1. Man philosophiert noch immer Entwürfe.
2. Es werden noch immer Gedichte und Romanzen geschrieben.
3. Kunst in allen Bereichen ist noch immer sehr unterschiedlich.
Verdandi hat geschrieben:

@ daVinnci (» 20.05.2017, 11:15)

Denselben Beitrag hattest Du ja schon in Deinem Thread „Was ist Kunst?“ gepostet. Und dazu hatte ich Dir dort bereits die hier folgende Antwort gegeben, auf die Du dort noch nicht reagierst hast. Stattdessen wiederholst Du hier in meinem Thread bloß Deine Meinung.
Weshalb also die Wiederholung hier in meinem Thread anstelle einer Reaktion auf meine Antwort in Deinem? :?


Verdandi hat geschrieben: » 28.04.2017, 17:37

Hallo @ daVinnci,

zur Bedeutung des Wortes „Kunst“ ist hier mal ein m. E. aufschlussreiches Zitat aus dem Buch „Kunst kommt nicht von Können – Zur etymologischen Entwicklung des Wortes Kunst in der deutschen Sprache“, von Wilhem Kufferath von Kendenich:

>>Sprachlich leitet sich das Wort Kunst aus den Begriffen kennen, wissen, erkennen ab, nicht aber von können oder künden, doch ist es mit letzteren beiden verwandt. Der Ausspruch „Kunst kommt von Können, und wenn man’s kann, ist es keine Kunst“ stammt vom österreichischen Mundartdichter Johann Nepomuk Nestroy, durch ihn ist die Meinung so nachhaltig verbreitet worden, dass das Wort Kunst von Können stamme.<<

http://www.kufferath.ch/buecher9.html

Im Übrigen habe ich die Fragen, die anscheinend auch Dich bewegen, schon in meinem Thread aus meiner Sicht thematisiert und beantwortet bzw. versuche ich, ständig weitere Antworten zu finden. Ich lade Dich herzlich dazu ein, dabei mit zu machen:

https://www.50plus-treff.de/forum/kunst-ist-kunst--t75314.html





Auch wenn richtige Antworten sich wiederholen, bleiben sie richtig! :wink:


Stimmt! Ich habe Dir mit meiner Antwort einen guten Hinweis geben wollen darauf, dass Deine Aussage einen Fehler aufweist.Wenn Du Deine fehlerhafte Behauptung nicht in meinem Thread wiederholt hättest, hätte ich meine richtige Antwort nicht auch noch hierhin verfrachten müssen. - Musst Du jetzt alles doppelt posten? Genügt Dir Dein eigener Thread für Deine dortigen Beiträge nicht mehr? - Verstehe das, wer will. :?



F u n d s t ü c k …

Z i t a t e - Meinungsäußerungen zur Kunst
Hier: Videomitschrift


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STUDIO BAUHAUS – Wissenschaft im Film
https://www.uni-weimar.de/projekte/even ... s/362.html

>> Im Namen der K U N S T - D e f i n i t i o n e n <<

Jonathan Meese (*1970) Künstler
»Ich bin ja relativ naiv an die ganze Sache rangegangen und habe mich immer gefreut über das, was passiert und ich habe immer gute Laune gehabt. Und es sollte einem sozusagen die Laune verdorben werden durch bestimmte Aussagen, wie: „Kunst ist Kreativität des Menschen“ oder „Kunst ist Esoterik“ oder „Kunst ist Individualismus“ oder „Ausdruck des Menschen“. Und irgendwann mal merkt man, das stimmt alles nicht. Das ist alles Wichtigtuerei. Das ist alles Menschensucht, Menschenzucht. Da bezieht sich etwas nur auf den Menschen. Und irgendwann mal merkt man, da muss man gegensteuern.«

Markus Lüpertz (*1941) Künstler
»Kunst soll gar nichts. Kunst ist dafür nicht da, irgendwas zu sollen. Man kann. Es gibt Leute, die das bravourös gemacht haben. Es gibt Leute, die daran bravourös gescheitert sind. Die Kunst soll oder muss gar nichts. Sie ist einfach nur verwendbar in der Idee des Künstlers, wie er seine Realität oder seine Form von Kunst vermitteln will. Das ist das entscheidende. Die Kunst hat keinen Auftrag, außer, Kunst zu sein.«

