Aber nicht doch, lieber Felix,

das eigentliche Thema ist und bleibt ganz klar die Wirklichkeit mit all ihren Möglichkeiten und ihrer Abwesenheit, dem Nichts! Und sie spielt letztlich auch dann immer weiter die Hauptrolle, wenn sich die Bezüge zu diversen Unterthemen, die sich hier stets aufs Neue eines aus dem anderen ergeben, sich gegenseitig befruchten und eine Zeit lang durch diesen Thread mäandern, bis sie sich jeweils erschöpft haben. Es können sogar parallel die verschiedensten Fäden ausgelegt und aufgegriffen werden aus immer wieder neuen Sichtweisen und Perspektiven heraus. Ich finde das ganz wunderbar!


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Entschuldige bitte, dass ich meine Meinung zu Wunderkindern geäußert habe, nachdem Du sie in Gestalt der sechsjährigen Geigenvirtuosin Lee plötzlich hier eingebracht hattest. Ich finde es einfach schlimm, wie sie in diesem zarten Alter als Mitglied eines großen Orchesters öffentlich vorgeführt wurde und sich jeder auf dieser Welt nun dieses Video von ihrem perfekten Auftritt immer wieder ansehen kann, bis die damit sicher oft genug verbundene Gier nach Superlativen abgenutzt ist, so dass man sich einer nächsten Sensation zuwendet. (Ich nehme Dich selbstverständlich ausdrücklich davon aus, aber es gibt sicher viele, die in Lee nur ein Zeit vertreibendes Amüsement erkennen wollen.)

Entschuldige des Weiteren, dass ich das Wort „Scharwenzeln“ eher unpassend finde, weil es in meiner Gegend immer schon negativ besetzt war. Und der Duden bestätigt das: Scharwenzeln = „sich in jemandes Nähe zu schaffen machen und dabei immer bereit sein, übertrieben geschäftig und eilfertig seine Dienste anzubieten, um sich einzuschmeicheln.“ Wenn Du es anders gemeint hast, ist es an Dir, es aus Deiner Sicht zu erläutern. Du musst meinen, wie ich denke, sehr berechtigten Einwand jedenfalls nicht allzu empfindlich aufnehmen, finde ich.


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Dass das menschliche Gehirn, in der Lage ist, Operationen von scheinbar unzähligen Schritten in kürzester Zeit zu initiieren und zu koordinieren, grenzt für unser Verständnis natürlich fast an ein Wunder. Aber die vom Menschen entwickelten Rechner wurden immerhin schon dazu befähigt, ein Vielfaches davon an Rechenoperationen, in denen es zumindest auf die schiere Masse ankommt, in einem absehbaren Zeitraum zu absolvieren, für die die Lebenszeit des menschlichen Gehirns bei weitem nicht ausreichen würde. Zum Beispiel um Weltraumsimulationen durchzuführen, aufgrund derer übrigens die Existenz der dunklen Materie entdeckt werden konnte.

Auch wie hierzu argumentiert wird, ist also immer eine Sache der Perspektive. Und wie man schon anhand vieler einzelner Nachrichten aus den Entwicklungslaboren erahnen kann, wird es wohl in nicht allzu ferner Zukunft sogar künstliche Intelligenz geben, dergestalt, dass wir dann nicht mehr nachvollziehen können werden, wie genau eine solche sich selbst schlau macht... Auch das wäre vielleicht ein schönes Unterthema: Wir wird KI mit all den damit verbundenen Einsatzmöglichkeiten – aus philosophischer Sicht – voraussichtlich unsere Wirklichkeit beeinflussen und wie gehen wir am besten damit um?




