Da es Mona wieder ganz gut ging, durfte sie bereits am nächsten Tag das Krankenhaus verlassen. Helmut holte sie mit dem Wagen ab und er war diesmal sehr um sie besorgt.
"Ich lass dich nicht mehr allein auf dem dunklen Parkplatz, wenn du wieder so spät kommen solltest", meinte er. "Ruf mich einfach an und ich erwarte dich dann unten. Ich bin für dich da, das weißt du doch".
Mona zuckte bei diesen Worten zusammen. Fast das gleiche hatte Robin zu ihr gesagt. Robin? War das überhaupt Robin gewesen? Hatte sie vielleicht halluziniert und nur geglaubt, statt Helmut den Robin zu erkennen? Oder tatsächlich nur geträumt. In Monas Hirn schwirrte es. Sie wollte nicht mehr nachdenken, sie wollte sich nicht mehr fürchten, sie wollte endlich mal so entspannt und ruhig leben können, wie früher, bevor diese unheimlichen Dinge ihr ganzes Dasein durcheinander brachten.
Helmut umarmte sie, strich ihr liebevoll übers Haar und sie fühlte sich für den Augenblick sicher und geborgen.

Als sie an einem Nachmittag durch die Innenstadt schlenderte, sich durch das Gewühl der Menschenmassen, die anscheinend alle von der Einkaufswut befallen waren, durchkämpfte, erstarrte Mona abrupt. In der Ferne sah sie ein Paar, einen Mann und eine Frau, zwar nur von hinten, trotzdem konnte sie sich nicht des Eindrucks erwehren, es würde sich dabei um Lorena und ihren Chef Robin handeln. Kannten sie sich denn überhaupt? Mona hatte Lorena zwar bereits öfter über ihren Chef erzählt, doch sie konnte sich nicht daran erinnern, die beiden bekannt gemacht zu haben. Die Frau drehte den Kopf zur Seite, es sah ganz so aus, als sie in Monas Richtung blickte, doch dann wendete sie sich rasch wieder ab und verschwand eilends mit dem Mann in der Menge. Mona war ratlos. Waren es wirklich Lorena und Robin, die Beiden? Sie hätte es nicht mehr beschwören können, die Entfernung war dafür etwas zu groß gewesen. Der Verdacht blieb aber, dass es sich zumindest bei der Frau um Lorena handelte, die eine Begegnung mit Mona scheute. Und was hatte sie mit Robin zu tun?

Als sie bereits im Büro an ihrem, mit Akten überhäuften Schreibtisch saß, grübelte sie immer noch über den Vorfall nach. Die viele Arbeit lenkte sie allerdings schnell davon ab. Ihr Chef kam verspätet von der Mittagspause zurück. Sie hätte ihn am liebsten geradeheraus gefragt, ob er sich mit ihrer Freundin Lorena getroffen hätte. Das war aber absolut undenkbar. Sie musste ihre Neugier zügeln.
Hin und wieder musste sie an den Vorfall mit ihrem Chef im Krankenhaus nachdenken. Er verhielt sich nicht anders als sonst, freundlich, jedoch unverbindlich. Sie redeten sich per Sie an, so wie immer. Hatten ihr ihre Sinne im Krankenhaus doch einen Streich gespielt? Sie sprachen nicht über den Überfall auf Mona. Nur einmal, an ihrem ersten Arbeitstag nach der Genesung äußerte Robin sich sehr erfreut darüber, dass es ihr wieder gut ging. Im Krankenhaus hatte er sich nicht mehr blicken lassen, nach jenem ersten Besuch - wenn dies überhaupt Wirklichkeit gewesen war. Nur einen großen Blumenstrauß ließ er ihr zukommen. Eine Sache war aber trotzdem etwas merkwürdig: Sie musste keine Überstunden mehr machen. Robin hatte eine Aushilfe engagiert, eine Auszubildende, die Mona nun zur Hand ging. Zudem gab es noch etwas, was sie ein wenig aus der Ruhe brachte: Mona fühlte sich von ihrem Chef beobachtet. Sie war sich jedoch nicht vollkommen sicher, ob es nur Zufälle waren, dass ihre Blicke sich so oft trafen wenn sie mal ganz plötzlich zu ihm aufsah. Dann lächelte er verlegen. Oder schuldbewusst? Nein, sie weigerte sich beharrlich, sich schon wieder etwas einzubilden! Sie musste Lorena endlich erwischen und mit ihr reden. Vielleicht war sie es gar nicht gewesen, diese Frau, zusammen mit Robin. Die Entfernung war wirklich zu groß.