Stefan Heidenreich (*1965) Kunst- und Medienwissenschaftler
»Kunst ist ein bestimmtes Ausnahmefeld. Es operiert nach anderen Regeln als die meisten anderen kulturellen Felder. Es ist nicht auf den Markt angewiesen. Es operiert dadurch in einer größeren Unsicherheit, aber es hat halt dadurch auch größere Freiheit und eine fast größere Verpflichtung, Sachen auszuprobieren, neue Phänomene zu sehen, Zusammenhänge herzustellen, an die man vorher nicht gedacht hat. Und dann kommt noch dazu, dass Kunst eigentlich eines der wenigen kulturellen Felder ist, die tatsächlich versuchen, die Welt als komplizierte zu begreifen.«

Bazon Brock (*1936) em. Prof. für Ästhetik und Kulturvermittlung, Künstler und Kunsttheoretiker
»Das ist das Prinzip, das die Kunst und die Wissenschaft bestimmt: Abkopplung von der Kultur, Abkopplung von der Religion, hin zu einer Autorität durch Autorenschaft. Das heißt, jemand ist in dem Maße bedeutsam, wie er in der Lage ist, als Individuum hypothetisch etwas zu behaupten, mit dem man sinnvoll an der Welt arbeiten kann.«

Ulrich Richtmeyer (Philosoph)
»Ja, die Kunst kann die Gesellschaft verändern, weil sie ja jeden einzelnen verändern kann. Das ist ja offensichtlich. Also, die Frage ist dann natürlich, das klingt jetzt erst einmal spitzfindig: Hat diese Veränderung gesellschaftliche Ausmaße?«

Vuk Cosic (*1966) Netzkunstpionier
»Eigentlich war Kunst bisher immer nur ein Ersatz fürs Internet, das heißt, die Leute hatten ja kein Internet, also mussten sie Kunst machen.«

Achim Preiß (*1956) Kunsthistoriker, Prof. für Architekturgeschichte
»Alles was in den letzten 500 Jahren so an künstlerischen kulturellen Leistungen und Strategien erarbeitet worden ist, hat im Grunde genommen keine Zukunft mehr. Das heißt, die Moderne ist nur ein Partikel von dem, was jetzt historisch wird, was wir also in Zukunft gar nicht mehr gebrauchen können. Weil ich von einer epochalen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse ausgehe.«


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Weitere Links:

Jonathan Meese, Zürich, Lektion vor Kunststudenten (2014)
https://www.youtube.com/watch?v=KBmZCVQpH3E

Jonathan Meese, Inszenierung des Parsifal, Wiener Festwochen 2017
http://www.festwochen.at/programm/detai ... r-abwehrz/

Markus Lüpertz im ZKM Karlsruhe (2017)
http://www.ardmediathek.de/tv/Kunscht/M ... d=42460864

Markus Lüpertz über Künstler und ihre Aufgabe (2015)
https://www.youtube.com/watch?v=gnTcjh5_Zz0

Buero Gelb: Ästhetik-Professor Bazon Brock Shortversion (2012)
https://www.youtube.com/watch?v=B5HBDhB9ogs

Beuys Brock Vostell - Videoführung mit Bazon Brock‬ (2014)
https://www.youtube.com/watch?v=OejeV5LKsxM

Vuk Cosic, The Influencers (2006)
http://theinfluencers.org/en/vuk-cosic/video/3




Der Museumswärter fühlte sich zeitweise neben sich stehend, wie ein schlechter Schauspieler, der stets um seine wahre Fassung ringt.

Er widmete sein halbes Leben einem einzigen, berühmten, abstrakten Kunstwerk, das er in- und auswendig kannte, ohne es je durchdrungen zu haben.

Am Ende vermied er konsequent den Anblick des Werkes; seine Aufmerksamkeit galt allein den Betrachtern desselben.

So lernte er viel von der unterschiedlichen Begeisterungsfähigkeit der Menschen kennen, aber nichts über ihre Beweggründe.

Als er pensioniert war, begann er einen Malkurs. Seine Werke schafften es bis in die Lobby der örtlichen Sparkassenfiliale.

Endlich wusste er, wie sehr er seinen Job gehasst hatte. Nachträglich verachtete er das von ihm bewachte Werk und seine Bewunderer.