Interview Telegraph: Anna Lee geb. 1995

Das erste Mal, wenn Sie mit Anna Lee sprechen, werden Sie überrascht sein, dass sie erst 18 Jahre alt ist. Ihre Weisheit und ihr Vertrauen scheinen weit über ihre Jahre hinaus ... Aber dann hat sie wieder ein ganz anderes Leben als die meisten 18-Jährigen. Lee begann mit 4 Jahren Geige zu spielen und begann mit 5 Jahren mit dem Klavierspiel. Seitdem ist sie Stipendiatin der Jack Kent Cooke Foundation im Rahmen des NPR-Programms "From the Top" 2007, die Auszeichnung im Menuhind-Wettbewerb 2010 und 2012 sowie das Studium an der Pre-College-Abteilung der Juilliard School. Auf ein vollständiges Stipendium.
Am 16. Januar 2013 wird Lee ihr Kennedy Center Debüt bei der Washington Performing Arts Society geben. Ihr Programm umfasst Massanets "Meditation" von Thais, Brahms "Sonatensatz" und Hubays "Carmen Fantasie Brilliante."
Einige dieser Songs hat Lee noch nie zuvor gespielt. "Als ich das Programm zum ersten Mal erstellt habe, dachte ich, oh, ich kann das! Aber jetzt bin ich wie, warum habe ich mir das gemacht? " Lee sagte lachend.
Lee begann zu spielen, weil ihr Vater früher den Kindern in der Kirche Violine beibrachte und als ganz versessenes Papa-Mädchen alles tun wollte, was ihr Vater tat. Doch ihr Vater wollte nicht, dass sie Geige spielt.
"Er erinnerte sich daran, wie er jeden Tag zum Üben gezwungen wurde, und er hasste es, so dass er mir das nie antun wollte," sagte Lee.
Doch Lee und ihre Mutter waren hartnäckig. Schließlich machte Lees Vater ihnen einen Deal, dass, wenn sie jeden Tag eine Stunde lang praktizierten, er Lee beibringen würde, wie man Geige spielt.
"Also haben wir es getan. Wir haben einen Monat lang jeden Tag eine Stunde lang weggesägt ", sagte Lee.
Heute trainiert Lee mit zwei Violinisten Ana Chumachenco und Don Weilerstein.
Im vergangenen Jahr nahm Lee als Neuling in Harvard viele neue Lebensveränderungen vor und plante, französische und russische Vergleichsliteratur zu studieren. In diesem Jahr nahm Lee Abschied von der Abwesenheit und plant, sich auf ihre Musik zu konzentrieren, zu lernen, wie man kocht, und mehr Bücher zu lesen. "Ich habe so viele tolle Erfahrungen gemacht, aber ich wollte mich neu gruppieren. Ich kann mich ein bisschen beruhigen und herausfinden, was ich wirklich sagen will ", sagte Lee.
Unter anderem ist Lee sehr nachdenklich über ihre Talente und die Rolle, die sie in der Gesellschaft spielen. "Ich bin gesegnet ... Ich weiß nicht einmal, warum oder wie ich die Art von Liebe oder Unterstützung verdient habe, die ich bekommen habe ", sagte Lee. Sie erstickt, als sie über eine ihrer Fans spricht, die den Anna-Lee-Fanclub gegründet haben, der Lees Musik jedes Mal spielt, wenn sie sich niedergeschlagen fühlt.

"Um aufzutreten", sagte Lee, "musst du von einem Ort des Überflusses aus auftreten. Man kann nicht auftreten, wenn man nur genug Liebe für sich hat. "

Auf die Frage nach den sich verändernden Wahrnehmungen klassischer Musik in der modernen Gesellschaft räumt Lee ein, dass klassische Musik nicht gut genug vermarktet wird. "Wir müssen zeigen, dass wir menschlicher sind", sagte Lee. Ein Teil ihres Vertrages umfasst den Besuch von Schulen und das Gespräch mit Schülern über Musik. "Ein Kerl fragte mich:" So wie hast du ein Leben? " Lee erinnerte sich. Lee nimmt das zum Anlass, zu übertragen, dass sie alles in allem ein ziemlich normales Leben führt. "Wenn ich kann, E-Mail, ich Text, höre ich auch Popmusik. Diese Momente sind wirklich kostbar, weil es mir eine ganz andere Art von Arbeit gibt. "

Und manchmal dauert es eben einfach etwas länger, bis Wunder in die harten Herzen tritt.
Das sagt
Felix

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Welcher Außenstehende kann auch nur im Entferntesten die Wirklichkeit eines in die Öffentlichkeit gezerrten sechsjährigen Kindes (es war also nicht der Vater, sondern die Mutter in diesem Fall hauptsächlich dafür verantwortlich) in all seinen Facetten durchdringen und gar beurteilen anhand seiner derselben Öffentlichkeit zugedachten und sicher sorgfältig ausgewählten Worte für den Telegraph, die es 12 Jahre später, also bereits im Erwachsenenalter, von sich gab?

Man konnte wohl schwerlich erwarten, dass diese junge Frau, die kein Kind mehr war, ihre Eltern im Nachhinein beschuldigen und sich dadurch evtl. mit ihnen entzweien würde (falls sie dazu überhaupt schon in der Lage gewesen wäre - viele benötigen dafür eine längere Therapie), denn sie war nun kein Kind mehr und musste von ihnen nun auch nicht mehr vor Unbill bewahrt werden, um eine unbeschwerte Kindheit zu leben - diese Chance wurde ja längst vertan.

