Ingeborg Bachmann initiiert unsere Betrachtung zu Frage nach dem Zeitlosen

" Der erste Baum der vor jenen dunkelroten Kirschbäumen steht,
die keine Früchte bringen, ist so entflammt vom Herbst, ein so
unmäßiger Fleck, dass er aussieht, als wäre er eine Fackel,
die ein Engel fallen gelassen hat. Und nun brennt er, und Herbstwind
und Frost können ihn nicht zum Erlöschen bringen. Wer möchte drum
zu mir reden von Blätterfall und vom weißen Tod, angesichts eines
Baumes, wer mich hindern, ihn mit den Augen zu halten und zu
glauben, dass er mir immer leuchten wird, wie in dieser Stunde,
und das Gesetz der Welt nicht auf ihm liegt ?"

...........sie glaubt, dass das Gesetz der Welt nicht auf diesem ersten Baum liegt und macht uns auf eine Zeitlosigkeit in allem Vergänglichen aufmerksam,
und ist zutiefst überzeugt : Es gibt etwas Ewiges in uns, das schon hier beginnt.

( Quelle Bachmann )

Die Welt anhalten …

Die Emphase eines solchen Augenblicks-Erlebens überstrahlt und überströmt alle Kategorien des Denkens. Die damit verbundene Illusion der Ewigkeit schafft erst die erinnerbaren sinnlichen Wahrnehmungen als bedeutende und in ihrer Summe später als das gesamte Gefühlsleben prägend erkannten persönlichen Erfahrungen.

Nun kann man sich dem Erleben ausliefern oder es mit den Mitteln des Künstlers oder Dichters bewusst erfassen und auf der mittelbaren Ebene fortführen und intensivieren, bis dass wir das daraus entstehende Produkt betrachten oder lesen können.

In diesem Zusammenhang fällt mir als ein extremes Beispiel natürlich Marcel Proust ein, auf seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“. Er treibt es auf die Spitze, in dem er sich von seinem Krankenlager aus auf eine lange Pirsch der Erinnerung zurück begibt in alle vergangenen Lebensphasen, um der empathischen Substanz der Ereignisse darin noch einmal gewahr zu werden, wie sie hier Ingeborg Bachmann beschreibt, um ihnen Ewigkeit und damit nachträglich unvergessliche Bedeutung zu verleihen.

Dank dieser Dichter und Künstler können wir partizipieren an einer wundersamen fremden Welt und dadurch auch unsere Erlebniswelt allein durch eine solche Rezeption mittelbar bereichern – und uns vielleicht sogar dadurch in die Lage versetzen, aufmerksamer für das unmittelbare eigene Erleben zu werden.

Viele Menschen verfügen über solche Potenziale, ohne das Erlebte intellektuell zu durchdringen und zu dokumentieren. Wenn ein solcher „Moment der Ewigkeit“, in dem die Welt anzuhalten scheint – so, wie ein Duft oder Anblick aus der Kindheit diesen in ihnen hervorrufen, sie ergreifen und durchfahren kann, wie die Madeleines bei Proust oder der brennende Baum bei Bachmann –, mag es auch ihnen so ergehen wie dem Erzähler und der Dichterin, die dann allerdings von den Anforderungen der Kunst zur Perfektionierung dieses Augenblicks verleitet wurden – um uns auf einer erhöhten Ebene daran teilhaben zu lassen. Aber eigentlich zählt nur dieser „Moment der Ewigkeit“ an sich – und den kann jeder erleben, der sich dafür öffnet und bereit hält.


Bild




(Apropos „Brennen“…)



Wasser und Feuer

So warf ich dich denn in den Turm und sprach ein Wort zu den Eiben,
draus sprang eine Flamme, die maß dir ein Kleid an, dein Brautkleid:

Hell ist die Nacht,
hell ist die Nacht, die uns Herzen erfand
hell ist die Nacht!

Sie leuchtet weit übers Meer,
sie weckt die Monde im Sund und hebt sie auf gischtende Tische,
sie wäscht sie mir rein von der Zeit:
Totes Silber, leb auf, sei Schüssel und Napf wie die Muschel!

Der Tisch wogt stundauf und stundab,
der Wind füllt die Becher,
das Meer wälzt die Speise heran:
das schweifende Aug, das gewitternde Ohr,
den Fisch und die Schlange –

Der Tisch wogt nachtaus und nachtein,
und über mir fluten die Fahnen der Völker,
und neben mir rudern die Menschen die Särge an Land,
und unter mir himmelts und sternts wie daheim um Johanni!

Und ich blick hinüber zu dir,
Feuerumsonnte:
Denk an die Zeit, da die Nacht mit uns auf den Berg stieg,
denk an die Zeit,
denk, daß ich war, was ich bin:
ein Meister der Kerker und Türme,
ein Hauch in den Eiben, ein Zecher im Meer,
ein Wort, zu dem du herabbrennst.