Mona fand endlich den Mut, Helmut beim Frühstück ihren Verdacht Leon gegenüber zu äußern. Sie erzählte ihm alles, jede Einzelheit über seine Nachstellungen, seine aggressive Haltung, weil sie seine Annäherungsversuche von sich wies.
Helmuts Reaktion entsprach so ungefähr ihren Erwartungen, trotzdem war sie sehr enttäuscht. Sein Gesicht verhärtete sich, seine Stirn legte sich in Falten.
"Unmöglich", sprach er dann mit einer gereizten Stimme. "Du musst dir da etwas eingebildet haben. Natürlich habe ich es mitgekriegt, dass er dich immer noch begehrt…".
"Aha", unterbrach ihn Mona etwas lauter, als sie es eigentlich vorhatte. "Du wusstest es also schon die ganze Zeit?"
"Natürlich ist mir das nicht entgangen. Aber ist das ein Wunder, bei einer so attraktiven Frau, wie du es bist." Er lächelte versöhnlich. "Er ist aber seit Jahren unser bester Freund. Niemals würde er dir oder mir etwas antun wollen."
"Wieso glaubst du mir nicht, was ich dir erzähle? Leon begehrt mich nicht, er belästigt mich, er bedrängt mich. Ich habe keinen Beweis dafür, aber, ich kann es mir ziemlich gut vorstellen, dass er mein Angreifer vom Parkplatz war."
Nun wurde auch Helmut ungehalten. "Jetzt gehst du aber zu weit mit deinen Verdächtigungen. Dieser Mann wollte dich vergewaltigen, ein Unbekannter, der in jener Nacht auf der Suche nach einem Opfer war."
"Der Mann wollte mich gar nicht vergewaltigen, er wollte mich töten", protestierte Mona. "Er war dabei, mich zu erwürgen". Sie berührte mit den Fingerspitzen ihren Hals und bei der Erinnerung an das grauenhafte Erlebnis jagte ein Schauder durch ihren Körper.
"Er versuchte auf diese Weise deinen Widerstand zu brechen", gab Helmut nicht nach. "Was für ein Glück, dass diese Leute noch zur rechten Zeit auftauchten und den Täter in die Flucht jagen konnten."
Er nahm ihre Hand und drückte sie fest, so als ob er ihr damit zeigen wollte, dass sie sich nicht mehr zu fürchten bräuchte.
Mona war verunsichert. Auch wenn Helmut mit seiner These Recht haben sollte, ihre Zweifel an Leon konnte er nicht ganz aus der Welt schaffen. Sie hatte nicht die geringste Lust, dem so genannten Familienfreund hier, in ihrem Heim, noch einmal zu begegnen. Offensichtlich erkannte Helmut endlich ihre Entschlossenheit.
"Gut, wenn es dir so viel daran liegt, werde ich mit Leon reden und ihn bitten, seine Besuche bei uns abzustellen. Eine passende Ausrede dafür wird mir schon einfallen."
Mona atmete auf. Ihren inneren Frieden fand sie jedoch nicht. Das Grübeln konnte sie nicht abstellen. Die Angst, es wäre noch nicht vorbei, schrumpfte nicht mit der Zeit, im Gegenteil, sie wurde immer größer.

Monas kleine heile Welt schien in tausend Stücke zu zerbrechen. Wem konnte sie wirklich noch trauen? Wie sollte sie ihre düsteren Gedanken, die sie nun gegen jeden hegte, der ihr nahe stand, oder gestanden hatte, nur wieder loswerden? Das ähnelte ja fast schon dem Verfolgungswahn! War sie vielleicht Diejenige, die nicht mehr richtig tickte und tat sie den anderen Unrecht…?


Kapitel 3.

