41acul hat geschrieben:
» 30.04.2019, 7:43h

@Verdandi,

"Kafka am Strand" von Haruki Murakami

Zunächst ganz herzlichen Dank für dieses Lesevergnügen. Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass die Übersetzung durch Ursula Gräfe etwas "leichtfüßiger" daherkommt im Gegensatz zu "Gefährliche Geliebte".

Ganz überragend die Handhabung der Dialoge durch Murakami. Da ist er ein wahrer Meister und man kann viel lernen. Er benutzt souverän jede Form:

Dialog zwischen Personen (auch sprechenden Tieren),

Dialog mit dem eigenen "Ich", hier mit der Möglichkeit eines gespaltenen "Ichs",
die sogenannte Innenschau,

Dialog mit dem Leser durch die Ich-Erzählung.

Dadurch bekommt die Prosa eine wunderbare Lebendigkeit, er beschreibt nicht nur, er lässt die Personen durch Sprechaktionen (Dialoge) sich selber vorstellen.
So müsste man es machen, wenn man es könnte:-). Mich hat diese Meisterschaft fasziniert.

Auf den feinen Unterschied der Übersetzung von Gräfe - äußere Wirklichkeit = Realität - und innerer Wirklichkeit möchte ich zunächst verzichten. Keine Frage, sie ist ein Gewinn, diese Gräfe.

Was meinst Du?

Gruß

Felix


@ 41acul


Hallo Felix, vielen Dank! :D

Deine Wahrnehmungen aus Deinem - wie Du schreibst: Lesevergnügen (das höre ich gern und empfand es selbst auch beim Lesen) finde ich sehr anregend, ja - so kann man es sehen! Es freut mich, dass Du diese Erfahrung mit Murakami und seinem Buch "Kafka am Strand" machen konntest.

Die englische Erstübersetzung seines früheren Buches "Südlich der Grenze, westlich der Sonne", aus der die Zweitübersetzung ins Deutsche mit dem erfundenen deutschen Titel "Gefährliche Geliebte" - also indirekt - erfolgte, war vielleicht an sich gar nicht so schlecht. Die Qualitätseinbuße der ersten deutschen Ausgabe erfolgte wegen des Verzichtes auf das japanische Original, die erst viele Jahre später dank U. Gräfes Direktübersetzung unter dem ebenfalls direkt übersetzten o.a. Originaltitel ausgebügelt werden konnte.

"Kafka am Strand" wurde dagegen sofort aus dem japanischen Original übersetzt - und weil wir U. Gräfes Können vertrauen dürfen, müssten wir schon gut Japanisch beherrschen, um dennoch störende Differenzen zwischen dem Original und der deutschen Übersetzung feststellen zu können. Stattdessen muss man den Japanisch-Kennern vertrauen, von denen mir bisher noch nicht negatives zu Ohren gekommen ist.

Man darf dabei natürlich - wie bei allen Übertragungen in andere Sprachen - nie vergessen, dass diese aus verschiedenen Gründen nie 100prozentig möglich sind. Ein wesentlicher Grund dafür ist bereits die Einmaligkeit jeder Sprache an sich vor dem Hintergrund ihrer ganz spezifischen Entstehungsgeschichte und der gesellschaftlichen Kultur, in der sie eingebunden ist und der nie endenden wechselseitigen Prägung - so dass sie nie in allen Aspekten einer anderen Sprache entsprechen können wird.

Ein ganz anderes Spielfeld ist die inhaltliche Interpretation. Selbst die professionell geschulten und belesenen Rezensenten der gesellschaftlich relevantesten Medien werden nie eine einheitliche Rezeption erfahren und davon berichten können. Jeder ist mit seiner Sicht auf die Welt und ihre Literaturen mit seiner persönlichen Wesensart und Geschichte involviert.

Man merkt es einer Rezension an, wenn versucht wurde, das Persönliche außen vor zu lassen. Daher betreibt ein guter Rezensent dies nur im notwenigen Umfang und setzt im Übrigen bewusst seine persönliche "Handschrift" ein. Die sich daraus ergebenden unterschiedlichen Perspektiven in Bezug auf eine literarische Erzählung machen ja im Idealfall die Gesamtwirkung so facettenreich und spannend.