Paul Celan

(Beigefügt seinem Brief an Ingeborg Bachmann vom 30.10.1951)


▬▬▬__________


Ich habe einen ungeheuren Respekt vor Paul Celan; insbesonderte als Nach-Auschwitz-Dichter ehre ich ihn und möchte dieses Gedicht nicht für meine eigenen Zwecke hernehmen und „deuten“. Ich greife mir daher nur eine Strophe heraus, ohne weitere Bedeutungs-Verknüpfungen, die einfach nur für sich stehend, mich an eine eigene Lebens-Vorstellung erinnert:


Der Tisch wogt stundauf und stundab,
der Wind füllt die Becher,
das Meer wälzt die Speise heran:
das schweifende Aug, das gewitternde Ohr,
den Fisch und die Schlange –


Es hat etwas scheinbares Passives. Es ist für mich das Ausgeliefertsein an das Leben. Ein Leben, das allein aber nährt. Und wieder nimmt. Oder Gefahr bringt. (Manchmal das Gute im Schlechten und umgekehrt.) Es existiert nichts außerhalb!




Joseph Brodsky, „Hommage an Marc Aurel“, Kapitel III, aus dem Essayband „Der sterbliche Dichter“:

>>Was Vergangenheit und Zukunft gemein haben, ist unsere Vorstellungskraft, die sie heraufbeschwört. Und unsere Vorstellungskraft wurzelt in unserer eschatologischen Furcht: dem Schreckgespenst des Gedankens, dass wir ohne Vorgänger und Nachfolger sind. Je stärker diese Furcht, desto detaillierter unser Bild von Antike und Utopia.

Manchmal - eigentlich allzu oft - überlappen sie sich, so wenn die Antike über eine ideale Ordnung und ein Übermaß an Tugenden zu verfügen scheint oder wenn die Bewohner unserer Utopien in Togen gehüllt durch ihre wohl regierten Marmorstädte streifen.

Marmor ist, ganz klar, der unverwüstliche Baustoff unserer Antike wie unserer Utopie. Insgesamt durchdringt die Farbe Weiß unsere Vorstellung bis in die alleräußersten Winkel, wo ihre Version der Vergangenheit oder Zukunft eine metaphysische oder religiöse Wendung nimmt.

Das Paradies ist weiß, desgleichen das antike Griechenland und Rom. Diese Vorliebe ist nicht so sehr eine Alternative zum dunklen Quell unserer Fantasie als eine Metapher für unsere Ahnungslosigkeit oder einfach eine Spiegelung des Materials, das unsere Fantasie normalerweise für ihre Aufschwünge verwendet: Papier. Ein zerknüllter Papierball auf seinem Flug in den Papierkorb kann leicht für einen Zivilisationssplitter gehalten werden, vor allem ohne Brille.<<



Diese Worte erinnern mich an zwei, drei mir wichtig erscheinende eigene Gedanken, denen ich schon früher nachgegangen bin:

(1) Die existenzielle Furcht, dass die Menschheit an sich (ohne ihre richtigen oder irrigen Vorstellungen über Genese und Schicksal) letztlich keinen eigenen Platz in dieser Welt hat – die mir unvergleichlich schwerer zu wiegen scheint, als die jämmerliche individuelle Sorge um den eigenen Wert und die eigene Endlichkeit.

(2) Wir „lügen“ (i.S. von: machen uns etwas vor), und zwar permanent, um uns selbst zu erklären. Dabei blenden wir aus, was wir gerade nicht übersehen können oder wollen, was evtl. Annahmen und Überzeugungen in Frage stellen würde, wenn wir es zuließen. So erscheint alles einheitlich (analog zu Brodskys o.a. Text: „weiß“), wo keine Einheitlichkeit herrscht, sondern Widersprüchlichkeit (Schatten, Grauzonen...).

(3) Wir können im Grunde nur auf das zählen, was ist: auf den Moment des gegenwärtigen Erlebens und den steten Wechsel in den nächsten und nächsten und nächsten Moment. Nur wenn wir Zeit leben und nicht über Zeit nachdenken, sind wir wirklich da. In der Zeit. Trotzdem müssen wir dringend die Geschichte gegenwärtig halten, um aus ihr zu lernen und uns zugleich auf die Zukunft entwerfen, um uns als intelligente Wesen weiter entwickeln und als Spezies überleben zu können.

– Ein Widerspruch, der ein Spannungsfeld erzeugt, das uns lebendig macht und in Bewegung hält: Wir müssen stets erneut Abstand gewinnen, von dem, was uns vom Hier und Jetzt wegführt. Und wir müssen stets wieder Abstand gewinnen vom gegenwärtigen Erleben, um unsere Erfahrungen zu reflektieren, unser Wissen zu erweitern und Vorsorge für unsere Zukunft zu treffen. Wir dürfen nur nicht irgendwo hängen bleiben. Und wir sollten bereit sein und immer wieder werden, alles in Frage zu stellen – auch und insbesondere uns selbst samt unserer übernommenen aber auch ureigenen Überzeugungen.



Bild

Joseph Brodsky (1940-1996) war ein russisch-US-amerikanischer Dichter und Nobelpreisträger für Literatur.
Foto: 1988, Quelle: Wikimedia Commons / Lizenz: Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANEFO), 1945-1989



Wer kann da noch widerstehen: Marc Aurel, der Liebling, damals Kaiser und Herrscher der bekannten Welt. Und? Als Philosoph weltberühmt.