Aber wir können als Unbeteiligte diese Diskussion nicht zu Ende führen, denn wir kannten dieses Kind nicht und erfuhren aus eigener Anschauung nicht, wie es wirklich empfunden hat, während sich unzählige Erwachsene als Publikum für seine LEISTUNGEN derart begeisterten.

Was hat dieses kleine Mädchen - das zuallererst wohl wie jedes Kind einfach nur geliebt werden wollte für das, was es war, nicht für das, was es schaffte, perfekt zu tun - damals wohl wirklich gefühlt?

Wir werden es nie wissen und können daher nur über allgemein anerkannte und in der Kinderpsychologie anzuwendende Erkenntnisse und Prinzipien, nicht aber über den speziellen Einzelfall streiten.

Aber ich bin natürlich auch keine Kinderpsychologin, so dass die von mir geäußerten Einwände eher bloß meinem persönlichen Verständnis entsprechen, das natürlich beeinflusst wurde durch einschlägige Literatur, mit der ich mich zeitweise mal beschäftigt habe, um meine eigene Kindheit inkl. der etwas vertrackten Mutterbindung aufzuarbeiten: z.B. Alice Millers bekanntestes Werk: "Das Drama des begabten Kindes".

Vielleicht sollten wir stattdessen einfach mal ein paar Schritte zurücktreten und überlegen, ob dieses Beispiel eines Wunderkindes mit dem Thema dieses Threads "Wirklichkeit.. " respektive mit dem Unterthema "Gehirn" wirklich viel zu schaffen hat? Ich sehe nämlich nicht, dass das der Fall wäre.

Sicher ist das menschliche Hirn immer auch für absolute Ausnahmeerscheinungen gut - aber ist das relevant für die zumindest mir in diesem Thread sich stellende wichtige Frage:

Welche Möglichkeiten bieten sich dem (erwachsenen, reifen) Menschen, um seine Lebenswirklichkeit konstruktiv zu gestalten, wenn er erst einmal bereit dafür ist, diese zu erkennen, zu ergreifen und zu verwirklichen?

Das ist nun mal keine Aufgabe für ein Kind, auch und gerade dann nicht, wenn es in einem konkreten Sinne sehr viel zu LEISTEN vermag, sondern eine Aufgabe für einen reifen Menschen, der als Erwachsener für sich selbst sorgen kann und ggf. Verantwortung für ein in seiner Obhut lebendes Kind tragen muss.






Innere versus äußere Möglichkeiten …


Die zur konstruktiven Gestaltung der eigenen (als so empfundenen) Wirklichkeit aufscheinenden Möglichkeiten gelangen nicht nur von außen, als konkrete Gegebenheiten der Umwelt, sondern vor allem auch von innen, aus uns selbst heraus, in Form neuer Einsichten und Erkenntnisse, in unsere Reichweite. Sie tauchen, wenn die Voraussetzungen günstig sind, aus dem großen Terrain des Unbewussten herauf in unser im Verhältnis dazu wesentlich begrenzteres Bewusstsein. Wenn uns diese Einsichten bewusst werden, wissen wir oft, dass sie nicht wirklich neu sein können, sondern eigentlich immer schon dagewesen sein müssen.

Wenn man beiden Inputs gleichermaßen Bedeutung zumisst – sowohl den neuen äußeren Rahmenbedingungen, als auch den davon völlig unabhängigen neuen Einsichten in das, was schon Realität ist –, dann können wir zu jeder denkbaren Situation* verschiedene Perspektiven einnehmen und unterschiedliche – sogar widersprüchliche – Entscheidungen treffen, die jeweils für sich nicht „richtig“ oder „falsch“ im Verhältnis zur anderen wären.

Ausschlaggebend ist nur eines: Was entspricht einem am besten, womit kann man sich wirklich authentisch fühlen, wobei kommt man dem „Werde, der du bist!“ tatsächlich am nächsten?