Meine eigene Rezeption durchläuft natürlich stets auch gewisse persönlich relevante Filter, die je nach Leseanlass variieren können. Ich lese Bücher nicht unbedingt deswegen, weil alle Welt von ihnen spricht oder die Rezensenten angesagter Feuilletons sich mehrheitlich dafür begeistern. Ich gehe da eher nach meinen persönlichen Vorlieben und Interessen vor, folge aber auch schon mal gern der Empfehlung des einen oder anderen Lieblingsrezensenten oder literaturbegeisterten Freundes, wenn ich gerade mal wieder offen für literarisches "Neuland" bin.

Eine Ausnahme mache ich stets für meinen Literatur-Debattierclub. Um mitreden zu können, lese ich auch mal entgegen eigener Vorlieben - immer das Buch, was von unserer Leiterin, die sich immer sehr engagiert bei der Recherche und Planung zeigt, uns alternativ zur Auswahl vorschlägt und was dann mehrheitlich beschlossen wird.

Unter dieser "Fremdprämisse" fällt es mir manchmal nicht leicht, mich auf den Stoff einzulassen und mit ihm vertraut zu werden. Aber wenn es gelingt, bin ich immer überrascht über den zunächst aufgezwungenen, dann aber sehr goutierten Zugewinn für meinen literarischen Fundus.

Die Debatten in der Gruppe bringen im Verlauf der gemeinsamen Erarbeitung des jeweiligen Lesestoffs immer wieder überraschend neue Potenziale der Interpretation zum Vorschein. 10 Interessierte sehen mehr als nur einer und jeder trägt auf seine Weise zur Bereicherung der Gruppe bei.

Meine Sicht ist oft eine psychoanalytische und philosophische, gern aber auch mal die der künstlerischen oder/und gesellschaftlichen Rebellion. Andere, die ein besseres Auge für stilistische Eigenheiten z.B. das indirekt zum Ausdruck Gebrachte oder gar Unausgesprochene haben, konnten mich schon oft dazu bringen, einen Text noch sorgfältiger zu lesen und bewusst auf solche Dinge zu achten, die mir vorher entgangen waren.

Ein gutes Buch zum zweiten Mal zu lesen, eröffnet fast immer ganz neue Perspektiven und den Genuss weiterer Lesefrüchte!

Lange Rede - kurzer Sinn (aber der "Ausflug" hat mir gefallen!) in Bezug darauf, auf das ich eigentlich hinaus wollte - wir befinden uns hier ja nicht im Literatur-, sondern im Philosophie-Forum, im Thread "Die Wirklichkeit, das Mögliche und das Nichts".

Meine persönliche Rezeption von "Kafka am Strand" hat mich also beim Lesen immer wieder eine Verbindung erkennen lassen, zu dem mich nach wie vor sehr interessierenden Themenkomplex "Wirklichkeit".

Was mich diesbezüglich an "Kafka am Strand" fasziniert, habe ich hier in meinem Beitrag vom >>15.04.2019, 16:41h, bereits beschrieben. Ergänzend möchte ich noch anmerken, dass ich Lyrik und Literarische Prosa als Kunst und die einzelnen Werke als Kunstwerke begreife - nur, dass das Geschaffene nicht vom Rezipienten angeschaut sondern gelesen oder angehört wird, damit er dazu eigene Bilder in seinen Vorstellungen entstehen lassen kann.

Insofern bin ich im Bezug auf Kunst und Literatur keineswegs so kritisch. wie gegenüber den Wissenschaften. Ein Künstler oder Literat ist nur sich und seiner Kunst verpflichtet, er muss niemandem irgendetwas beweisen, sondern soll nur authentisch sein in seinem Bestreben, sich auszudrücken.

Also sind mir auch fantastische Elemente als Bereicherung der Ausdrucksmöglichkeiten im Hinblick auf das Sujet willkommen - sofern und solange ich einen wie auch immer gearteten Zugang dazu finden kann - dank der Vermittlung des Autors.

Das ist zum Beispiel bei den Stoffen von Murakami, insbesondere bei "Kafka am Strand", durchaus der Fall, weil das zentrale Thema (es geht bei MURAKAMI immer darum:) das menschliche Empfinden ist - und zwar unter allen denk- und fantasierbaren Umständen, denen es ausgeliefert wird und sich anheimstellen, an denen es sich erproben und unter denen es bestehen muss.

