Lieber Felix,

netter Versuch! :D
Wohl auch einer der charmantesten, die ich je erlebt habe, auch wenn er mich letztlich nicht zu überzeugen vermag.

Denn der Einwand mit dem individuellen Durchspielen der Evolution der menschlichen Spezies im Mutterleib stellt nur ein Ablenkungsmanöver dar. Die Natur ist effizient und beginnt nicht wieder bei Null, wenn sie einen Fortschritt vollziehen will. Warum so viel Zeit vergeuden? Nein, sie erweitert und baut auf. Die Erweiterungen und Aufbauten verändern zugleich die Grundstrukturen insofern, das sie sich mit dem Neuen verbinden lassen, so dass zwar verschiedene Bereiche aber keine gesonderten Systeme entstehen. Voraussetzung dafür ist nur, dass das Schiff seetauglich bleibt, während es immer mehr an Fahrt aufnimmt.

Allerdings wird, um im Bild zu bleiben, in das Gemach des Kapitäns nur das vorgelassen (Flaschenhals!), was gerade von höchster Wichtigkeit und unabdingbar für das Navigieren in unruhigen Gewässern und wechselnden Wetterlagen und somit für das Überleben der Besatzung ist: Alles, was noch neu ist und gelernt werden muss, für das es noch keine eingeübten Organisations- und Ablaufsysteme gibt. Oft sind die neuen, für die weitere Fahrt relevanten Informationen schwierige Großwetterlagen aus der Außenwelt oder bedenkliche Funktionsstörungen aus der Innenwelt.

Gelegentlich spaziert der Kapitän aber auch an Routinetagen bei ruhiger See in seinem kleinem Reich umher, inspiziert das Schiff und beobachtet das Zusammenwirken der Mannschaft, um das Wissen um die Beschaffenheit des Materials, des Gesundheitszustands seiner Leute und der Abläufe der Arbeit nicht zu verlieren, sondern aufzufrischen. Und dabei entdeckt er manchmal Notwendigkeiten dafür, das eine oder andere neu zu bewerten, Anweisungen zu verändern, Ergebnisse zu verbessern. Diese Kontrollen sind gefürchtet, denn sie bedeuten oft, Altgewohntes abzulegen, um mühsam Neues einzuüben, dessen Nutzen zunächst nicht unbedingt eingesehen wird. Mit der Zeit aber arbeiten ihm alle zu, weil sie erfahren haben, dass sich die Mühe lohnt und die Arbeit am Ende sogar viel weniger Anstrengungen erfordert, als der ursprüngliche Ablauf es früher tat.

Der Chef hat auch neue Regeln für den "Flaschenhals" ausgerufen. Weil er sich selbst besser organisiert und tiefere Einsichten in seine tatsächlich nötigen und möglichen Kompetenzen gewinnen konnte, ist er nun auch in der Lage, flexiblere, die Zukunft und Weiterentwicklung des ganzen Systems fördernde Zugangsmodalitäten zu schaffen.

Seine Besatzung bis hin zum Leichtmatrosen ist begeistert, denn jeder fühlt sich nun aufgewertet und gewürdigt - von ihm erkannt und anerkannt, jeweils genau dort, wo er steht und für das Ganze wirkt.

Inzwischen vertraut der Kapitän wieder mehr auf die Qualität der Arbeit in den "unteren Etagen", insbesondere auf seinen ersten Offizier, den stellvertretenden Entscheidungsträger, der in den allermeisten Situationen ganz in seinem Sinne zu handeln versteht. Der könnte das Schiff im Notfall und wenn er selbst zeitweise ausfiele, auch eine Weile ohne ihn steuern, aber ein Kapitänspatent hätte er deswegen natürlich noch nicht. Im Rang allerdings steht er kurz davor, sich dieses zu erwerben.

Als Lohn für seine eigenen Leistungen genehmigt sich unser Käpt'n nun öfter einmal eine kreative Entspannungspause auf dem kleinen Balkon seiner Kajüte, blickt auf das unendliche Meer der Möglichkeiten, denen sein Schiff (dank seiner bewussten Vorsorge und der inzwischen gut eingeübten reibungslosen Arbeit seiner Mannschaft) geschmeidig entgegen segelt und hält sich hier nun bereit für neue Inspirationen.

Liebe Grüße,
Verdandi




41acul hat geschrieben: .............
Zur Angstüberwindung gibt es verschiedene psychotherapeutische Programme, kommt auf die Person an. Coole Socken haben es leichter. Verhaltenstherapie ist im Moment das wirksamste.

EMDR - Eye Movement Desensitization and Reprocessing - ist die wirksamste und kürzeste Methode. Durch EMDR wird die Synchronisation beider Gehirnhälften hergestellt. Das Erlebte bleibt im Gedächtnis, löst aber keinerlei Emotionen mehr aus.
Ich mutmaße nicht, ich weiß es. :D

Wen es interessiert, der erfährt bei Wiki alles Wesentliche.
@rheinnixe,
interessant. Und das Wichtigste: Wer heilt, der hat Recht.
EMDR ist ein spezielles Verfahren der Verhaltenstherapie. Die Wirksamkeit ist anerkannt, eine Überlegenheit zu den anderen Formen fraglich.
Die Hypothesen zum Schlaf (REM-Schlaf, das ist der Traumschlaf mit heftigen Augenbewegungen) und zu den beiden Hirnhälften ist sehr gewagt. REM = rapid eyes mouvement. Denn gerade beim REM-Schlaf sind die beiden Hirnhälften voneinander abgeschaltet, die Brücke, das corpus callosum ist unterbrochen.
Warum? Niemand weiß es. Der Schlaf ist immer noch ein unbekanntes Wesen, nicht einmal die Aufgabe des Schlafes ist bekannt. Doch das ist sicher, der Traumschlaf ist ein Bewusstseinszustand. Wir können uns daran erinnern.

