Milafranzi hat geschrieben:

... Ich denke, ob jemand nach einer desolaten Jugend später innerlich "frei" werden kann, hängt von dem "Wesen" des betroffenen Menschen ab und auch davon, wie tief die zugefügten Verletzungen waren.
Diese "Freiwerdung" halte ich für ein großes Geschenk, das nicht jeder erhält und auch nicht erhalten kann, auch wenn er sich noch so sehr darum bemüht.


Darauf können wir uns gerne einigen!
Vielen Dank, dass Du darauf noch einmal eingegangen bist.


Verdandi hat geschrieben:
Die Astrologie interessiert mich nun wirklich nicht; dafür gibt es doch eins weiter ein ausgesprochen passendes Forum mit sicherlich interessierterem Publikum.


Vielen Dank für diesen wohlwollenden Hinweis! :mrgreen:

Es ging mir zwar nicht um Astrologie, sondern um das Verhältnis von Sartre zu seiner Mutter aus meiner Sicht. Wenn sie Dir nicht gefällt, dann hast Du in einem öffentlichen Forum halt Pech gehabt und für mich hat sich das Thema damit auch erledigt. Auch weil ich ja nicht wußte, dass es hier um eine Dissertation- oder lebenswichtige Examensarbeit geht.


Schön, dann wäre das mal geklärt. :wink:

Meinungen dürfen koexistieren bis hin zum Missverständnis,
aber ohne Häme und persönliche Unterstellungen und
hier bitte auch ohne Astrologie und Esoterik.
Danke.



Ich möchte zurückkommen auf ein Zitat von Luna aus dem Rundfunkbeitrag: "Absolute Werte sind nicht mit dem Existentialisten vereinbar."
Ist dem wirklich so? Also auch nicht das Festhalten an Menschenrechten, die für alle Menschen gelten?? ---

"....Der absurde Mensch isst vom Brot der Gleichgültigkeit;...er ist gleichgültig gegenüber...dem Sterben der anderen und dem eigenen Tod.Aus solcher Gleichgültigkeit speist der absurde Mensch seine Größe..."
Diese Aussagen erschrecken mich...Empfinde sie als ungeheuer kalt...---

Ja, unter diesem neurotisierenden Katholizismus haben sehr viele Kinder und Jugendliche gelitten, und mussten sich befreien, um ganz zu sich selbst kommen zu können...
Offenbar hat auch Camus darunter gelitten, und feierte deshalb seine Unschuld...
Aber aus meiner Sicht ist die Entwicklung eines Gewissens und damit auch der Fähigkeit, sich schuldig zu fühlen nicht nur darauf zurückzuführen, daß unser sog. Überich (müßte nachlesen, wie die Psychologie es heute versteht) nur eine "Verinnerlichung dieser alten Machtverhältnisse" sei.
(Aber vielleicht hatte ich das mißverstanden, ich müsste nochmal nachlesen.)
In allen Kulturen werden Kinder erzogen, werden je nachdem belohnt und bestraft...Im Westen entwickelte sich ein anderes Erziehungsideal als z.Bsp. in Asien oder Afrika, und je nachdem entwickelten sich unterschiedliche Gewissensängste...
Hätte ich selbst Kinder gehabt, hätte ich sie sicher dazu erzogen, sich nicht an Luxus zu erfreuen, und hätte immer an die hungernden Kinder in anderen Ländern erinnert...Und hätte wohl damit zu viel Druck ausgeübt, und sie hätten sich befreien müssen, auch von dem Druck, wirklich immer an der Umwelt zu denken...usw.
Es ist so wichtig, Ideale und Werte zu haben, und zu vertreten, finde ich, aber andererseits auch seinen ganz eigenen Weg zu finden, und dabei kann der Existentialismus sicher sehr helfen! ---
Auch gefällt mir die Betonung der eigenen Willenskraft....
Diese ist auch im Buddhismus eine wichtige Tugend, ebenso bei den Anthroposophen, filofaxi oder eine Userin? hatten darauf hingewiesen, falls ich mich korrekt erinnere.