"Was Vergangenheit und Zukunft gemein haben, ist unsere Vorstellungskraft, die sie heraufbeschwört."
Das ist doch einmal ein Wort, so ist es.
Und alles wird gespeist aus dem episodischen Gedächtnis und A-Priori-Wissen.

"Und unsere Vorstellungskraft wurzelt in unserer eschatologischen Furcht: dem Schreckgespenst des Gedankens, dass wir ohne Vorgänger und Nachfolger sind. Je stärker diese Furcht, desto detaillierter unser Bild von Antike und Utopia."

Doch warum jetzt diese religiöse Abschweifung? Diese zwanghafte Überhöhung? Nun, die Stoiker um Marc Aurel glaubten noch an einen Ort - ähnlich Walhall der nordischen Krieger -, wo sich ihre unsterblichen Seelen nach dem Tod versammelten. Gleichzeitig lehrten die Stoiker aus der Schule von Epikur: "Nach dem Tode geben wir unsere Atome wieder an das Weltall zurück. Die Nächsten sollen dann ihre Freude haben."
Was für eine überragende moderne Einstellung! Sie ähnelt etwas der buddhistischen Lehre. Sie lässt aber seinen niederschmetternden Pessimismus - alles ist "Durst" = Überhöhung, das Leben als Mensch ist eine dauernde durstige Qual, nichts wie für immer weg ins Nirwana. Auf Nimmerwiedersehen.

Welch ein Unterschied! Das Getriebensein im Hier um nach dem Tode vor versammelter "Mannschaft" zu bestehen. Dagegen die heitere Gelassenheit und Freude am weiteren Wissen und dem Sein im Jetzt. Es ist, wie es ist, schön ist es, ein Mensch zu sein. Die Sorgenmacherei und die hohen Ansprüche versauen die Gegenwart.

Felix

Hallo Felix,

vielen Dank für Deinen Kommentar! – Er hat sich verwandelt… Entweder bin ich jetzt wacher oder Du hast ihn verändert – zu seinem Besseren; jetzt wirken die Worte vollständig und das Ganze ist rund. Danke! (Vielleicht sage ich dazu noch etwas, später.)

LG, V.



"Nur weil wir die Gegenwart nicht recht zu erkennen und zu erforschen verstehen, bemühen wir uns geistreich um Einsicht in die Zukunft. "
Blaise Pascal (1623 - 1662 )
Der Augenblick in der Gegenwart ist zeitlos.
Die Zeit entsteht erst dann, wenn der Mensch mit seinem Verstand darüber nachdenkt. Er wandert mit seinen Gedanken zurück zum Beginn des Erlebens, zu einem gespeicherten Band, ( ...so wie ein Duft oder Anblick aus der Kindheit dieses hervorrufen kann...Verdandi ) und dann wieder nach vorn, zum letzten Augenblick des Erlebens. Aus dieser Gedanken-Aktion ensteht ein Zeitbegriff. Schweigt jedoch der Verstand und beobachtet nur das Erleben, so löst sich die Zeit in diesem Moment auf. Der Mensch wird schon öfter in seinem Leben
solche zeitlosen Augenblicke erlebt haben. Ein solcher zeitloser Augenblick wird auch als " Flow " bezeichnet. Man taucht während einer solchen Situation in ein vollkommen zeitloses Handeln und Erleben ein. In der zeitlosen Gegenwart öffnet sich eine Tür in einem Zustand reinen Erlebens, vollkommener Lebendigkeit und Lebensfreude des Seins.Wer einen solchen zeitlosen Augenblick besitzt, der kann gewiss sein, an einer großen Wegkreuzung seines Lebens gestanden zu haben.
Ist der Zustand "Flow" ohne Zeitgefühl? Das würde ich jetzt nicht so ohne Weiteres unterschreiben. Im "Flow" bin ich vollkommen auf eine erfüllende Aufgabe -Handlung - konzentriert. Der Flaschenhals Bewusstsein ist damit (durch Frontalhirn) komplett besetzt. Ungute Gedanken aus der Vergangenheit (Ärger) oder ungute Vorstellungen von der Zukunft (Sorgen) sind draußen. Doch ich handele ja. Zum Beispiel das bekannte Bergsteigen. Da spielt der Zeitplan schon mit. Einfach nur glücklich in der "Wand" hängen, das geht ja wohl nicht. Die Planung der Handlung gehört unbedingt mit zum "Flow". Zeitlos ist eher der Bewusstseinszustand Achtsamkeit und Gewahrsein. Aber auch da erwarte ich.

Felix
Im Flow ist das Zeitgefühl weggeschaltet - jedenfalls ist es bei mir so, wenn ich wegtrete in die 5. Dimension.

