Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.....die eine will sich von der anderen trennen (Goethe)
hin- und hergerissen fühlte ich mich
hingezogen zu diesem spirituellen Mann mit den faszinierenden Augen, in denen ich hätte ertrinken mögen,
andererseits saß ein Teufelchen auf meiner Schulter, mit dem Laptop und dem Rechenschieber in der Hand.
Ich spürte, wie mir die Tränen kamen.
"Laß los, Trude"
Ich atmete tief ein, und mit dem Ausatmen kamen weitere Tränen und kollerten die Wangen hinunter. Das Rinnsal versickerte im Kragen meiner Bluse.

Das schmerzhafte Pochen in meinem Bein verebbte und wurde mehr und mehr von den Schmerzen all der vergangenen Jahre verdrängt. Schmerzen, Kälte, die nicht zugelassen worden war von diesem verflixten Teufel auf meiner Schulter. Der mich antrieb und ins Ohr raunte, daß "Arbeit Arbeit Arbeit" die Erfüllung schlechthin bedeutete...
Als ich das nächste Mal aufwachte, saß Helene neben meinem Bett. Helene, die Frau des Vorarbeiters Leo, wir hatten beide bei den Kühen getroffen.

"Bitte...?" Irgendwie war ich irritiert. Was tat sie hier in meinem Zimmer ?
"Bitt' schön, der Herr Ambrosius hat angeordnet, sie nicht allein zu lassen, Frau Schilling." Se bemühte sich, hochdeutsch zu sprechen.
Ich mußte lächeln.
"Und was haben Sie da in ihrer Hand ?"
"Das sind Tücher, so 'was wie feuchtes Toilettenpapier. Die sind noch von unserem Sohn, ich brauche sie nicht mehr. Babyfeuchttücher. Ich dachte, vielleicht mögen sie ihr Gesicht... "
So praktisch konnte nur eine Frau denken !

Dankbar nahm ich das Päckchen, riß es auf und entnahm ein zartes Tuch, das angenehm duftete. Ich wischte über mein Gesicht, meine verschmierten Augen, erfrischte mit einem zweiten Tuch Hals und Dekolleté.
DAS tat gut. Nun konnte ich mich -hoffentlich- wieder sehen lassen !

"Wunderbar. Ich danke ihnen tausendmal, Frau Helene. Aber - sie brauchen wirklich nicht hier bei mir zu sitzen. Ich fühle mich gut. Wenn der Ambrosius meint, man könne mich nicht allein lassen, dann soll er selbst "Sitzwache" machen. Sagen sie ihm das ?"
"Ja, das wer' ich ihm ausrichten. " Erleichtert stand sie auf.
"Die Arbeit auf dem gut wartet auf mich. Die macht sich nicht von allein !"
Sie verließ mein Zimmer.

Ambrosius ! Ambrosius ! Komm' zu mir. Ich warte auf dich. Ich sehne mich nach dir. Nach deiner Berührung, deinen Augen, deinen Lippen, deiner Stimme. Ambrosius !
schrie mein Herz.
...aber Ambrosius erschien nicht.

Mühsam angelte ich meine Armbanduhr vom geschnitzten Nachttischschränkchen, die dort neben sämtlichen Ringen lag, die Ambrosius mir abgestreift haben musste, wahrscheinlich, damit die Energie besser fließen konnte. Um Gottes Willen - schon 6 Uhr. Welcher Tag war heute? Mir kam es vor, als ob Lichtjahre vergangen wären - das Abenteuer, wenn es denn eins war, mit Hansi in weiter Ferne, nur die Gegenwart des göttergleichen Ambrosius umwaberte mich wie eine zweite Hülle, in der ich mich immer noch geborgen fühlte - trotz des immer noch klopfenden Schmerzes im Knöchel.

Ambrosius - wie sehr hatte mir das gefehlt - Aufmerksamkeit, die nichts wollte. Nichts wollte - hmm. Aber ich wollte. Nur, was sollte ich ihm, der so in sich ruhte, von dessen ruhiger Autorität ich sogar kleine Bevormundungen unkommentiert akzeptierte - was hatte ich ihm anzubieten?

Gut, ich lebte bereits vegetarisch, aber damit verzaubert man keinen Mann. Mein Temperament, wobei ich manchmal nicht wusste, ob es Temperament oder Hektik war, quittierte er mit einem überlegenen Lächeln. Eigentlich quittierte er alles mit einem Lächeln. Hatte dieser Mann überhaupt etwas zu sagen? Was war das überhaupt für eine Messe in Düsseldorf? Gesundheit und Wellness - meinte ich mich zu erinnern.
Normalerweise reden Männer gerne über ihre Tätigkeit und das, was sie im Leben erreicht haben - Ambrosius nicht. Er verweigerte mir sogar die Antwort.