Ich erlebe es immer wieder, dass bestimmte Verhaltensweisen, die ich an den Tag lege, bei anderen auf Erstaunen, gar Kritik stoßen. Sie fragen mich, warum ich mich nicht um das Erreichen dieses oder jenes Zieles bemühe, das doch sicher in Reichweite meiner Möglichkeiten läge. Zum Beispiel hat die körperliche Fitness für viele Menschen oberste Priorität, der sie im zunehmenden Alter immer mehr Zeit und Anstrengung opfern, um möglichst keine Einbußen verzeichnen zu müssen. Sie sind bei anderen schnell dabei, von Bequemlichkeit, gar Faulheit zu sprechen, wenn diese das nicht so halten mögen und anderes als noch wichtiger empfinden. – Darüber kann man natürlich streiten – oder aber auch nicht, je nachdem, wie gut die jeweils eigenen Anforderungen an sich selbst tatsächlich durchdacht worden sind.

So kann es auch sein, dass ein frühzeitig körperlich beeinträchtigter Mensch sich selbst starke Vorwürfe macht, dass er inzwischen vergangene Möglichkeiten, dies zu verhindern, seinerzeit nicht ausreichend genutzt hat. Oder er bedauert es sehr, dass er nicht besserer finanzielle Vorsorge getroffen hat und jetzt mit wenig Geld auskommen muss. Aber was nutzt das noch, man kann immer nur hier und jetzt damit beginnen, etwas zu verändern und muss halt schauen, was jetzt noch möglich wäre. Aber wenn sich jemand sehr stark darum bemüht und anstrengt, bestimmte Ziele noch einmal zu erreichen, die fast schon aus seiner Reihweite gelangt sind, sollte er sich darüber im Klaren sein, ob es wirklich die eigenen Ziele sind. Kein „allgemein anerkannter“ Standard, egal was es betrifft, muss für den Einzelnen Geltung haben, wenn er es anders für sich entscheidet.

So kann ein alter Mensch entmutigt konstatieren, dass er aus Gründen der körperlichen Hinfälligkeit oder wegen einer viel zu geringen Rente nicht mehr verreisen kann und sich furchtbar darüber grämen. Oder er nimmt das erst einmal als unumstößliche Tatsache hin und versucht dann, nach neuen Möglichkeiten zur Verbesserung seiner Lebensqualität in seinem eigenen Inneren zu suchen. Was interessiert ihn wirklich – wofür er weder körperliche Kräfte noch pekuniäre Mittel einsetzen müsste? Welche Möglichkeiten kann er ergreifen, um sein weiteres Leben zu bereichern?

Ist es die Geselligkeit mit lieben Menschen? Oder die Herausforderung, in anregender Gesellschaft oder auch allein Neues zu erlernen, vielleicht ein Instrument, eine Fremdsprache, weiteres Wissen gleich welcher Art? Vielleicht würde er endlich gerne mal schreiben – über sein Leben und all seine gemachten Erfahrungen – als Nachlass für die Enkel oder einfach nur für sich selbst? Oder er möchte die viele Freizeit nutzen, um endlich all die Bücher zu lesen, für die er früher keine Zeit hatte? Oder einem philosophischen oder literarischen oder (stadt-/gemeinde-) historischen Zirkel beitreten oder selbst einen gründen? Oder malen? Kopfnüsse knacken? Neue Kochrezepte ausprobieren oder eigene kreieren? In alten Spielfilmen schwelgen? … was es auch sei, es einfach mal tun.

Erfahrungsgemäß vergeht die Zeit mit einem Mal wieder viel langsamer, wenn man etwas Neues beginnt ... so dass sich, subjektiv betrachtet, sogar die verbleibende Lebeszeit dadurch verlängern ließe. :D

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* Wie immer sind die unverschuldeten schlechten Lebensbedingungen hiervon ausgenommen.


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@ Verdandi..........welche Möglichkeiten bieten sich dem (erwachsenen, reifen) Menschen, um seine Lebenswirklichkeit konstruktiv zu gestalten, wenn er erst einmal bereit dafür ist, diese zu erkennen, zu ergreifen und zu verwirklichen?

......bei allem Respekt, Verdandi !.......welche Möglichkeit könnte mir eine "Lebenswirklichkeit " neu gestalten, die wir im Forum nicht schon seitenweise beschrieben haben ?

@ everyone

Ehrlich gesagt, verstehe ich Deine Frage nicht ganz. Was genau willst Du in Zweifel ziehen?

Die Möglichkeiten, die andere „seitenweise im Forum beschrieben haben“ interessieren hier nicht weiter, da es auf die ureigenen Einsichten ankommt. Ich beschreibe nur den Weg dahin. Anlass dafür war, dass mich mal wieder jemand gefragt hatte, weshalb ich nicht dies… oder jenes... täte, usw., weil er meinte, dass das wichtig für „jeden“ sei.

