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Opa, Knödel und Weihwasser...
69 | 313 Aufrufe | 22.06.2018, 08:41

Weil Oma am Sonntag Knödel machen wollte, zeigte uns der Opa wie man Kartoffeln schält. Wie ein Kommandant stand er hinter uns beiden und reklamierte, sobald die Schalen etwas zu dick waren.

Na ja, wir, meine Zwillingsschwester und ich,  waren ja noch jung, etwa 4 Jahre alt und wohnten momentan bei den Grosseltern in einem grauen Eisenbahnerblock. Dort wohnten nur Leute, die bei der deutschen Bahn arbeiteten. Im Hof hatte der Opa einen kleinen Hasenstall, deshalb gabs zu den Knödeln auch manchmal einen Hasenbraten.  

An Papa kann ich mich aus der damaligen Zeit nicht erinnern und Mama war seit unserer Geburt ja tot. Ich glaube, Papa suchte damals eine neue Mutter für uns.

Auf dem abgewetzten Sofa in der Wohnküche sass auch noch der alte Urgrossvater. Er trug immer ein schwarzes Gilet mit einer silbernen Taschenuhr, die er stolz aus der Seitentasche rausschauen liess. Achtzig Jahre alt war er und hatte früher als Kunstschlosser gearbeitet.

Aber zurück zu den Kartoffeln. ….

Als wir sie geschält hatten, schraubte die Oma einen Fleischwolf an den Küchentisch und stellte eine Blechschüssel davor.  Meine Schwester stopfte oben die Kartoffeln rein, ich durfte am Hebel drehen und vorne kamen dann lauter kleine Kartoffelwürste raus. Mich faszinierte das unheimlich und am liebsten hätte ich immer weitergedreht.

Nachdem die Schüssel voll war, kam auch schon die Oma mit unseren braunen Schnürschuhen und meinte zum Opa:

« Sodele jetz kansch in Café Hanser zum Weihwasser trinke und nimm die Beide mit, damit ich in Rueh koche kann.»

So gingen wir also, Opa, meine Zwillingsschwester und ich ins Café Hanser, wo der Opa für sich ein Viertele und für uns einen Sprudel bestellte.

Dort sassen wir dann zwischen lauter alten Männern und warteten bis die Oma wieder kam und uns zum Mittagessen holte.

Nach dem Mittagessen gingen der Opa und der Urgrossvater schlafen, Oma räumte die Küche auf und wir durften die Knopfschachtel aus der Schublade holen und mit den vielen bunten Knöpfen spielen und sie sortieren.

Es war eben Sonntag!

Wenn ich heute, nach 68 Jahren, im Karstadt-Restaurant sitze, einen Kaffee trinke und zum Fenster rausschaue, sehe ich aufs ehemalige «Café Hanser» und denke an Oma und Opa. Es hat überlebt, nur die andern Häuser drumherum, auch der graue Eisenbahnerblock, sind längst abgebrochen und durch neue Bauten ersetzt.

 

 

 

Kategorie: Zwillingsgeschichten | 24 Kommentar(e)

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