Meine besondere Empfehlung für neue Liebhaber der Bücher von Haruki Murakami ist sein dreiteiliger Roman:

"1Q84" (1.+2: 2009, D2010 / 3: 2010, D 2011)

https://de.m.wikipedia.org/wiki/1Q84


Liebe Grüße und einen schönen 1. Mai morgen!

Verdandi





Hallo Verdandi,

viel habe ich über Deine Antwort nachgedacht. Dann hatte ich es zusammen.
An Romanen finde ich Folgendes spannend:

Was will der Autor mir damit sagen?
Wie wirkt das Kunstwerk auf mich? Stil, Form
Wie hat er es gebaut? Wie hat er es angestellt, dass er mich in die "Hypnose" Roman gebracht hat?

Früher hatte ich viel im Film Geschehen zu tun. So ist sie geblieben, die für mich wichtiigste Frage:

Wie hat er es angestellt?

Und man zahlt Tribut an das begrenzte Bewusstsein. Der Scheinwerfer der Aufmerksamkeit bringt manchmal so etwas wie Scheuklappen mit.l

Grüße

Felix

Hallo Felix,

Dein „Wie hat er es angestellt?“ hat mich jetzt an etwas erinnert...

Meinem Genuss der schönsten, spannendsten, gefühlvollsten und klügsten Filme – ganz egal welche es waren, Hauptsache, sie waren hervorragend – habe ich immer ein wenig von seiner Hemmungslosigkeit nehmen müssen, um ihn (den Genuss) wirklich goutieren zu können. Also erforschte ich zugleich, was ich genoss:

Welche Hilfsmittel wurden verwendet, welche Tricks wurden angewandt, welche Einflüsterungen unterschwellig ins Spiel gebracht, um die großartigen Illusionen zu erzeugen und die magisch anmutende Suggestivkraft zu entfalten?

Wie wurde ich in den Bann der Geschichte gezogen, von Farben, Formen, Atmosphären und Stimmungen, Stimmen und Klängen? Von Figuren, die ihr Wesen zeigen und zugleich verbergen, sich entäußern und prostituieren und doch ihr Geheimnis und ihre Würde bewahren? Wie von den Antagonisten derart in die Mangel genommen, dass meine negativsten Emotionen nach Entfaltung drängten oder – ganz im Gegenteil und besonders perfide: ich mich mit den schlimmsten Bösewichten identifizieren konnte?

Von den prächtig abweisenden Totalen der Standkamera mit ihren minutenlangen Einstellungen, die einem Schauer über den Rücken jagen – bis hin zu den suggestiven, fahrig-hektischen Bewegungen der Handkamera mit ihren typischen Schärfeschwankungen, die einem das Gefühl gibt, mittendrin und genauso ahnungslos und gefährdet zu sein, wie der Held?

Was habe ich gemacht, um das auszuhalten? Ich habe mir vorab gespoilerte Beschreibungen durchgelesen und danach Dokus über das Make-off angeschaut. – Da wurde die Wirklichkeit wieder gerade gerückt und die Illusion auf ihren angemessenen Platz außerhalb der Lebensarena, ins Wolkenkuckucksheim befördert.

Nur so konnte ich meiner Lust auf fantastische Geschichten frönen und in die unglaublichsten Szenerien eintauchen – denn der Lust auf „Weltflucht“ hin zu den Wahnsinnspotenzialen menschlicher Vorstellungskraft – und sei es nur in Spielfilmlänge – war ich nie ganz abgeneigt.

Bei einem der, wie ich nach wie vor finde, frappierendsten Geschichten, kam ich allerdings ins Schwanken, während ich das wunderbare Spiel der Figuren genoss, das von einem Ensemble bester Mimen wirksam in Szene gesetzt wurde:

Es ist der Film „Meet Joe Black“ mit Brad Pitt und Anthony Hopkins. Man stelle sich vor: Brad Pitt spielt den Tod, der temporär in die Hülle eines Menschen schlüpft, der sich gerade verliebt hat, um einmal von der menschlichen Wirklichkeit zu kosten, dabei dann aber mehr als nur ein bisschen Schicksal spielt, sondern Partei ergreift für seine neuen Freunde und aktiv wird gegen deren Feinde – und natürlich der Liebe seines „Lebens“ begegnet und ihr den Kopf verdreht... bis er leider, leider, doch wieder zurück muss auf seinen angestammten Platz – jenseits von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, geschweige denn Liebe.