Man kann m.E. nicht oft genug darauf hinweisen, wie unerheblich die Meinung anderer über einen sein kann, wenn man mit sich im Reinen ist.

Und nicht zuletzt geht es hier immer noch um das Thema „Die Wirklichkeit und das Mögliche…“, und was wirklich möglich ist, darüber scheiden sich oft die Geister in diesem Forum. :wink:




Schade, @ everyone, ich hätte jetzt gern ein bisschen weiter mit Dir disputiert.

Wenn hier niemand (mehr) ist, der mir widerspricht, muss ich diesen Part wohl selbst übernehmen ...

... Denn nie ist ein Gedanke „wirklich“ widerspruchsfrei!

Und besser ist es allemal, sich dies selbst einzugestehen, bevor man sich an fremden Schlachten beteiligt. Also bleibe ich mal hübsch hier vor Ort – in diesem Thread, im eigenen Sud, und prüfe mich selbst.

...

Zurzeit lese ich die Gedichte von Charles Baudelaire, „Les Fleurs du Mal – Die Blumen des Bösen“, in der sensationell guten Neuübersetzung von Simon Werle (bei Rowohlt) anlässlich des 150. Todestages des Dichters im Jahr 2017.

Eines davon lautet so:


DER ALBATROS

Matrosen fangen - so vertreiben sie die Zeit -
Oft Albatrosse, Riesenvögel überm Ozean,
Des Schiffs Verfolger in gelassenem Geleit,
Wenn's überm bittren Abgrund zieht die Bahn.

Kaum haben sie hinunter auf die Planken sie gezerrt,
So lassen diese Könige des Azur, der Hoheit bar,
Die großen weißen Fittiche bejammernswert
Von ihren Flanken schleifen wie ein Ruderpaar.

Wie ist er plump und lahm, dieser geflügelte Trabant!
Er, jüngst so schön, wie lachhaft hässlich in der Schmach!
Der eine sengt den Schnabel ihm mit Pfeifenbrand,
Der andere äfft das Wrack, das flog, mit Hinken nach!

Der Dichter gleich dem Prinzen auf der Wolken Thron,
Der jedes Schützen lacht und haust im Sturmeswehen;
Verbannt zu Boden und umbuht von lautem Hohn,
Verwehren seine Riesenschwingen ihm das Gehen.


Charles Baudelaire (1821 -1867)



Hierzu findet sich eine gute Interpretation im Netz ...

http://abgedichtet.org/?p=48

... so dass ich darüber hinaus nicht mehr viel anzumerken habe, außer ein vorläufiges Resümee zum zuvor Gesagten:

Vielleicht habe ich ja doch (wie eine Userin einst vermutete) eine masochistische Ader, denn hier dürfte mich eigentlich gar nichts mehr halten... ?

Aber wie ich mich kenne, ist auch dies nur eine temporär eingenommene Perspektive, die Entscheidung für eine nur vorübergehend sich festlegende Identifikation. – Denn: Wer ließe sich schon ohne Not dauerhaft auf einen Albatros festnageln? Außerdem geht das Leben ja bekanntlich immer weiter und weiter – und wir gehen am besten immer gleich mit und mit ... :wink:


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Die Wirklichkeit und das Mögliche in der Literatur...

hier:

„Kafka am Strand“ - Ein Roman des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami (*1949)

Meine persönliche Erfahrung mit diesem Buch, das ich gerade gelesen habe:

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>>Das Leben ist unendlich viel seltsamer als irgend etwas, das der menschliche Geist erfinden könnte. Wir würden nicht wagen, die Dinge auszudenken, die in Wirklichkeit bloße Selbstverständlichkeiten unseres Lebens sind.<<

Sir Arthur Conan Doyle
(„Adventures of Sherlock Holmes“, 1892 / Quelle: zitate.net)


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Ähnliche Überlegungen drängen sich mir regelmäßig auf, wenn ich mal wieder einen diese phantastischen Romane von HARUKI MURAKAMI gelesen habe, so wie jetzt: „KAFKA AM STRAND“ (Japan 2002, D DuMont/2004, btb/2006).

Ich besitze Dutzende Bücher, die ich aus den unterschiedlichsten Gründen noch nicht gelesen habe - dieses Buch seit 2015. Ich scheute davor zurück, weil ich dachte, dass ich mich nicht mit einem 15jährigen Jungen identifizieren würde können ...
Aber als ich es nun endlich zu lesen begonnen hatte, wurde mir schnell klar, dass das Alter eines Protagonisten vollkommen unerheblich sein kann - nicht für die Figur selbst, sondern für mich als Leserin -, vor allem bei MURAKAMI.

