Die Sonne ging auf bei Paderborn,
Mit sehr verdroßner Gebärde.
Sie treibt in der Tat ein verdrießlich Geschäft -
Beleuchten die dumme Erde!

Hat sie die eine Seite erhellt,
Und bringt sie mit strahlender Eile
Der andern ihr Licht,so verdunkelt schon
Sich jene mittlerweile.

Der Stein entrollt dem Sisyphus,
Der Danaiden Tonne
Wird nie gefüllt, und den Erdenball
Beleuchtet vergeblich die Sonne! -

Und als der Morgennebel zerrann,
Da sah ich am Wege ragen,
Im Früh rot Schein, das Bild des Manns,
Der an das Kreuz geschlagen.

Mit Wehmut erfüllt mich jedesmal
Dein Anblick, mein armer Vetter,
Der du die Welt erlösen gewollt,
Du Narr, du Menschheitsretter!

Sie haben dir übel mitgespielt,
Die Herren vom hohen Rate.
Wer hieß dich auch reden so rücksichtslos
Von der Kirche und vom Staate!

Zu deinem Malheur war die Buchdruckerei
Noch nicht in jenen Tagen erfunden;
du hättest geschrieben ein Buch
Über die Himmelsfragen.

Der Zensor hätte gestrichen darin,
Was etwa anzüglich auf Erden,
Und liebend bewahrte dich die Zensur
Vor dem Gekreuzigt werden.

Ach! hättest du nur einen andern Text
Zu deiner Bergpredigt genommen,
Besaßest ja Geist und Talent genug,
Und konntest schonen die Frommen!

Geldwechsler, Bankiers, hast du sogar
Mit der Peitsche gejagt aus dem Tempel -
Unglücklicher Schwärmer,
jetzt hängst du am Kreuz
Als warnendes Exempel!
(Heinrich Heine)
Ein Blatt aus sommerlichen Tagen
Ich nahm es so im Wandern mit
Auf daß es einst mir möge sagen.
Wie laut die Nachtigall geschlagen
Wie grün der Wald den ich durchschritt

(Theodor Storm)
Wenn die Blätter von den Bäumen stürzen,
Die Tage täglich sich verkürzen,
wenn Amsel, Drossel, Fink und Meisen
die Koffer packen und verreisen,
wenn all die Maden. Motten, Mücken,
die wir versäumten zu zerdrücken,
von selber sterben - so glaubt mir;
Es steht der Winter vor der Tür!
Ich lass ihn stehen!
Ich speil ihm einen Possen!
Ich hab die Tür verriegelt
und gut abgeschlossen!
Er kann nicht rein!
Ich hab ihn angeschmiert!
Nun steht der Winter vor der Tür-----
und friert.
Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

(Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris)
Marcella, vielleicht sollten sie ....

Morgens und abends (zu) lesen

Der, den ich liebe,
Hat mir gesagt,
Daß er mich braucht.
Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg
Und fürchte von jedem
Regentropfen
Daß er mich erschlagen
könnte.

(Bertolt Brecht)
Der Einsame (oder die Einsame)

Einsam irr" ich durch die Gassen,
durch den Regen, durch die Nacht.
Warum hast du mich verlassen?
Warum hast du das gemacht?

Nichts bleibt mir, als mich zu grämen,
gestern sprang ich in den Bach.
Um das Leben mir zu nehmen,
doch der Bach war viel zu flach.

Einsam irr" ich durch den Regen,
und ganz feucht ist mein Gesicht.
Nicht allein des Regens wegen,
nein, davon alleine nicht.

Wo bleibt Tod im schwarzen Kleide?
Wo bleibt Tod und tötet mich?
Oder besser noch: Uns beide.
Oder besser: Erst mal dich!

Heinz Erhardt
Was gehn euch meine Lumpen an
Da hängen Freud und Tränen dran
Was kümmert euch denn mein Gesicht
Ich brauche euer Mitleid nicht

Ich tue stets was mir gefällt
Ich liebe mich, nicht euch auf dieser Welt
Und was ich tun und lassen kann
Das geht euch einen Scheißdreck an

Ich lache übers Weltgericht
An Auferstehung glaub ich nicht
Ob's Götter gibt, das weiß ich nicht
Und Höllenstrafen fürcht ich nicht

Ich brauch gewiß nicht Euer Gnaden
Selbst wenn ich Tote hab geladen
In euern Himmel will ich gar nicht rein
Viel lieber in der Hölle sein

Ich möchte keinen Pfaffen sehen
Ich werd allein zum Galgen gehen
Denn den Tod den fürcht ich nicht
Ich trug zu lange sein Gesicht


(Francois Villon)
Salama ( Friede sei mit Euch )

Die Wälder brennen.
Die Kinder spielen in den Gassen der Slums
Der Krieg bricht aus, in ihren Herzen.
Aus Religion haben sie Waffen gemacht.
"Hast Du noch nichts gelernt, Vater?"
spricht das Kind -
"Salama"


(Baroudi)
Ich hatte sieben Häute.
Nun bin ich wund. Die erste: fiel zur Beute
Menschen Wolf und Hund.
Die zweite: kürzten Löhne.
So wuchs ich arm.
Die dritte kleidet Söhne.
Ich wurd nie warm.
Die vierte: abgezogen
von Mann zu Mann.
Die fünfte: war gelogen.
Die trug mich lang.
Die sechste ist geworden
mit Löchern hart.
Für sieben: Hoffnung Morgen
hab ich gespart.

(leider weiss ich nicht, wer der Autor ist)
Wo waren

Wo
waren die Freundesländer
als wir versanken
in sumpfige Nacht

Wo waren
die laut schweigenden
Menschen

Rose Ausländer
MEDITIEREN

Was das sei, tochter?

Gegen morgen
noch am schreibtisch sitzen, am hosenbein
einen nachtfalter der
schläft

Und keiner weiß vom anderen



reiner kunze
Die Königin

Ich hab Dich zur Königin ernannt.
Größere gibt es, größer als Du.
Reinere gibt es, reiner als Du.
Schönere gibt es, schöner als Du.

Doch Du bist die Königin.

Wenn Du durch die Straßen gehst,
erkennt Dich keiner.
Niemand sieht Deine Krone
aus Kristall, niemand schaut
den Teppich aus rotem Gold,
den jeder Schritt von Dir betritt,
den Teppich, der gar nicht da ist.

Und wenn Du erscheinst,
rauschen alle Flüsse
in meinem Körper auf,
rütteln die Glocken am Himmel,
und ein Hymnus erfüllt die Welt.

Nur Du und ich,
nur Du und ich, meine Liebe,
hören ihn tönen.



pablo neruda
Marcella hat geschrieben: Memento

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.

(Mascha Kaléko).


Wer, wie ich, am Tod Anderer beinahe zerbrochen ist, diesen Abgrund aber überlebt hat, darf hoffentlich, genau wie ich, auch die Erfahrung machen, dass sich nach einem Abgrund das wiedergewonnene Leben mit etwas vorher nie dagewesenem, wunderbarem, füllen kann.

Ich wünsche jedem davon betroffenen Menschen die Überwindung dieses Abgrundes!
Rinderbaron, dass du zu solchen Höhenflügen fähig bist, hätte ich nie gedacht. Aussagekräftiger Beitrag mit viel Inhalt, sehr schön geschrieben, bravo.

Susannetrs
Die Quelle, aus der ihr schöpft,
muss nur tief genug sein. Dann werden die,
die ihr liebt, früher oder später merken. wo sie entspringt.

Mutter Teresa
cron