Die Therapie hilft und das ist gut. Was die Therapeuten alles so erzählen!

Grüße

Felix
Hallo Verdandi,
einen gelassener, heiteren Kapitän, der sein Schiff in gutem Zustand hält (Meditation). Das gefällt dem seefahrenden Felix natürlich als Metapher für das Bewusstsein besonders gut. Natürlich hat nicht jeder Zutritt (Flaschenhals) und die Kabine ist eng, es ist kein Saal. Wie sollten wir auch sonst rational die Vorstellungen und Gedanken kombinieren :-). Und der Kapitän ist mit Achtsamkeit, mit unverzerrtem Spiegel, bereit für neue Ziele (Erkenntnisse).
Das spricht bei mir ein großes Anliegen an. Ich will auf keinen Fall überreden, meine Absicht ist das Darstellen eines Zwischenstandes des Wissens. Und jeder kann seinen Teil aus seinen Perspektiven beitragen. Denn das hat man nach vielen Jahren wissenschaftlicher Arbeit gelernt, wenig ist in Stein gemeißelt. Ich glaube, ich habe es hier schon einmal erzählt, ich fühle mich wie Sokrates, ich gehe auf die Agora und spreche Leute an und höre zu.

Evolution: Sie entwickelt sich auf der Basis von laufenden Genabweichungen ständig und ihre Herausforderung ist die jeweilige Umwelt. Sie ist von äußerster Brutalität. An der Fremdenfeindlichkeit kann man es begutachten. Doch es kann gut sein, dass auch Rückabwicklungen möglich sind. Ein Delphin hat dann keine Beine und Arme mehr. Unzweckmäßiges wird abgeschafft, schafft sich durch natürliche Auslese selbst ab.

Kulturell ist mir allerdings ein Rückschritt nur einmal bekannt. Bei der Ausbreitung des Menschen von Australien nach Tasmanien warfen diese Neuankömmlinge dort ihre Errungenschaften wie das Angeln usw. weg und wurden wieder wilder. Ihre erbeuteten Tiere kamen ohne Vorbereitung mit Fell usw. ins Feuer und wurden danach gegessen.
Liebe Grüße und schönes Wochenende. Ich ziehe in die Wälder von Brandenburg und Sport ist angesagt.
Felix

Guten Morgen lieber Felix,

ich bin heute "aus dem Bett gefallen", wie man zu Nachteulen sagt, die gegen ihre Natur früh aufstehen. Bei mir ist desr Grund eine Familienfeier in Münster, zu der ich bald aufbrechen muss. Aber nicht, ohne mich vorher noch für Deine letzte Replik hier an mich ganz herzlich zu bedanken! :D

Ich habe mich sehr gefreut über unseren jüngsten "Schlagabtausch" der diese Bezeichnung nur noch inhaltlich aber keinesfalls mehr in der Hinsicht verdient, was unsere erneuerte gegenseitige Wertschätzung und den Umgangston betrifft. Und siehe da: Es funktioniert so gut, dass das Ergebnis wieder einmal weit hinausgeht über die bloße Summe der Teile!

Du hast meine Inhalte wohlwollend  interpretiert, ohne Deine eigenen aufzugeben, und immer ein Törchen zu ihnen offengehalten. Ich habe mich zumindest auch darum bemüht. Es zeigt mir, dass Diskurse ohne Polarisierungen wirklich gang und gäbe sein sollten.

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende!
Liebe Grüße,
Verdandi


41acul hat geschrieben: @rheinnixe,
interessant. Und das Wichtigste: Wer heilt, der hat Recht.
EMDR ist ein spezielles Verfahren der Verhaltenstherapie. Die Wirksamkeit ist anerkannt, eine Überlegenheit zu den anderen Formen fraglich.
Die Hypothesen zum Schlaf (REM-Schlaf, das ist der Traumschlaf mit heftigen Augenbewegungen) und zu den beiden Hirnhälften ist sehr gewagt. REM = rapid eyes mouvement. Denn gerade beim REM-Schlaf sind die beiden Hirnhälften voneinander abgeschaltet, die Brücke, das corpus callosum ist unterbrochen.
Warum? Niemand weiß es. Der Schlaf ist immer noch ein unbekanntes Wesen, nicht einmal die Aufgabe des Schlafes ist bekannt. Doch das ist sicher, der Traumschlaf ist ein Bewusstseinszustand. Wir können uns daran erinnern.

Die Therapie hilft und das ist gut. Was die Therapeuten alles so erzählen!

Grüße

Felix

Nicht jeder Mensch mit einem traumatischen Erlebnis wird psychisch krank, weshalb auch nicht jeder Betroffene einer psychotherapeutischen Behandlung bedarf. Und trotzdem kann der Wunsch bestehen, sich von seinem Trauma zu befreien.
In solchen Fällen zielt ein EMDR nicht darauf ab, falsche Verhaltensweisen und Einstellungen zu „verlernen“, die ohnehin nicht bestehen, sondern lediglich der schlimmsten Erinnerung des Lebens den Schrecken zu nehmen.