Ein kleiner Tipp für zwischendurch:

Wer sich für ALBERT CAMUS interessiert, wird im Blog von Dr. Anne-Kathrin Reif* „365 Tage Camus“, den sie 2013, dem Jahr seines 100. Geburtstages, begann und bis heute fortführt, ein wunderbares Potpourri von Themen im Zusammenhang mit Camus vorfinden:

365 Tage Camus < LINK

*Die Rubrik über ihre Person beginnt hiermit:


>>Anne-Kathrin Reif, geboren in Mülheim/Ruhr, studierte Philosophie, Kunstpädagogik und Kunstgeschichte in Wuppertal und promovierte über Albert Camus. In ihrer Dissertation legte sie erstmals dar, dass sich sein Denken nicht in der Philosophie des Absurden und der Revolte erschöpft: Albert Camus plante ein drittes Werkstadium, das der Liebe gewidmet sein sollte (1). Im Camus-Jahr 2013 veröffentlichte sie auf der Basis ihrer Forschungen die umfassende Monographie Albert Camus – Vom Absurden zur Liebe. Ihr Interesse gilt heute weniger der wissenschaftlichen Forschung als den Schnittstellen zwischen Philosophie und Lebenswirklichkeit. Albert Camus ist für sie ein „Lebensbegleiter“ seit Jugendzeiten. Seit dem 1. Januar 2013 betreibt sie den Blog 365 Tage Camus, den die Wochenzeitung Welt am Sonntag in einem Porträt über die Autorin als wichtigstes deutschsprachiges Camus-Forum bezeichnete. Der französische Regisseur Joël Calmettes porträtierte sie in seinem Film Vivre avec Camus (deutsch: Albert Camus – Lektüre fürs Leben, im Auftrag von ArteTV 2013). Anne-Kathrin Reif war nach abgeschlossenem Volontariat 14 Jahre lang verantwortliche Kulturredakteurin einer regionalen Tageszeitung. Bis Ende 2016 war sie als Pressereferentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Pina Bausch Foundation in Wuppertal tätig. Derzeit lebt sie als freie Autorin, Kulturjournalistin und Kulturvermittlerin in Wuppertal. …<<


Im obigen Blog habe ich auch einen Beitrag mit zwei Begriffen aus dem Titel dieses Threads gefunden:

Wenn Möglichkeit auf Wirklichkeit trifft < LINK




@ Migranda

Menschenrechte sind universell (!), nicht „absolut“, das ist ein großer Unterschied, bitte verwechsel das nicht.
Menschenrechte sind SUBJEKTIVE Rechte, die JEDEM Menschen zustehen – und zwar allein schon deshalb, weil er ein Mensch ist. Sie müssen ihm nicht erst von außen zugestanden werden. Man kann sie ihm auch nicht von außen vorenthalten. Wird es dennoch getan, handelt es sich um eine Menschenrechtsverletzung, die nicht erst eines geschriebenen Gesetzes bedarf, um als Unrecht zu gelten.

Ein „absolutes“ Recht wäre zum Beispiel das Hoheitsrecht einer Herrschaftsform, Normen zu schaffen (das sogenannte normative Recht im rechtlichen Sinne), denen sich alle Bürger des Herrschaftsbereichs unterwerfen müssen. In einer Demokratie sind das legitime, vom Parlament (als Gremium der von allen wahlberechtigten Bürgern gewählten Vertretern / Legislative ) beschlossene Gesetze, die seitens des Staates (Exekutive) in Form des Rechtsweges (Judikative) durchsetzbare Ge- und Verbote enthalten. Aber auch die Bürger haben das Recht, den Rechtsweg gegen eine falsche Anwendung seitens des Staates usw. zu beschreiten. Möglich macht das die Gewaltenteilung, eines der wichtigsten Merkmale einer freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Dagegen: in einem totalitären Staat und wie der Name schon sagt, im früheren „Absolutismus“, begründen die absoluten und unbedingt durchsetzbaren Rechte des Herrschers, Autokraten, Diktators eine reine Willkürherrschaft.

Die Menschenrechte stellen keine absoluten Rechte dar, weil sie sich aus dem Humanismus, ja, aus dem Menschsein an sich, ergeben und begründen. Auch wenn sie nicht in den Verfassungen aufgenommen worden sein sollten, haben sie Bestand! Sie werden in demokratischen Staaten und Vereinbarungen zwischen Staaten (Menschenrechtskonvention) zwar meist aufgenommen, zumindest formaltheoretisch als Beleg einer humanen Gesinnung und auch aus pragmatischen Gründen: Auf eine Schrift kann man sich gerichtlich vermeintlich leichter berufen, als auf ein ungeschriebenes Recht. In Staaten mit ungeschriebener Verfassung gelten diese Rechte aber dennoch.