Vielleicht lief sein Geschäft, was immer das war, nicht sonderlich - in dem Fall könnte ich ihn doch unterstützen. Nicht, dass mein Schreibbüro gut lief - aber das lag nun mal an der wirtschaftlichen Lage. Aber wenn Ambrosius und ich etwas zusammen machen könnten - ich würde mich um seine Buchführung kümmern, ihn promoten - denn mit dieser ruhigen Sanftheit kam man natürlich auf keinen gründen Zweig....

Ich wollte schon wieder in Träumereien in eine zweisame Zukunft mit dem schönen Ambrosius abgleiten, auch wenn die Träumerei durchaus praktische Züge hatte - als ich polternde Schritte auf der Treppe hörte. Die Tür wurde aufgerissen und Hermine und Hansi fast gleichzeitig den Raum enterten. Nur so konnte man es nennen.

"Ei Trudi, was machst den für Sachen?" dröhnte Hansi. "geht's denn schon wieder?" kam von Hermine mit falscher Fürsorglichkeit hinterher. Ihre Wangen glänzten verräterisch rot - wie eine Speckschwarte. Gott im Himmel - war sie etwa auch schon im Heu gewesen?
Meine Blicke glitten von einem zum anderen.
Von Hansi zu Hermine. Beide Vornamen beginnen mit H...Von Hermine zu Hansi.
Hörte gar nicht Hemrines Schnattern, der dummen Gans. Erentrude, was sind das denn für Agressionen...
Von der Größe her passten sie ganz gut zusammen.

"Ich glaube, ich habe für die nächsten Tage im Voraus geschlafen," hörte ich mich sagen, "es geht mir gut. Bis auf den Knöchel ... aber das war auch schon schlimmer. Das Zeug von deiner Frau hat gut geholfen, Hansi !"
"Na, und Ambrosius' heilende Hände!" dröhnte Hansi lachend.
"Wo ist der Bursche überhaupt ? Wir dachten, er wäre hier bei dir ! Na, dann will ich mal wieder."
Als er das Zimmer verließ und die Tür einschnappte, klopfte ich mit der Hand auf meine Bettkante.
Hermine setzte sich.
"Was läuft da, zwischen euch beiden ?"
....tja, äh. Sei nicht böse, Trudchen. Aber weißt du, ich glaub, der Hansi ist der Mann meines Lebens." Obwohl Hermine betreten klang, konnte sie doch ihr Strahlen nicht verbergen.

"Na, dann wünsch ich euch viel Glück", brachte ich heraus. Der Knöchel schmerzte. Wo war Ambrosius?

Ambrosius - ja, es war angenehm gewesen mit ihm, aber Mann meines Lebens? Irgend etwas fehlte. Was war es? Die tiefen Augen - aber es fehlte mir einfach der Witz darin, der Übermut. Wollte ich mich wirklich auf ein spirituelles Abenteuer einlassen, wobei ich noch nicht einmal wusste, ob überhaupt Interesse von seiner Seite aus bestand? Mutlos setzte ich mich auf - mir war es egal, was Hermine dachte. Mir war überhaupt egal, was irgend jemand dachte. Und ich dachte an zuhause. Mein schönes, gepflegtes Appartment, die Anregungen einer Großstadt, mein Zeitungsladen an der Ecke, der Kaufhof, in dem ich viele schöne Stunden am Wühltisch verbracht hatte. Drogerie Douglas - der Türsteher war zwar sichtlich schwul, aber behandelte mich die Dame, die ich ja auch war. Kein Wunder - ich war Stammkundin und ließ die Hälfte meines schwer verdienten Geldes hier.

Und was hatte es mir eingebracht? Ich saß hier in einem Kuhdorf fest, hatte mich gründlich lächerlich gemacht, meine Freundin hatte den großen Wurf gelandet - den ich angestoßen hatte. Ich. Immer wieder Ich. Nein, bei der nächsten Gelegenheit würde ich mich verabschieden - war das überhaupt nötig? Hermine konnte sehen, wie sie nach Hause kam oder besser, gleich hierbleiben.

Aber meine gute Erziehung siegte. Verzweifel schaute ich in den Spiegel, rettete, was zu retten war und ich wagte den Abstieg in das Wohnzimmer, wo die Familie immer noch beisammen saß, Weingläser vor sich und im trägen Gespräch.

"Ach Trude, da bist du ja. Schön, dass es wieder besser geht." Das war Hansis Ex. "Ja, es geht wieder. Übrigens", fragte ich so beiläufig wie es mir möglich war, "wo ist überhaupt mein persönlicher Pfleger, der Ambrosius?"