Intensive Vorgespräche mit einem Therapeuten gehen voraus. Das ist zwingend notwendig, um sicherzustellen, dass der Klient über die psychische Stabilität verfügt.
Ein EMDR ist nämlich kein Spaziergang, sondern löst eine heftige Gefühlswallung aus, die noch einige Stunden nachwirkt.
@rheinnixe,
ich bin vollkommen einverstanden: "Wer heilt, der hat Recht."
Offensichtlich war es ein guter Verlauf zur Besserung.
Gruß
Felix
41acul hat geschrieben: @rheinnixe,
"Wer heilt, der hat Recht."

So sagt man.

41acul hat geschrieben: Offensichtlich war es ein guter Verlauf zur Besserung.

@41acul,
der von dir gewählte Begriff "Besserung", lässt mich darauf schließen,
dass du eine wenig realistische Vorstellung von der Wirkung eines EMDR hast.

habe fertig! :)
@rheinnixe,
ich antworte Dir ausnahmsweise, weil Du es bist. Ich sehe in Dir eine Frau mit Niveau, klug und humorvoll. Deine Antwort passt überhaupt nicht dazu.
Du bist doch wohl nicht der Meinung, dass ich mich als Mediziner und Psychologe in Dein psychotherapeutisches Verfahren einmische. Ich kenne nicht einmal die vorliegende Symptomatik. Ganz ehrlich gesagt, das wäre unverantwortlich und würde den Rahmen dieses Forums weit sprengen. Irgendwie bist Du ärgerlich, weil ich Dein Verfahren nicht in den Himmel hebe. Es gibt über 250 psychotherapeutische Behandlungen. Glaube es mir, ohne Fachverstand ist es unmöglich, sich dort zu orientieren. Selbst Psychologen schaffen das meistens nicht und kämpfen einen ewigen Richtungsstreit. Wir liegen uns jetzt anscheinend auch in den Haaren. Trotzdem, ich bin stolz, ich habe mich allgemein gehalten.
Gruß
Felix
41acul hat geschrieben: @rheinnixe,

Du bist doch wohl nicht der Meinung, dass ich mich als Mediziner und Psychologe in Dein psychotherapeutisches Verfahren einmische. Ich kenne nicht einmal die vorliegende Symptomatik.


41acul,
zum ersten Mal bringst du mich zum Lachen:

Sich in etwas einmischen, das nicht existiert, ist schlechterdings unmöglich. :lol:
Ansonsten will ich nicht weiter auf deinen Kommentar eingehen.

Doch, eines, nein zwei Dinge möchte ich wohl anmerken: Ich bin nicht ärgerlich! Und mit meinen Haaren bin ich eigen; da lasse ich niemanden ran. :lol:
von 41acul » 18.10.2018, 22:53 aus "Fühlen, Denken, Handeln" Gesundheit


Die Ich-Illusion in der Achtsamkeit

Achtsamkeit, ein gelernter Bewusstseinszustand durch Meditation. Ich liege da, entspannt, Arme und Beine schwer, Hände und Füße warm. Mein Bewusstsein ist nicht durch unangenehme Gedanken aus der Vergangenheit (z.B. Ärger) oder mit Vorstellungen in die Zukunft (z.B. Angst) getrübt. Der Spiegel ist unverzerrt, das „Fernrohr“ von Emotionen und seinen körperlichen Reaktionen sauber. Deshalb auch Entspannung und Wärme, kein Adrenalinüberschuss durch Aufregung pulst durch meinen Körper. In diesen schönen Zustand habe ich mich durch Atembeobachtung, Bodycheck und die Aufmerksamkeit auf „Jetzt und Hier“ gebracht. Diese Vorstellungen haben den Flaschenhals des Bewusstseins benutzt, die Gedanken, die üblen, rausgeschmissen. Wunderbar. Das wurde hier aber schon oft erzählt! Langweilig? Doch wohl nicht, denn jetzt kommt es:

Nach Ansage soll jetzt der zweite Schritt der Meditation erfolgen, die "Dressur" der andrängenden Gedanken. Im bin ja in der Achtsamkeit, in der Habachtstellung und erkenne das Anschleichen und wer da schleicht. In der Achtsamkeit habe ich eine kleine Distanz, deshalb kann sortiert werden. Manche Gedankenphänomene landen auf Wolken und ziehen weiter, morgen ist auch noch ein Tag. Einigen Interessanten widme ich mich aber sorgfältig. Z.B. ist die Wut berechtigt? Falle ich wieder auf meine Destruktivität rein? Wenn es mir nicht gefällt, dann starte ich bewusst mit Vorstellungen im Bewusstsein ein vernünftiges Gegenprogramm. Die Buddhisten aus Tibet erarbeiten hier z.B. eine Verstärkung von Liebe und Empathie. Alles speichert sich natürlich sofort in den jeweiligen Gehirnarealen ab. Verhalten, Vorurteile und Erinnerungen ändern sich durch neue „Verkabelung“, das ist aus der Dritten-Personen-Perspektive, also wissenschaftlich nachweisbar.

Jetzt kommt die entscheidende Frage - mein „Ich“ ist ja ständig im Bewusstseinsstrom als phänomenales Selbstmodell dabei -, werden diese Entscheidungen beim Sortieren auch durch vorherige Bereitschaftspotentiale entschieden? Oder ist hier das Selbst, das „Ich“ endlich einmal König und ändert sein Verhalten in Freiheit mit Verstand. Ich gehe z.B. freiwillig Emotionsforderungen aus dem Weg. Dann würde Folgendes passieren: Freier Wille wäre in Sichtweite. Ich habe als Freier nach einer "Ich-Idee" mein Verhalten geändert. Das wird sich bei der nächsten Handlung bemerkbar machen.