__________


Camus‘ „Gleichgültigkeit“ zielt nicht auf Herzlosigkeit und Gefühlskälte, sondern auf die Sorgen um das Ego und den von so vielen erhofften eigenen Verbleib nach dem Tode.


Verdandi hat geschrieben:

Schön, dann wäre das mal geklärt. :wink:

Meinungen dürfen koexistieren bis hin zum Missverständnis,
aber ohne Häme und persönliche Unterstellungen und
hier bitte auch ohne Astrologie und Esoterik.
Danke.





Jetzt verstehe ich warum Du diesen Nicknamen WERDANDI, also den der Norne mit dem Entenfuß, gewählt hast. Denn sie webt den von URDA erhaltenen Lebensfaden farblich passend in ein neues Geflecht aus sozialem Gewebe. In einem offenen Forum dürfte das aber schwierig sein, bestimmen zu wollen, wound was jemand schreiben darf oder nicht.

Bitte gern geschehen!


@ Fumaria

Mir liegt es fern, zu „bestimmen, wo und was jemand schreiben darf oder nicht“, denn zum einen könnte ich das gar nicht durchsetzen, zum anderen habe ich auch gar nicht den Wunsch dazu. Da liegt leider mal wieder eine (beabsichtigte oder unbeabsichtigte?) Fehlinterpretation Deinerseits vor.

Ich erkläre es Dir aber gern noch einmal etwas ausführlicher:

Ich habe den Thread „Die Wirklichkeit, das Mögliche und das Nichts“ am 7.November 2016 eröffnet und betreue ihn seitdem, also schon seit gut 1 ½ Jahren – und steuere auch immer wieder neue Unterthemen und Aspekte durch eigene Beiträge bei. Dass mir dieses Freude bereitet, dürfte klar sein, sonst würde ich es nicht tun. Und dass mir daran gelegen ist, dass auch andere sich weitgehend (keinesfalls völlig enggefasst!) an das Titelthema halten, müsste doch eigentlich ebenfalls nachvollziehbar sein.

Ich weise also gelegentlich immer mal wieder darauf hin, dass das Thema dieses Threads möglichst eingehalten werden sollte. Das kann ja nur eine Bitte sein, denn mehr kann ich hier nicht tun. Und dass ich (als Verdandi = die Werdende bzw. Gegenwärtige) hier meist „gegenwärtig“, also präsent bin, um Beiträge anderer zu kommentieren und mit ihnen zu diskutieren, wenn sie mögen, kann man mir kaum vorwerfen. Dieser Thread liegt mir eben am Herzen! Was könnte daran falsch sein? Mir fällt dazu jedenfalls nichts Negatives ein.

Außerdem existieren neben diesem Thread hier sowohl im Philosophieforum als auch in weiteren Foren viele andere Möglichkeiten, die Meinungen über Dinge, die nicht hierhin passen, dort zu posten, wo sie sehr wohl hinpassen würden, abgesehen davon, dass jeder jederzeit selbst einen Thread nach seinem ganz eigenen Gusto eröffnen kann.



Das ist eine sehr schöne Stellungnahme. Der Thread wurde mit Herzblut eröffnet und wird mit Herzblut betreut. Er ist eine Bereicherung.

Natürlich interessiert folgende Frage: Sartre hatte 1942 von Camus den Auftrag erhalten, eine Philosophie über die damaligen französischen Lebensumstände zu entwickeln. Wie würde diese Philosophie heute aussehen, wenn Sartre die "Ich-Illusion" und die beschränkte Erfassung der Realität durch die innere Wirklichkeit geahnt hätte?

Nicht gleich einen Angriff auf den Existentialismus vermuten!

Felix

@41acul

Vielen Dank für Deine anerkennenden Worte.

Leider kann ich Dir Deine Frage nicht im dem Sinne beantworten, wie Du es vielleicht erwartest.

Sartre und Camus lernten sich erst im Sommer 1943 anlässlich der Premiere von Sartres Stück „Die Fliegen“ kennen, also in dem Jahr, als Sartre sein umfassendes philosophisches Grundlagenwerk „Das Sein und das Nichts“ schon fertig gestellt hatte und veröffentlichte. Nach dem Krieg schrieb er auch Beiträge in der u.a. von Camus betreuten (ursprünglichen Widerstands-) Zeitschrift „Combat“.