Einige Tage nach dem Angriff auf sie, erhielt Mona endlich den heiß ersehnten Anruf von Lorena. Ihre Freundin entschuldigte sich wortreich dafür, dass es mit dem Rückruf so lange gedauert hatte. Ihr Beruf - sie war Einkäuferin in einem großen Modegeschäft - ließ sie in der letzten Zeit kaum zum Atmen kommen. Sie wäre dauernd unterwegs gewesen, doch nun könnte man sich mal zu einem Plausch treffen. Ob sie vorbeikommen sollte?
"Nein, nein, ich komme zu dir", beeilte sich Mona zu antworten, in Erinnerung an ihren Verdacht Lorena gegenüber. Doch kaum dass sie diese Worte ausgesprochen hatte, tat es ihr schon wieder leid. Lorena? Lächerlich! Mit solchen Verdächtigungen musste sie aufhören, wenn sie nicht bald den Verstand verlieren wollte!
"Ich habe einiges in der Stadt zu erledigen, da kann ich anschließend bei dir vorbeikommen, wenn es dir Recht ist", meinte sie nun ruhig und freundlich.
"Ja, ich freue mich", antwortete Lorena. "In drei Tagen fängt das Oktoberfest an. Christina, Bianca und Anna haben bereits angerufen und gefragt, ob wir auch dieses Jahr wieder zusammen hingehen. Wir könnten uns gleich darüber unterhalten, wenn du kommst."
Christina und Anna, Lorenas Schulfreundinnen, und Bianca, ihre Cousine, die außerhalb München wohnte, sie alle waren jedes Jahr mindestens einmal dabei, wenn Lorena und Mona zum Oktoberfest gingen. Das war schon so etwas wie eine Tradition geworden. Helmut, der Oktoberfestmuffel, ging nicht mit. Er hasste den ganzen "Rummel", wie er dieses Weltgrößte Bierfest nannte. Außerdem wären diese "Ausflüge" eine reine Frauensache.

Mona freute sich riesig, es schien alles wieder normal zu sein, alles genau so wie immer. Wie immer?
Immer wieder ertappte sich Mona während ihrer Besorgungen dabei, daß sie sich Gedanken über das bevorstehende Treffen mit Lorena machte.
Kein Wunder, daß da die Einkaufsliste in ihrem Kopf hin und her purzelte. Manches was dringend besorgt werden mußte wurde vergessen, anderes,
Unwichtiges, wurde eingekauft.
Mona kam an einem Teeladen vorbei. Ihr fiel ein, wie gerne Lorena Earl Grey trank und so besorgte sie noch rasch ein kleines Mitbringsel, bevor sie sich
endgültig auf den Weg zu Lorenas Wohnung machte.
Einen Moment schwebte ihr Finger über der Klingel "Vergiß dein Mißtrauen, Lorena ist deine Freundin" ermahnte sie sich innerlich, dann klingelte sie
kurz, kurz, lang, so wie sie es schon immer gemacht hatten, wenn sie sich gegenseitig besuchten. Lorena öffnete umgehend und kaum standen sich
Mona und Lorena gegenüber, war die alte Vertrautheit wieder vorhanden.
Und doch…
Und doch, da war etwas, ein ganz leiser Unterton, kaum vernehmbar und doch schwebend im Raum.
Lorena stand an der Theke, Mona den Rücken zugewandt. Der Duft des frisch überbrühten Kaffees erfüllte den Raum.
Als es an der Tür klingelte, öffnete Mona für Lorena die Tür, gesprochen hatten sie bislang nur über Nichtigkeiten.

Das Lachen von Anna schallte durch das Treppenhaus. Und kaum waren Anna, Bianca und Christina in der Wohnung
angekommen, da nahmen sie diese auch schon vollständig in Beschlag. Fröhliche Gespräche wirbelten durch den Raum,
trübe Gedanken verflogen, so wie auch die Zeit verflog.
Als sich Mona zwei Stunden später von ihren Freundinnen verabschiedete, ging sie mit einem Lächeln nach Hause. Erst viel
später fiel ihr ein - das Mißverständnis mit Lorena war nicht ausgeräumt, es war lediglich totgeschwiegen. Mona mußte unbedingt
in den nächsten Tagen nochmals mit Lorena sprechen. Nach dem Oktoberfest, dann würde sich eine Gelegenheit finden.
In drei Tagen waren sie erst einmal für die Wiesen verabredet - Mona freute sich schon darauf. Als Treffpunkt hatten sie den Eingang
von der Geisterbahn ausgemacht.
Dort sollte der Spaß, wie jedes Jahr, beginnen.
Als Mona von Lorena nach Hause kam, saß Helmut in seinem Sessel im Wohnzimmer, ließ seine Zeitschrift, die AMS von der er sich üblicherweise nur schwer zu trennen vermochte, sinken und sah Mona an.
Mona fühlte sich wie durchbohrt von seinem Blick. Ihr Mann erkundigte sich, wie denn das Treffen mit Lorena gewesen wäre.
Helmut erkundigte sich nach ihrer Freundin?
"Ja, nun sag schon!" forderte Helmut auf "wie war es bei Lorena - habt ihr Euch wieder für das Oktoberfest verabredet, trefft ihr euch wieder an der Geisterbahn?"
Irritiert stand Mona Rede und Antwort, warum interessierte sich Helmut dafür?
Plötzlich kam ihr Helmut fremd vor. Was war geschehen?
Angefangen hatte es damit, daß er ihr das wunderschöne Auto geschenkt hatte, nur um dann, als sie diesen merkwürdigen Unfall hatte, wie in einer Kehrtwendung zu behaupten, daß Frauen auch nicht Auto fahren sollten.
Nun erkundigte er sich nach ihrem Ausflug zum Oktoberfest, er, der sich doch sonst nie für das Oktoberfest interessierte, immer von ihren Aktivitäten verschont werden wollte.
Einen Moment dachte Mona sogar, daß Helmut unbedingt Wert darauf legte, daß sie sich an der Geisterbahn treffen würden.
Der Haushalt, der während ihres Krankenhausaufenthaltes merklich gelitten hatte, beanspruchte ihre Aufmerksamkeit: angebrannte Essensreste verkrustet in ihrem besten Topf, Wäsche, Staubwischen - es blieb keine Zeit sich über Helmut zu wundern.