Mit dieser Lektüre habe ich noch eine andere Schwelle überschritten, vor der ich bei Büchern von MURAKAMI zuvor meist zurückgeschreckt war: Viele seiner Romane und Geschichten enthalten surreale, phantastische Elemente, mit denen ich früher nicht viel anzufangen wusste - oder anfangen wollte. Ich begriff nicht, was sie bezwecken sollten. Ich bin mir jetzt nicht mehr sicher, ob das überhaupt nötig ist. Diesmal ließ ich mich einfach darauf ein und vertraute darauf, dass es zum Ganzen dazugehört.

Da ich MURAKAMIS Schreibstil (und natürlich die ausgezeichnete Übersetzung von Ursula Gräfe) wunderbar lesbar finde und den Inhalt zwar geheimnisvoll, aber nicht unnötig verkopft, also sehr zugänglich für die sinnliche Vorstellungskraft, habe ich die 630 Seiten meiner TB-Ausgabe im Nu „geschafft“, nicht ohne immer mal wieder inne zu halten, um das Gelesene zu überdenken.

Die Story selbst werde ich hier nicht nacherzählen - man kann Informationen zum Inhalt gut im Netz nachlesen, z.B. auf der sehr guten (privaten) Seite des Bücherfreundes Dieter Wunderlich:
https://www.dieterwunderlich.de/Murakami-Kafka-strand.htm

Und eine Zusammenfassung der Rezensionen zum Erscheinungszeitpunkt in den Feuilletons der überregionalen deutschen Presse sind wie immer bei „Perlentaucher“ zu finden:
https://www.perlentaucher.de/buch/haruki-murakami/kafka-am-strand.html

Mein persönliches Resümee nach dieser Lektüre: Ich teile die zum Teil herablassende Kritik mancher Rezensenten überhaupt nicht und halte dieses Buch auch keinesfalls für „Jugendliteratur“ oder ein „Märchen für Erwachsene“, denn bei MURAKAMI hat alles eine Bedeutung, die jeweils - manchmal nur knapp - unterhalb der Oberfläche dessen, was wirklich zu sein scheint, angesiedelt ist.

Früher habe ich immer zu unterscheiden versucht: Was genau ist real, im Sinne von physisch wirklich wahrnehmbar bzw. greifbar - und was ist reine Fantasie, bloßer Traum, pure Einbildung? Und sofort bleibe ich zwar zunächst wieder an solchen Begriff hängen: Ein-Bildung, Imagination...,

... weiß aber plötzlich, worum es eigentlich geht: Um einen Menschen. Um das, was ihn jetzt gerade bewegt, was ihn auszumachen scheint und dazu all das, was ihm möglich ist, manchmal sogar das schier Unmögliche...

Die Art und Weise, seine Potenziale zu entdecken und mit ihnen umzugehen - sie unmittelbar oder über Umwegen zu ergreifen, oder zunächst gar nicht, vielleicht niemals... Wir sehen plötzlich Verbindungen, die es gar nicht geben kann - weil wir nie alles zugleich erkennen und begreifen können.

Der Zufallsgenerator der bewussten Wahrnehmung spielt uns unterschiedlichste Versatzstücke des Lebens in den Fokus unserer Aufmerksamkeit, so dass sich plötzlich „Wurmlöcher“ (Singularitäten) zwischen den „nichts miteinander zu tun habenden“ Dingen öffnen, die plötzlich Parallelen aufweisen. MURAKAMI beherrscht diese Kunst, uns Lesern diese Verbindungen aufzuzeigen, aufs Feinste!

Am Ende habe ich etwas Entscheidendes dazugelernt: Meine bisherige Sicht der „Wirklichkeit“ war per Definition sicher nicht „falsch“, aber mit Sicherheit auch noch nicht offen genug für all die fantastischen Möglichkeiten, Verknüpfungen zu erstellen zwischen all dem, was wir uns auch nur im Entferntesten vorzustellen vermögen! Und zu wissen, dass unser Bewusstsein nur die Spitze des Eisbergs ist..., ist wahnsinnig aufregend!