Abgesehen davon ist es doch allen Philosophen bereits seit der Antike klar, dass ein Individuum allein eine objektive, also umfassende Erfassung „der“ Wirklichkeit ohne die Verständigung mit anderen und den damit verbundenen Perspektivenwechseln – also ohne Geistes- „Bildung“ – gar nicht leisten kann (s.Platons Höhlengleichnis).

Der Geisteswissenschaftler treibt also zunächst, so wie auch andere Wissenschaftler, umfangreiche Studien, indem er u.a. die Grundlagenwerke seiner Vorgänger aber auch die seiner Zeitgenossen liest, um sich allmählich ein möglichst vollständiges eigenes Bild davon zu machen und Entscheidungen darüber zu treffen, was ihm letztlich als relevant erscheint, um daraus dann seine eigenen Vorstellungen zu entwickeln und diese idealerweise in Diskursen mit anderen zu erproben.

Und was die sogenannte „Ich-Illusion“ betrifft habe ich meine Haltung dazu ja schon klar zum Ausdruck gebracht, auch in diesem Thread hier, s. S. 45:

https://www.50plus-treff.de/forum/die-wirklichkeit-das-moegliche-und-das-nichts-t75310-s660.html


Aber gut, noch einen oder zwei Gedanken dazu:

Welchem Zweck folgte denn eigentlich die Infragestellung der Ich-Empfindung, die über eine reine Gedankenspielerei hinaus hätte weisen wollen, wenn sie nicht zugleich mein menschliches Sein außer Kraft setzen wollte? Wer verhält sich mit den Gesten und Handlungen meiner Person, spricht aus dem Mund meiner Person und trifft die Entscheidungen meiner Person, wenn nicht das, als das sich meine Person authentisch weiß und fühlt: ICH.

Allmählich aber kommt die aus blinder Entdeckerwut voreilig aus den Angeln gehobene Welt des scheinbaren Ichverlustes ohnehin wieder ins Lot, nämlich mit jeder einzelnen, der inzwischen so präzise wie unaufgeregt vollzogenen klaren Widerlegungen der einstigen „Sensation“.

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Ein „Angriff auf den Existenzialismus“? Ein solcher würde mir ohnehin nicht sinnvoll erscheinen, weil wir in einer freien Gesellschaft leben, in der jeder nach seiner Fasson denken, eigene Überzeugungen gewinnen und seinem Leben dementsprechend Form und Inhalt und ein Ziel geben kann. Warum sollte sich also jemand, zumal heutzutage, von einer bestimmten Denkrichtung, die er nicht teilen mag, bedroht fühlen und sie angreifen – oder, präziser gesagt, deren Anhänger?

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Als Zugabe noch ein Zitat von Camus; es stammt wieder aus seinem „Mythos von Sisyphos“, aus dem Kapitel „Die absurde Freiheit.“ Vielleicht sagt es Dir (was auch immer sich als „Du“ empfinden sollte :wink: ) ja zu?



>> ... Ich kann alles leugnen von dem Teil in mir, der von ungewissen Sehnsüchten lebt, nur nicht das Verlangen nach Einheit, den Drang, Lösungen zu finden, den Anspruch auf Klarheit und innere Stimmigkeit. Ich kann alles widerlegen in dieser Welt, die mich umgibt, die mich abstößt oder begeistert, nur nicht dieses Chaos, diesen König Zufall und diese göttliche Gleichwertigkeit, die aus der Anarchie erwächst. Ich weiß nicht, ob diese Welt einen Sinn hat, der über sie hinaus geht. Aber ich weiß, dass ich diesen Sinn nicht kenne und dass es mir vorerst auch nicht möglich ist, ihn zu erkennen. Was bedeutet mir ein Sinn, der außerhalb meiner conditio liegt? Ich kann nur auf menschliche Weise etwas begreifen. Was ich berühre, was mir widersteht - das begreife ich. Und dass ich diese beiden Gewissheiten - mein Verlangen nach Absolutem und nach Einheit und die Unmöglichkeit, diese Welt auf ein rationales, vernunftgemäßes Prinzip zurückzuführen - nicht miteinander versöhnen kann. Was für eine andere Wahrheit kann ich erkennen, ohne eine Hoffnung anzurufen, die ich nicht habe und die in den Grenzen meiner conditio bedeutungslos ist?...<<
(MS, 47)


Immer diese Kommunikation wie ein Maschinengewehr.
Außerdem war es 1942, als Camus Sartre zum Entwurf einer Philosophie aufforderte.