Helmut rief sie ans Telefon, Robin wollte sie sprechen.
Robin erkundigte sich, ob sich denn Mona mit Leonora getroffen habe - und ob sie sich wieder zum Auftakt ihres Oktoberfestbesuches an der Geisterbahn treffen würden.
Robin, auch Robin, der die ganze Zeit so distanziert gewesen war, Robin erkundigte sich nach dem Oktoberfest. Auch Robin sprach von der Geisterbahn.
In der Nacht geisterte die Geisterbahn durch Monas Träume.

Es regnete, Pützen auf dem Weg zur Geisterbahn. Menschentrauben wälzen sich zwischen Bierzelten und Fahrgeräten, die Wand aus Menschen läßt Mona den Eingangsbereich zur Geisterbahn nur ahnen. Mona ist spät dran und als wollte sie eine unsichtbare Hand hindern, kann sie nicht bis zur Geisterbahn vordringen. Mona sieht Robin. Robin steht neben Lorena, hat sich eine schwere Tasche über die Schulter gehängt. Robin sieht zu Mona hin, ruft ihr etwas zu, doch Mona kann es nicht verstehen. Plötzlich löst sich der Geist der Geisterbahn von seinem Platz hoch über dem Eingang, auch er sieht zu Mona, ruft ihr etwas zu - will er sie warnen?
Mona kann sich nicht durch die Menschenmenge drängen, ihre Beine sind wie gelähmt. Ein Kind - woher kennt sie nur dieses Kind? - hält sie am Ärmel fest, das Kind hatte dicke Tränen in den Augen, schüttelt den Kopf, will Mona nicht weiter gehen lassen. Mona sieht wieder zu Lorena und Robin, Robin wächst ein Buckel, seine Haare werden grau, strubblig und lang - plötzlich gleicht er dem Geist der Geisterbahn, kommt mit drohender Gebärde auf Mona zu. Das Kind an Monas Seite zieht sie mit sich fort.

Mona wacht schweißgebadet auf.
Sie benötigt einen Moment um Traum und Wirklichkeit auseinander zu dividieren, versucht Klarheit in ihre wild durcheinander wirbelnden Gedanken zu bringen.
Das Kind, wovor hatte sie das Kind warnen wollen, warum hatte das Kind geweint, hatte der Traum überhaupt irgendeine Bedeutung?
Mona sieht auf die Uhr, es ist kurz vor vier, Helmut liegt neben ihr, sein rhythmisches Schnarchen ist Mona vertraut, wirkt beruhigend auf ihre Nerven.
Mona vergißt den Traum, Müdigkeit zieht sie zurück in den Schlaf.
Die beiden folgenden Tage vergingen wie im Flug, Mona hatte den Traum vollkommen vergessen, stand vor ihrem Kleiderschrank und überlegte sich, was sie anziehen wollte.
Es hat sich zugezogen, Mona nimmt den Regenmantel aus dem Schrank, hängt ihn sich über den Arm. Einen Moment zögert sie, als ein Ärmel des Mantels sich löste und sich
zwischen ihrem Beinen verfing, der Hauch einer flüchtigen Erinnerung streifte sie, aber Mona konnte den Gedanken nicht fassen.
Mona war spät dran, mußte sich sputen, wollte sie pünktlich am Treffpunkt vor der Geisterbahn sein. Am schnellsten waren die öffentlichen Verkehrsmittel, Mona fuhr mit der U5
zur Theresienwiese, nur wenige Minuten später eilte sie auf den Eingang der Geisterbahn zu. Eine Pfütze auf dem Weg zwischen den Festzelten ließ ihren Schritt stocken.
Mona sah schon den Eingang der Geisterbahn, als sie plötzlich ein Kind am Ärmel faßte.

