Ein männlicher Briefmark erlebte
was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.

Er wollte sie wiederküssen,
da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens!
Joachim Ringelnatz (deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler)
Die Nase

Die Augen haben's recht bequem;
ist etwas mal nicht angenehm,
schon schlagen sie die Lider
ganz einfach nieder.

Der Mund spricht auch nicht immerzu,
er gönnt sich hin und wieder Ruh
und hält die Lippen, wenn er will,
ganz einfach still.

Die Nase nur, die Nase muss
ganz ohne Klappe und Verschluß
sich durch das lange Leben müh'n
obwohl nicht allerorten Rosen blüh'n.

C. Wolff

An das Baby
von Kurt Tucholsky (1932)

Alle stehn um dich herum:
Photograph und Mutti
und ein Kasten, schwarz und stumm,
Felix, Tante Putti …
Sie wackeln mit dem Schlüsselbund,
fröhlich quietscht ein Gummihund.
„Baby, lach mal!“ ruft Mama.
„Guck“, ruft Tante, „eiala!“
Aber du, mein kleiner Mann,
siehst dir die Gesellschaft an …
Na, und dann – was meinste?
Weinste.

Später stehn um dich herum
Vaterland und Fahnen;
Kirche, Ministerium,
Welsche und Germanen.
Jeder stiert nur unverwandt
auf das eigne kleine Land.
Jeder kräht auf seinem Mist,
weiß genau, was Wahrheit ist.
Aber du, mein guter Mann,
siehst dir die Gesellschaft an …
Na, und dann – was machste?
Lachste.



Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst
Christian Morgenstern

Soll i aus meim Hause raus?
Soll i aus meim Hause nit raus?
Einen Schritt raus?
Lieber nit raus?
Hausenitraus –
Hauseraus
Hauseritraus
Hausenaus
Rauserauserauserause ...

(Die Schnecke verfängt sich in ihren eigenen Gedanken oder vielmehr diese gehen mit ihr dermaßen durch, daß sie die weitere Entscheidung der Frage verschieben muß.)
Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da-

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum.

Ein Anblick gräßlich und gemein.

Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri - od - Ameriko.


Christian Morgenstern
ottos mops
ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso

otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft

ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott

Ernst Jandl

https://www.youtube.com/watch?v=oMtCa-_ygto
Bumerang
von Joachim Ringelnatz

War einmal ein Bumerang;
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum - noch stundenlang
- Wartete auf Bumerang.
Joachim Ringelnatz

Abendgebet einer erkälteten Negerin


Ich suche Sternengefunkel.
Sonne brennet mich dunkel.
Sonne drohet mit Stich.

Warum brennt mich die Sonne im Zorn?
Warum brennt sie gerade mich?
Warum nicht Korn?

Ich folge weißen Mannes Spur.
Der Mann war weiß und roch so gut.
Mir ist in meiner Muschelschnur
So negligé zu Mut.

Kam in mein Wigwam
Weit übers Meer,
Seit er zurückschwamm,
Das Wigwam
Blieb leer.

Drüben am Walde
Kängt ein Guruh – –

Warte nur balde
Kängurst auch du.
Der Stör

Ein Stör schwamm ohne bösen Sinn
gemächlich durch die Wellen hin.

Weil er ins Wellenreich gehörte,
begriff er nicht, dass er da störte,
obwohl die and'ren Tiere alle,
sogar der Seestern und die Qualle
sich eing waren: Welch Malheur!
Uns stört der Stör.

Doch eines Tages war es aus,
da hing der Stör im Fischerhaus,
um bald darauf als Räucherfisch
zu landen auf Herrn Fischers Tisch.

Der Mann aß mehr, als sich gehört.
Ich sah ihn heute, er war ganz verstört.

Carl Wolff
Warum Zitronen sauer sind

Heinz Erhard

Ich muss das wirklich mal betonen:
Ganz früher waren die Zitronen
(ich weiß zwar nicht genau mehr wann dies
gewesen ist) so süß wie Kandis.
Bis sie einst sprachen: „Wir Zitronen,
wir wollen groß sein wie Melonen!
Auch finden wir das gelb abscheulich,
wir wollen rot sein, oder bläulich!"
Gott hörte oben die Beschwerden
und sagte: „Daraus kann nichts werden!
Ihr müßt so bleiben! Ich bedauer!"
Da wurden die Zitronen sauer...
Ein schönes Exempel, wie sich der Poet in adäquater Art und Weise dem rätselhaften Wesen der Natur künstlerisch nähert.

Mondlandschaft
von Georg Kreisler

Wache Molche suchen leise
nach dem Netz der Müdigkeit.
Weiche Dolche fluchen weise.
Eine Birke steht allein in ihrem Leid.

Kuttenmönche ohne Schatten
schleppen Feigen durch den Schnee.
Die ihn mit Zitrone hatten,
wiederkäuen ihren gestrigen Tee.

Eine Kuh und eine Hexe
warten, bis der Acker stirbt.
Krähen machen weiße Kleckse.
Hört ihr, wie die mürbe Semmel zirpt?
Was wäre die Tierwelt ohne die Neue Frankfurter Schule? Langweilig.


Wachtel Weltmacht?

(F. W. Bernstein)

Schaut euch nur die Wachtel an!
Trippelt aus dem dunklen Tann;
tut grad so, als sei sie wer.
Wachtel Wachtel täuscht sich sehr.

Wär sie hunderttausend Russen,
hätt den Vatikan zerschussen
und vom Papst befreit - ja dann:
Wachtel Wachtel Dschingis-Khan!

Doch die Wachtel ist nur friedlich,
rundlich und unendlich niedlich;
sie erweckt nur Sympathie.
Wachtel Weltmacht wird sie nie!
Glaube versetzt nicht nur Berge - er stützt auch Dächer oder lässt sie einstürzen

So, So - Kurt Schwitters

Vier Maurer saßen einst auf einem Dach.
Da sprach der erste: "Ach!"
Der zweite: "Wie ists möglich dann?"
Der dritte: "Daß das Dach halten kann!!!"
Der vierte: "Ist doch kein Träger dran!!!!!!"
Und mit einem Krach
Brach das Dach.
Na dann noch ein kleines Werk von "Dada-Max", persönlich anzutreffen auf Père-Lachaise.


Die wasserprobe
(Max Ernst)

Hierbei wird die Faust geballt
Daß der frosch zu boden knallt
Hier die magd die motten putzt
Daß der wind die dämpfe stutzt

Hierbei wird ein dampf verschluckt
Daß der greise bammel zuckt
Daß der warmen fische ei
Knall und fall ins einerlei
cron