"Tscha", meinte die Ex schnippisch, "der wird da sein, wo er meist ist....."

Ich zog fragend die Augenbrauen hoch und rang mir dann kaltblütig die Frage ab: "und das wäre?"

Betretenes Schweigen. Niemand wollte mir antworten. Die Spannung im Raum stieg, bis Hansis Vater ins Fettnäpfchen trat.: "wo wird er schon sein. Im Spielsalon. Die Miete hat er auch nicht bezahlt."

Spielsalon. Das ließ hoffen. Also war er doch kein Heiliger. Er hatte Fehler. Fehler, für die er eine starke Frau brauchte. Ich sah Land.
Noch während ich überlegte, ob ich mich dazu setzen oder wieder auf mein Zimmer gehen sollte, hörte ich ein Auto die Auffahrt hochfahren.
Rasch ging ich zum Fenster und sah Ambrosius aussteigen.
Wie von magischer Hand getrieben, stieg ich die Treppe hinunter und ging auf Ambrosius zu.

"Hallo Ambrosius, hätten Sie die Güte, mit mir eine kleine Spazierfahrt zu machen?"

"Ja, gerne, Trude, warum sagst du sie zu mir?"

"Bitte entschuldige, Ambrosius, aber in der Stadt ist man eben wesentlich langsamer mit dem duzen als hier."

Ambrosius lachte und öffnete mir die Tür zu seinem Beifahrersitz.

"Wo fahren wir denn hin, Trude?"

"Kennst Du die Aussichtsplattform in Richtung des großen Hotels, in das mich Hans gestern Abend ausgeführt hat?"

"Aha, du warst mit Hansi im Alpenlick?"

"Ja, wusstest du das nicht?"

"Hansi erzählt mir viel, aber nicht alles, Trude. Ich weiß nur, dass ihr im Heustadel übernachtet habt."

Musste er nun unbedingt das Heustadel erwähnen. Gemeiner Kerl, gemeiner.

"Soll ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben, weil ich mich gestern Abend einer Kindheitserinnerung nicht widersetzt habe?"

"Nein, mitnichten Trude. Du hast meinen Wissensstand abgefragt und ich habe ihn dir bekannt gemacht."

"Fein, dann darf ich es also bei einem leichten, mädchenhaften Erröten belassen?, fragte ich ihn mit einem gekonnt gespielten Augenaufschlag.

Ambrosius parkte seinen etwas heruntergekommenen Wagen so, dass wir auf das sanft abfallende Allgäuer Hügelland schauen konnten.

"So, Frau Schilling, wär's recht so?"

"Wunderbar haben sie das gemacht, Herr Mayer."

"Darf ich nun fragen, was mir die Ehre dieser Spazierfahrt verschafft hat?"
..."bitte?" mir verschlug es die Sprache. Ich wusste es, der Mann hatte Fischblut in den Adern, wenn Fische überhaupt so etwas wie Blut haben. Nun galt es, zu retten, was zu retten war.

"Sollen wir doch wieder zum "Sie" zurück? Nun gut, ist vielleicht auch besser so. Nein, ich wollte einfach, wenn ich schon mal hier bin, diese Aussicht und das Land genießen. Und da ich mit dem Knöchel immer noch nicht ganz klar komme, habe ich Dich, Verzeihung, Sie gebeten, mich noch einmal hier hoch zu fahren. Sie hätten ablehnen können, wenn es Ihnen nur Mühe macht. Hansi ist ja anderweitig beschäftigt"

"So so, du wärst also lieber mit Hansi hochgefahren? Habe ich mir fast gedacht."

"Unsinn," widersprach ich - die Sache war einfach zu verfahren. "Hansi ist ein Bauer. Ist ja auch gar nichts passiert."
"Und was bin dann ich, in deinen schönen Augen Trude?"

Mit dieser Frage wendete mir Ambrosius sein Gesicht so zu, dass ich die feinen Konturen sehr gut erkennen konnte.

"Das heraus zu bekommen, war eigentlich der Sinn dieser Fahrt!"

Nun war es raus. Ist alles ein wenig zerfahren. Was soll ich hier noch verlieren können?
"Du wolltest also herausbekommen wer ich bin?Trude."

"Ja, Ambrosius, du bist so ganz anders als Hans. Du hast ein fein gezeichnetes Gesicht. Deine Art ist eloquent zu meinem städtischen Leben. Deshalb interessierst du mich!"

War es richtig, ihm mein Gemüt derart zu offenbaren? Selten lege ich doch meine Interessenlage so offen. Mit Sicherheit nie in Herzenssachen. Warum mache ich hier so eine Ausnahme. Solche und ähnliche Gedanken schossen mir durch den Kopf, während mein Mund sich offenbarte.