Mona erschrak, wie ein Blitz schoß ihr die Erinnerung an ihren Traum durch den Kopf, das kleine Mädchen an ihrer Seite weinte. Mona beugte sich zu dem Mädchen, das weinend
Hilfe erbat, es hatte seine Eltern im Gewimmel verloren. Mona sah auf, dicht bei dicht drängte sich die Menschenmasse durch die engen Gassen zwischen den Schaubuden,
plötzlich war der Blick frei auf den Eingang zur Geisterbahn. Mona sah Anna und Bianca bei Lorena stehen, die drei waren offensichtlich in ein angeregtes Gespräch versunken.
Dann war der Blick auf die Freundinnen wieder versperrt. Mona beugte sich wieder zu dem kleinen Mädchen und wollte wissen, ob sie mit ihren Eltern denn einen
Treffpunkt vereinbart hätte. Und richtig, das Kind nannte ihr das Familien-Platzl als Treffpunkt. Mona wollte nur rasch den Freundinnen Bescheid sagen, daß sie das Kind zum
Familien-Platzl führen wollte, doch vor der Geisterbahn sah Mona niemanden mehr und so ging sie mit dem Mädchen an der Hand auf die Suche nach den Eltern des Kindes.

Obwohl Mona überraschend schnell mit dem Mädchen zum vereinbarten Treffpunkt gelangte, die Mutter wartete bereits, war einige Zeit verstrichen, bis sie wieder zurück
zur Geisterbahn kam. Und wieder meinte sie Lorena zu sehen, dieses Mal stand Christina bei ihr, weiter vorne in der Schlage entdeckte Mona Anna und Bianca.
Mona dachte wieder an ihren Traum, der vorhin so merkwürdig zur Gegenwart geworden war. Mona suchte Robin, doch Robin war nicht zu sehen. Ein kalter
Schauder lief ihr über den Rücken, sollte sie wirklich zur Geisterbahn gehen? Monas Blick blieb an den Geisterfiguren auf halber Höhe des Fahrgeschäftes hängen.
Der Wind fuhr durch das weite Gewand, erweckte den Geist zum Leben. Man konnte meinen die Geister winken den Wies"n-Besuchern zu. Oder drohten sie? Eine Meute
kreischender Fahrgäste passierte die Geister, bevor sie wieder im dunklen Nichts verschwanden. Mona war so in Gedanken versunken und noch beim Grübeln,
was ihr Traum wohl zu bedeuten hatte, daß sie nicht bemerkte, wie sich ihr ein Mann näherte.