Felix


Hallo Felix,

Dein jüngster Beitrag hat mich einmal mehr zu eigenen Gedanken inspiriert – und zunächst an etwas erinnert… :D

Zum Thema Meditation schrieb ich vor einigen Jahren bereits folgendes, was ich nun noch einmal aufgreifen und aktualisieren möchte:


Ich habe Bücher über das Meditieren, über den Zen-Buddhismus usw. Aber ich habe es nie "geschafft", selbst zu meditieren. Die Idee allein faszinierte mich immer. Aber ich fühlte mich zu sehr der Lust am Denken verhaftet - somit der typischen westlichen geistigen Haltung? Ich würde eher sagen der abendländisch-christlichen Kultur. Die hat genug zu bieten – so sehe ich das heute.

Daher ist für mich diese Vorstellung vom Ziel der Meditation am verlockendsten: Sich des eigenen Bewusstseins bewusst zu werden! – Es heißt, das Denken soll überwunden werden. Ich selbst möchte es "nur" erweitern. Also das Bewussstein erweitern. Manche nehmen Drogen - oder nur am Anfang, wie Castaneda, um dann aber diesen Zustand mehr und mehr aus sich selbst heraus zu erreichen. Andere schlagen den Weg der Achtsamkeit ein.

Aber das sind alles nur Begriffe. Der Prozess an sich ist kaum genau und umfassend beschreibbar.


_____________________



Johann Wolfgang Goethe
(Jena, 1821)

Eins und Alles

Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruss;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt lästgem Fordern, strengem Sollen,
Sich aufzugeben ist Genuss.

Weltseele, komm, uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen,
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.
Teilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leitend höchste Meister
Zu dem, der alles schafft und schuf.

Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich's nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges, lebendiges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden;
In keinem Falle darf es ruhn.

Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht's Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muss in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.


_____________________




Es ist scheinbar ein „Anti-Meditations-Gedicht“, denn: „In keinem Falle darf es ruhn“, das Geschaffene, die Schöpfung… und auch nicht ich selbst in meinem Tun.

Dieses Gedicht ist sehr vielschichtig, komplex und impliziert sehr viele Möglichkeiten zu klugen Interpretationen. (…)

Mit meinen einfachen Worten assoziiere ich damit folgendes – ganz subjektiv und auf mich selbst bezogen:
Ich „verliere“ mich gern im Grenzenlosen meiner Gedanken, die sich von den Gegenständen der alltäglichen Mühen abheben und Konstrukte zu bilden vermögen, in denen das individuelle Getrenntsein sich überwinden, mehr noch: die Individualität sich aufheben lässt („All-Einheit“).
Das Ziel ist dem der Zen-Meditation nicht unähnlich: In beiden Fällen soll das Ego mit dem dinghaften, logischen Denken überwunden werden. Das reine Bewusstsein soll für sich „sein“ und nichts mehr bedingen, was außerhalb seines Selbst existiert – usw.

Ich verharre jedoch nicht in diesem Zustand, er ist nur ein reinigender Zugang zurück zum Alltag. Der Weg führt immer wieder zurück zum Bewusstsein meiner nackten Existenz. – Hier könnte ich Albert Camus‘ „Mythos von Sisyphos“ ins Spiel bringen. Ich bleibe aber bei Goethe und begleite ihn zur Einsicht in die schöne Notwendigkeit ewigen lebendigen Tuns – so dass sich das Ewige, das sich regt in Allem, auch in mir fortsetzen kann.



▬▬▬__________


Ich sehe, dass ich das im Großen und Ganzen so stehen und weiterhin für mich als gültig betrachten darf. Mit einer Einschränkung: Das Thema Meditation scheint tatsächlich viel vielschichtiger und vielleicht auch für mich viel ergiebiger zu sein, als ich mir das bisher gedacht hatte. Ich will jetzt nicht mehr ausschließen, dass ich mich dieser Disziplin der Geist- und Körperbeherrschung durch Achtsamkeit nicht doch eines Tages verstärkt zuwenden werde.

Anlass für dieses Umdenken war eine kürzlich wieder gesehene (einmal reichte wohl nicht für mich), höchst spannende Dokumentation über messbare Auswirkungen des Meditierens auf die Gehirnstrukturen:

arte-Mediathek: Die heilsame Kraft der Meditation (verfügbar von 13/10/2018 bis 18/12/2018):
https://www.arte.tv/de/videos/069099-00 ... editation/

Da Meditation also erwiesenermaßen (nur der Weg dahin ist noch nicht hinreichend neurobiologisch erforscht) große Potenziale beinhaltet, die eine Autonomie der Selbstbestimmtheit hervorbringen und verfestigen kann, muss es ja geradezu in meinem Interesse liegen, mich künftig nicht nur weiter damit zu beschäftigen, sondern damit zu beginnen, es zu praktizieren.

Wer hätte das gedacht? Wahrscheinlich viele, nur ich (bisher) nicht. :wink:


▬▬▬__________


Was Du anfangs an körperlichen Wirkungen (Wärme in den Gliedmaßen usw.) beschreibst, kannte ich bisher nur vom Autogenen Training, was ich aber leider immer nur in Kur- und Reha-Aufenthalten geübt habe, weil es Bestandteil des jeweiligen klinischen Anwendungsprogramms war und diese Kurse mir inmitten der anstrengenderen körperlichen Anwendungen kleine zeitliche Reservate der Entspannung boten. Eine ruhige Atmosphäre zwischen einander wohlgesonnenen Menschen, wunderbare, „meditative“ Musik im Hintergrund und die sanfte Stimme der Therapeuten, die uns fast in den Schlaf lullte, ab und zu aber auch zu interessanten Tagräumen anregte, so dass wir wach bleiben und unsere Phantasie mitspielen lassen konnten.

