisiert, die mit dem Urbild der Hyle, dem Äquivalent zum Nichts, als ein schwarzes Viereck beginnt. Das Schwarz der Fläche variiert von Exemplar zu Exemplar. Bei der (…) Abbildung zeigen sich an den vier Rändern Strukturen von sich überkreuzenden „Fäden, durch die winzige horizontale Rechtecke des Lichtes durchscheinen“. Diese „Stoffstruktur“ ist im Inneren des Vierecks durch einen weiteren Farbauftrag Schwarz überlagert, die nur in ihrem Außenbereich die Sicht auf die Fadenstruktur zulässt.

Bild

Robert Fludd, „Metaphysik und Natur- und Kunstgeschichte beider Welten, nämlich des Makro- und des Mikrokosmos“, 1617

Die gewebeartige untere Membran legt also das Schwarz des Nichts über das Licht, das durch die Membran hindurchscheint. Die Wolken des Chaos, die mit dem zusätzlich darüberliegenden Farbauftrag gebildet werden, liegen darüber. In ihnen sind in Kreis- und Spirallinien Linien eingeritzt, die seit Leon Battista Alberti als die Linien der natura naturans,
die Möglichkeit der Bewegung zur Andeutung von Licht gelten.

Ähnlich ging Kasimir Malewitsch vor. Im Jahr 1914 hatte er ein Gemälde so gut wie fertiggestellt, doch entschloss er sich im selben Jahr, noch bevor es getrocknet war, das Bild homogen schwarz zu übermalen, ein Vorgang, der in der Folge ein Craquelée bildet. Die feinen Risse, die sich in dem Schwarz bald abzeichnen sollten, waren vom Künstler von Beginn an angelegt worden. Röntgenaufnahmen zeigen, „wie von unten her die Helligkeit des bereits Gemalten durch das Schwarz bricht.“

Bild

Alphonse Allais, Combat de nègres dans une cave, pendant la nuit, 1897

Im Jahr 2015 stellte sich bei Untersuchungen heraus, dass unter dem Schwarzen Quadrat nicht nur ein, sondern zwei Vorgängergemälde liegen. Zugleich wurde eine Aufschrift auf dem Gemälde entziffert, die sinngemäß bedeutet Schlacht von Schwarzen in einer dunklen Höhle. Darin wäre eine Referenz auf ein ähnlich betiteltes und ausgeführtes Bild des französischen Künstlers Alphonse Allais erkennbar, Combat de nègres dans une cave, pendant la nuit" (etwa: Kampf von Schwarzen in einem Keller, in der Nacht
).<<<<

(Wikipedia; Hervorhebungen von mir)

Bildquellen: Wikimedia Commons, gemeinfrei.


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Weitere Informationen zu Malewitsch und dem von ihm begründeten Suprematismus und seinem schwarzen Quadrat als Symbol für das Nichts – und zu Fludd…

https://de.wikipedia.org/wiki/Kasimir_S ... Malewitsch
https://de.wikipedia.org/wiki/Suprematismus
https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Schwarze_Quadrat
https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Fludd


Zitat von Verdandi:

Zeitgenössische Kunst hat nix mit Können zu tun. Kunst ist Kunst. Punkt. Sie ist originär, aufregend innovativ, depressiv, halluzinativ, visionär, nüchtern, minimal, üppig, bunt, monochrom, gegenständlich, abstrakt, naiv, konzeptionell, planlos, strukturiert, gewaltig, winzig, alles oder fast ein Nichts…

Es existieren für sie keine Normen, keine Vorgaben, keine Grenzen. Sie dient sich nicht an, sie will nicht „gefallen“, im Gegenteil, wenn es so sein soll, soll sie sogar stinken – so wie Stinke-Käse richtig stinken muss, um genau richtig zu sein. Sie ist in ihrer ureigentlichen Bedeutung losgelöst vom kommerziellen Denken – wenn sie ist was sie ist: nämlich Kunst. – Und dennoch ist sie nicht beliebig!
Das zu unterscheiden, ist die Kunst am Kunstverständnis


*****

Wo ich dir beipflichten kann:
Bedeutende Kunst ist immer zeitlos, sie gilt immer. Sie berührt unser Innerstes, erzählt von Freiheit, macht unser Fühlen sichtbar. In der Bildenden Kunst, in der Musik, auch in der Literatur. Sie spricht zu uns, führt uns tiefe Wahrheiten vor Augen - auch abseits von allem Rationalen.
Es ist ein Dialog, immer eine Darstellung, vielleicht eine Herausforderung - wir sollten jedem Kunstwerk mit Respekt begegnen.

Doch dazu braucht es das Können und die Fähigkeit des Künstlers, ob heute, gestern oder vor vielen Jahren.
Da liegen die Gefahren des Zeitgenössischen. Der Starkult der heutigen Spassgesellschaft, sehr wohl auch das kommerzielle Denken, die Jagd auf Subventionen, das alles spielt mit. Hochprofessionelles Marketing.
So vieles ist schon bald wieder vergessen. Früher war das auch so, es gibt viele Beispiele.
Doch niemals in diesem Ausmass!