Bild

Bildquelle: Pixabay, Engin_Akyurt (gemeinfrei)



Oh wunderbar! Gedanken über Kunst, die ich auch gerne tiefer verfolge. Ich rausche ja in meiner Mittagspause nur mal schnell so durch die Zeilen und lese von guter Kunst, von Können et. etc. Viele Punkte, die man nach und nach stundenlang diskutieren kann.

"Ist es als Kunst gemacht, ist es Kunst."

Einen lieben Gruß


Hallo, @ WWScheuchzer,

ich freue mich darüber, dass Du Dich für mein Thema hier interessierst und ich würde mich gern bald mit Dir darüber austauschen. - Allerdings erst in zwei Wochen, weil ich jetzt erst einmal nach Wien fliege - unter anderem auch dafür, um wieder neue Kunsteindrücke zu genießen und zu sammeln.

Also bis bald! :D

Liebe Grüße, Verdandi


Hinweis auf eine sehr interessante Ausstellung in der ALBERTINA, Wien:


Martha Jungwirth


>>Die ALBERTINA widmet Martha Jungwirth erstmals eine Personale. Einzelne Schlüsselwerke wie auch zu Serien zusammengefasste Werkblöcke geben einen faszinierenden Einblick in das umfangreiche Schaffen der 1940 geborenen Wiener Malerin.

Martha Jungwirth pendelt stets an der Schnittstelle zwischen abstrakter und gegenständlicher Malerei. Der zeitliche Bogen der Ausstellung spannt sich von Hauptwerken der Frühzeit bis zu neuesten und hier erstmals präsentierten Arbeiten. Seit ihren künstlerischen Anfängen schätzt Jungwirth das Papier als Malgrund, darunter sind zahlreiche großformatige Aquarelle. Mit ihren einzigartigen Farbkompositionen vermittelt die Künstlerin ihre sensible Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Die Ausstellung ist von 2. März bis 3. Juni 2018 zu sehen.<<
(Albertina)

Bilder sind hier zu sehen:
https://www.albertina.at/ausstellungen/jungwirth/

vielen dank für den hinweis!

ich bin montag bis donnerstag in basel zur baselitz-ausstellung.

ist da zufällig vielleicht auch jemand aus dem forum ?

übrigens ist die folgeausstellung bacon- giacometti bis 2.9. sicher auch

interessant


Kunst ist das Flüstern der Geschichte,
das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.



»Kunst gehört allen und niemandem. Kunst gehört jeder Zeit und keiner Zeit. Kunst gehört denen, die sie erschaffen, und denen, die sie genießen. Kunst gehört ebenso wenig dem Volk und der Partei, wie sie einst dem Adel und den Mäzenen gehört hatte. Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist. Kunst existiert nicht um der Kunst willen: Sie existiert um der Menschen willen. Aber um welcher Menschen willen, und wer bestimmt das? Für ihn war seine eigene Kunst immer anti-aristokratisch gewesen.

Schrieb er, wie seine Verleumder behaupteten, für eine bourgeoise, kosmopolitische Elite? Nein. Schrieb er, wie seine Verleumder es von ihm verlangten, für den müde von der Schicht heimkehrenden Bergmann im Donbass, der eine wohltuende Stärkung brauchte? Nein.

Er schrieb Musik für alle und niemanden. Er schrieb Musik für die, die seine Musik am besten zu würdigen verstanden, egal welcher gesellschaftlichen Herkunft sie waren. Er schrieb Musik für die Ohren, die fähig waren zu hören. Und daher wusste er, dass jede wahre Definition von Kunst zirkulär ist und jede unwahre Definition der Kunst ihr eine spezifische Funktion zuschreibt.«

____________________


Aus meiner derzeitigen Lektüre:

„Der Lärm der Zeit“, Roman von JULIAN BARNES
über den russischen Komponisten Schostakowitsch zur Zeit Stalins (S. 125/126).

Er lässt Schostakowitsch dieses denken, als der sich zerrieben fühlt mit seiner Kunst im Spannungsfeld zwischen seiner innersten Überzeugung und den bedrohlichen Anforderungen der stalinistischen Machthaber, die Lenins Worte „Die Kunst gehört dem Volk“ über alle künstlerische Freiheit stellen.