So sehr unterschiedlich sind die Anfangsstadien zwischen solchen Entspannungsübungen und der Mediation in ihren Wirkungen auf Körper und Geist vielleicht gar nicht. Allerdings sind sowohl die Ausgangslage mit ihren grundlegenden Absichten als auch das angestrebte, mögliche Ziel sicher sehr verschieden davon. Und somit sind letztlich auch die möglichen Auswirkungen tiefer und komplexer.

Aber auch Meditation wird sicher von jedem, der sie ernsthaft und ausdauernd übt, anders erfahren als von anderen – zumindest werden dafür abweichende Formulierungen verwendet, die darauf schließen lassen. Ob die damit verbundenen Erlebnisse tatsächlich gleich oder unterschiedlich sind, werden wir nie erfahren können. Man sollte daher die Beschreibung anderer nicht zu wörtlich nehmen, sondern das dahinter möglicherweise bestehende Potenzial, für die es nur keine Worte gibt, mitdenken.

Dennoch möchte ich auf eines noch hinweisen: Du sprichst – wenn auch mit Anführungszeichen – von der >>„Dressur“ der andrängenden Gedanken<<. Vielleicht hast Du das nur ein wenig unglücklich ausgedrückt? Meines Wissens sollen die Gedanken eher „gelassen“ werden: Sie werden zugelassen, man lässt sich von ihnen erfüllen, und man lässt sie weiterziehen… Man hält sie nicht auf, verändert sie nicht. Man nimmt die mit ihnen verbundenen Gefühle war, zum Beispiel die Wut, die Du erwähnst. Man zwingt sich nicht zu einer eindeutigen (bewussten, entschiedenen) Haltung diesem Gefühl gegenüber, sondern spürt seiner bewegten Energie nach, folgt ihr auf den Grund, solange es dauert, ohne sich daran festzuhalten. Lässt es also auch wieder ziehen, wenn es schwächer wird… und nimmt das wahr, was folgt usw.

Im Prozess des Meditierens denke ich eben nicht darüber nach, ob meine Wut berechtigt ist, wodurch sie verursacht wird und wie ich sie abstellen kann. Ganz im Gegenteil, ich lasse sie zu, wie ich alles zulasse, was mich in diesem Prozess erfüllt. Ich greife die Gedanken also nicht auf, sondern betrachte sie bloß, schaue sie nur an. Und von den Gefühlen lasse ich mich füllen, aber auch wieder leeren, im Wechsel der Gezeiten ihres Kommens und Gehens.

Was Du ansprichst sind Denk- und Entscheidungsprozesse, die nicht minder wichtig sind in unserer persönlichen Entwicklung. Wir erforschen anhand unserer mehr oder weniger für alle offensichtlichen, aber uns selbst bewusst gewordenen Probleme deren mögliche Ursachen (Analyse), ratifizieren oder falsifizieren sie durch verschiedene Methoden, bis wir sicher sind, was der Kern ist und beginnen dann, nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen (Synthese), ratifizieren oder falsifizieren die Ansätze, bis wir das vermutlich Richtige herausgefunden haben, um es dann anzuwenden und uns - auch nach außen hin - zu verändern.

Die Meditation hat andere Ziele: Sie ist ganz nach innen gerichtet und wälzt keine Probleme, die wir mit der Außenwelt zu haben scheinen. Nicht einmal die eigenen, innersten mit uns selbst. Die Meditation versucht, uns vom innersten her (wieder) ganz zu machen, zu heilen - allein mittels unseren So-Seins. Wenn wir unser So-Sein aus- und erfüllen, erhalten wir Zugang zu unserem ungetrübten und unblockierten Kraftreservoir und damit zu den Energien, die wir brauchen, um ganz wir selbst zu sein und aus unserer Mitte heraus tatkräftig auftreten und handeln zu können.

Das ist zumindest mein (aktuelles) Verständnis von Meditation; allein – mir fehlt die Praxis!

__________

(Zu Deinem letzten Absatz – zum „Ich“ und die „Bereitschaftspotenziale“ des Gehirns, denke ich erst noch einmal nach und äußere mich evtl. später noch.)


Liebe Grüße,
Verdandi




Liebe Verdandi,
jetzt hast Du mir eine große Freude gemacht. Deshalb den Kern einmal zuerst, In Ausführlichkeit antworte ich später:

Moderne Meditation hat keinesfalls das Ziel, das Denken oder das Bewusstsein zu überwinden. Schon gar nicht eine Bewusstseinserweiterung - Flaschenhals. Die ist gar nicht möglich und wird nur scheinbar unter Drogen oder religiösen Meditationsstufen subjektiv so empfunden. Ganz richtig, bis zur Achtsamkeit ist der Weg von Autogenem Training und Meditation sehr ähnlich. Wo ist der Unterschied? Autogenes Training macht einen Bodycheck - linken Arm ganz schwer usw. - und leert damit passiv durch die Aufmerksamkeit auf das "Hier und Jetzt" das Bewusstsein von drängenden Gedanken - Vergangeheit, Zukunft. Und damit sind auch die fest damit verankerten Emotionen weg: Ruhe und Entspannung. Das war der westliche Weg. Meditation kümmert sich aber schon von Anfang an um die andrängenden Gedanken, sie wollen ins Bewusstsein, wollen ablenken. Meditation empfielt aktiv, aber locker und heiter, die Gedankeninhalte kommen zu lassen, sie aber nicht mit Kampf (Adrenalin) wegzustoßen sondern sie ziehen zu lassen. Mit der Verabschiedung, ich kümmere mich später darum. Hier wurde einfach die Metapher, ich setze sie auf verbeiziehende Wolken und lasse sie weiterreisen, verwendet. Das schreibt sich so leicht dahin, ist aber richtiges Lernen, deshalb hier die Wortwahl "Fahrradfahren lernen". Es ist eine Lernarbeit mit dem prozeduralen Gedächtnis. Zur Vereinfachung schaltet das Gehirn diesen Vorgang später ins Subcortikale ab. Beispiel gelerntes Autofahren: Ich kann mich mit meinem Nebenmann über komplizierte Dinge unterhalten und trotzdem sicher subcortikal das Auto steuern. Schlüsselwort ist das Üben.

Wow, schon wieder ganz schön viel. Doch jetzt das Wichtigste: Du warst durch Dein Verhalten der Anstoß zu meinem Beitrag: Die "Ich-Illusion" in der Achtsamkeit". Wir ringen ja gemeinsam um Freiheit. Und hier könnte ein Schlüssel sein. In der Achtsamkeit - sauberer, unverzerrter Spiegel - bewerte ich meine Gedanken und Emotionen und bemühe mich um vernünftige Lösungen. Dir waren die unproduktiven, emotinalen Gegenschläge sinnlos geworden. Heureka! Danke.


Grüße

Felix
Liebe Verdandi,

(Antworten zu Verdandi » 19.10.2018, 16:31, sie stehen in Anführungszeichen und sind fett dargestellt)

dann wollen wir uns anstrengen:



Hallo Felix,

Dein jüngster Beitrag hat mich einmal mehr zu eigenen Gedanken inspiriert – und zunächst an etwas erinnert…

Zum Thema Meditation schrieb ich vor einigen Jahren bereits folgendes, was ich nun noch einmal aufgreifen und aktualisieren möchte:


Ich habe Bücher über das Meditieren, über den Zen-Buddhismus usw. Aber ich habe es nie "geschafft", selbst zu meditieren. Die Idee allein faszinierte mich immer. Aber ich fühlte mich zu sehr der Lust am Denken verhaftet - somit der typischen westlichen geistigen Haltung? Ich würde eher sagen der abendländisch-christlichen Kultur. Die hat genug zu bieten – so sehe ich das heute.

Daher ist für mich diese Vorstellung vom Ziel der Meditation am verlockendsten: Sich des eigenen Bewusstseins bewusst zu werden! – Es heißt, das Denken soll überwunden werden. Ich selbst möchte es "nur" erweitern. Also das Bewussstein erweitern. Manche nehmen Drogen - oder nur am Anfang, wie Castaneda, um dann aber diesen Zustand mehr und mehr aus sich selbst heraus zu erreichen. Andere schlagen den Weg der Achtsamkeit ein.

„In der „modernen“ Meditation, das heißt ohne religiösen Kontext, soll das Denken gerade nicht überwunden werden. In der Achtsamkeit soll es im Gegenteil zu besonderer Klarheit und zu neuen Ideen angeregt werden. Der geschaffene unverzerrte Spiegel. Das hat nichts mit Bewusstseinserweiterung zu tun, es erscheint nur durch das Herausdrängen unnützer Gedankenanteile so. Überwindung des „Affengeschreis“ der Buddhisten, wir würden sagen, weniger unproduktives Grübeln im Kreisverkehr.“

Aber das sind alles nur Begriffe. Der Prozess an sich ist kaum genau und umfassend beschreibbar.


_____________________


Johann Wolfgang Goethe
(Jena, 1821)

Eins und Alles

Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruss;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt lästgem Fordern, strengem Sollen,
Sich aufzugeben ist Genuss.

Weltseele, komm, uns zu durchdringen!

Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen,
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.
Teilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leitend höchste Meister
Zu dem, der alles schafft und schuf.

Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich's nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges, lebendiges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden;
In keinem Falle darf es ruhn.

Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht's Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muss in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.


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„Das ist eine wunderbare Beschreibung des anderen Weges. Es ist fast wie eine Parodie. Hier stellt man sich nicht den realistischen Anforderungen des Lebens, hier entflieht man mit entsprechenden fantastischen Vorstellungen der Mühsal des Alltags und seiner Sorgen. Natürlich auch der Angst vor der Endlichkeit mit Religionen.
Unsere Meditation sagt: „Hier geblieben!“

Es ist scheinbar ein „Anti-Meditations-Gedicht“, denn: „In keinem Falle darf es ruhn“, das Geschaffene, die Schöpfung… und auch nicht ich selbst in meinem Tun.