Es geschieht beim Klavierspielen, beim Schilanglauf und beim Autogenen Training, dass ich nachher nicht weiß, wie lange ich weg war.
Sobald sich irgendein Zeitbegriff ins Gehirn schleciht, ist der Flow weg.
Unbedingt, es lohnt sich das Überdenken. Nehmen wir das schöne Beispiel Klavierspielen. Ich gehe jetzt einfach davon aus, dass so viel geübt wurde, dass das Gelernte vom Bewusstsein ins prozedurale Lerngedächtnis abgegeben wurde - ähnlich Autofahren und Radfahren. Das Bewusstsein ist befreit und zu neuen Taten bereit. Endlich Kapazität für Interpretation und Einfühlen. Diese Kreativität geht ohne Plan, ohne Zeit?
Auf jeden Fall ist man im Flow von der Last aus Vergangenheit und Zukunft erlöst. Dieses nicht spüren ist das Gefühl von einer Zeitlosigkeit? Ein schönes Gefühl und vom ununterbrochenen belästigenden Zeituberflug ist man weg. Aber im "Flow" habe ich zu tun. Ohne konzentriertes Tun kein "Flow". Autogenes Training kommt allerdings hin, da rutsche ich in die Achtsamkeit, Gewahrsein. Ich tue nichts.

Felix
41acul hat geschrieben: » 19.03.2019, 3:37h


Wer kann da noch widerstehen: Marc Aurel, der Liebling, damals Kaiser und Herrscher der bekannten Welt. Und? Als Philosoph weltberühmt.

"Was Vergangenheit und Zukunft gemein haben, ist unsere Vorstellungskraft, die sie heraufbeschwört."
Das ist doch einmal ein Wort, so ist es.
Und alles wird gespeist aus dem episodischen Gedächtnis und A-Priori-Wissen.

"Und unsere Vorstellungskraft wurzelt in unserer eschatologischen Furcht: dem Schreckgespenst des Gedankens, dass wir ohne Vorgänger und Nachfolger sind. Je stärker diese Furcht, desto detaillierter unser Bild von Antike und Utopia."

Doch warum jetzt diese religiöse Abschweifung? Diese zwanghafte Überhöhung? Nun, die Stoiker um Marc Aurel glaubten noch an einen Ort - ähnlich Walhall der nordischen Krieger -, wo sich ihre unsterblichen Seelen nach dem Tod versammelten. Gleichzeitig lehrten die Stoiker aus der Schule von Epikur: "Nach dem Tode geben wir unsere Atome wieder an das Weltall zurück. Die Nächsten sollen dann ihre Freude haben."
Was für eine überragende moderne Einstellung! Sie ähnelt etwas der buddhistischen Lehre. Sie lässt aber seinen niederschmetternden Pessimismus - alles ist "Durst" = Überhöhung, das Leben als Mensch ist eine dauernde durstige Qual, nichts wie für immer weg ins Nirwana. Auf Nimmerwiedersehen.

Welch ein Unterschied! Das Getriebensein im Hier um nach dem Tode vor versammelter "Mannschaft" zu bestehen. Dagegen die heitere Gelassenheit und Freude am weiteren Wissen und dem Sein im Jetzt. Es ist, wie es ist, schön ist es, ein Mensch zu sein. Die Sorgenmacherei und die hohen Ansprüche versauen die Gegenwart.

Felix



Der EINE – die vielen – oder ... keiner?

Ich denke, die Götter der Antike hatten mit dem EINEN Gott, der niemanden neben sich duldet, nicht viel gemein. Sie waren nur allzu menschlich in ihren Schwächen, Lastern und Begierden. Diese Menschlichkeit macht sie mir sympathisch. Sie können nur so grausam und zugleich so betörend sein, wie der Mensch sich selbst erfährt – in der gesamten Bandbreite seiner Möglichkeiten.

Für den EINEN aber muss sich der Mensch beschneiden, verbiegen, beschränken und geißeln bis zum Äußersten. Verdrängung ist hier das Schlüsselwort.

Alle Ziele erscheinen mit ihm in einer zutiefst unmenschlichen Weise auf ein Ideal getrimmt – auch und gerade die Liebe, der alles Lebendige ausgetrieben wurde. Die nur noch ein hehres aber blutleeres Instrument der Willfährigkeit sein soll – scheinbar über allem stehend aber nichts mehr bewegend. Damit kriegt man die Massen in die devote Ecke, wo sie sich umher schubsen lassen.

Dieser EINE Gott hat geschafft, was alle allzu menschlichen Götter nicht geschafft hatten: Das sogenannte „Böse“ im Menschen aus ihm zu extrahieren und als bedrohlichen Popanz vor ihm aufzubauen, so dass er seinen monolithischen Schatten auf ihn zurückwirft, aus dem heraus er den Menschen schließlich nach dem vermeintlich reinen Guten verzehren lässt.

Mit Moralvorstellungen verkleisterte Mythen von Einheit (in Bezug auf alles, was mit „Mono...“ beginnt), haben den Menschen noch nie von der Stelle gebracht.

Joseph Brodsky spricht ja auch zu Recht von „unserer eschatologischen Furcht“, nicht von der des antiken Menschen.

Woher kommt die Furcht, wenn nicht aus der künstlichen Selbstbeschränkung auf das EINE, was in keiner Weise und durch nichts gerechtfertigt ist? Woher kommt diese Gier danach, einzigartig und besonders zu sein, wo doch auf der anderen Seite (es gibt immer eine andere Seite, auch wenn sie im Schatten liegt) die Verschmelzung mit anderen, die Wiederauflösung des sich aus der Gemeinschaft separierten Individuums ein genau so starkes Grundbedürfnis ist?