Gruß

Felix


Du meinst „Maschinengewehrfeuer“? Dann wäre ich das Maschinengewehr und meine Äußerungen wären das Feuer. Vielen Dank, ich bin echt gerührt über diesen Vergleich! :wink:


_________________


Nun ist aus dem „Auftrag“ also eine „Aufforderung“ geworden, das geht natürlich auch indirekt, ohne sich bereits persönlich kennen gelernt zu haben – vielleicht über eine öffentliche Kritik an Sartres Roman „Der Ekel“, den Camus nicht so gut fand, also in einer Rezension, oder über einen offenen Brief – oder über Dritte? Kannst Du mir die Quelle nennen, ich würde das gern genauer wissen.


Das „Maschinengewehr“ grüßt zurück. 8)



@Verdandi,
mit dem Maschinengewehr fühle ich mich auch angesprochen. Leider habe ich manchmal auch den Finger am Abzug. Das gräbt Distanz, hier ganz schlecht und sehr schade.

Camus sieht den Menschen in einer absurden Welt, die ihm fremd, unverständlich, unerkennbar gegenübersteht. Sisyphos tritt auf: "Der Mythos von Sisyphos - Versuch über das Absurde, 1942. 1943 das wichtigste Werk von Sartre: "Das Sein und das Nichts". Beide angeregt durch Heidegger.
Das erinnert mich sehr stark an das Höhlengleichnis von Platon und an Schopenhauer. Die Realität steht dem Menschen also fremd, unverständlich, unerkennbar gegenüber. Die zweite Bedeutung der "Ich-Illusion": Die fortlaufend konstruierte innere Wirklichkeit meldet dem "Ich": "Ich erfasse die Realität", ein Trugschluss, das Gehirn versetzt das "Ich" in diese Illusion.

Der Mensch ist frei. Der Übergang zur zweiten Aufgabe, die Sartres Philosophie - nach der Forderung Albert Camus - erfüllen sollte: "positives Handeln" zu ermöglichen. Der Mensch kann sich in der Welt "engagieren". Zweifel an allem Grundsätzlichen, trotzdem die absolute Gewissheit über die nächstliegende praktische Aufgabe: der Widerstand.

Und hier stellt sich mir die Frage: Wie stark waren die "Ichs" von Sartre und Camus von ihrem damaligen Umfeld - deutsche Besatzung; llusionslos, die Niederlage war für die Franzosen ein Schock - geprägt? Die französische Armee war damals die stärkste der Welt und in wenigen Wochen niedergerungen. Ihr Paris war besetzt, Schockstarre. Sie sind Kinder ihrer Zeit, hochintelligent, begeisternd. Doch den "ich-Illusionen" entgehen sie nicht. Das hat selbst Camus gesehen (Sisyphos). Wollte er es nicht eingestehen? Deshalb der Auftrag an Sartre?

Gruß

Felix, von ganzem Herzen ein Friedlicher (Wollen), Abzug (Tun).

@41acul

Bereit für die nächste „Maschinengewehr“-Salve? …Och, ich (oder wer auch immer das von sich behauptet :wink: ) bin doch auch friedlich, und zwar durch und durch, und hätte Dir gegenüber z.B. nie zu solch einer martialischen Metapher gegriffen.

Zur Sache: Ich warte immer noch auf einen Beleg mit Angabe der Quelle, um Deine Behauptung, Camus habe Sartre 1942 den „Auftrag“ erteilt, eine Philosophie zu entwickeln, auch nur im Entferntesten nachvollziehen zu können.
Bis dahin aber bleibt es dabei:


1943:
>>Camus trifft sich oft mit Simone de Beauvoir und Sartre, die er auf der Generalprobe der Fliegen im Juni 1943 kennengelernt hat. Camus interessierte sich schon vorher für Sartre, Sartre weniger für Camus. Nun haben sie Verbindung miteinander. (...) Der acht Jahre ältere Sartre könnte sich väterlich geben. Aber er zeigt sich brüderlich, nie schulmeisterlich oder beschützend.(...) Sartre als Philosoph, Romancier und Verfasser von Theaterstücken und Erzählungen überwältigt Camus durch seine geniale Maßlosigkeit und seine Freundlichkeit. (...) Das Sein und das Nichts ist im August erschienen und macht seinen Weg (...) Camus kommentiert die Summa Sartre nicht öffentlich und macht sich nie zum Gefangenen der Sartreschen Begriffe. Zwischen ihnen herrscht keine intellektuelle Komplizenschaft (...); sie sind Schriftsteller, die sich gegenseitig anerkennen.<<

(Olivier Todd, „Albert Camus. Une vie“, Gallimard, Paris, 1996. Deutsch von Doris Heinemann, „Albert Camus. Ein Leben“, Rowohlt, 1999, hier: Rowohlt TB, 2001 - S. 367ff.)