Der Tod als Person – schlimmer, als empfindender, gerechter und und liebender Mensch: Was daran hat mich in den Bann gezogen, wo doch jeder Gedanke, der sich abseits vom Filmgeschehen mit dieser Vorstellung befasst, automatisch der absoluten Lächerlichkeit preisgegeben ist?

Oooch nööö... Es wird doch wohl nicht der nicht totzukriegende geheime Wunsch nach einer höheren Gerechtigkeit sein? – Danke, Ihr lieben kritischen Gedanken, ich will gar nichts mehr von Euch wissen, sondern mir einfach nur in aller Unschuld diesen Film reinziehen, okay? – Gut! :wink:

... Tja, nun: Wie stellen sie es immer wieder an, diese Künstler jedweder Couleur? Diese Frage war einen gedanklichen Ausflug schon wert.

Also Danke dafür, lieber Felix! :D


LG, V.


_________________________________

Meet Joe Black (1998), Trailer:

https://youtu.be/hMlXqCcg4aE

Bild

(Universal Pictures / Wikimedia Commons)


@Verdandi,

wie Recht Du hast. Besonders beim Filmgenuss habe ich es besonders erlebt. Alles wollte man wissen, wie "geht". Und? Man hat sich selbst betrogen, aus der Hingabe, die "Hypnose" Film, war man entlassen. Das enge Bewusstsein mit kritischen Gedanken belegt, der Scheinwerfer der Aufmerksamkeit verstellt. Fast für immer verloren der unbeschwerte Flug in die angebotenen Fantasiewelten. Bei Romanen ist es ähnlich geworden.

Deshalb auch meine große Begeisterung für die Meisterschaft der Dialoggestaltung in "Kafka am Strand", das unwillige Entgegennehmen des Inhalts der Erzählung.

Grüße

Felix

@ Felix

Leider ist es nicht ganz richtig angekommen: Da gab es weder Entzauberung noch Selbstbetrug, weder Enge noch Unwilligkeit. Die kritische Hinterfragung habe ich immer beibehalten, denn eingeschränkt hat diese mich noch nie.

Wenn es darauf hinaus gelaufen wäre, hätte ich es nicht zugelassen, irgendetwas infrage zu stellen. Niemand könnte mich zwingen, auch und im Besonderen nicht ich selbst. Will sagen: Ich war bereit – für eine weitere Erfahrung, ohne die vorherige verwerfen zu müssen. Ich musste nur wissen und akzeptieren, dass beide von nun an einen nie abreißenden Dialog miteinander führen werden.

Natürlich waren meine Ausführungen im letzten Beitrag in diesem Sinne nicht tierisch ernst gemeint. Ich kann viele Aspekte ein und derselben Sache ausprobieren und ausleben.

Aber wenn ich innehalte und nach Worten suche, um mich unmissverständlich zu erklären, muss ich es alsbald aufgeben: Das ist wohl nur Seelenverwandten einander wirklich vergönnt.

Also, dafür entschuldige ich mich!

Im Übrigen ist es doch irgendwie auch aufregend und beruhigend zugleich, zu wissen, dass man mehr weiß, als man zu erklären vermag – und das liegt nicht etwa an einem Mangel an Ausdrucksvermögen.

Zurück zu „Kafka am Strand“: Die Rezeptionsmöglichkeiten sind trotz scheinbar einfacher Sprache wahrlich vielgestaltig, so dass die verschiedenen Anteile meiner Persönlichkeit auf der „Probebühne“ meines Bewusstseins alle Register ihres jeweiligen Vermögens ziehen mussten beim Lesen und Überdenken.

Später, bei der „Premiere“, als ich begann, mich diesbezüglich meiner Umwelt zu vermitteln (also weitestgehend festzulegen), hatte jeder seinen Platz gefunden und vertrat seinen Part so ordentlich wie nur möglich.