Wer diese Widersprüchlichkeit nicht zuzulassen und zu leben bereit ist, wie die Weisen der Antike dies waren, weil sie für alle Bedürfnisse ihre Götter hatten und ihre Lebensrollen in wechselnden Bewertungen zu spielen verstanden, dem wird immer ein wesentlicher Teil seiner mächtigsten Bestrebungen in den Schatten (des Unbewussten) fallen. So, dass sein einziger Gott es ihm gleichtun und neben seiner Herrlichkeit zugleich den Mächtigen des Schattenreichs abgeben muss.

Also: sollen wir die Götter nach uns Menschen oder uns Menschen nach EINEM Gott formen?
Wenn wir so fragen, liegt es doch auf der Hand..., weil das andere plötzlich seine Absurdität preisgibt, oder etwa nicht?

Wenn wir uns von der Vorstellung des Ideals von EINEM Gott befreit haben, müssen wir uns allerdings nicht wieder der Vielgötterei zuwenden, denn heute sind wir durchaus in der Lage, die Externalisierung der Selbstverantwortung zurück zu nehmen und uns ganz bewusst unseren Widersprüchlichkeiten zu stellen und die durch sie verursachte Verwirrung weitgehend zu lösen – nicht auf eine starre und vollständige sondern auf eine dynamische, großzügige (unauflösliche Reste akzeptierende) Art, Ordnung zu schaffen ... , so ungefähr jedenfalls.

Nur Wohlwollen und Toleranz den eigenen und fremden Schwächen gegenüber und die Bereitschaft, sich täglich neu der Aufgabe zu stellen, alles miteinander gelten zu lassen, aus Fehlern zu lernen und neue Ideen zu entwickeln, um uns voranzubringen, kann die annähernde Lösung für unsere Probleme ermöglichen.





Flow …


Die weiteren Beiträge zum „zeitlosen Erleben“ sind sehr interessant. Everyone hatte damit begonnen, bezogen auf den Moment der optischen Wahrnehmung in der Erinnerung des „brennenden Baums“ durch Ingeborg Bachmann, ich ergänzte das durch den olfaktorischen Moment der Wahrnehmung in der Erinnerung des Duftes der „Madeleines“ durch Proust.

Es funktioniert mit Erinnerungen, die plötzlich durch ein äußeres Ereignis, eine Wahrnehmung angeregt werden, so dass der Betreffende vollkommen eintauchen kann in das erinnerte Erleben, das in ihm neu entsteht wie damals, als sei es wieder gegenwärtig.

Und es funktioniert bei einer Handlung, wenn der Handelnde gut darin ist, so dass alles in einen Fluss gerät, wobei er sich selbst „vergisst“. Dann ist da nur noch der Vorgang des Schaffens im Fokus, was ein Glücksgefühl verursachen kann, weil es keine inneren und äußeren Widerstände gibt, die einen hindern könnten – weil man plötzlich alles „überfliegen“ kann und von seinem Schaffen vollkommen absorbiert wird.

Man kann es „(to) flow“ nennen. Auf Deutsch: „fließen“ – Fließerlebnis / Flow-Erlebnis… Was sich nicht so einfach, wenn überhaupt, erfassen und ausdrücken lässt, was uns aber in unseren schönsten und ergreifendsten und intensivsten Momenten im Kern ausmacht – zumindest empfinden wir das so.

Der Höhepunkt eines Flow-Erlebnisses ist sicher in der Liebe erfahrbar – im konkreten und übertragenen Sinne, im körperlichen und psychischen Erleben. Dass insbesondere hierbei die Zeit still stehen kann, weiß auch der Volksmund, wenn er vom „kleinen Tod“ spricht.

Kann man die Welt tatsächlich anhalten?

(Ich kenne diese Redewendung seit ca. 30 Jahren, nachdem ich sie damals in den Büchern von Carlos Castaneda über „Die Lehren des Don Juan Matus“ erstmal gelesen habe.*)

Da die Wahrnehmungen der Umwelt nicht unmittelbar erfolgen, sondern ausschließlich über den Umweg der Verarbeitung der äußeren Reize und Signale durch das Gehirn, können sie nur subjektiver Natur sein. Objektivität entsteht indirekt durch den Abgleich subjektiver Wahrnehmungen mit denen anderer Individuen, somit durch Absprachen.

Wenn also ein Erlebnis unmittelbar nur subjektiv wahrzunehmen ist, können verschiedene innere Umstände, die darauf einwirken, eine Verzerrung der Zeitwahrnehmung bewirken. Wie wir es ja wohl alle kennen: Wenn wir unter Zeitdruck stehen, „fliegt“ die Zeit, wenn wir ungeduldig auf etwas warten, „kriecht“ sie. – Wenn wir also ganz auf den Moment des Erlebens fokussiert sind mit all unseren Sinnen bzw. unsere Erinnerungen so stark sind, dass sie alles andere ausblenden, dann kann sich dieser Moment so dehnen, dass jedes Zeitgefühl verloren geht.