FUNDSTÜCK
… zum Thema: „Was ist Kunst?“

Ich habe im Netz heute zufällig eine sehr gute Erklärung zur KUNST gefunden - und zwar in einem Philosophieforum von einem Mitglied namens @tolwin - die, wie ich finde, im Großen und Ganzen sehr gut zu diesem Thread hier passt. Obwohl ich den Verfasser und seinen Hintergrund nicht kenne und selbst zu einer oder zwei seiner Teilaussagen eine etwas abweichende Meinung vertrete, scheint mir die Gesamtaussage zumindest aus kunsthistorischer Sicht sehr kompetent zu sein:

(Ich habe nur Grammatik und Zeichensetzung zum besseren Verständnis in wenigen Fällen leicht korrigiert.)


>> (...) Um es provokativ zu formulieren. Kunst ist nicht für jeden gleichermaßen verständlich. Und ganz sicher ist nicht jeder ein Künstler. Sie ist eine elitäre kulturelle Richtung, welche jedoch jedem theoretisch zugänglich ist. Viele machen es sich doch sehr einfach mit ihrem Kunstbegriff, denn hie und da formuliert man sich einen bequemen Einheitsbrei, was Kunst sei und was sie müsse und wer Künstler sei und außerdem ...

Der Großteil der befragten Menschen (ich spreche nicht vom Forum) baut einen Kunstbegriff entweder um eine Geschmacksfrage herum auf, oder um ein "Kunst muss ... können". Die wenigsten Menschen beschäftigen sich mit Kunst. Dabei wird ein Kunstbegriff erschaffen und die Kunst reduziert. Oft schon durch die Begrifflichkeit: ein Künstler ist ein Bildermaler. Das ist die primitivste Form der Reduktion (zu Lasten aller Schriftsteller, Filmemacher, Musiker usw.). Von der brauchen wir gar nicht zu sprechen.

Dann gibt es eine weniger primitive Form der Reduktion: Nun kommt man bspw. zu dem Schluss, Kunst wäre Ausdruck von Emotionen. Demnach ist ein Künstler ein Mensch, der seine Emotionen darstellt. Sicher nicht falsch. Aber alles?

Was schön wäre: zuzugeben, ein Kunstwerk nicht verstanden zu haben. Das ist etwas anderes, als das gar nicht so schamhafte "Damit konnte ich nichts anfangen - naja vielleicht jemand anderes". Damit zieht man Kunst auf eine rein subjektive Ebene, die ihr nicht angemessen ist.

Die Kunst arbeitet mit Verweisen, mit Symbolen. Ein Kreuz ist nicht nur das zufällige Aufeinandertreffen zweier Linien, es bedeutet etwas. Der Kundige kann darin einen Verweis auf das Christentum erkennen, auf den Kreuzestod Jesu, die Flagge der Schweiz usw. Ein geschriebenes Wort sind nicht nur zufällige Schwärzungen auf einem Stück Papier. Wenn diese Schwärzungen eine bestimmte Anordnung finden, dann kann der Kundige hier ein zu Herzen gehendes Poem Rilkes erkennen und sich damit den ganzen Tag bereichern. Wer aber des Schreibens und Lesens nicht kundig ist, der sieht hier nur einen Haufen Fliegendreck auf dem Papier.

Hat man das erkannt, scheint es plötzlich Gesetze zu geben, nach welchen ein Objekt mal besser, mal schlechter veranschaulicht wird.

Bis zu diesem Punkt gehen die Meinungen nicht sonderlich weit auseinander, soweit sind die meisten Menschen in unserem Kulturkreis, dass sie naturalistische Abbildungen erkennen und schätzen.

Jedenfalls wird man zu einem Künstler, der so ein solches Bild gemalt hat, nicht hingehen und sagen: "Ey, das ist nur ein Haufen Gekleckse auf Leinwand, nicht mehr!" Immerhin.

Aber es geht noch weiter. Derartige Bilder wurden im neunzehnten Jahrhundert in einer Perfektion gemalt, dass wir heute nur staunen können. In der sogenannten Salonmalerei wurde hier ein Grad handwerklichen Könnens erreicht, der in dieser "realistischen" Richtung nicht mehr zu toppen war.

Von da an fingen manche Künstler an, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen wie: Was ist Farbe überhaupt? Warum wirkt eine Zitrone auf einem violetten Tuch viel leuchtender, als wenn man sie auf ein grünes Tuch legt?