Vorher, 1942:
>>Jean-Paul Sartre, dessen Bücher Albert Camus im Alger républicain besprochen hat, ist seit mehr als einem Jahr aus dem Gefangenenlager zurück. Der Lehrer am Lycée Condorcet in Paris entwickelt eine ungeheure Aktivität. Er schließt sein Monumentalwerk phänomenologischer Ontologie, Das Sein und das Nichts, ab, schreibt das Stück Die Fliegen, stürzt sich in Zeit der Reife, den ersten Teil eines Romanzyklus und versucht, eine kleine intellektuelle Widerststandsgruppe zu organisieren (...). Im September 1942 verfasst Sartre einen zwanzigseitigen Essay über den Fremden [von Camus]. (...) Er hat auch den Mythos von Sisyphos im Fahnenzustand gelesen, der am 16. Oktober als Band XII der blassblauen Reihe Essai in einer Auflage von 2750 Exemplaren erschien. Sartres Analyse, die bis dahin originellste, trägt den herablassenden Titel Explication de L'Etranger: „Ich, der Absolvent der École normale supérieure Agrégé in Philosophie, werde Ihnen, junger Mann, erläutern, was Sie ausdrücken wollten und wo es Ihnen a) gelungen und b) misslungen ist. (...).“ Behende zwischen dem Mythos und dem Fremden hin- und herwechselnd, denkt Sartre Camus, wie er sich selbst denkt....<<

(Todd, S. 336/337)


Zumindest lässt sich hieraus gut ableiten, dass der ältere und erfahrenere Sartre sicher nicht erst von Camus zu seiner Philosophie veranlasst werden musste.

Aber danke für die steile These, hat sie mich doch wieder zum Lesen in Todds umfangreicher Camus-Biografie verführt... Auch in der nicht minder umfangreichen Sartre-Biographie von Annie Cohen-Solal, aber auch dort findet sich nichts, was Deine Behauptung auch nur ansatzweise bestätigt.

Nun, nachdem ich erst einmal wieder angefangen habe, in diesen beiden wahnsinnig interessanten und gut geschriebenen Lebensgeschichten zu schmökern, findet sich sobald kein Ende... also liegen die beiden Wälzer wieder einmal auf meinem Nachttisch.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Grüße, Verdandi


@Verdandi,
das erstaunt mich jetzt aber schon. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass Camus und Sartre nicht schon 1942 Kontakt hatten? Dass Deine Biographien darüber nichts berichten, das ist überraschend. Immerhin haben sie gegenseitig ihre Werke gelesen und kommentiert. Nun, Du wirst es schon selbst herausfinden. Meine mehrfachen schriftlichen Angaben - auch die Aufforderung von Camus an Sartre, die Freiheit zum Widerstand philosophisch zu untermauern, sind jedenfalls eindeutig.
Ich überlasse Dir die weitere Geschichte der Philosophie über Camus und Sartre und bin sehr gespannt, ob sich bei Dir darüber etwas findet. Meine Quellenangaben führen zu den üblichen Runden, wer hat die besseren. Da habe ich jetzt nicht die Muse. Ich habe Verpflichtungen: "Ich-Illusion" und "Fühlen, Denken Handeln".

Mich interessiert nur die Philosophie selbst und wie sie in den Köpfen entstanden ist. Wir sind Kinder der heutigen Zeit, wie nachhaltig ist Existentialismus (französischer)? Wir haben keine deutsche Invasion, wir haben eine wissenschaftöliche Invasion der Gehirnforschung. Stelle ich mich, oder lass ich sie sausen, weil sie mein jetziges Weltbild stört. Ich finde die fortlaufende Interpretation jedenfalls hochspannend.
Bei Dir kann ich mir eigentlich auch keine Philosophie der Scholastik vorstellen: Weil Sartre es gesagt hat, deshalb muss alles von ihm wahr sein. Das währe ja eine Argumentation aus dem Mittelalter.


Gruß


Felix