Es kommt somit auf die Intensität des Erlebens an – die wiederum davon abhängt, ob und inwieweit man sich davon absorbieren lassen kann. Ich glaube auch, dass es in jeden Fall ein aktives Tun voraussetzt. Der Zustand tiefer Entspannung (z.B. durch autogenes Training oder Meditation) hingegen, ist etwas ganz anderes. Auch hierbei kann das Zeitgefühl ausgeschaltet werden, aber nicht, weil wir es einfach geschehen lassen wie beim „Flow“, sondern weil wir uns bewusst darauf eingelassen haben und durch Übung in der Lage sind, Gedanken nicht mehr festzuhalten sondern ziehen zu lassen. Manche schlafen dabei direkt ein. Ein Zeichen dafür, dass sie wirklich vollkommen entspannt sind und das Vergehen der Zeit momentan bedeutungslos für sie geworden ist – so wie in der Bewusstlosigkeit des Schlafes selbst.

Ich stimme allerdings mit Felix überein, dass es ein Gefühl absoluter Zeitlosigkeit nicht geben kann – solange wir nicht schlafen. Mit viel Übung und vielen Erfahrungen können wir die Bedingungen unseres Tuns aus dem Fokus schieben, aber sie bleiben jederzeit abrufbar und werden auch das schönste Flow-Erlebnis sofort unterbrechen, wenn es nötig ist. Und wie kann das funktionieren – wenn nicht darüber, dass unser Bewusstsein jederzeit alles parat hält, was wichtig ist? Es tritt nur manchmal scheinbar vollkommen, tatsächlich nur ein wenig zurück, wenn unser Tun uns erfüllt.

Vollkommen „in der Zeit zu sein“ dagegen setzt voraus, uns nicht nur über alles bewusst zu sein, was uns umgibt, mit allem, mit dem wir uns beschäftigen, sondern zugleich auch über uns selbst in jedem Moment. Es bedarf des Einnehmens einer Perspektive, von der wir alles im Blick haben, was relevant erscheint, um die maximale Kontrolle über uns selbst in der Interaktion mit unserer Umwelt innehaben zu können.

– Aber nie ist alles immer gleichzeitig im Fokus unseres Bewusstseins. Unser Gehirn wird immer dafür sorgen, dass wir nicht überflutet werden von Eindrücken, die hier und jetzt niemals zugleich alle erforderlich sind für unser Überleben. Die unablässig erfolgende notwendige Selektion verschafft uns einen Puffer, der uns soweit wie notwendig vor der Außenwelt beschützt. (Soviel ich weiß und soweit ich das richtig beurteilen kann, ist z.B. im Autismus diese Selektion- bzw. Pufferfunktion gestört, so dass die Betroffenen durch ihr Verhalten einen inneren Schutzwall errichten müssen, z.B. durch eine verstärkte Alltagsroutine.)


________________________________


*>>Laut Castaneda wurde dieses Wissen von den Schamanen/Zauberern aus dem präkolumbischen Mexiko von dem Volk der Tolteken überliefert. Durch diese von Castaneda weitervermittelten Einsichten in die Eigenschaften des menschlichen Bewusstseins und der Bewusstheit alles Lebenden erfahre der Mensch von der Möglichkeit der Freiheit. Erreichbar sei diese, wenn er eine Lebensweise annehme, die als Weg des Herzens oder Weg des Kriegers bezeichnet wird, wobei diese Lebensweise, oberflächlich betrachtet, Ähnliches erreichen möchte wie der Zen-Buddhismus, beispielsweise das Anhalten des Inneren Dialogs.<< (Wikipedia)



@Verdandi

Das ist kein Lob:-)

Es ist die Freude an zahlreichen Gemeinsamkeiten an aufregenden Ideen und die weiteren Anregungen, die in ihnen stecken.
Dann wollen wir einmal:

"Da die Wahrnehmungen der Umwelt nicht unmittelbar erfolgen, sondern ausschließlich über den Umweg der Verarbeitung der äußeren Reize und Signale durch das Gehirn, können sie nur subjektiver Natur sein. Objektivität entsteht indirekt durch den Abgleich subjektiver Wahrnehmungen mit denen anderer Individuen, somit durch Absprachen."

Noch den pausenlosen Abgleich mit unseren abgespeicherten Erinnerungen und abgelegten Erfahrungen dazu - einschließlich angefügten Emotionen, dann wird es ja noch subjektiver. Dann sind wir bei der individuellen, inneren Wirklichkeit, die ununterbrochen in unserem Gehirn "gebaut" wird. Realität außen ist das nicht. Deshalb unterscheidet man heute gern Wirklichkeit und Realität. Wir marschieren sozusagen durch ein selbstgeschaffenes Traumland. So wie der Hund durch seine Riechwelt scharwenzelt.


"Der Höhepunkt eines Flow-Erlebnisses ist sicher in der Liebe erfahrbar – im konkreten und übertragenen Sinne, im körperlichen und psychischen Erleben. Dass insbesondere hierbei die Zeit still stehen kann, weiß auch der Volksmund, wenn er vom „kleinen Tod“ spricht."[/b

Da müssen wir m.E. etwas bescheidener sein. Der "kleine Tod" ist eher ein Zustand mit überwältigenden Emotionen mit kurzer Bewusstlosigkeit. Flow wäre ja der intensive Einsatz des Frontalhirns, da ist das Bewusstsein in Höchstform. Frauen werden hierzu wohl berichten. Man kann neugierig bleiben.