"Was stehst Du denn hier? Du wirst schon lange erwartet, seit wann läßt Du Deine Freundinnen so warten?"
Sie erschrak furchtbar und machte eine halbe Drehung in Richtung
der Person, die sie so unvermittelt angesprochen hatte.
Sie wollte darüber ihren Umut äußern, als die tiefe sonore Stimme
sagte : " Komm, lass uns Geisterbahn fahren, bin schon seit ich Kind
war, nicht mehr drin gewesen - ausserdem hab ich vorhin schon zwei
tickets gekauft."
Noch bevor sie richtig überlegen konnte, warum ER überhaupt da war,
dirigierten sie zwei kräftige Arme in Richtung des Eingangs und bevor sie
sich versah, saß sie auch schon in einem Wagen - die Fahrt begann.
Als zwei Minuten später ein Wagen aus dem Inneren wieder an`s Tages
licht fuhr, gerann den Umstehenden das Blut in den Adern, sahen sie
den leblosen Körper einer jungen Frau eigenartig verdreht in der Gondel,
die toten Augen weit augerissen, aus dem Mund Blut laufend und einen
Dolch in der linken Brusthälfte steckend.
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Monate später stand im Abschlussbericht der Sonderkommission "Mona":
Die umfangreichen Ermittlungen im Fall Mona L. ergaben keine Anhalts-
punkte zu dem oder den Tätern. Insbesondere konnte nicht geklärt werden,
wie der oder die Täter unerkannt aus dem Fahrgeschäft entkommen konnte(n), da davon ausgegangen werden muss, dass dieser ( diese)
unmittelbar nach Tatbegehung aus der fahrenden Gondel gesprungen ist (sind)
. Auch konnte kein Phantombild angefertigt werden, da es weder den
Bediensteten noch den Besuchern des Fahrgeschäfts erinnerlich war, ob die
Geschädigte allein oder in Begleitung die Fahrt angetreten hatte.
"Was stehst Du denn hier? Du wirst schon lange erwartet, seit wann läßt Du Deine Freundinnen so warten?" Mona erschrak, Helmut wie aus dem Nichts plötzlich neben ihr aufgetaucht, hatte sie am Arm gepackt und zu sich umgedreht. "Leon und ich, wir haben dich überall gesucht. Schließlich hat sich Leonora fürchterlich darüber aufgeregt, daß sie dich gesehen hat und dann warst du im nächsten Moment verschwunden. Also hat sie uns alarmiert und seitdem suchen wir dich, haben Lorena versprochen, dich in die Geisterbahn zu setzen, damit ihr später wieder eure gemeinsamen Erinnerungen austauschen könnt."
Je mehr Helmut Mona erklärte, warum er sie gesucht hatte, desto verwirrter war Mona. Es fing schon damit an, daß Helmut überhaupt auf dem Oktoberfest war, hatte er doch am Morgen, als sie sich verabschiedeten noch behauptet mit Leon zu einer Partie Schach verabredet zu sein. Und dann wußte auch noch Lorena, das Helmut auf dem Oktoberfest war, aus welchem Grund sonst hätte sie ihn darum gebeten, nach ihr zu suchen? Helmut und Leon hier auf dem Oktoberfest, welch unvorstellbare Vorstellung…
Mona wich vor Helmut zurück, bis sie mit dem Rücken an eine Plane stieß, nicht weiter zurückweichen konnte. Alle Sinne von Mona waren auf Helmut konzentriert es dauerte einen Moment, bis die Worte, die auf der anderen Seite der Stoffwand gesprochen wurden, in ihr Bewußtsein vordrangen. Und plötzlich verstand Mona alles.