Sobald der Regisseur jedoch auch nur ein wenig unaufmerksam wird, beginnt das Gerangel erneut. Meist schützt er ja nur Müdigkeit vor und beobachtet gespannt das stets aufs Neue sich selbst organisierende Ensemble. Sein Interesse gilt der Dynamik an sich – aber auch den immer wieder neuen Möglichkeiten, die er bisher nicht im Blick hatte und die, einmal ergriffen, zu immer neuen, mehr oder weniger stark voneinander abweichenden Resultaten führen können.

Im Grunde könnte mir ein halbes Dutzend wirklich guter Bücher genügen, die ich immer wieder aufs Neue lesen würde, um jedes Mal wieder etwas Neues an Erkenntnis und Verständnis daraus gewinnen zu können. Das Gehirn des Menschen ist eben keine maschinelle Rechenzentrale, sondern eine sich selbst organisierende, mit ihrer Umwelt auf alle erdenkliche Weise interagierende, lernende und daher stets veränderliche, lebende Struktur.

Mit anderen Worten: Ich nutze gern und oft mein Potenzial, mich immer mal wieder selbst zu überraschen. Nicht immer gelingt es. Aber oft. – Für meine Interaktion mit anderen ist leider meistens das Gegenteil gefragt: Möglichst vollständige Berechenbarkeit. Ein Dilemma! Seufz...


LG, V.


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Zum dritten Teilbereich des Thread-Themas: „Das Nichts“ wurde schon lange nichts mehr beigetragen. Heute habe ich zumindest einen interessanten Hinweis.

Im ZDF gab es gestern eine sehr gut zum Thema passende Doku:

>>Mysterien des Weltalls: Das Nichts.
Die menschliche Phantasie endet dort, wo das Universum seinen Ursprung hat: im „Nichts“. Die Vorstellung, der leere Raum sei wirklich leer, hat die Wissenschaft jedoch bereits widerlegt.<<

ZDF-Mediathek:
https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/mysterien-des-weltalls-das-nichts-102.html

>>Das Nichts ist heute womöglich das tiefgründigste Rätsel der Wissenschaft. Wer es lösen könnte, wüsste dann auch, wie das Weltall entstanden ist.<<

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Sehr wichtige Anregung!

Das „Etwas-Nichts“ ...
Vom Nichts, aus dem etwas entstand und vom Etwas, das in nichts enden wird. – Der Bogen von der Selbstorganisation alles Seienden bis hin zu seiner Entropie*.


Ich schrieb schon am Anfang dieses Threads, dass das (maximal denkbare) „Nichts-Nichts“ ohne Belang für mich ist (ich spreche mal vorsichtshalber nur von mir), weil es bloß eine Denkübung ohne irgendeinen konkreten Bezug zu meinem Leben wäre und so auch keinerlei Einfluss darauf und die Art, wie ich darüber denke, haben könnte.

Was mich interessiert, ist das (wie ich es nenne) „Etwas-Nichts“, das Nichts, das durch Abwesenheit von Etwas zu definieren ist. Nur hier besteht die Möglichkeit, wie in der oben verlinkten Sendung thematisiert, doch noch etwas entdecken zu können, dass die Annahme der Abwesenheit von Etwas zumindest auf der elementarsten Ebene widerlegt.

Und nur das „Etwas- (vermeintlich) Nichts“ bietet die Möglichkeit, der philosophischen Frage eines Menschen nach seinem Lebenszweck ...(als stoffliches Äquivalent und Kumulation der Fragen: „Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin?“) ... analog auf die Spur zu kommen und womöglich zu beantworten.

Sowohl in der Astrophysik als auch in der Philosophie sucht der Mensch nach Antworten auf die Frage: „Was wohl die Welt im Innersten zusammenhält?“

Während allerdings die Astrophysiker das zunehmend schnelle Auseinanderdriften des Universums konstatieren mussten, so dass sie die Hypothese einer dunklen Energie aufstellten, die der Gravitationskraft entgegenwirkt – sich also, grob vereinfacht zusammengefasst, von einem „Zusammengehaltenwerden“ der Welt verabschieden mussten, ...

... vermeint der Mensch in seinem existenziellen „Mikrokosmos“ nach wie vor, der Entropie entgehen zu können, indem er sein Unwissen schlicht leugnet bzw. seine geistigen „halluzinatorischen“ Fähigkeiten für die Wahrnehmung von Wirklichkeit nimmt.

