Mein Name ist Franz, ich bin Alkoholiker.
Das war der schwerste Satz meines Lebens. Erst als er gesprochen war, konnte ich aufhören.
 Dann kam die letzte Nacht, nach einem 20-jährigen Martyrium. Ich versuche, zu schildern, wie es damals war.

  
 
 
Gedanken eines Trinkers




Heute ist die letzte Nacht vor meiner geplanten Kapitulation, es gleicht einer Hinrichtung, der ich selbst zugestimmt habe. Meine Freunde von der Telefonseelsorge haben für mich einen Beratungstermin vereinbart. Es ist der elfte Termin bei diesem Amt, dem Sozialmedizinischen Dienst der Salzburger Landesregierung. Die zehn Termine davor habe ich versäumt weil ich sie im Suff vergessen habe oder weil ich mich, wieder nüchtern geworden, schämte. Für mich ist das eine Erniedrigung. Ich hasse Ämter und Obrigkeiten, hasse Psychologen und die Gutmenschen der Beratungsstelle. Sie wollen mir einreden, dass ein Leben ohne Alkohol möglich ist - noch mehr - es soll auch schön sein und erfüllt.
Mit Gottes Hilfe ist vieles möglich, sagen sie. Ich kann das nicht glauben. Morgen soll also meine Trinkerkarriere zu Ende gehen. Wie oft habe ich mir dieses imaginäre Ende schon schöngeredet - keinmal habe ich es geschafft. Warum soll es morgen anders sein. Nur weil ich es versprochen habe? Nein. Nichts, gar nichts habe ich versprochen - und wenn doch - dann weiß ich es nicht mehr.
„Du schaffst das“, haben sie gesagt, die Freunde der Telefonseelsorge.
 Mir geht es dreckig.

„Wo bist du, großer Gott, wo bist du jetzt? Irgendwo über mir, oder bist du etwa gar in mir? Ich sehe dich nicht, ich spüre dich nicht. Du sprichst nicht mit mir. Mit mir spricht nur der Teufel. Spürst du nicht den Schmerz, der mich fast zum Wahnsinn treibt. Du seiest der Schöpfer von allem. Sagen sie, die Guten. Dann bist du auch der Schöpfer von Alkoholikern oder ist das Satans Werk? Du bist ein Feigling. Warum holst du mich nicht aus dieser Hölle auf Erden?
Wieso hilfst du mir nicht, diese Scheißangst vor der Finsternis zu vertreiben? Du hast selber Angst vor dem Teufel Alkohol, stimmt´s?“

In meiner Erinnerung ist der Nachthimmel immer schön und strahlend gewesen, entweder mit Sternen übersät oder von den Lichtern der Stadt erhellt. Heute ist es nur Nacht, sonst nichts. Nur finster und schwarz und unheimlich. Ich werde wahnsinnig vor Angst, mein Herz klopft nicht, es rast, ich habe Angst vor dem Hinlegen, die Luft wird immer dünner. 
Mir fehlt mein Lebenselixier.
Die Welle auf der ich gleite heißt Alkohol, nur auf ihr bin ich glücklich. Wenn sie jetzt abflacht, nicht mehr da ist, versandet, dann bin ich auf Grund gelaufen. Oder gestrandet in einem fremden Land.
 Was soll aus mir werden? Ich will ein besseres Leben. Ein Leben ohne Angst. Ich will Anerkennung. Der Eintritt in dieses Leben heißt Abstinenz - für mich - die Normalos können weiter trinken. Das finde ich ungerecht. 

Aufhören ja, aber wie? Ich will die Antwort nicht hören – nicht diese.

Es geht nur mit totaler Enthaltung, sagen sie.
Die haben leicht reden, sie müssen ja nicht aufhören. Sie nennen sich Experten. Ist das nicht ein Widerspruch? Fachmann in Sachen Alkohol bin ja wohl ich, oder? Okay, ich gebe es zu, das ist Schwachsinn.
Abstinenz bedeutet: Gar keinen Alkohol trinken – ein Leben lang! Dieser irre Gedanke nötigt mir ein verzweifeltes Lachen ab, weil ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen kann. Ich habe Angst vor mir selbst, es schnürt mir die Kehle zu. Fängt so der Wahnsinn an?
Mein Spruch war immer: 
Gar nicht, will ich nicht - und mäßig kann ich nicht. Ich tue jetzt einmal so, als ob. Ich halte mein Versprechen und gehe auf dieses verdammte Amt.
Irgendetwas Unaussprechliches geistert in meinem Kopf herum, ein vager Gedanke lässt mich hoffen. Und weil ich es unbedingt wissen will, kann ich in dieser Nacht vielleicht doch noch schlafen ohne vor Angst zu sterben.

Meine Bedenken bleiben, denn mit dem Saufen aufzuhören, bedeutet auch: Gulasch ohne Bier. Wie soll das gehen? Egal, ich versuche es. 

  

©F.P. 
Super, dass du es dann doch durchgezogen hast!