Mona hatte die Tage der Vergangenheit immer und immer wieder an sich vorüberziehen lassen bis zu dem Moment, als sie von Helmut vor der Geisterbahn angesprochen worden war. Helmut. Der Gedanke an ihn brachte all ihre Verwirrung und ihre Verzweiflung der Vergangenheit zurück.
Und dann das Ende ihres Horrortrips.
Mona hielt in einer Parkbucht am Straßenrand an und stieg aus. Das weite Tal lag zu ihren Füßen, das satte Grün der Wiesen, das leise Geläut der Kuhschellen, in der Ferne rief eine Kirchturmglocke zum Abendgottesdienst, der Duft der Wiesen, des frisch geschlagenen Heus. Mona atmete tief durch - das ist Freiheit. Ein Greifvogel zog am Himmel seine Kreise. Eine Parkbank lud Mona ein einen Moment die Umgebung auf sich wirken zu lassen. Mona schloß die Augen.
Mona ließ nochmals die letzten Minuten vor der Geisterbahn an sich vorüber ziehen, hörte wieder die Worte, die durch die dünne Stoffwand der Naschbude bis zu ihr vordrangen. Sie hörte, wie über sie gesprochen wurde und darüber, wie Helmut und Leon zueinander standen. Und wie sie plötzlich verstanden hatte, daß sie zwischen die Mühlsteine von Helmuts Liebe zu Leon geraten war. Sie hatte sich von Helmut zum Schein dazu überreden lassen, mit ihm eine Fahrt in der Geisterbahn zu unternehmen, doch im letzten Moment, als der Wagen bereits anfuhr, öffnete sie die Sperre der Tür des niedrigen Wagens und sprang gewissermaßen vom fahrenden Zug. Helmut hatte ihr nicht mehr folgen können, hatte sich doch bereits der Vorhang hinter dem Wagen geschlossen, ihn in die dunklen Wege des Fahrgeschäftes eingesaugt.
Was anschließend geschehen war konnte Mona nur vermuten. Im Unfallbericht stand, daß es einem Fahrgast wohl schlecht geworden sein müßte, jedenfalls konnte keine Fremdeinwirkung festgestellt werden, der Fahrgast war in einer Kurve, kurz vor dem Ende der Bahnfahrt, unglücklich aus dem Wagen gestürzt, auf eine Starkstromleitung gefallen. Der Stromschlag wurde als Todesursache angesehen.
Und Mona hatte Glück im Unglück gehabt, ein Mitarbeiter der Geisterbahn erwischte Mona dabei wie sie unvorschriftsmäßig aus dem Wagen ausstiegen, Mona hatte unbeabsichtigt dafür gesorgt, daß sie zum Unglückszeitpunkt einen Zeugen hatte.
Was war sie zunächst so entsetzt gewesen, daß der Mitarbeiter sie aufgehalten hatte, sie an ihrer Flucht behinderte. Nein, auch wenn sie eventuell den Unfall provoziert hatte, Mona war nicht schuldig an Helmuts Tod.
Mona sah auf die Weiden tief im Tal unter sich. Befreit atmete sie tief durch, dann ging sie wieder zurück zu ihrem roten Audi TT und setzte ihre Fahrt zu ihrem Haus in den Bergen fort. Das Haus hatte sie sich von der Lebensversicherung - bei Unfalltod wurde die doppelte Deckungssumme ausgezahlt - kaufen können.
:lol:
Nein, es war nicht wie immer. Lorena war nicht wie immer. Mona konnte das nicht richtig definieren, nicht richtig einordnen. Lorena begrüßte sie mit einem Kuss, sie beteuerte, wie sehr sie sich freuen würde, Mona endlich wieder zu sehen. Ihre Augen sprachen aber eine andere Sprache. Hatte Lorena Kummer? Oder war immer noch Leon im Spiel? Sie wirkte so abwesend, so… fremd.
Mona versuchte ganz vorsichtig, es zu erforschen.
"Lorena, was Leon angeht…"
Doch die Freundin ließ sie nicht ausreden. "Ach, vergiss es", meinte sie ungeduldig. "Das war dumm von mir, ich weiß es."
Es war nicht möglich, an Lorena heranzukommen. Erst als das Gespräch auf das Oktoberfest kam, schien sie aus sich herauszugehen. Sie freute sich ganz offensichtlich.
"Um dein Trachtenkleid mit dem passenden Hut beneide ich dich. Den wirst du sicher wieder aufsetzen, oder?", meinte sie.
"Ja klar, Oktoberfest ist doch die einzige Gelegenheit dazu."
"So einen, mit so langen verschiedenfarbigen Federn habe ich nirgendwo anders gesehen. Vielleicht leihst du ihn mir mal?"
"Aber sicher, beim nächsten mal darfst du ihn tragen, auch das Kleid, wenn du es möchtest".
Der Abschied von Lorena fiel um einiges kühler als sonst. Mona fuhr mit gemischten Gefühlen nach Hause. Doch sie nahm sich vor, sich auf das Oktoberfest zu freuen. Vielleicht würden sich da sie und Lorena wieder so nahe kommen, wie es früher mal war.

[center]***[/center]
Morgens beim Frühstück lasen Mona und Helmut immer ihre Zeitung, die sie abonniert hatten und die stets pünktlich auf der Fußmatte lag. Sie teilten sich das Blatt, Helmut behielt die erste Hälfte, mit den Politik- und den Wirtschaftsnachrichten, Mona bekam dafür das Gesellschaftsteil.

An jenem Morgen, zwei Tage bevor sie mit ihren Freundinnen zum Oktoberfest gehen sollte, ließ eine Schreckensnachricht in der Zeitung Monas gute Stimmung schwinden.
"Nein, das kann doch nicht sein", rief sie erschrocken.
Helmut horchte auf. "Was ist denn passiert?" fragte er neugierig.
Sie las ihm laut vor: "Tod in der Geisterbahn. Ein Wagen der großen Geisterbahn, die so schnell wie eine Achterbahn fährt, sprang beim vollen Tempo aus den Schienen, überschlug sich und begrub eine Insassin unter sich. Der Notarzt, der schnell zur Stelle war, konnte nur noch den Tod der jungen Frau feststellen."
"Schlimm", meinte Helmut nur und las ruhig weiter in seinem Teil der Zeitung. Mona studierte nun die neuesten Eskapaden der Weltprominenz, doch sie fühlte sich beobachtet. Sie legte die Zeitung zur Seite und begegnete Helmuts undefinierbarem Blick. Er schaute sie an, auf eine Art, die sie nicht verstand. Prüfend? Besorg? Nachdenklich?
"Was ist?" fragte sie. "Möchtest du mir etwas sagen?"
Ihr Mann zuckte zusammen, so als ob er sich ertappt fühlte. "Ach, nein, nein, es ist nichts", meinte er. Da sie aber keine Ruhe gab, ließ er sie seinen Gedankengang wissen. "Ich dachte nur darüber nach, dass du übermorgen mit Lorena zum Oktoberfest gehst. Noch nie hast du deine geliebte große Geisterbahn versäumt. Es scheint aber so, als ob dies nicht ganz ungefährlich wäre."
"Ach was", antwortete Mona. "Hier steht es, der Wagen war defekt. Die ganze Geisterbahn wurde durchcheckt und ist nun absolut in Ordnung. Sie ist wieder im Betrieb."
Wann geht's los, Mona? Übermorgen?" fragte Helmut.
"Ja, übermorgen Nachmittag, um sechs".