Der menschliche Intellekt ist zwar über Millionen von Jahren in mühsamer Entwicklung unablässig ablaufender Try & Error - Prozesse entstanden, was aber von denjenigen, die eine einfache aber spektakuläre Erklärung bevorzugen, „an sich“ (aus sich selbst heraus) für unmöglich gehalten wird – ohne die externen Eingriffe eines göttlichen Wesens. Die extrem Gläubigen leugnen sogar gleich die Jahrmillionen und zurren den „Erschaffungsprozess“ auf 6000 Jahre zusammen – 1000 Jahre für jeden symbolischen Tag der biblischen Schöpfungsgeschichte. Und sind dann natürlich auch nicht bereit, den Rest der Natur zu überlassen, die für sie nur die Hintergrundmusik liefert für den göttlichen Tanz um die eigene ewige Seligkeit. Amen.

Und woran glauben die anderen? An die Faktizität von belegbarem Wissen, an Logik und die Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit? Zu wissen, dass man im Grunde nichts weiß, ist bekanntlich ein Beleg für Wissen.

Das „Nichts“ anstelle des Glaubens an einen Gott und an ein Leben nach dem Tod nicht nur aushalten zu können, sondern es bewusst auch zu wollen, erscheint mir als ein Zeichen dafür, einen höheren Grad von Selbst- und Welterkenntnis inklusive Selbstverantwortlichkeit – und der Fähigkeit dem allen standzuhalten – erreicht zu haben.

Kennzeichen allen Seins ist die Selbstorganisation alles Seienden – und die Entropie. Wer diesen Bogen im Geiste zu spannen fähig ist, kann das „Wunder seiner Existenz“ als im wahrsten Sinne einmalige, unwiederbringliche und ausschließlich „diesseitige“ Chance ergreifen und mit dem prallsten Leben füllen, dessen er nur fähig ist..., wozu aber natürlich auch die stillen Momente gehören, wie wir wissen.



▬▬▬__________


*Hier ein geistvoll-witziger Artikel über Entropie bei FAZ.net:

https://www.faz.net/aktuell/wissen/physik-mehr/entropie-zeit-tod-und-schmutziges-geschirr-1354351.html



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Unmittelbar vor dem „Nichts“ der Auslöschung im Tode könnte idealerweise das Gewesene als gesammelte Lebenserfahrung im „Alles“ kumulieren – vielleicht wie in der Vorstellung des Schweizer Schriftstellers Robert Pinget (1919–1997), der am 19. Juli vor 100 Jahren geboren wurde, in seinem letzten Buch „Taches d’encre“ (Übers. Gerda Scheffel, deutscher Titel: „Tintenkleckse: Monsieur Traums letztes Notizheft“, Wagenbach, Berlin 1997):

>>Am Ende unserer Tage müsste man einen Satz sagen oder schreiben können, der unser ganzes Leben zusammenfasst.<<


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Literaturvorschlag in Form eines Hörspiels von Robert Pinget (1963, Erstausstrahlung SDR 1964)

„Monsieur Mortin“
Hörspiel von Robert Pinget; aus dem Französischen von Gerda und Helmut Scheffel
...
>>Mortin scheint ein Sonderling (gewesen) zu sein. Einer seiner Lebens-Erforscher kannte ihn sogar persönlich, führte vor mehr als zehn Jahren für sechs Monate seinen Haushalt, bis er entlassen wurde.
Über ein sechsteiliges Episodendrama spielt Pinget die Unmöglichkeit durch, die Wahrheit über einen Menschen und dessen Lebensumstände zu ergründen. Je näher man ihm zu kommen scheint, umso stärker entzieht er sich. Sei es über den Versuch, voyeurhaft sein Alltagsleben zu begleiten, sei es darüber, ihn einfach nur in seinen Taten und seinem Denken aus der Erinnerung zu beschreiben oder sei es über die Rekonstruktion auf der Grundlage dokumentarischen Materials.<<
(SWR2)

Robert Pinget - "Monsieur Mortin" - Hörspiel SWR2 - Teil 1

Robert Pinget - "Monsieur Mortin" - Hörspiel SWR2 - Teil 2

Robert Pinget - "Monsieur Mortin" - Hörspiel SWR2 - Teil 3


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Der Schriftsteller Robert Pinget (1956) – SWR2








Die Wahrheit als Qualität der Wirklichkeit in der Möglichkeit ihrer Erfassung durch den Menschen...
Immer ist auch das Gegenteil wahr.