[b]"– Aber nie ist alles immer gleichzeitig im Fokus unseres Bewusstseins. Unser Gehirn wird immer dafür sorgen, dass wir nicht überflutet werden von Eindrücken, die hier und jetzt niemals zugleich alle erforderlich sind für unser Überleben. Die unablässig erfolgende notwendige Selektion verschafft uns einen Puffer, der uns soweit wie notwendig vor der Außenwelt beschützt. (Soviel ich weiß und soweit ich das richtig beurteilen kann, ist z.B. im Autismus diese Selektion- bzw. Pufferfunktion gestört, so dass die Betroffenen durch ihr Verhalten einen inneren Schutzwall errichten müssen, z.B. durch eine verstärkte Alltagsroutine.)"




Das könnte tatsächlich der Schlüssel zum Autismus sein, die Überflutung. Machen wir uns klar, dass ununterbrochen im Wachzustand zwei Milliarden Verbindungen. gleichzeitig aktiv sind. Das Bewusstsein aber seriell arbeitet, das heißt, ein Gedankengang hübsch nach dem anderen. Jetzt nehmen wir dem Gehirn diese Meisterleistung auch nicht übel, wir erkennen eine unverzichtbare Schummelei an. Denn was wird selektiert, wer verschafft Puffer.


Eine schöne Metapher dieser mentalen Ereignisses ist für mich Lee. Hören wir sie an und stellen uns vor, nur einer spielt einen Ton falsch und nicht zur rechten Zeit. Staunen ist angesagt.

https://www.youtube.com/watch?v=2l-3VhZ2Yik

Und in dieser Metapher ist Lee Euer "Ich". Ich gratuliere. Wir erkennen an, grandiose Schwerstarbeit. Und ohne Zeitfaktor geht gar nichts. Nach neuesten Erkenntnissen tickt in jeder Zelle eine Uhr.

Gruß

Felix

@ Felix

Ja genau, und gut gesagt: Gemeinsamkeiten, neue Ideen und weitere Anregungen!
Eine hohe Kunst allerdings ist es, sich und anderen auch genügend Spielraum für Differenzen und Kontroversen offen zu halten und ein rechtes Maß für einen konstruktiven Umgang damit zu finden.


▬▬▬__________


Nun, dass die Wirklichkeit und die Wahrnehmung eines Lebewesens von ihr nicht identisch sein können, ist klar. Die Natur, selbst die komplexeste, ist pragmatisch: Ein Lebewesen nimmt genau das und so viel wahr, was und wie es das zum Überleben benötigt. Allein der Sehsinn ist bei verschiedenen Spezies völlig verschieden ausgeprägt.

Ich habe mal eine Doku über die großen Abweichungen wahrgenommener Inhalte bei verschiedenen Tieren und dem Menschen gesehen, es ist faszinierend. Wir wären schier überwältigt, wenn unser Sehsinn über alle oder auch nur verschiedene zusätzliche Möglichkeiten aus der Tierwelt verfügen würde. Und das gilt für alle Sinne: Was wir wahrnehmen, ist genau das, was wir brauchen. Die wahre Komplexität der Wirklichkeit erschließt sich uns nicht – oder zumindest nicht ohne moderne technische Hilfsmittel.

Du bringst dann die Emotionen ins Spiel, die unsere „innere Wirklichkeit“ beeinflussen. Ich würde an dieser Stelle zunächst weiter mit dem Begriff „Wahrnehmung“ operieren, denn was zunächst geschieht, ist immer noch der Versuch, eine eigene Vorstellung von der Umwelt zu bilden.

Emotionen gehen Bewertungen und Urteilen voraus, die wir aus unseren erinnerten Erfahrungen gewonnen haben und nun auf weitere, neue Wahrnehmungen anwenden.

Zum Teil läuft das unbewusst ab, zum Teil bewusst. Die spontanen Emotionen sind Begleiterscheinungen der eher unbewussten weil automatisch ablaufenden Bewertungsprozesse. Wenn dabei etwas schief läuft, weil wir z.B. aus Vorurteilen heraus einen Menschen ablehnen, der das nicht verdient hat und sich uns dann die Notwendigkeit zeigt, unsere Vorstellungen zu korrigieren, um angemessenere Emotionen empfinden zu können, haben wir oft große Mühe damit, die vormals unbewussten Abläufe bewusst zu machen und in andere Bahnen zu lenken. Wenn wir bereit dafür sind, die Notwendigkeit dafür für die Dauer des Veränderungsprozesses höher anzusetzen, als das Bedürfnis, uns wohl zu fühlen, also eine erhöhte Frustrationstoleranz aufbringen, ist schon viel auf dem Weg zu einer positiven persönlichen Weiterentwicklung gewonnen.

Das betraf noch die vorderste Front der Vorstellungen von der Wirklichkeit: den Wahrnehmungsprozess, bei dem wir uns bemühen müssen, uns all das bewusst zu machen, was dabei ungewollt abläuft und letztlich schädlich für uns sein kann.