Oder: Woran erkennen wir ein menschliches Gesicht? Was gehört unbedingt dazu, damit wir es als menschliches Gesicht wahrnehmen? Braucht es dafür Nasenlöcher und Augenlider, oder reicht am Ende nur ein Oval?

Naja, ich will jetzt nicht die ganze Geschichte der Moderne erzählen, aber man wird merken, wohin die Richtung geht: Man stellte sich andere Fragen als jene, die im neunzehnten Jahrhundert ausreichend beantwortet wurden. Da die Fragen sich änderten, mussten auch die Antworten sich ändern, auch die Sprache, in welcher geantwortet wurde. Die Kunst änderte sich - was kein qualitatives Werturteil ist. Wozu sollte man noch Geschehnisse oder Personen oder Gegenstände malen, wenn man dafür doch inzwischen Fotoapparate hatte, die eine objektive Wiedergabe viel schneller und praktischer ermöglichten? Also konzentrierten sich die Künstler auf Themen, die sich nicht so einfach fotografisch festhalten ließen, weil sie schwerer zu fassen, abstrakter und gleichzeitig auch sinnlicher waren.

Und da komme ich nun zu dem Fettklumpen-Beispiel (...) zurück. Und damit zu Beuys, mit dem ich mich etwas besser auskenne. Dieser Künstler (welcher keine Probleme damit hatte, vollkommen realistisch zu zeichnen) war im zweiten Weltkrieg bei der Luftwaffe und wurde über Russland abgeschossen. Er wurde, halb verbrannt und halb erfroren, von Ureinwohnern Sibiriens gefunden. Diese hüllten ihn ein in Fett und Kaninchenfelle, damit er nicht noch mehr Körperwärme verlöre. Ihre Schamanen retteten ihm das Leben. Seither kommen Fett und Felle immer wieder in seinen Installationen vor. Über die rein praktische Funktion des Warmhaltens erfüllten diese Materialien aber bei den Schamanen noch eine höhere, sozusagen religiöse Funktion. Ich kenne mich nicht genug aus in dieser Welt der Schamanen, man kann Genaueres dazu sicherlich recherchieren. Für Beuys hatte die Art, wie er damals eingewickelt wurde, etwas mit dem System der Batterien zu tun, wo ja einst auch organische Schichten wie Leder oder Froschhaut zwischen metallische Schichten gepackt wurden, woraus dann ein Fließen von Energien - Strom - resultierte. Der Schamane lud gleichsam die Lebensbatterie von Beuys auf.

Dieser Zusammenhang, den er auf der Grenze zum Tod in einer ihm völlig fremdartigen Welt erfuhr, faszinierte ihn, und jene Erkenntnisse, die er so fernab unserer westlichen Kultur da hatte, die versuchte er später seinem Publikum näher zu bringen. Immer wieder treffen in seinen Werken Pelz, Fett und Metall aufeinander, manchmal verbunden, manchmal offensichtlich getrennt, mitunter kommen Musikinstrumente hinzu, die an jene Instrumente erinnern mögen, mit welchen die Schamanen die Genesungs-Rituale begleiteten. Der Gedanke, dass die Robben (von denen das Fett stammte) und die Kaninchen (Pelz) sterben mussten, damit er, Beuys, gerettet werden könne, das Motiv der Vergänglichkeit allen Lebens, wird von ihm auch immer und immer wieder thematisiert. Wobei das Sterben des einen die Lebensenergie des anderen bedingt.

Gleichzeitig vergaß Beuys aber nicht, was er als westlicher Künstler gelernt hatte, sondern verband diese neue Art, die Welt zu sehen und zu begreifen, mit den abendländischen Kunst-Traditionen. Statt mit Sepia-Tusche zeichnete er beispielsweise mit Blut, statt der schamanischen heiligen Zeichen verwendete er unsere heiligen Zeichen wie das Kreuz oder den Blitz oder die Lilie... Das alles ist noch viel, viel komplexer, der Mann war ein echtes Jahrhundertgenie, und ich werde sein Werk sicherlich nicht in einer halben Stunde hier schriftlich erklären können.

Das alles kann man nicht wissen. Doch kann man sich damit beschäftigen und zu diesem Wissen gelangen. ... [NN's] Definition ist mir sehr sympathisch. Ein - sit venia verbo - dahergeschissener Kothaufen von Onkel Anton aus Y. hat demnach nicht den selben künstlerischen Wert, wie eine Installation von Beuys. Und wenn man eine verdreckte Badewanne zuhause stehen hat, ist man dadurch noch kein Künstler, sondern eben lediglich ein Mensch mit Hygieneproblemen (so jetzt reduziere ich auch 'mal).