Immer im Trend sein zu wollen: ist das nicht der Höhepunkt vom spiessig sein?


@ sandro…

Vielen Dank für Deinen Beitrag! Und auch für die Beipflichtung, die über das von mir schon Erwähnte hinaus weist.

Also kann ich mich nur auf die Kritik im zweiten Absatz stürzen, obwohl sie im Verhältnis zur grundsätzlich Anerkennung moderner Kunst nicht vorherrschend sein mag.

Das Können – worin? Die Fähigkeit – wozu? Was ist das spezifische Handwerk der Gegenwartskunst? Und was ist die spezifische Intention? – Gibt es nicht, oder?

Natürlich gibt es eine „Kunstwelt“, einen „Kunstmarkt“ und viele kommerziell bedingte Auswüchse derselben. Aber dazu äußerte ich mich oben schon. Ich mache die Existenzberechtigung von Kunst nicht davon abhängig, ob diese Erscheinungen existieren oder nicht existieren. Genauso wenig, wie ich die Rezeption eines Buches davon abhängig mache, ob es von einem relativ unbekannten oder einem Bestsellerautoren geschrieben wurde.

Da ich den Luxus genieße, rein privat meinem Interesse an Kunst zu frönen, und ich auch nicht die Mittel dazu hätte, Werte in Form von Kunstwerken zu erwerben, gebe ich mich auch nur mit ihr selbst als solche ab. Mich fasziniert die Entwicklung der modernen Kunst an sich, weniger ihre kommerziellen Begleiterscheinungen. Aber eines ist doch hoffentlich klar: Die überwiegende Mehrzahl der Künstler darbt, der winzige Rest darf sich als „Star“ in der „Szene“ wahrnehmen. – Aber man sollte dabei auch bedenken, dass nicht alle Stars sich durch ihre Berühmtheit verbiegen lassen oder im moralischen Sinne käuflich werden (Gutes Beispiel: Gerhard Richter!).

Zurück zur Frage nach dem „Können“: Für mich ist das keine Frage nach einem Handwerk, sondern, wenn überhaupt, die nach der Beschaffenheit einer Gedankenwelt, aus der Impulse entstehen und Ideen entwickelt und umgesetzt werden. Aber die Antwort auf die Frage nach dem vorhandenen oder nicht vorhandenen Potenzial kann sich der betreffende Künstler nur selbst geben. Er folgt im Idealfall einem starken eigenen inneren Antrieb: Er „muss“ Kunst schaffen! Aber auch, wenn dieser unbedingte Antrieb fehlt, muss er sein Selbstverständnis und die möglichen Konsequenzen daraus mit sich selbst ausmachen.

Der Rezipient ist nicht befugt, von außen her ein Urteil darüber zu fällen, ob ein Künstler Kunst „kann“ – es sei denn, er beschränkt sich auf seine berufliche, vermittelnde Funktion oder auf sein privates, subjektives Interesse. Und natürlich ist jeder Rezipient berechtigt, sich außerhalb der reinen Recherche mit seiner persönlichen Ansicht letztlich auch einem Mainstream-Urteil anzupassen und diesem zu folgen.

Wer dieses nicht möchte und beruflich oder kommerziell nicht eingebunden und nicht einer übergeordneten, institutionellen Meinung verpflichtet ist, sollte dagegen auf sein eigenes Urteilsvermögen vertrauen.

Natürlich lässt sich aus diesem Grund, gerade weil verschiedene, insbesondere auch individuelle Wege der Rezeption möglich sind, meist nicht leicht bzw. ohne weiteres (wenn auch im erklärtermaßen durchaus positiven Sinne) streiten über moderne Kunst. Man muss erst so viel Ballast, der mit der Kunst im Grunde unmittelbar nichts zu tun hat, beiseiteschieben. Und manche wollen das eben gar nicht, sie haben ihr (vernichtendes?) Urteil längst gefällt.

…Das allerdings beziehe ich keineswegs auf Dich. Dein Beitrag zeigt ein differenziertes Herangehen an dieses Thema. Ich hoffe jedenfalls auf weitere Beiträge von Dir! :)


Toller Thread, Verdandi, sehr lesenswert!!
(Werde vermutlich nichts beitragen können, da Kunst für mich nicht mehr existentiell wichtig ist in meiner jetzigen Lebensphase; aber ich möchte verstehen, was unsere Künstler geistig und seelisch bewegt.)


@ Migranda, vielen Dank!

Ich habe mich dazu entschlossen, diesen Thread gelegentlich mit weiteren Beiträgen „aufzufrischen“…, damit zumindest Du hier weiteres zu lesen bekommst. :)




Die wahre Kunst …

… Weitere Gedanken zum Thema.


Mir geht es bei der Kunst, wie schon erwähnt, nicht um eine Bewertung sondern um die Intention des Schaffens. Den Impuls und den Prozess. Dann natürlich auch um das Ergebnis.

Natürlich kann ich gute Kunst meist erst dann sehen, wenn sie irgendwo ausgestellt wird oder ich die Gelegenheit bekomme, ein Atelier zu besuchen. Natürlich wurde der betreffende Künstler bzw. sein Werk dann schon bewertet und für gut befunden. Ich habe ja keinen Kontakt zu völlig unbekannten Künstlern.