Die nächste Herausforderung stellen die bewussten Bewertungen der Wahrnehmungsinhalte in Bezug auf die Wirklichkeit dar. Hier geht es nicht mehr darum, unbewusste Einflüsse und Mechanismen bewusst zu machen, sondern unsere bewussten Wertvorstellungen zu überprüfen, uns z.B. zu fragen, ob sie mit unseren wahren Interessen und Zielen (noch) übereinstimmen oder besser geändert werden sollten.

Dieses Feld kann sehr groß sein und neben den Bedürfnissen unseres individuellen Ichs die Notwendigkeiten unserer verschiedenen Lebensrollen betreffen (als Partner, Elternteil, Arbeitnehmer oder -geber, Freund, Helfer, Amtsinhaber, Mitglied von Organisationen aller Art), so dass wir hier die Kunst beherrschen sollten, die richtigen Prioritäten zu setzen und einen möglichst großen Ausgleich zu erzielen, der sich in den nachfolgenden Lebensphasen allerdings verschieben kann.

Das alles ist eine schier unglaublich komplexe Aufgabe für unser Gehirn! Es muss sich permanent den richtigen Weg durch den Dschungel aller denkbaren Anforderungen schlagen, die oft nicht dem entsprechen, was sie vorgeblich zu sein scheinen, während die wirklich wichtigen Pfade und Abzweigungen von ihnen überwuchert werden und nur schwer zu erkennen sind.

Zugleich muss es permanent darauf achtgeben, die psychische Disposition des eigenen Systems bewusst zu machen und zu halten, um sich nicht selbst im Wege zu stehen, wenn es darum geht, die wichtigen Entscheidungen zu treffen.

Also... ein „selbstgeschaffenes Traumland“ würde ich das, was letztlich diesbezüglich in unseren Vorstellungen entsteht, nicht nennen – es sei denn, es betrifft einen Menschen, der sein Leben hauptsächlich mit Tagträumereien zubringt. Und „Scharwenzeln“ wäre sicher auch nicht der angemessene Begriff für die doch sehr anspruchsvolle Leistung des Gehirns bei diesen komplexen Bewusstseinsprozessen. :wink:


▬▬▬__________


Eine Anmerkung noch zu „Wunderkindern“ – weil Du die (im Video sechsjährige) Meistergeigerin Lee erwähnt hast:
Auch sie müssen trotz aller Begabung üben, üben und nochmals üben, um so perfekt auftreten zu können – was angesichts ihres zarten Alters eine schreckliche Sache ist! Warum muss eine Sechsjährige öffentlich auftreten, warum darf sie nicht einfach nur dem Spaß frönen, ihr Können im privaten Umfeld spielerisch anzugehen? Hinter jedem Wunderkind steht zumindest ein gieriger Erwachsener/Elternteil, der ein besseres Leben für sich selbst anstrebt oder sich zumindest von Glanz seines Abkömmlings mit beleuchten lassen will – so wie Papa Mozart und unzählige andere verantwortliche Erwachsene in der Geschichte der Wunderkinder.

Um auch diesbezüglich wieder auf das Thema Wahrnehmungen der Wirklichkeit zurückzukommen: Die Anforderungen der Umwelt an ein kindliches Hirn, sich schon mit sechs Jahren sicher (!) in der Erwachsenenwelt zu bewegen, muss es doch – trotz aller herausragender Begabung – furchtbar anstrengen und geradezu deformieren.

Sicher erfordern besondere Begabungen besondere Förderungen, aber die sollten den kindlichen Bedürfnissen entsprechend in den Alltag eingebettet werden.

Was die Sonderbegabungen selbst betrifft, stellen sie wohl eine Laune der Natur dar, die mit Genetik und Umwelt allein nicht zu erklären ist. Als „Inselbegabung“ von Autisten sind sie zumeist auch nicht geeignet, die übrigen Defizite auszugleichen. Und auch, wenn ansonsten keine Beeinträchtigungen vorliegen, stellt die Hochbegabung die Betreffenden in ihrem Prozess der Identitätsentwicklung meist vor besondere Aufgaben und Hürden.

LG, V.




Das Thema war:

Spielt die Zeit im "Flow" eine Rolle?

Und jetzt fiedelt Lee im "Flow" darauf los. Eingebettet ist sie in ein großes Orchester mit an die 50 Musikern. Auf den Bruchteil einer Sekunde ist alles ausgerichtet.
Nur so nebenbei: Während jedem einzelnen erzeugten Ton müssen von den 620 Muskeln des menschlichen Körpers um die 350 koordiniert bewegt werden. Analog, das heißt dosiert, nicht digital ein oder aus. Allein dafür ist eine Rechnerleistung nötig, die ein jetziger PC nicht schafft.
Die wohl komplexeste Struktur im Universum: Gehirn.

Entrüstung über Wunderkinder und scharwenzelnde Hunde ist anscheinend danach angesagt. Ich darf nicht mitmachen, denn ich war durch die Körpersprache von Lee und ihrem Können überwältigt. Wunder Mensch. Zur Pflege meiner hartnäckigen guten Laune, benötige ich eine Pause.

Felix