Dieses Gedicht ist sehr vielschichtig, komplex und impliziert sehr viele Möglichkeiten zu klugen Interpretationen. (…)

„Wie schon oben ausgeführt, ich empfinde es als Parodie und sehe es Goethe schmunzelnd niederschreiben. Trotzdem großartig.“

Mit meinen einfachen Worten assoziiere ich damit folgendes – ganz subjektiv und auf mich selbst bezogen:
Ich „verliere“ mich gern im Grenzenlosen meiner Gedanken, die sich von den Gegenständen der alltäglichen Mühen abheben und Konstrukte zu bilden vermögen, in denen das individuelle Getrenntsein sich überwinden, mehr noch: die Individualität sich aufheben lässt („All-Einheit“).
Das Ziel ist dem der Zen-Meditation nicht unähnlich: In beiden Fällen soll das Ego mit dem dinghaften, logischen Denken überwunden werden. Das reine Bewusstsein soll für sich „sein“ und nichts mehr bedingen, was außerhalb seines Selbst existiert – usw.

„Lasst und die Emotionen nicht vergessen, die Klammere, die Gedankenverschieber, die mächtigen Herrscher im Untergrund. Und jetzt habe ich einmal Gelegenheit Bekanntschaft mit ihnen mit Verstand zu machen? In der gelernten Achtsamkeit! Wo und wie sonst? Denn hier sehe ich plötzlich die „Verschmutzung“ des klaren Spiegels, die emotionale Verzerrung. Doch halt! Es gibt nicht nur negative Emotionen, es gibt auch Begrüßenswerte wie Liebe und Empathie. Das ist die erstrebte Beute der tibetischen Buddhisten.“

Ich verharre jedoch nicht in diesem Zustand, er ist nur ein reinigender Zugang zurück zum Alltag. Der Weg führt immer wieder zurück zum Bewusstsein meiner nackten Existenz. – Hier könnte ich Albert Camus‘ „Mythos von Sisyphos“ ins Spiel bringen. Ich bleibe aber bei Goethe und begleite ihn zur Einsicht in die schöne Notwendigkeit ewigen lebendigen Tuns – so dass sich das Ewige, das sich regt in Allem, auch in mir fortsetzen kann.



▬▬▬__________


Ich sehe, dass ich das im Großen und Ganzen so stehen und weiterhin für mich als gültig betrachten darf. Mit einer Einschränkung: Das Thema Meditation scheint tatsächlich viel vielschichtiger und vielleicht auch für mich viel ergiebiger zu sein, als ich mir das bisher gedacht hatte. Ich will jetzt nicht mehr ausschließen, dass ich mich dieser Disziplin der Geist- und Körperbeherrschung durch Achtsamkeit nicht doch eines Tages verstärkt zuwenden werde.

Anlass für dieses Umdenken war eine kürzlich wieder gesehene (einmal reichte wohl nicht für mich), höchst spannende Dokumentation über messbare Auswirkungen des Meditierens auf die Gehirnstrukturen:

„In der Tat konnte die Gehirnforschering Tanja Singer schon nach acht Wochen Meditationsübungen im Gehirn Veränderungen in den entsprechenden Hirnarealen nachweisen. Dritte-Person-Perspektive. Es kommt zur Vermehrung der Glia, des Gewebes zwischen den Neuronen. Verstärkte Verschaltungen und damit Veränderung der Funktion, die Neuronenzahl bleibt unverändert.“

arte-Mediathek: Die heilsame Kraft der Meditation (verfügbar von 13/10/2018 bis 18/12/2018):
https://www.arte.tv/de/videos/069099-00 ... editation/

Da Meditation also erwiesenermaßen (nur der Weg dahin ist noch nicht hinreichend neurobiologisch erforscht) große Potenziale beinhaltet, die eine Autonomie der Selbstbestimmtheit hervorbringen und verfestigen kann, muss es ja geradezu in meinem Interesse liegen, mich künftig nicht nur weiter damit zu beschäftigen, sondern damit zu beginnen, es zu praktizieren.

Wer hätte das gedacht? Wahrscheinlich viele, nur ich (bisher) nicht.

„Genau, hier liegt unser Weg, eine mögliche Überlistung der „Ich-Illusion“ mit seinem Bereitschaftspotential zum Handeln, Selbstbestimmtheit. Ich sortiere Gedanken in der Achtsamkeit, ich handele ja noch nicht. Ich verändere aber mein Verhalten zum Handeln in den Gehirnstrkturen.“


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Was Du anfangs an körperlichen Wirkungen (Wärme in den Gliedmaßen usw.) beschreibst, kannte ich bisher nur vom Autogenen Training, was ich aber leider immer nur in Kur- und Reha-Aufenthalten geübt habe, weil es Bestandteil des jeweiligen klinischen Anwendungsprogramms war und diese Kurse mir inmitten der anstrengenderen körperlichen Anwendungen kleine zeitliche Reservate der Entspannung boten. Eine ruhige Atmosphäre zwischen einander wohlgesonnenen Menschen, wunderbare, „meditative“ Musik im Hintergrund und die sanfte Stimme der Therapeuten, die uns fast in den Schlaf lullte, ab und zu aber auch zu interessanten Tagräumen anregte, so dass wir wach bleiben und unsere Phantasie mitspielen lassen konnten.

So sehr unterschiedlich sind die Anfangsstadien zwischen solchen Entspannungsübungen und der Mediation in ihren Wirkungen auf Körper und Geist vielleicht gar nicht. Allerdings sind sowohl die Ausgangslage mit ihren grundlegenden Absichten als auch das angestrebte, mögliche Ziel sicher sehr verschieden davon. Und somit sind letztlich auch die möglichen Auswirkungen tiefer und komplexer.