Die Userin @ Mehusae schrieb letztens in ihrem Thread „Der Mensch, was soll er tun, was darf er hoffen?“ den Satz:
>>Irgendwo „lauert“ es immer, das Gegenteil.<<

Diese Feststellung ist bemerkenswert und ich würde ihr gern einmal grundsätzlich nachgehen – losgelöst vom konkreten Kontext, den die Verfasserin in diesem Fall damit einhergehen ließ. Da ich mich dadurch auch von ihrem eigentlichen Anliegen löse, um einem davon inspirierten eigenen Gedanken zu folgen, tue ich es aus Respekt vor ihr lieber hier in dem von mir eröffneten Thread. Wenn sie allerdings mögen sollte, könnten wir auch in ihrem Thread ein Gespräch darüber beginnen.

Der zitierte Satz erinnerte mich an meinen zweiten Blogeintrag meines vorherigen Profils, vom 27.01.2013:

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Das „Gegenteil“ mitdenken

>> Es heißt: von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr! Nämlich so: eine Wahrheit lässt sich immer nur aussprechen und in Worte hüllen, wenn sie einseitig ist. Einseitig ist alles, was mit Gedanken gedacht und mit Worten gesagt werden kann, alles einseitig, alles halb, alles entbehrt der Ganzheit, des Runden, der Einheit (…) Die Welt selbst aber, das Seiende um uns hier und in uns innen, ist nie einseitig.<<

(Hermann Hesse / „Siddharta“)

Diese Worte begleiten mich schon eine sehr lange Zeit. Und immer, wenn es darum geht, sich allein mit Worten auszudrücken – z. B. hier bei 50plus in den Foren und Blogs und im eigenen Profil – denke ich an diese und versuche, das unausgesprochene „Gegenteil“, die andere Seite der Medaille, das oft in das Dunkle, Unaussprechliche, in den „Schatten“ des Sprechers verweist, mit zu denken… und ein entsprechendes Verständnis für das Ausgesprochene aufzubringen.
Wie geht es Euch damit?


________________________________________________________________


Soweit mein damaliger Blogtext. (Sie waren noch etwas kürzer als heute… :wink: )

Ein Kommentator verwies damals auf die ...

D i a l e k t i k

... und zitierte dann Anaximander (um 610 v. Chr. - 547 v. Chr.):

>>Woraus aber für das Seiende das Entstehen ist, dahinein erfolgt auch ihr Vergehen gemäß der Notwendigkeit; denn sie schaffen einander Ausgleich und zahlen Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Ordnung der Zeit.<<


... um folgendes noch anzumerken:

Mit der einzigen erhaltenen Anaximander-Aussage liegt der erste Satz der abendländischen Philosophie vor. Sie ist die Basis dessen, was man später als Dialektik bezeichnen wird.


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Verdandi hat geschrieben: (» 15.06.2019, 11:36h)

Zum dritten Teilbereich des Thread-Themas: „Das Nichts“ wurde schon lange nichts mehr beigetragen. Heute habe ich zumindest einen interessanten Hinweis.

Im ZDF gab es gestern eine sehr gut zum Thema passende Doku:

>>Mysterien des Weltalls: Das Nichts.
Die menschliche Phantasie endet dort, wo das Universum seinen Ursprung hat: im „Nichts“. Die Vorstellung, der leere Raum sei wirklich leer, hat die Wissenschaft jedoch bereits widerlegt.<<

ZDF-Mediathek:
https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/mysterien-des-weltalls-das-nichts-102.html

>>Das Nichts ist heute womöglich das tiefgründigste Rätsel der Wissenschaft. Wer es lösen könnte, wüsste dann auch, wie das Weltall entstanden ist.<<

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Nachtrag:

Die neueste quantenphysik-gestützteTheorie besagt, dass das Universum tatsächlich aus dem Nichts entstanden sein könnte. Am Anfang standen winzige, energiegeladene Teilchen (Quanten), von denen heute erwiesen ist, dass diese auch im Vakuum existieren können - so dass es im Grunde keinen "leeren Raum" gibt. .... Normalerweise ist die Quantenfluktuation sehr hoch, weil Teilchen und Antiteilchen sich permanent neutralisieren. Der Umstand, dass eine ungleiche Anzahl vorkommen kann, erklärt die allmähliche Bildung von Materie.