Aber ich fühle mich nicht nur nicht dazu berechtigt (wie ich oben schon darlegte) Kunst zu beurteilen, sondern das ganze Brimbamborium um die Bewertung interessiert mich überhaupt nicht. - Ich möchte stattdessen nachvollziehen können, soweit das möglich ist, was zu diesem oder jenem Werk geführt hat... und, ob ich einen Zugang dazu finden oder mir selbst schaffen kann.

Ein Kunstwerk soll mir jedoch nicht „gefallen“ im Sinne einer von anderen oder mir bestimmten Ästhetik, sondern es soll mich anregen, aufregen (provozieren), begeistern, erschrecken... alles Mögliche, was an mein originäres Erleben rührt, es berührt, aufwühlt, anregt - vielleicht sogar zu einer ganz eigenen neuen Sicht auf die Dinge, zu neuen Gedanken, Ideen, Plänen führt? Für mich als Rezipient ist es so, als wenn ich ein gutes Buch läse. Was ist gute Literatur? Machen wir das von den Verkaufszahlen abhängig? Wohl kaum. Bestsellerlisten interessieren nur die Verlage und den Buchhandel und all diejenigen, die sich daran orientieren (müssen) bei ihrer Lektüreauswahl.

Es gibt so viele interessante Künstler und auch etliche, die ich nicht so mag. Aber mein Maßstab ist nicht der Kunstmarkt. Ich liebe zum Beispiel Gerhard Richter… und der ist der bekannteste und bestbezahlteste europäische Künstler. Na und? Ich muss auch den Charakter, die Persönlichkeit mögen. Das ist bei ihm ganz klar der Fall.

Früher habe ich auch gemalt – nichts von Bestand, großformatig auf Druckereiendrollen-Papier, mit Anstreicherfarben, zum Teil gemischt mit Tapetenkleister… unter Anleitung einer Dortmunder Künstlerin. Als meine Mutter meine „Werke“ betrachtete, beklagte sie die Düsterheit und fragte mich, ob ich nicht mal was „Schönes“ malen könnte. – Aber die „düsteren“ Bilder waren meine Befreiung. – Allerdings war es keine Kunst. Später begann ich, Collagen herzustellen – das machte Spaß, forderte meine Kreativität heraus… aber das war natürlich auch keine Kunst, eher eine edlere Form der Bastelei… :wink:


Ich stand einmal vor einem sehr großformatigen Werk von Cy Twombly (1928 – 2011), einem bekannten US-amerikanischen Künstler. Vorher, anhand von Abbildungen in Zeitschriften, hatte mir seine Kunst nichts „gesagt“… Aber nun, als ich unmittelbar damit konfrontiert war, „sprach“ es mit mir, ich erhielt den Anflug einer Ahnung… ja wovon? Ich kann es gar nicht mal sagen…. Vielleicht konnte ich einen Hauch seiner Intention verspüren?

Bild

„Bacchus“ von Cy Twombly, Eiserner Vorhang in der Wiener Staatsoper, Saison 2010/2011
QUELLE: https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... uselang=de


Ein bei uns nicht sehr bekannt gewordener Künstler war Guiseppe Spagnulo (1936 – 2016), ein italienischer Bildhauer. Als ich 1992 eine Ausstellung seiner Werke im Dortmunder Kunstmuseum besuchte, kannte ich ihn noch gar nicht - und schritt dann von einer Skulptur zur nächsten, betrachtete ein Bild nach dem anderen an den Wänden…. und fühlte mich mit einem Mal vollkommen absorbiert von seiner Kunst.

Zum Beispiel war ich fasziniert von dem fast brachialen Kontrast des tiefen Schwarz der Formen auf dem hellen Papier, die mit großzügig-souveränem Pinselstrich, in großer Geste einer mächtiger „Handschrift“ auf den Untergrund gebracht worden war. Ich habe gerade den Katalog hervorgekramt und noch im Internet nach ihm gestöbert und lese „…archaische, kulturgeschichtlich aufgeladene Materialien…“ Ja das war es: Archaik, die mich in ihren Bann gezogen hatte. – Das ist nur eines von vielen möglichen persönlichen Beispielen.


Bild

Skulptur von Guiseppe Spagnulo im Stadtpark Bochum
QUELLE. https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... Bochum.jpg


Natürlich habe ich meine Vorlieben. Das können aber ganz verschiedene Dinge sein: Durch große Gesten, brachial („archaisch“) wirkendes Urtümliches – neben Marginalem, Fragmentalem. Aber auch Kleinformatig-Serielles, fein ausgearbeitet durch Zeichnung oder Malerei oder durch entsprechende Materialiencollagen…

Ob es aber „Leben“ entwickelt, kommt auf die ihm immanente Intention des Künstlers an, die tatsächliche oder von mir imaginierte, wenn ich das Kunstwerk betrachte. Zu dieser Intention muss ich einen wie immer gearteten Kontakt aufnehmen können. Wenn mir das möglich ist, erkenne ich darin die wahre Kunst.


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