Wie lange ist das jetzt her? 
Danke für´s Interesse  :)

Ich habe vor drei Tagen meinen imaginären "36." Geburtstag gefeiert. Seit dem Tag, genauer gesagt 
dem 3. April 1981, als ich meinen, bis dahin besten Freund, zum Teufel gejagt habe, trinke ich nicht mehr. Seither rede ich viel über Alkohol und Abhängigkeit. Vor vier Jahren, gleich nach dem Eintritt ins Pensionistenleben, habe ich begonnen zu schreiben.
Ich will diese "Lebensrailly" in einem Entwicklungsroman von der Pike auf beschreiben. Das soll die vielen, immer gleichen Fragen beantworten helfen. Die häufigste Frage ist immer noch:

"Wie ist es möglich, diese gigantische Abwärtsspirale zu stoppen und sie bestenfalls wieder nach oben drehen lassen. Geht das? Und wenn ja, dann wie? Kann mir das auch passieren?"

Um all diese Fragen beantworten zu können, musste ich erst den Weg durch eine, durchaus nicht immer so traurige, Hölle gehen. Saufen kann auch Spass machen, aber nur für den, bei dem das Ansehen sowieso schon den Bach runter ging. Das läuft dann unter der Devise: "Ist erst mal der Ruf ruiniert, säuft es sich ganz ungeniert …", oder so ähnlich. :mrgreen:
 
Danke für deinen Beitrag.
Gute 24 Stunden.
Halifax ...

Deine Sperre im Blog habe ich zur Kenntnis genommen.

Ich hatte schon den richtigen Riecher ... :wink:

AK
Anne
manche können halt mit der Wahrheit nicht umgehen.

lg

3/3
Wahrscheinlich kann sich niemand vorstellen wie es ist, Suchtkrank zu sein.

Habe eine solche Katastrophe bei einer befreundeten Familie hautnah miterleben müssen.  Er war es, der trank.

Nicht jeden Tag, sondern alle paar Wochen, aber dann war es, als wäre ein Schalter umgelegt worden, der ein Zurück unmöglich machte. Eine Woche, oder länger kippte er eine Flasche Schnaps nach der anderen in sich hinein. Dann litt er, heulte er, und soff sich bis ins Koma, kotzte, schaffte es manchesmal nicht einmal bis zur Toilette - bis er irgendwann von seiner verzweifelten Frau in die Klinik eingewiesen wurde, wo er dann auf der Intensivstation erwachte und sich an nichts mehr erinnern konnte. So ging das jahrelang!

  Jedes Mal,schwor er danach, nie, nie wieder auch nur einen einzigen Tropfen Alkohol zu trinken, bat seine Frau und seine Kinder um Verzeihung für das, was er Ihnen zumutete. Immer wieder keimte die Hoffnung auf, dass er es diesmal schaffen könnte.  Lange hielt er jedoch nie durch, trotz ständiger Therapien und trotz eines halbjährigen Klinikaufenthaltes nicht.

So einfach scheint es nicht zu sein, damit aufzuhören, deshalb ist es super, dass @Halifax es dennoch geschafft hat.

Am Ende starb er durch Alkohol, und hinterließ eine völlig erschöpfte, psychisch kranke Frau, und traumatisierte (inzwischen erwachsene) KInder.

Manches Mal habe ich mich gefragt, wer mehr gelitten hat. Er selbst wusste am Ende einer solchen Woche überhaupt nicht mehr, was passiert war, die Familie ging jedoch ging während dieser ganze Zeit durch die Hölle.  
 
@AnneKlatsche, deinen Beitrag im Blog habe ich gelesen und empfinde den eindringlichen Hinweis auf die  Eigenverantwortung des Suchtkranken richtig. Wie weit diese überhaupt gefühlt werden kann, vom Betroffenen, vermag ich nicht zu beurteilen.

Aber  genau DAS waren damals auch oft meine Gedanken, wenn ich wieder einmal hautnah miterleben musste, wie er "über Leichen ging" , nur um zu trinken. Dabei liebte er ja seine Frau und seine Kinder!
Wenn er trinken "musste", wie er meinte, waren ihm deren Tränen  und deren flehentliche Bitten, doch bitte, bitte den ersten Schluck zu vermeiden, völlig gleichgültig.

Ein Albtraum!

  
Es ist schlimm, ich habe es gerade erlebt, die Frau meines Neffen, 35 Jahre alt, Mutter einer 7 jährigen Tochter, sie hat gerade die Entgiftung hinter sich und ist in einer psychosomatischen Klinik. sie war vor 2 Jahren schon in Behandlung wg Depressionen, der Arzt meinte die Depression ist zurück, daher habe sie die Flucht in den Alkohol gesucht.Was bleibt ist ein Scherbenhaufen, alles leidet inkl. meiner Mutter 82 Jahre, die sich das alles so zu Herzen nimmt.Meine Schwester hat einen Hirntumor gehabt, jetzt noch Chemo etc. sie bräuchte selber Unterstützung, mein Neffe sollte eigentlich jetzt das Familiengeschäft übernehmen, aber wie, dazu bräuchte er eine Stabile Frau an seiner Seite.
es ist alles so traurig , das Kind leidet, muss wieder ohne Mutter auskommen.
alkoholsucht durch Depression - Depression durch Alkoholsucht, ich weiss es nicht, ich verstehe es nicht, ich weiss das alles Krankheiten sind, ein Teufelskreis, rutscht man durch Depression in die Alkoholsucht ?  soviele Fragen, was kommt danach ?