Natürlich ist es nicht nur aufregend, sondern auch gefährlich, sich darauf einzulassen. Davor, gelegentlich unvermutet in menschliche Abgründe einzutauchen, darf man sich nicht scheuen und auch das Böse in Reinkultur bleibt einem nicht ganz erspart.

Manchmal erscheint mir ein Kriminalroman läppisch dagegen... Denn kein Krimi kann mir die Spannung eines MURAKAMI bieten: Die atemlose Spannung trotz aller scheinbarer Fantastik rührt daher, weil es immer wieder diese Momente gibt, in denen ich spüren kann, ganz nah dran zu sein am Geschehen! Weil ich eine wie auch immer geartete Verbindung zwischen ihm und mir herstellen kann - auch, wenn ich (noch?) nicht wissen und sagen kann, weshalb...

Wenn ein Autor es schafft, eine solche Empfänglichkeit für noch Ungeahntes bei mir zu provozieren, dann ist die Lektüre seines Werkes auf jeden Fall ein reiner Gewinn für mich!

Natürlich gibt es auch die eine oder andere (zum Teil berechtigte) Kritik (s. Rezensionen), aber die beeinträchtigen insgesamt nicht meinen positiven Gesamteindruck.


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Haruki Murakami, 2005
(Quelle: Wikimedia Commons, wakarimasita of Flickr)





Ich finde "Ein-Bildung" - sich innerlich selbst eindrücklich gebildet - eine ausgezeichnete Zusatzbeschreibung zur "inneren eigenen Wirklichkeit". Der Autor kommt wirklich kafkaesk daher, ich erinnere mich noch an seine "Gefährliche Geliebte" und seinen unkomplizierten und deshalb so genialen Schreibstil. Natürlich, man soll die Übersetzerin dabei nicht vergessen.
Felix
"Ein-Bildung" werde ich in diesem Zusammenhang in meinen Wortschatz aufnehmen.

@ Felix

Ja – ich liebe dieses Wort auch*, ...
Es erinnert daran, dass wir unseren VOR-STELLUNGEN immer erst ein Bild von der Außenwelt verschaffen müssen, bevor wir sie BE-GREIFEN können – und neben der AB-BILDUNG gibt es eben auch die EIN-BILDUNG, das imaginierte Bild ... und nicht selten verwischen sich die Grenzen und Konturen zwischen beiden durch Hinfort-Vergessenes oder Dazu-Gedachtes, Fantasiertes, Erträumtes ...

*… obwohl es im Deutschen diese negative Konnotation von „Eingebildet sein“ erhalten hat, davon muss man sich lösen, um das ursprüngliche Potenzial dieses Begriffes zu befreien und wieder zugänglich zu machen.


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Zu dem von Dir erwähnten Titel von Murakami:

Der Titel aus dem Jahr 2000 „Gefährliche Geliebte“ ist leider ein schlechtes Beispiel, denn das Buch wurde nicht von Ursula Gräfe aus der japanischen Originalfassung, sondern von Giovanni und Ditte Bandini nach der englisch-amerikanischen Übersetzung übersetzt – also um zwei Ecken herum, was man dem deutschen Text auch deutlich anmerken konnte, insbesondere im Vergleich mit der aktuellen Neuübersetzung:

Wegen anhaltender Kritik (die bereits im Erscheinungsjahr begann und seinerzeit zum Eklat zwischen Ranicki und Löffler im „Literarischen Quartett“ führte) erfolgte nach 13 Jahren im Jahr 2013 endlich eine neue, direkte Übersetzung aus dem Japanischen, durch die erfahrene Japanologin Ursula Gräfe und zwar unter dem Titel „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“, der dem japanischen Originaltitel entspricht.

Erst Ursula Gräfe hat dem Roman im Deutschen den stilistischen Schliff verpasst, der des Originals würdig ist – ganz abgesehen davon, dass sie mit etlichen Fehlern und Ungereimtheiten der indirekten Erstübersetzung gründlich aufräumte.

Ich wundere mich nur, dass der Autor damals mit Zweit(klassigen)-Übersetzungen überhaupt einverstanden war. Vielleicht ging es nicht nur dem Verlag, sondern auch ihm um eine schnellere Verwertung? Aber im Ausland ist ein Werk und damit auch der Ruf eines Autors durch solche Patzer schnell zu beschädigen.