Darin liegt nicht der wertsubjektive Moment der Kunst. Wer die Beschäftigung mit der Komplexität hinter dem Wert als tödlich langweiliges Gelaber abtut, der weigert sich, sich mit Kunst zu beschäftigen - Punkt. Der sollte dann auch kein Urteil fällen. Anders: in einem anderen Topic geht es um Sartre. Auch hier äußerten sich bestimmte Leute, die nie einen längeren Text von ihm gelesen haben. Aber ein Urteil haben die meisten, sowohl was die Kunst angeht, als auch die Philosophie - spöttisch im Gestus natürlich. Wenn meine Oma mich immer darauf aufmerksam macht, dass ich nichts anständiges studiere (so'an schmarrn Bua) , dann - sie sei im Gegensatz zu den hier Schreibenden entschuldigt - können sich einige Leute ohne weiteres neben sie einreihen. Denn sie hat auch nie in ihrem Leben ein philosophisches Werk gelesen oder sich mit Kunst beschäftigt.<<

Quelle: @tolwin, 03.11.2006
Philosophie Forum - Öffentlich zugängliche Diskussionen bei philo-welt.de


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Ich bin begeistert. Endlich mal jemand, die genau so über Kunst zu denken scheint wie ich. Deine Argumente sind zu einem großen Teil die, die ich bringe um mich von "Angriffen" auf meine Kunst, die ich in einer Facebook-Gruppe veröffentliche, zu verteidigen. Es gibt tatsächlich gerade unter Künstlern sehr oft welche, die nicht das Werk eigentlich kommentieren, sondern sich sofort über den offensichtlich geisteskranken und gefährlich Künstler hermachen. Und da alles, weil ich nun mal keine Landschaftsbilder oder Stilleben mit Obst und Weinglas mache.
Ich arbeite mit Puppen und deren Teilen und provoziere manchmal ganz bewusst. Eins meiner Argumente für provozierende Kunst: "Es gibt in der Musik Rammstein und die Amigos. Die jeweiligen Fans der einen können nunmal nichts mit der Musik des anderen anfangen."

@ beApart

Ich kenne weder Dich, Deine Kunst noch die Umstände, die Dich dazu veranlassen, Dein Werk zu verteidigen. Ich fände es zwar auch höchst bedauerlich an Deiner Stelle, die eigenen Intentionen nicht vermitteln zu können, aber ich bliebe mir dessen bewusst, dass es da nichts zu „verteidigen“ gibt. Es kommt auch darauf an, in welchem Umfeld man Fuß zu fassen versucht. – Vielleicht ist Facebook dafür wirklich nicht der geeignete digitale Ort? Es ist nicht gerade bekannt für Kunstsinn und Toleranz abseits des Mainstreams.

Rammstein“ habe ich als Heavy-Metal-Band bisher nie beachtet, bis der Film vom Auftritt in Paris von 2012 mit großer zeitlicher Verzögerung 2017 erschienen war und dann auch bei einem TV-Sender gezeigt und kurzzeitig in dessen Mediathek aufgenommen wurde, wo ich ihn vor ein paar Monaten zufällig entdeckt habe... Ich war begeistert! Auch oder gerade von den provozieren wollenden Stücken samt Showeinlagen! Danach habe ich ihn mir noch 2 x in voller Länge hereingezogen. Klasse – jetzt bin ich Fan! :D

Rammstein, Paris - Mutter (Official Video)
https://youtu.be/DG9TeLISmZU

Nun zu Deiner Kunst. Du erwähnst dazu nur:

>>Ich arbeite mit Puppen und deren Teilen und provoziere manchmal ganz bewusst.<<

Auf der Suche nach möglichen Analogien fällt mir nur der Künstler Hans Bellmer (1902-1972) ein, auf den beides zutraf: mit Puppen(-Teilen) zu arbeiten und – zu provozieren.

MoMA New York, Sammlung Hans Bellmer, Plate from La Poupée 1936
https://www.moma.org/collection/works/92615

Magst Du weitere Hinweise darauf geben, ob das in Deinem Fall in eine ähnliche oder andere Richtung geht?

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