Der Urknall hingegen scheint kein absolutes Ursprungsereignis, sondern eher die Folge eines Kollapses des vorhergehenden Universums zu sein oder - nach der Multiversum-Theorie - die Folge der Kollision zweier Universen. Die diesbezügliche Forschung hat es darauf abgesehen, anhand von Untersuchungen der kosmischen Hintergrundstrahllung, irgendwann nachweisen zu können, ob dieses Modell wahrscheinlich ist oder ausgeschlossen werden kann.

Sehr interessant und als Grundlage für all diese Theorien ist die String-Theorie, die davon ausgeht, dass jenseits der bekannten dreidimensionalen Teilchen der Elementarteilchenphysik und Quantenmechanik eindimensionale "Strings" ("Fäden") existieren, mit Eigenschaften, die sich außerhalb der derzeit erforschbaren Muster entfalten.

Hier endet auch mein laienhaftes Verständnis, aber ich habe im Netz eine sprachlich einfache Beschreibung gefunden, die zumindest unter Wahrung eines grob verständlichen Zusammenhangs das Ausmaß der tatsächlichen Komplexität sichtbar macht:

>>Der Urknall in der Stringtheorie

Zur Planckzeit sind alle 11 Dimensionen der Raumzeit auf einer Größe der Plancklänge aufgewickelt. Zu diesem Zeitpunkt werden drei Raumdimensionen zur Expansion ausgewählt, die übrigen bleiben aufgewickelt. Ursache ist der Zusammenstoß zweier entgegengesetzt gewundener Strings, die sich zu einem nicht gewundenen vereinigen und damit eine Spannung freigeben, die der Ausdehnung einer Raumdimension entgegensteht. Je mehr Dimensionen sich bereits ausgedehnt haben, um so geringer wird die Wahrscheinlichkeit von Zusammenstößen entgegengesetzt aufgewickelter Strings in den anderen Dimensionen, so daß sich nicht mehr als drei Dimensionen ausdehnen können. Vor der Planckzeit besteht die Möglichkeit, daß sich ein sehr großes kaltes Universum unter Erhitzung auf Planckgröße zusammengezogen hat. Vor dem Urknall könnte also ein anderes Universum bestanden haben, auch in anderen Dimensionen und mit anderen physikalischen Eigenschaften, in dem sich ein Schwarzes Loch gebildet und auf Planckgröße zusammengezogen hat. (Smolin). Evolutionäre Selektionsvorteile hätte dann ein Weltall, in dem die physikalischen Parameter solche Werte angenommen haben, daß sich möglichst viele Schwarze Löcher bilden können.
Die Stringtheorie hat zweifellos dazu beigetragen, tiefere Erkenntnisse über die Zusammenhänge in der Welt zu gewinnen, auch wenn heute noch keine zwingende experimentelle Bestätigung ihrer Voraussagen vorliegt. Sie befindet sich in einem noch nicht abgeschlossenen Zustand und hat noch weite Entwicklungspotenziale. Die Hoffnung aber, aus ihr heraus eine Theorie für alles entwickeln zu können, die ihrerseits die Entwicklung der Welt vollständig erklärt, ist meines Erachtens illusorisch, weil dies dem Evolutionsgedanken grundsätzlich zuwiderläuft.<<


bertramkoehler.de


Letztlich stimme ich mit dem Verfasser des oben zitierten Artikels am Schluss überein, und denke auch, dass all die Theorien und Spekulationen über das, was "vor" unserer Welt gewesen sein mag, niemals in letzter Konsequent, also umfassend fassbar sein wird für uns - und letztlich auch nicht wirklich relevant ist für unsere Existenz.


_________


"Was war vor dem Urknall?- Clixoom Science & Fiction"
https://youtu.be/B8l5Y35YZ2o

"Der Urknall in der Stringtheorie"
http://www.bertramkoehler.de/Kos8.htm