Doch dann kam alles anders!
Mona rief kurz vor sechs Uhr bei Lorena an und sagte den Ausflug ab.
"Es tut mir so Leid, ich bin krank. Ich muss im Bett bleiben."
"Schade, ich hab mich schon so darauf gefreut, Mona!" Lorenas Stimme klang echt enttäuscht.
"Ihr werdet auch ohne mich eueren Spaß haben", versicherte Mona ihr. "Und du darfst sogar meinen Trachtenhut haben, den du immer so bewunderst. Den mit den drei echten bunten Federn. Und fahre einmal extra unsere große Geisterbahn. Für mich!"

Am nächsten Tag wurde Helmut beim Zeitungslesen blass. Neugierig sah Mona ihm über die Schulter. Die Schlagzeile hatte ihn geschockt: "Junge Frau in der Geisterbahn erschossen, Täter unbekannt." Daneben das Foto: Lorena!

Es hatte also geklappt!

Wenn sie nicht gestern oben in ihrem Schlafzimmer den Telefonhörer abgenommen hätte - gerade in jenem Augenblick, als Helmut am Apparat im Wohnzimmer seine teuflische Anweisung gab: "Sie fährt Geisterbahn. Sei vorsichtig, nicht Lorena erwischen. Mona trägt immer ihren scheußlichen Trachtenhut mit den drei langen bunten Federn."
So eine Frechheit, der Hut war ein Einzelstück!
"Lorena weiß nicht Bescheid. Aber sie wird froh sein, wenn ich endlich für sie frei bin."
Also Helmut. Und Lorena, dieses Miststück…
Der Schock hatte Mona fast umgeworfen. Sie weigerte sich im ersten Moment, dies zu glauben. Ihr ganzes Inneres bäumte sich dagegen auf. Der Kloß im Hals drohte sie zu ersticken. Doch dann wurde ihr Überlebenstrieb geweckt. Ihr Hirn arbeitete fieberhaft. Ihr fiel keine andere Lösung ein. Es hieß jetzt, sie oder Lorena. Der Hut war anscheinend Erkennungszeichen. Ja, der Hut.
Nein, wie eine Mörderin fühle sie sich gewiss nicht.

Sie schaute zu ihrem Mann hinüber. Helmut saß immer noch wie versteinert da. Er verstand anscheinend absolut nicht, was passiert war. Er hatte gestern Nachmittag gar nicht mitgekriegt gehabt, dass Mona nicht zum Oktoberfest ging. Und als er sehr spät nach Hause kam und sie sah, schien er so überrascht zu sein, als ob er ein Gespenst gesehen hätte.
Na ja, jetzt wusste er Bescheid.
Am liebsten hätte Mona ihrem Mann ins Gesicht geschrieen: "Hör auf damit, mich unter die Erde bringen zu wollen! Es ist vergeudete Müh! Sieh doch endlich ein, dass dies nicht mein Schicksal ist, so früh zu sterben!"
Doch sie lächelte nur still vor sich hin, stand auf, ging in das Schlafzimmer und fing an, ihre Sachen zu packen. Sie würde kein Tag länger in diesem Haus bleiben. Bei ihrer Mutter war sie stets willkommen, da fühlte sie sich sicher und geborgen.
Dann, einer Eingebung folgend, entschloss sie sich, Robin anzurufen. Seine Worte "Ich bin immer für dich da, wenn du mich brauchen solltest", kamen ihr in den Sinn. Sie war sich inzwischen sicher, dass sie dies nicht nur geträumt hatte. Und sie brauchte ihn jetzt.
Sie warf einen Blick durch das Fenster. Altweibersommer! Der Himmel zeigte sich in seinem schönsten Blau, die Sonne lachte vom Himmel, der leichte Herbstwind bewegte die Bäume und Büsche im Garten. Ein Unglaubliches Glücksgefühl durchströmte Mona. Das Leben war schön und sie war zutiefst dankbar, es nicht verloren zu haben - ihr Leben.


[center]ENDE[/center]