"Tja, Trudchen, kennst Du "Der Spieler"?"

"Natürlich habe ich dieses Buch gelesen, Ambrosius, aber Du bist kein Spieler. In deinen Genen ist das Spielen nicht vorhanden. Du bist in meinen Augen eher ein aus der Bahn geratener. War es der frühe Unfalltod deiner Frau?"

Seit langem hatte ich keinen Mann mehr weinen sehen.
Ambrosius stieg aus, ging raschen Schrittes vom Auto weg, gab einen Urschrei von sich und brach in Tränen aus.
Nur ganz behutsam ging ich ihm hinterher, gerade so, dass er mich wahrnehmen konnte, sich aber nicht von mir bedrängt fühlen musste.
Scheinbar hatte ich ins Mark seiner Befindlichkeit getroffen.

Nach einer ganzen Weile versuchte ich sanft meine Hand auf seine Schulter zu legen.
Ambrosius zuckte ein wenig zusammen, blieb aber ruhig stehen und schaute weiterhin mit verklärtem Blick ins Tal hinaus.
Urplötzlich wandte er sich mir zu, zog mich ganz fest an sich und küsste mich so zärtlich direkt auf meinen Mund, dass ich diesen Kuss nicht abweisen konnte.

"Bitte entschuldige, Trude, aber musstest Du sagen, was Du gesagt hast?"

Ambrosius löste wieder seine Umarmung und wischte sich seine Tränen aus den Augen.
"Trude, lass uns bitte weggehen von hier und nie wieder zu dieser Plattform zurückkehren."

"Habe ich etwas getan, was ich nicht hätte tun dürfen, Ambrosius?"

Ambrosius zog bedächtig seine Augenbrauen nach oben, schaute mich dabei fragend bedeutungsvoll an und öffnete die Tür zum Beifahrersitz, damit ich einsteigen konnte.

"Trude," sagte er ebenfalls wieder im Auto sitzend, "seit ewigen Zeiten hat mir niemand mehr diese Frage gestellt. Was Ambrosius in seinem Herzen spürte hat irgendwann niemand mehr interessiert, denn Ambrosius war zum Neutrum mutiert. Jedermann wusste, dass Ambrosius nicht schwul war, aber dass auch keine Frau mehr an seiner Seite zu sehen war, ist irgendwann nach dem Tod seiner über alles geliebten Frau zur Normalität geworden. Ein friedlicher Mitbewohner des Dreikönigshof eben. Bösartige munkelten hin und wieder, dass ich der "stille Liebhaber" der Bäuerin sein könnte. Wie gesagt, Bösartige eben. Und jetzt kommst du und stellst plötzlich eine solche Frage. Das hat mir einfach den Boden unter meinen Füßen weggezogen."

So sanft es mir möglich war, strich ich einfach über sein Haar.
Ambrosius saß in sich versunken da, als würde er auf etwas warten, wovon er selbst nicht wusste, was das sein könnte.
"Darf ich dich noch etwas fragen, Ambros...."
Ich stockte, weil er mit dem Kopf herumfuhr und mich anstarrte.
"Was ? Wie hast du mich genannt ?"
"Ambrosius"
"Nein, du hast Ambros gesagt."
"Jaaaa....?"
"So nannte mich meine Frau"
Oh Mann. Wieder in ein Fettnäpfchen gelatscht.
"Was wolltest Du mich fragen ?"
"Die Plattform. Ist es hier passiert ?"
"Sie stürzte hinunter. Ich möchte nicht darüber sprechen"
Konnte es noch schlimmer werden ? In welche Situation hatte ich uns da hineinmanöveriert !?
Ich stieg aus. Ging um den Wagen herum und öffnete die Fahrertür.
"Komm"
"was hast du vor ?"
"Komm," wiederholte ich, als ich seine Hand nahm und ihn vom Sitz zog.
Ich legte seinen linken Arm um meine Schulter, mit meinem rechten Arm umschlang ich seine Hüften.
"Wir wollen uns auf die Bank setzen.
Stell' mich deiner Frau vor. Du wirst ihr doch wohl nicht verheimlichen wollen, dass du dich in mich verguckt hast - oder besteht dieses Gefühl nur auf meiner Seite ?"
Ich schaute zu ihm auf.
Und als wir auf der Bank saßen, hörte ich den Satz, den ich so gerne hören wollte : "Nein, Trudchen, süßen Trudchen, schönes Trudchen. Ich mag dich, ganz doll..."
und dann bekam ich den zärtlichsten, schönsten, liebevollsten aber auch erotischsten Kuß den ich je in meinem Leben erhalten habe....
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