Aber auch Meditation wird sicher von jedem, der sie ernsthaft und ausdauernd übt, anders erfahren als von anderen – zumindest werden dafür abweichende Formulierungen verwendet, die darauf schließen lassen. Ob die damit verbundenen Erlebnisse tatsächlich gleich oder unterschiedlich sind, werden wir nie erfahren können. Man sollte daher die Beschreibung anderer nicht zu wörtlich nehmen, sondern das dahinter möglicherweise bestehende Potenzial, für die es nur keine Worte gibt, mitdenken.

Dennoch möchte ich auf eines noch hinweisen: Du sprichst – wenn auch mit Anführungszeichen – von der >>„Dressur“ der andrängenden Gedanken<<. Vielleicht hast Du das nur ein wenig unglücklich ausgedrückt? Meines Wissens sollen die Gedanken eher „gelassen“ werden: Sie werden zugelassen, man lässt sich von ihnen erfüllen, und man lässt sie weiterziehen… Man hält sie nicht auf, verändert sie nicht. Man nimmt die mit ihnen verbundenen Gefühle war, zum Beispiel die Wut, die Du erwähnst. Man zwingt sich nicht zu einer eindeutigen (bewussten, entschiedenen) Haltung diesem Gefühl gegenüber, sondern spürt seiner bewegten Energie nach, folgt ihr auf den Grund, solange es dauert, ohne sich daran festzuhalten. Lässt es also auch wieder ziehen, wenn es schwächer wird… und nimmt das wahr, was folgt usw.

Im Prozess des Meditierens denke ich eben nicht darüber nach, ob meine Wut berechtigt ist, wodurch sie verursacht wird und wie ich sie abstellen kann. Ganz im Gegenteil, ich lasse sie zu, wie ich alles zulasse, was mich in diesem Prozess erfüllt. Ich greife die Gedanken also nicht auf, sondern betrachte sie bloß, schaue sie nur an. Und von den Gefühlen lasse ich mich füllen, aber auch wieder leeren, im Wechsel der Gezeiten ihres Kommens und Gehens.

„Auf dem Weg zur Achtsamkeit möchte ich mit den „verzerrenden“ Gedanken mit angehängten Emotionen nichts zu tun haben, hier lasse ich sie ziehen, ich kümmere mich später darum. Denn ich brauche den klaren Spiegel, kein Affengeschrei. Ja wann denn dann? In der Achtsamkeit, jetzt bin wie ein Dompteur in der Arena und lasse die Raubtiere kommen. Doch ich habe Abstand, meine Peitsche ist ein verlängerter Arm, ich werde nicht überwältigt von der Wut, von dem Löwen.“

Was Du ansprichst sind Denk- und Entscheidungsprozesse, die nicht minder wichtig sind in unserer persönlichen Entwicklung. Wir erforschen anhand unserer mehr oder weniger für alle offensichtlichen, aber uns selbst bewusst gewordenen Probleme deren mögliche Ursachen (Analyse), ratifizieren oder falsifizieren sie durch verschiedene Methoden, bis wir sicher sind, was der Kern ist und beginnen dann, nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen (Synthese), ratifizieren oder falsifizieren die Ansätze, bis wir das vermutlich Richtige herausgefunden haben, um es dann anzuwenden und uns - auch nach außen hin - zu verändern.

Die Meditation hat andere Ziele: Sie ist ganz nach innen gerichtet und wälzt keine Probleme, die wir mit der Außenwelt zu haben scheinen. Nicht einmal die eigenen, innersten mit uns selbst. Die Meditation versucht, uns vom innersten her (wieder) ganz zu machen, zu heilen - allein mittels unseren So-Seins. Wenn wir unser So-Sein aus- und erfüllen, erhalten wir Zugang zu unserem ungetrübten und unblockierten Kraftreservoir und damit zu den Energien, die wir brauchen, um ganz wir selbst zu sein und aus unserer Mitte heraus tatkräftig auftreten und handeln zu können.

„Die Meditation ist das Richten der Aufmerksamkeit auf innere mentale Prozesse (Introspektion). Das hat die östliche Welt mit ihrer Seins-Kultur seit vielen Tausend Jahren schon gemacht. Das muss kein Vorteil sein, den Herausgekommen ist bei dieser En-Personen-Perspektive auch nur eine religiöse Richtschnur. Ich darf das jetzt aus eigener Erfahrung einmal sagen, die Menschen sind dort nicht besser geworden, garantiert nicht! Sie sind aber weniger aufgeregt und zippelig. Diese Introspektion ist die westliche Welt nicht gewohnt, sie ist von der Außenwelt gefesselt und hat den Scheinwerfer der Aufmerksamkeit dorthin gerichtet. Doch wenn ich frage: „Fühlen, Denken, Handeln“. Dann bin auch ich innen und wie stelle ich es dann mit meinen Gedanken an?“

Das ist zumindest mein (aktuelles) Verständnis von Meditation; allein – mir fehlt die Praxis!

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(Zu Deinem letzten Absatz – zum „Ich“ und die „Bereitschaftspotenziale“ des Gehirns, denke ich erst noch einmal nach und äußere mich evtl. später noch.)


Liebe Grüße,
Verdandi


Liebe Verdandi, es war mir ein Vergnügen und hat die Verschaltung in meinem Kopf weiter verändert.

Gruß

Felix

Lieber Felix,

vielen Dank für Deine Replik! :D
Dazu werde ich mich erst später äußern können, weil ich heute den ganzen Tag unterwegs bin.

Den Link hast Du versehentlich nur unvollständig übernommen, hier ist er noch einmal:
https://www.arte.tv/de/videos/069099-00 ... editation/

Bis später.
Liebe Grüße,
Verdandi