Es gibt noch eines seiner Bücher, das ich gelesen habe und vom Plot her eigentlich wunderbar fand, aber das ich – vermutlich ebenfalls wegen der indirekten Übersetzung durch die Bandinis nach der engl.-amerik. Übersetzung – für misslungen halte: Den Roman „Mister Aufziehvogel“, der allerdings 3 1/2 mal umfangreicher ist als die ehemalige „Gefährliche Geliebte“, so dass ein Auftrag an Ursula Gräfe zur Neu-Übersetzung aus dem japanischen Original wegen Kostengründen sicher nicht zu erwarten ist. Sehr Schade!


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Interview mit Ursula Gräfe
https://klappentexterin.wordpress.com/2015/06/06/talking-about-haruki-murakami-mit-ursula-grafe/

Auszug:
>>Wie sind Sie als Übersetzerin zu Haruki Murakami gekommen und wann haben Sie das erste Buch von ihm ins Deutsche übertragen?
Ursula Gräfe: Das verdanke ich dem Literarischen Quartett mit Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler. Als es in der Sendung im Juni 2000 zu dem berühmten „Krach“ (https://www.youtube.com/watch?v=IFCSHEfQvY4) über Haruki Murakamis Roman Gefährliche Geliebte kam, stellte sich ganz nebenbei heraus, dass das Buch nicht aus dem Japanischen, sondern nach der amerikanischen Ausgabe übersetzt worden war. Hierauf beschloss der ... Verlag, Murakami von nun an nur noch aus dem Japanischen übersetzen zu lassen, und ich hatte das Glück, dass die Wahl auf mich fiel. <<


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Deutschlandfunk:
>>Murakami neu übersetzt / Weicher, runder, weniger flapsig<<
https://www.deutschlandfunk.de/murakami-neu-uebersetzt-weicher-runder-weniger-flapsig.700.de.html?dram:article_id=275783



Gut, warten wir "Kafka am Strand" ab. Immerhin eine vielversprechende Buchempfehlung.
Felix

Vielen Dank für das „Vielversprechend“ – aber was meinst Du mit „abwarten“? Die Zeit, die Du brauchst, um es zu lesen? Darauf würde ich gerne warten, um mich dann mit Dir darüber auszutauschen! :)


Na ja, ich sollte es schon lesen. Gespannt bin ich darauf, ob mir der Unterschied der Übersetzer auffällt. "Gefährliche Geliebte" hat mir damals sehr gut gefallen, besonders der Aufbau und der Schwebezustand zwischen Wirklichkeit (meiner) und Realität.
Ich melde mich. Streitgespräche führe ich aber nicht.
Felix

Warum sollten wir auch über Bücher streiten – die Ansprüche und Geschmäcker sind halt verschieden. :)

Obwohl ... „Streit“ ja eigentlich nichts negatives sein muss, bei uns gibt es sogar diesen als Veranstaltung:

Link: Dortmunder Bücherstreit

>>
Es darf gestritten werden
Zweimal jährlich trifft sich vor Publikum eine kompetente Crew, um heftig und geistreich über Ausgewähltes aus dem aktuellen Buchmarkt zu streiten. Diese Crew versorgt die Dortmunder Leserinnen und Leser mit nützlichen Empfehlungen, macht ihnen Lust auf die Lektüre an langen Winterabenden, sonnigen Urlaubsstränden und hält Tipps bereit für originelle Buchgeschenke.<<




@Verdandi,

"Kafka am Strand" von Haruki Murakami

Zunächst ganz herzlichen Dank für dieses Lesevergnügen. Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass die Übersetzung durch Ursula Gräfe etwas "leichtfüßiger" daherkommt im Gegensatz zu "Gefährliche Geliebte".

Ganz überragend die Handhabung der Dialoge durch Murakami. Da ist er ein wahrer Meister und man kann viel lernen. Er benutzt souverän jede Form:

Dialog zwischen Personen (auch sprechenden Tieren),

Dialog mit dem eigenen "Ich", hier mit der Möglichkeit eines gespaltenen "Ichs",
die sogenannte Innenschau,

Dialog mit dem Leser durch die Ich-Erzählung.

Dadurch bekommt die Prosa eine wunderbare Lebendigkeit, er beschreibt nicht nur, er lässt die Personen durch Sprechaktionen (Dialoge) sich selber vorstellen.
So müsste man es machen, wenn man es könnte:-). Mich hat diese Meisterschaft fasziniert.

Auf den feinen Unterschied der Übersetzung von Gräfe - äußere Wirklichkeit = Realität - und innerer Wirklichkeit möchte ich zunächst verzichten. Keine Frage, sie ist ein Gewinn, diese Gräfe.

Was meinst Du?

Gruß

Felix
cron